Ross zog die Augenbrauen hoch. »Und was kommt danach?«
»Ich schätze, dann fängt wieder alles von vorn an.« Er setzte sich auf die Verandaschaukel und ließ sie vor- und zurückschwingen, während Ross sich wieder eine Zigarette anzündete. »Kann ich auch eine haben?«
»Von wegen.« Ross schüttelte den Kopf. Genau das, was ihn in den Augen der Welt zum Versager machte, ließ ihn für Jungen in Ethans Alter so cool wirken.
»Mom sagt, du sollst nicht rauchen, wenn ich dabei bin.«
»Dann verrat’s ihr nicht.«
»Okay.« Er grinste. »Außerdem wäre es doch echt überraschend, wenn ich an Lungenkrebs sterben würde anstatt du weißt schon.«
Ross lehnte sich gegen das Verandageländer. Er war hundemüde. »Ich hab gehört, wie du gestern Abend mit dem Cop über einen Geist gesprochen hast.«
»Lauschen gehört sich nicht.«
Ethan zuckte die Achseln. »Ich glaube, man kommt wirklich woandershin … nachher«, sagte er. »Was glaubst du, wie es dort ist?«
Ross spürte einen leisen Schmerz in der Brust, als er begriff, dass Ethan nicht aus Neugier fragte, sondern um sich vorzubereiten. Er erinnerte sich daran, wie er Ethan das erste Mal in den Armen hielt, wie er in die rätselhaften Augen des Babys geblickt und gedacht hatte: Wir kennen uns. »Keine Ahnung, Kumpel. Mit Harfen und Engeln rechne ich jedenfalls nicht.«
»Vielleicht ist es ja bei jedem anders«, sinnierte Ethan. »Vielleicht darf ich da oben ständig in der Sonne sein und Skateboard fahren.«
Ross lächelte den Jungen an.
»Unglaublich.« Shelby stand auf der Veranda von Abes Laden und sah zu, wie Elis Bluthund lauwarmen Kaffee aus einer Schüssel leckte.
»Das geht ja noch. Schlimm wird es, wenn er Appetit auf Pralinen und Austern bekommt.«
Watson blickte zu Shelby hoch und drückte seine Schnauze gegen ihren Bauch. »Watson!«, wies Eli ihn zurecht.
»Schon gut.« Shelby kraulte den Hund hinter den Ohren. »Vielleicht findet er mich deliziös.«
»Hoffen wir, dass das was Gutes ist.«
»Das bedeutet köstlich.«
»Der Hund hat recht«, murmelte Eli und hob seine Tasse Kaffee an die Lippen.
Shelby spürte, wie die Röte am Hals anfing und sich nach oben hin ausbreitete. »Ich muss nach Hause. Ross passt auf Ethan auf, und Sie, ähm, haben wahrscheinlich alle Hände voll mit dem Pike-Fall zu tun …«
»Hat Ihr Bruder Ihnen das erzählt?«
Shelby nickte.
»Dann wissen Sie ja auch, dass der Fall nicht gerade dringlich ist.« Er ließ sie nicht aus den Augen.
»Was heißt das?«, fragte sie zögernd.
Eli lächelte langsam. »Dass ich jede Menge Zeit habe.«
ZEUGENAUSSAGE
Datum: 19. September 1932
Uhrzeit: 23 Uhr 36
Vernehmung von: John »Gray Wolf« Delacour
Vernehmende Beamte: Officer Duley Wiggs und
Detective F. Olivette vom Polizeirevier Comtosook
Ort: Polizeirevier Comtosook
– Bitte nennen Sie Ihren Namen und Ihr Geburtsdatum.
– Gray Wolf.
– Wie lautet Ihr offizieller Name?
– John Delacour. Mein Geburtsdatum ist der 5. Dezember 1898.
– Wo sind Sie derzeit wohnhaft?
– Mal hier, mal dort.
– Wo waren Sie gestern Abend?
– Im »Rat Hole«. Einer Kneipe in Winooski.
– Wann sind Sie dort eingetroffen?
– Gegen acht.
– Um wie viel Uhr sind Sie gegangen?
– Ich weiß nicht genau … gegen Mitternacht? Eins?
– Was denn nun? Mitternacht oder eins?
– Eins.
– Kann das jemand bestätigen?
– Der Barkeeper. Er heißt Lemuel.
– Kennen Sie eine Mrs. Spencer Pike?
– [Pause] Ja.
– Woher?
