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Dann fiel sein Blick auf Lucy Oliver, die in der Tür stand. »Hallo«, sagte er. Sie machte Ross irgendwie nervös. Ihre Augen war fast silbrig, zu hell für das Gesicht, und sie benahm sich, als würde sie ihn schon seit Monaten und nicht erst seit ein paar Tagen kennen. Heute Abend trug sie eine abgeschnittene Jeans und ein T-Shirt mit der Aufschrift MADAME PRESIDENT. Am Handgelenk hatte sie ein Pflaster. »Bist du beim Skateboardfahren hingefallen?«, fragte Ross freundlich.

»Nein«, antwortete Lucy, einfach Nein, mehr nicht. »Ich soll dir sagen, das Frühstück ist fertig.«

Ross wollte antworten – irgendwas in der Art wie Alles klar oder Ich komme gleich, aber stattdessen sagte er etwas, das für sie beide überraschend war. »Hat Lia mit dir über mich gesprochen?«

Lucy nickte langsam. »Manchmal.«

»Was hat sie gesagt?«

Doch statt zu antworten, blickte Lucy sich im Zimmer um, betrachtete die Sachen, die er zusammengelegt hatte. »Was machst du?«

»Ich bereite mich auf eine Reise vor«, erwiderte Ross.

»Wohin?«

Als er sie ansah, hatte er das Gefühl, als wüsste Lucy, dass es keine normale Reise war.

»Aber jetzt noch nicht«, sagte Lucy, eine Bestätigung.

Er legte den Kopf schief. Wie viel wusste sie? »Warum nicht?«

»Weil es Frühstück gibt.« Lucy machte einen Schritt auf ihn zu und streckte ihm die Hand mit dem Pflaster am Gelenk hin. »Komm«, sagte sie und wartete, bis Ross ihre Hand nahm und sich in ihre Obhut begab.

Meredith hatte zwar keine große Trauerversammlung auf Spencer Pikes Beerdigung erwartet, aber dass sie mit Eli Rochert und seinem Bluthund allein am offenen Grab stand, während der Pfarrer rasch ein paar Worte sprach, das war schon ein wenig peinlich. Immerhin konnte sie froh sein, dass auf der anderen Seite des Zauns keine Trommeln geschlagen wurden, wo die Abenaki die Bauarbeiten auf dem Pike-Grundstück boykottierten. Shelby passte auf Lucy auf. Und Ross, tja, kein Mensch wusste, wo der steckte. Seit der Nacht, in der Lia erschienen war, hatte Meredith ihn nicht mehr gesehen, und sie war insgeheim froh darüber. Denn dann hätte sie die richtigen Worte finden müssen, und Es tut mir leid oder Ich bin hier kamen ihr längst nicht so passend vor wie Nein.

Als der Geistliche sie dazu aufforderte, streute Meredith geistesabwesend eine Handvoll Erde über Pikes Sarg.

Der Pfarrer sprach Meredith sein Beileid aus und ging dann gemessenen Schrittes zu seinem Wagen. Elis Hand berührte sie an der Schulter. »Möchten Sie mit mir zurückfahren?«

Meredith schüttelte den Kopf. »Ich denke, ich bleibe noch ein bisschen.«

»Okay«, sagte Eli. Er entfernte sich mit dem Hund, drehte sich dann aber noch einmal um. »Rufen Sie mich auf dem Handy an, wenn Sie fertig sind, okay?«

Meredith dankte ihm und sah seinem Pick-up hinterher. Sie fragte sich, ob Shelby wohl wusste, wie glücklich sie sich schätzen konnte, dass ein Mann wie er genau im richtigen Moment in ihr Leben getreten war. Meredith betrachtete das frische Grab. Eine leichte Brise bewegte den Saum des schwarzen Kleides, das sie sich ausgeliehen hatte.

»Adieu«, sagte sie leise, weil sie das Gefühl hatte, irgendwer sollte es sagen.

»Auf Nimmerwiedersehen«, sagte eine Stimme hinter ihr.

Az Thompson stand nur wenige Schritte entfernt in einem schlecht sitzenden schwarzen Anzug mit weißem Hemd und schmaler Krawatte. »Sie sind der Letzte, den ich hier erwartet hätte«, sagte Meredith.

»Ich bin nicht seinetwegen gekommen.« Az blickte auf das Grab. »Das ist das erste Mal seit langer Zeit, dass ich froh bin, jemanden überlebt zu haben.« Er sah Meredith an. »Gehen wir ein Stück spazieren?«

Sie zog ihre hochhackigen Schuhe aus und lief auf Strümpfen neben Az her. Er stapfte einen Hügel hinauf, marschierte über ein paar Gräber hinweg. An manchen Stellen spürte sie ein Kitzeln unter den Fußsohlen. »Keine gute Wahl, um mal in Ruhe nachzudenken«, sagte er stirnrunzelnd.

