Oliver erhob sich und ging zu ihr. Er legte ihr den Arm um die Schultern. »Es ist alles in Ordnung, Jan. Alles ist gut. Ich liebe dich sehr.«
Und ich liebe dich wirklich, dachte Oliver, jedenfalls auf meine Art. Was gestern nacht geschah, ist nicht meine Schuld. Sie hat die Initiative ergriffen, sie hat angerufen. Ich hätte mich nicht mit ihr treffen dürfen. Er hatte alle nur möglichen Vorsichtsmaßnahmen getroffen, um nicht gesehen zu werden. Ich bin nicht in Gefahr, sagte sich Oliver.
Peter Tager machte sich wegen Oliver Sorgen. Er hatte begriffen, daß es unmöglich war, Olivers Libido unter Kontrolle zu halten, und schließlich mit ihm eine Vereinbarung getroffen. An bestimmten Abenden setzte Peter Tager fiktive Sitzungen fest, an denen der Präsident teilzunehmen hatte; Sitzungen, die außerhalb des Weißen Hauses anberaumt wurden; und außerdem verstand Tager es dann so einzurichten, daß seine Geheimdiensteskorte für ein paar Stunden verschwand.
Als Peter Tager Senator Davis aufgesucht hatte, um sich wegen der Entwicklung zu beklagen, hatte ihm der Senator in aller Ruhe bedeutet: »Oliver ist nun mal ein heißblütiger Mensch, Peter, und es ist manchmal unmöglich, solche Leidenschaft zu beherrschen. Ich empfinde große Bewunderung für Ihre Moralvorstellungen, Peter. Ich weiß, wieviel Ihnen Ihre Familie bedeutet und wie sehr Ihnen das Verhalten des Präsidenten zuwider sein muß. Doch wir sollten da nicht allzusehr den Richter spielen wollen. Sorgen Sie einfach weiterhin dafür, daß in dieser Hinsicht alles so diskret wie möglich verläuft.«
Die Besuche in dem weißgekachelten Autopsieraum waren Detective Nick Reese verhaßt. Dort roch es nach Formaldehyd und Tod. Als er durch die Tür trat, sah er, daß er bereits vom Coroner erwartet wurde - von der zierlichen, attraktiven Helen Chuan.
»Morgen«, sagte Reese. »Haben Sie die Obduktion beendet?«
»Ich habe für Sie ein vorläufiges Gutachten erstellt, Nick. Die arme Jane Doe ist nicht an Ihrer Kopfverletzung gestorben. Ihr Herz hat schon zu schlagen aufgehört, bevor sie mit dem Kopf gegen den Tisch schlug. Sie ist an einer Überdosis Methylenedioxymethanphetamine gestorben.«
Er seufzte. »Müssen Sie mich denn immer mit solch unverständlichen Ausdrücken verschrecken, Helen?«
»Verzeihung. In der Umgangssprache heißt das Zeug Ecsta-sy.« Sie reichte ihm ein Gutachten. »Das wäre der bisherige Stand unserer Ergebnisse.«
Obduktionsprotokoll Name der Verstorbenen: Jane Doe, Aktennr: C-L961
Anatomische Zusammenfassung
I. Erweiterte und Hypertrophische Kardiomyopathie
A. Herzvergrösserung (750 gm)
B. Linke Ventrikelhyperthrophie, Herz (2,3 cm)
C. Kongestive Lebervergrösserung (2750 gm)
D. Banti-Syndrom (350 mg)
II. Akute Opiatvergiftung
A. Akute Venöse Blutstörung, sämtliche Eingeweide.
III. Toxikologie (cfr. Separates Gutachten)
IV. Hirnblutung (cfr. Separates Gutachten) Schlussfolgerung: (Todesursache)
Erweiterte und Hypertrophische Kardiomyopathie Akute Opiatintoxikation
Nick Reese hob den Kopf. »In schlichtes Englisch übersetzt heißt das also, daß sie an einer Überdosis Ecstasy gestorben ist?« »Ja.«
»Ist sie vergewaltigt worden?«
Helen Chuan zögerte. »Ihr Jungfernhäutchen war gebrochen, und es gab Spuren von Sperma und ein bißchen Blut auf ihren Oberschenkeln.« »Also ist sie vergewaltigt worden.« »Das glaube ich eigentlich nicht.«
»Was soll das heißen - Sie glauben es eigentlich nicht?« Reese runzelte die Stirn. »Es gab keinerlei Anzeichen von Gewaltanwendung.« Detective Reese schaute sie ratlos an. »Und das heißt?« »Ich glaube, daß Jane Doe eine Jungfrau gewesen ist. Es war ihr erstes sexuelles Erlebnis.«
Detective Reese versuchte die Information zu verarbeiten. Da war es einem Mann gelungen, eine Jungfrau zu überreden, mit ihm in die Imperial Suite hochzugehen und mit ihm zu schlafen. Das konnte nur jemand sein, den sie kannte. Oder ein berühmter, beziehungsweise mächtiger Mann.