– Ich hab bei ihr zu Hause ein paar Arbeiten erledigt.
– Wann haben Sie sie zuletzt gesehen?
– Gestern Nachmittag.
– Wie spät gestern Nachmittag?
– Gegen drei.
– Ist Ihnen bekannt, dass Mrs. Pike heute Morgen tot aufgefunden wurde?
– Sie … sie … oh nein. Oh Gott!
– Wieso haben Sie sie ermordet?
– Ich … Himmel, nein. Ich war das nicht.
– Wir wissen, dass Sie gestern noch einmal bei ihr waren, nach drei Uhr.
– Ich war nicht mehr bei ihr. Ich schwöre.
– John, John. Es hat doch keinen Zweck uns anzulügen.
– Ich – bitte, nein, nicht schlagen! – Ich war es nicht!
– Du bist ein dreckiger, verlogener Zigeuner.
– Das ist die Wahrheit –
– Ach ja? Das ist aber seltsam, weil wir nämlich wissen, dass du sie ermordet hast. Vermisst du seit Kurzem ein paar persönliche Sachen?
– Nein.
– Was du nicht sagst. Kommt dir das hier auf dem Foto bekannt vor?
– Meine … das ist meine Pfeife.
– Sie lag am Tatort. Weil du sie dort verloren hast. Als du mit deinen dreckigen Händen eine Lady –
– Das ist nicht wahr –
– Stoppen Sie das Band, Duley. [Band stoppt.]
– [Das Band läuft weiter.] Gott, bitte … ich sage die Wahrheit. Ich sage die Wahrheit. Sie war … ich hätte ihr nie etwas tun können, niemals.
– Genau wie bei deinem letzten Opfer, John?
Verwundert blieb Ross vor der geschlossenen Tür im ersten Stock des Polizeireviers stehen. Die Sekretärin hatte ihm den Weg zu Eli Rocherts Büro beschrieben, aber vor der Tür roch es so extrem nach Klebstoff, dass Ross beinahe übel wurde. Er klopfte einmal und trat dann ein. Eli war über einen Kasten mit Plexiglasfenstern gebeugt, aus dem er gerade mit einer behandschuhten Hand ein Trinkglas nahm. »Bleiben Sie lieber draußen. Ich stinke.«
Ross trat näher. »Wie wär’s mal mit Duschen?«
Eli stellte das Glas auf den Tisch. »Na ja, nicht ich stinke, sondern der Klebstoff. SuperGlue. Das Zeug ist gesundheitsschädlich, aber es gibt nichts Besseres, um latente Fingerabdrücke sichtbar zu machen.«
»Im Ernst?« Ross sah auf den großen Hund neben dem Detective und dann auf das Glas. »Wer hat das denn ausgeklügelt?«
»Eine Filmgesellschaft in Japan, glaube ich. Die Dämpfe, die entstehen, wenn Klebstoff erhitzt wird, machen die Stellen sichtbar, an denen Feuchtigkeit an der Oberfläche haften geblieben ist. Eine Zeit lang, bevor es nicht mehr zu bezahlen war, hat man sogar Leichen so untersucht, um an ihnen Fingerabdrücke von Tätern zu finden.« Eli deutete mit dem Kinn auf seine selbst gebaute Klebstoffkammer. »Ich muss mich natürlich mit weniger begnügen.«
Er nahm ein kleines Glas mit schwarzem Pulver und etwas, das aussah wie ein Make-up-Pinsel. Als Eli das Glas mit dem Pulver bestäubte, traten die bedampften Fingerabdrücke deutlich hervor. »Eigentlich«, sagte er beiläufig, »sollte ich das Verfahren niemandem erklären, der nichts mit dem Fall zu tun hat.« Er blickte auf und wartete ab.
Ross setzte sich auf einen Hocker.
»Spencer Pikes Wasserglas«, sagte Eli und stellte es wieder hin, um ein Foto von dem Abdruck zu machen. »Nach einem Gespräch mit ihm im Altersheim geklaut. Ich nehme den Abdruck von dem Glas, bevor ich es auf DNA untersuchen lasse.«
»Wieso ist das nötig, wenn Sie wissen, dass er das Glas benutzt hat?«
»So können wir die DNA von dem Glas mit der DNA vergleichen, die von den alten Beweismitteln gewonnen werden kann. Und das könnte den guten Professor auf eine Weise belasten, wie es vor siebzig Jahren noch nicht möglich war.«