»Wo würden Sie denn hingehen?«

»An einen Wasserfall«, sagte Az, ohne zu überlegen. »Oder ich würde mich auf den Rücken legen und die Sterne betrachten.« Er sah sie an und streckte sich dann lang auf dem Boden aus. »So.«

Sie zögerte ganz kurz, weil das Kleid nicht ihr gehörte. Dann setzte sie sich neben Az und blickte zum Himmel hinauf. »Was sehen Sie?«, fragte sie, ein Spiel, das sie oft mit Lucy spielte.

»Wolken«, antwortete Az trocken.

Meredith legte die Arme um die Knie. In ihrer Armbeuge war ein kleiner blauer Fleck von der Blutabnahme vor ein paar Tagen. Az hatte auch einen. »Darf ich Sie mal was fragen?«

»Klar.«

»Es ist nämlich … na ja, ich weiß nicht, wie ich Sie nennen soll. Mr. Thompson oder Az oder John.«

»Ich glaube, ich fände es schön, wenn mich eine schlanke junge Frau N’mahom nennen würde.«

»Was bedeutet das?«

»Mein Großvater.« Er sah Meredith in die Augen. »Dann glaubst du es jetzt?«

Sie nickte. »Aber es nützt ja nichts.«

»Warum sagst du das?«

Tränen traten ihr in die Augen. Sie war selbst überrascht und redete sich ein, dass es an dem Tag lag, der Hitze, am fehlenden Schlaf. »Es ist schon so viel passiert«, sagte sie leise. »So viele Menschen sind verletzt worden.« Sie dachte an Menschen wie Az, wie Lia, wie die gesichtslosen Abenaki in dieser Stadt, doch immer wieder tauchte Ross vor ihrem geistigen Auge auf. »Es sollte doch eigentlich gar nicht um mich gehen.«

»Die meisten Menschen sind zu sehr damit beschäftigt, über den Sinn ihres Lebens nachzudenken. Warum ich, warum jetzt. In Wahrheit widerfährt einem manches gar nicht aus einem bestimmten Grund. Manchmal geht es nur darum, für jemand anderen im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein.«

»Und das ist alles?«

»Das ist nicht wenig.« Er sah sie an und lächelte. »Fahrt ihr heute wieder nach Hause?«

Meredith hatte eigentlich vorgehabt, noch am selben Nachmittag zurück nach Baltimore zu fliegen. Aber sie hatte ihre Heimreise auf morgen verschoben. Die Beerdigung von Spencer Pike sollte nicht ihre letzte Erinnerung an Comtosook sein. »Bald«, wich sie aus. »Schreibst du mir?«

»Ich bin kein großer Freund des geschriebenen Wortes. Pike und seine Freunde haben vieles aufgeschrieben, was niemals zu Papier gebracht werden sollte. Und die Alnôbak ziehen die mündliche Überlieferung der geschriebenen vor.«

»Und ein großes Kapitel wird ausgelassen«, murmelte Meredith.

»Dann liegt es an dir, es zu erzählen.«

Als sie merkte, dass es ihm ernst war, schüttelte sie den Kopf. »Ich wüsste nicht, was ich sagen sollte.«

»Egal. Fang einfach irgendwo an.«

»Für Lucy, meinst du?«

»Für jeden«, sagte Az, »der bereit ist zuzuhören.«

Sie fuhr sich durchs Haar. »Übrigens … heute Nachmittag wird das Testament verlesen. Eli hat dafür gesorgt, dass ein Richter mir den Besitz überschreibt, weil ich die Rechtsnachfolgerin meiner Mutter bin … und sie ja die wahre Besitzerin war. Ich möchte gerne … ich möchte gerne, dass du das Grundstück bekommst.«

Er lachte. »Was soll ich denn mit so viel Land anfangen?«

»Ich dachte, du würdest es vielleicht mit anderen teilen wollen.« Meredith schlitzte einen Grashalm mit dem Daumennagel auf. »Vorausgesetzt natürlich, dass Lucy und ich ein Dach über dem Kopf haben, wenn wir dich besuchen kommen. Würdest du die Einzelheiten für mich regeln?«

»Wende dich an einen Mann namens Winks Champigny. Er steht im Telefonbuch. Er wird wissen, was zu tun ist. Ich würde dir ja helfen, aber ich werde wahrscheinlich auch eine Zeit lang nicht hier sein.«

»Das ist mal wieder typisch. Da lerne ich einen tollen Mann kennen, und schon muss ich erfahren, dass er mit dem nächsten Schiff ablegt.« Meredith lächelte ihn an. »Wirst du hier sein, wenn ich das nächste Mal zu Besuch komme?«