Nick Reese konnte die Angst des Jungen förmlich riechen. Er nahm den Ring des Mädchens aus der Tasche und hielt ihn dem Jungen hin.
»Haben Sie diesen Ring schon einmal gesehen, Paul?«
»Nein«, erwiderte der Junge prompt. »Ich .«
»Er trägt aber Ihre Initialen.«
»Tut er das? O ja.« Er zögerte. »Es könnte mein Ring sein. Ich muß ihn verloren haben.«
»Oder haben Sie ihn einem anderen Menschen geschenkt?«
Der Junge leckte sich die Lippen. »Ah, na ja. Könnte sein.«
»Dann begleiten Sie mich mal ins Stadtzentrum, Paul.«
Der Junge schaute ihn nervös an. »Bin ich verhaftet?«
»Weswegen denn?« fragte Detective Reese. »Haben Sie ein Verbrechen begangen?«
»Natürlich nicht. Ich ...« Die Worte verklangen.
»Warum sollte ich Sie dann verhaften?«
»Ich - ich weiß nicht. Ich wüßte nicht, warum ich Sie ins Stadtzentrum begleiten sollte.«
Er fixierte die offenstehende Tür. Detective Reese streckte die Hand aus und hielt Paul am Arm fest. »Machen wir keine Umstände.«
»Soll ich deine Mutter oder sonst jemand anrufen?« fragte der Zimmergenosse.
Paul Yerby schüttelte unglücklich den Kopf. »Nein. Ruf niemanden an.« Seine Stimme war nur mehr ein Flüstern.
Das Henry I. Daly Building an der Indiana Avenue, NW, im Zentrum von Washington ist ein unansehnliches, sechsstöckiges graues Backsteingebäude, das als Bezirkshauptquartier der Polizei dient. Die Räume des Morddezernats liegen im dritten Stock. Während von Paul Yerby Fotos gemacht und die Fingerabdrücke genommen wurden, suchte Detective Nick Reese das Büro von Captain Otto Miller auf.
»Ich glaube, daß wir in dem Monroe-Arms-Fall einen Durchbruch haben.
Miller lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. »Erzählen Sie.«
»Ich habe den Freund des toten Mädchens gefunden. Der Junge hat wahnsinnige Angst. Wir werden ihn jetzt vernehmen. Wollen Sie beim Verhör anwesend sein?«
Captain Miller machte eine Bewegung mit dem Kopf, um auf die Berge von Papier auf seinem Schreibtisch hinzuweisen. »Ich bin für die nächsten paar Monate beschäftigt. Geben Sie mir einen Bericht.«
»Okay.« Detective Reese machte sich auf den Weg zur Tür.
»Nick - vergessen Sie nicht, ihn über seine Rechte aufzuklären.«
Paul Yerby wurde in einen Vernehmungsraum geführt. Es war ein kleines Zimmer, zwei Meter siebzig lang und drei Meter sechzig breit, die Einrichtung bestand aus einem abgenutzten Schreibtisch, vier Stühlen und einer Videokamera. Außerdem war er mit einem Einwegspiegel versehen, so daß Kriminalbeamte das Verhör vom Nebenzimmer aus beobachten konnten.
Paul Yerby saß Nick Reese und den beiden Detectives Doug Hogan und Edgar Bernstein gegenüber.
»Ihnen ist bewußt, daß wir diese Unterredung auf Videoband aufzeichnen?« fragte Detective Reese.
»Jawohl, Sir.«
»Sie haben das Recht auf einen Anwalt. Falls Sie sich keinen Anwalt leisten können, wird Ihnen ein Anwalt zugewiesen, der Sie vertritt.«
»Wünschen Sie, daß bei diesem Gespräch ein Anwalt zugegen ist?« fragte Detective Bernstein.
»Ich brauche keinen Anwalt.«
»In Ordnung. Sie haben das Recht zu schweigen. Wenn Sie auf dieses Recht verzichten, kann und wird alles, was Sie aussagen, beim Gericht gegen Sie verwendet werden. Ist das klar?«
»Jawohl, Sir.«
»Wie lautet Ihr rechtmäßiger Name, bitte?«
»Paul Yerby.«
»Ihre Adresse?«
»23 Marian Street, Denver, Colorado. Hören Sie, ich habe nichts unrechtmäßiges getan. Ich .«
»Das hat auch niemand behauptet. Wir sind nur darum bemüht, ein paar Auskünfte zu erhalten, Paul. Dabei würden Sie uns doch gern weiterhelfen, nicht wahr?«
»Gewiß, aber ich ... Ich weiß gar nicht, worum es geht.«
»Sie haben keine Ahnung?«
»Nein, Sir.«
»Haben Sie Freundinnen, Paul?«
»Na ja, wissen Sie .«
»Nein, wir wissen es nicht. Warum erzählen Sie uns nicht etwas darüber?«
»Na schön, sicher. Ich treffe mich mit Mädchen .«
»Sie meinen, daß Sie sich mit Mädchen verabreden? Gehen Sie mit Mädchen aus?«
»Ja.«
»Gehen Sie mit einem ganz bestimmten Mädchen aus?« Schweigen.