Das Telefon läutete. Helen Chuan nahm ab. »Hier das Amt des Coroner.« Sie lauschte einen Augenblick, dann gab sie dem Detective den Hörer. »Es ist für Sie.«
Nick Reese nahm den Hörer. »Hier Reese.« Sein Gesicht hellte sich auf. »O ja, Mrs. Holbrook. Vielen Dank für den Rückruf. Es handelt sich um einen Klassenring von Ihrer Schule mit den Initialen P. Y. Gibt es bei Ihnen eine Schülerin mit diesen Initialen? ... Ich wäre Ihnen sehr verbunden. Danke. Ja, ich bleibe am Apparat.«
Er fixierte die Pathologin. »Sie sind überzeugt, daß sie nicht vergewaltigt wurde?«
»Ich habe keine Hinweise auf Gewaltanwendung gefunden. Nicht das mindeste.«
»Wäre es möglich, daß sie nach dem Tod penetriert wurde?«
»Das würde ich verneinen.« Nach einer kurzen Pause meldete sich Mrs. Holbrook wieder in der Leitung. »Detective Reese.«
»Ja.«
»Laut unserem Computer haben wir eine Schülerin mit den Initialen P. Y. Sie heißt Pauline Young.«
»Könnten Sie mir bitte eine Beschreibung von ihr geben, Mrs. Holbrook?«
»Aber gewiß. Pauline ist achtzehn Jahre alt. Sie ist ziemlich klein und stämmig und hat dunkles Haar .«
»Verstehe.« Das falsche Mädchen. »Und sie ist die einzige Schülerin mit diesen Initialen?«
»Der einzige weibliche Schüler. Ja.«
Er begriff. »Sie meinen, daß es in Ihrer Schule noch einen Jungen mit diesen Initialen gibt?« »Ja. Paul Yerby. Er besucht die Abschlußklasse. Übrigens -er hält sich zur Zeit gerade in Washington auf.«
Das Herz von Detective Reese begann schneller zu schlagen. »Er hält sich hier in Washington auf?«
»Ja. Eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern der Denver High School befindet sich momentan in Washington, um das Weiße Haus und den Kongreß zu besichtigen und .«
»und alle Schülerinnen und Schüler dieser Gruppe sind in diesem Augenblick in der Hauptstadt?«
»So ist es.«
»Ist Ihnen zufällig auch bekannt, wo sie wohnen?«
»Im Hotel Lombardy. Das Hotel hat uns einen Gruppenrabatt eingeräumt. Die anderen Hotels, mit denen ich verhandelt habe, waren leider nicht .«
»Ich danke Ihnen von Herzen, Mrs. Holbrook. Ich bin Ihnen sehr verpflichtet.«
Nick Reese legte auf und wandte sich an die Pathologin. »Geben Sie bitte Bescheid, Helen, wenn der Obduktionsbefund abgeschlossen ist, ja?«
»Selbstverständlich. Viel Glück, Nick.«
Er nickte mit dem Kopf. »Ich denke, daß ich gerade Glück gehabt habe.«
Das Hotel Lombardy befand sich in der Pennsylvania Avenue, zwei Straßen vom Washington Circle entfernt; von dort waren das Weiße Haus, einige Denkmäler und eine u-Bahnstation zu Fuß erreichbar. Detective Reese betrat die altmodische Eingangshalle und ging auf die Rezeption zu. »Wohnt ein gewisser Paul Yerby bei Ihnen?«
»Bedaure, aber wir geben grundsätzlich keine ...«
Reese zeigte seine Dienstmarke. »Ich bin sehr in Eile, Freundchen.«
»Jawohl, Sir.« Der Empfangschef sah im Gästebuch nach. »Da gibt es einen Mr. Yerby auf Zimmer 315. Soll ich ...?«
»Nein. Ich werde ihn überraschen. Und geben Sie ihm jetzt
nicht telefonisch Bescheid.«
Reese nahm den Lift, stieg im dritten Stock aus und ging zu Zimmer 315, in dem er Stimmen hören konnte. Er öffnete einen Knopf seiner Jacke und klopfte an die Tür.
»Hallo.«
»Paul Yerby?«
»Nein.« Der Junge drehte sich nach einem anderen im Raum um. »Paul, Besuch für dich.«
Nick Reese schob sich an ihm vorbei. Aus dem Badezimmer kam ein schlanker Junge mit zerzaustem Haar in Jeans und Pulli.
»Paul Yerby?«
»Ja. Wer sind Sie?«
Reese zeigte seine Dienstmarke. »Detective Nick Reese. Morddezernat.«
Der Junge erbleichte. »Ich ... was kann ich für Sie tun?«