»Ich werde sie überprüfen. Wenn sie stimmt, kriegen Sie Ihr Geld. Haben sie es irgendeiner anderen Person gegenüber erwähnt?«
»Nein.«
»Gut. Das sollten Sie auch nicht.« Lonergan erhob sich. »Wir bleiben in Kontakt.«
»Da wäre noch ein Punkt«, sagte Cooper.
Lonergan blieb stehen. »Ja?«
»Mich müssen Sie völlig aus der Sache heraushalten. Ich möchte nicht, daß JoAnn erfährt, daß ich darüber mit jemand gesprochen habe.«
»Kein Problem.«
Alex Cooper blieb allein zurück und überlegte, wie er die zweitausend Dollar ausgeben würde, ohne JoAnn davon zu erzählen.
Die Telefonzentrale des Hotels Monroe Arms befand sich in der Eingangshalle in einer Kabine hinter der Rezeption. JoAnn McGrath hatte Dienst, als Lonergan mit einem Klemmbrett in der Hand hereinschaute. Sie sprach gerade die Worte »Ich verbinde Sie« in die Muschel.
Sie stellte die Verbindung her, und dann drehte sie sich zu Lonergan um. »Was kann ich für Sie tun?«
»Ich bin von der Telefongesellschaft«, erklärte Lonergan und schwenkte irgendeinen Ausweis. »Wir haben einer Beschwerde nachzugehen.«
JoAnn McGrath war überrascht. »Was für eine Beschwerde?«
»Uns hat jemand gemeldet, daß ihm Telefongespräche berechnet worden sind, die er nicht geführt hat.« Er tat so, als ob er auf seinem Klemmbrett nachsah. »Am fünfzehnten Oktober. An dem Tag ist diesen Leuten ein Anruf nach Deutschland berechnet worden, und dabei kennen sie überhaupt niemanden in Deutschland. Sie sind ziemlich genervt.«
»Also, von der Sache ist mir nichts bekannt«, entrüstete sich JoAnn. »Ich kann mich nicht einmal daran erinnern, daß ich im vergangenen Monat auch nur eine einzige Verbindung mit Deutschland hergestellt habe.«
»Haben Sie für den Fünfzehnten die Unterlagen da?«
»Selbstverständlich.«
»Darf ich mal rasch einen Blick drauf werfen?«
»Wenn's sein muß.« Sie fand unter einem Stapel von Papieren eine Mappe, die sie ihm reichte. Die Zentrale summte unentwegt. Während sie mit den Anrufen beschäftigt war, schaute Lonergan rasch die Blätter in der Mappe durch. Der 12.
Oktober ... 13. Oktober ... 14. Oktober ... 16. Oktober.
Das Blatt für den 15. Oktober fehlte.
Frank Lonergan wartete in der Lobby des Hotels Four Seasons, als Jackie Houston vom Weißen Haus zurückkam.
»Gouverneurin Houston?«
»Sie drehte sich um. »Ja?«
»Frank Lonergan. Ich bin von der Washington Tribune. Ich möchte Ihnen nur mitteilen, wie sehr wir alle mit Ihnen fühlen, Gouverneurin.
»Ich danke Ihnen.«
»Wäre es wohl möglich, daß ich Sie für eine Minute spreche?«
»Ich bin jetzt wirklich nicht in der .«
»Ich könnte Ihnen möglicherweise behilflich sein.« Er machte eine Kopfbewegung zur Lounge abseits der Hauptlobby. »Könnten wir für einen Moment dorthin gehen?«
Sie gab sich einen Ruck. »Also gut.«
Sie schritten zur Lounge hinüber und setzten sich.
»Soweit ich weiß, war Ihre Tochter zu einer Besichtigung im Weißen Haus an dem Tag, als sie .« Er konnte es nicht über sich bringen, den Satz zu Ende zu sprechen.
»Ja. Sie ... sie nahm mit Schulkameraden und -freundinnen an einer Besichtigung teil. Sie war sehr aufgeregt, weil sie eine Verabredung mit dem Präsidenten hatte.«
Lonergan hatte Mühe, ruhig zu bleiben. »Sie hatte einen Termin bei Präsident Russell persönlich?«
»Ja. Das habe ich selbst organisiert. Präsident Russell und ich sind von früher befreundet.«
»Und hat sie sich auch mit ihm getroffen, Gouverneurin?«
»Nein. Er war plötzlich verhindert«, erwiderte sie mit erstickter Stimme. »In einem Punkt bin ich mir jedoch absolut sicher.«
»Ja, Ma'am?«
»Paul Yerby ist nicht ihr Mörder. Die beiden waren ineinander verliebt.«
»Die Polizei hat aber doch behauptet .«
»Was die Polizei behauptet hat, ist mir völlig egal. Sie hat einen unschuldigen Jungen verhaftet, und er . er war dann so verstört, daß er sich erhängt hat. Es ist schrecklich.«
Frank Lonergan musterte sie einen Augenblick. »Wenn Paul Yerby Ihre Tochter nicht ermordet hat - haben Sie eine Ahnung, wer es getan haben könnte? Ich meine, hat sie davon gesprochen, daß sie sich in Washington mit jemandem treffen wollte?«
»Nein. Sie kannte hier keine einzige Menschenseele. Und sie hatte sich so darauf gefreut . darauf . « Ihre Augen schwammen in Tränen. »Es tut mir leid. Sie müssen mich jetzt entschuldigen.