»Haben Sie eine Freundin, Paul?« »Ja.«
»Und wie heißt sie?« fragte Detective Bernstein.
»Chloe.«
»und weiter?«
»Chloe Hanks.«
Reese machte eine Notiz. »Wie lautet ihre Adresse?« »62 Oak Street, Denver.« »und wie heißen ihre Eltern?« »Sie lebt mit ihrer Mutter zusammen.« »und wie heißt die Mutter?« »Jackie Houston. Sie ist Gouverneur von Colorado.« Die Kriminalbeamten warfen sich einen vielsagenden Blick zu. Mist! Das hat uns gerade noch gefehlt!
Reese hielt einen Ring hoch. »Gehört dieser Ring Ihnen, Paul?«
Er schaute kurz hin und bejahte dann widerstrebend. »Haben Sie diesen Ring Chloe geschenkt?« Er schluckte nervös. »Ich ... ich glaube schon.« »Sie sind sich nicht sicher?«
»Nun erinnere ich mich. Ja, ich habe ihn ihr geschenkt.« »Sie sind mit einigen Klassenkameraden nach Washington gekommen, stimmt's? Mit einer Schulgruppe?« fragte Detecti-ve Hogan. »Ja, das stimmt.«
»Hat Chloe zu dieser Gruppe gehört?« »Jawohl, Sir.«
»Wo befindet Chloe sich zur Zeit, Paul?« fragte Detective Bernstein. »Ich - ich weiß es nicht.«
»Wann haben Sie sie zuletzt gesehen?« fragte Detective
Hogan.
»Vor ein paar Tagen.«
»Vor zwei Tagen?« hakte Detective Reese nach.
»Ja.«
»Und wo?« wollte Detective Bernstein wissen.
»Im Weißen Haus.«
Die Detectives wechselten erstaunte Blicke. »Sie ist im Weißen Haus gewesen?« fragte Reese.
»Jawohl, Sir. Wir waren zusammen auf einer Privatbesichtigung, die Chloes Mutter für uns organisiert hat.«
»und Chloe hat daran teilgenommen?« erkundigte sich De-tective Hogan.
»Ja.«
»Ist während der Besichtigung des Weißen Hauses etwas Ungewöhnliches vorgefallen?« fragte Detective Bernstein.
»Wie meinen Sie das?«
»Haben Sie während der Besichtigung irgend jemanden getroffen oder gesprochen?« erläuterte Detective Bernstein.
»Na klar, den Führer.«
»und das ist alles?« fragte Reese.
»So ist es.«
»War Chloe die ganze Zeit über bei Ihrer Gruppe?« fragte Detective Hogan.
»Ja ...« Yerby zögerte. »Nein. Sie schlich sich davon, auf die Damentoilette. Sie war ungefähr eine Viertelstunde lang weg. Als sie wieder zurückkam, war sie ...« Er brach ab.
»War sie was?« insistierte Reese.
»Nichts. Sie kam einfach zurück.«
Es war offensichtlich, daß der Junge log.
»Mein Junge«, sagte Detective Reese, »wissen Sie, daß Chloe Houston tot ist?«
Sie beobachteten ihn genau. »Nein! Mein Gott! Wieso?« Seine erstaunte Miene war möglicherweise auch simuliert.
»Haben Sie das denn nicht gewußt?« fragte Detective Bern-stein.
»Nein! Ich ... das kann ich nicht glauben.«
»Sie hatten nichts mit ihrem Tod zu tun?« fragte Detective Hogan.
»Natürlich nicht. Ich liebe ... Ich hatte Chloe lieb.«
»Haben Sie je mit ihr geschlafen?« wollte Detective Bernstein wissen.
»Nein. Wir . wir wollten warten. Wir wollten nämlich heiraten.«
»Aber Sie haben manchmal gemeinsam Drogen genommen?« sagte Detective Reese.
»Nein! Wir haben nie Drogen genommen.«
Die Tür ging auf. Ein untersetzter Detective namens Harry Carter trat herein, ging zu Reese hinüber und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Reese nickte. Er fixierte Yerby.
»Wann haben Sie Chloe Houston zum letztenmal gesehen?«
»Das habe ich Ihnen doch schon gesagt, bei der Besichtigung im Weißen Haus.« Er rutschte unruhig auf seinem Stuhl herum.