»Selbstverständlich. Vielen Dank, daß Sie Zeit für mich gefunden haben, Mrs. Houston.«
Lonergans nächstes Ziel war das Leichenschauhaus, wo Helen Chuan soeben aus dem Obduktionsraum kam.
»Schau mal, wer da kommt.«
»Hallo Doc.«
»Was führt Sie denn hierher?«
»Ich wollte mit Ihnen über Paul Yerby sprechen.«
Helen Chuan seufzte. »Es ist eine verdammte Schande. Die beiden Kids waren noch so jung.«
»Warum würde so ein Junge wie er Selbstmord begehen?«
Helen Chuan zuckte die Achseln. »Wer weiß?«
»Ich meine ... sind Sie sicher, daß er Selbstmord begangen hat?«
»Wenn es kein Selbstmord war, hat er's jedenfalls sehr überzeugend gemacht. Der Gürtel war ihm so eng um den Hals gewickelt, daß sie ihn durchschneiden mußten, um den Jungen herunterzuholen.«
»Und ansonsten wies sein Körper keinerlei Zeichen auf, die
auf ein Verbrechen hindeuten könnten?«
Sie schaute ihn neugierig an. »Nein.«
Lonergan nickte. »Okay, danke. Sie wollen Ihre Patienten doch bestimmt nicht zu lange warten lassen.«
»Sehr witzig.«
Draußen im Flur befand sich eine Telefonzelle. Lonergan erkundigte sich bei der Auskunft in Denver nach der Nummer von Paul Yerbys Eltern. »Hallo.«
»Mrs. Yerby?«
»Am Apparat.«
»Entschuldigen Sie, daß ich störe. Ich bin Frank Lonergan von der Washington Tribune. Ich würde gerne ...«
»Ich kann nicht .«
Einen Augenblick später war Mr. Yerby am Telefon. »Es tut mir leid. Aber meine Frau ist ... Die Zeitungen haben uns schon den ganzen Morgen belästigt. Wir sind nicht bereit ...«
»Ich brauche Sie nur für eine Minute, Mr. Yerby. Es gibt in Washington ein paar Personen, die nicht glauben, daß Ihr Sohn Chloe Houston ermordet hat.«
»Aber natürlich hat er das nicht getan!« Seine Stimme klang plötzlich fester. »So etwas hätte Paul nie und nimmer über sich gebracht.«
»Hatte Paul irgendwelche Freunde in Washington, Mr. Yer-by?«
»Nein. Er kannte niemanden dort.«
»Verstehe. Also, wenn es da irgend etwas gibt, was ich für Sie tun könnte .«
»Ja, Sie könnten etwas für uns tun, Mr. Lonergan. Wir haben bereits alles Notwendige veranlaßt, damit Pauls Leiche nach Denver überführt wird, aber ich weiß nicht so recht, wie ich an seine Sachen herankommen kann. Wir hätten doch gern alles, was er . Wenn sie mir freundlicherweise mitteilen könnten, mit wem ich da Kontakt aufnehmen .«
»Ich werde es für Sie übernehmen.« »Da wären wir Ihnen sehr dankbar. Vielen Dank.«
Im Morddezernat öffnete der diensthabende Sergeant eine Schachtel, die Paul Yerbys Habseligkeiten enthielt. »Viel ist es ja nicht«, meinte er. »Nur die Kleider des Jungen und eine Kamera.«
Lonergan griff in die Schachtel und nahm einen schwarzen Ledergürtel heraus.
Er war nicht durchgeschnitten.
Präsident Russells Sekretärin Deborah Kanner machte sich gerade für die Mittagspause fertig, als Frank Lonergan in ihr Büro trat.
»Was kann ich für Sie tun, Frank?«
»Ich habe da ein Problem, Deborah.«
»Haben Sie sonst keine Neuigkeiten?«
Frank Lonergan tat so, als ob er in Notizen nachschaute. »Ich habe eine Information bekommen, daß der Präsident am fünfzehnten Oktober ein Geheimtreffen mit einem Emissär aus China hatte. Es ging um Tibet.«