Ich war nicht ganz sicher, ob ich das alles verstanden hatte, aber ich beließ es mal dabei!
»Kann schon sein«, wandte ich ein, »aber sieh doch maclass="underline" Ich komme damit noch immer nicht so ganz klar. Betrachten wir noch einmal die zwei Kugeln auf dem Tisch — bzw. die eine reale Kugel und ihre Kopie. Plötzlich ist doppelt soviel Materie vorhanden wie vorher! Wie kann das gehen?«
Er musterte mich. »Du bist irritiert wegen der Verletzung der Erhaltungsgesetze — dem Zuwachs bzw. der Verringerung von Masse.«
»Exakt.«
»Solche Bedenken habe ich aber nicht registriert, als du auf der Suche nach deinem jüngeren Ich in die Zeit gereist bist. Das war nämlich eine weit größere Verletzung jeglicher Erhaltungsprinzipien.«
»Nichtsdestoweniger«, opponierte ich, »ist der Einwand doch zulässig — oder?«
»In gewisser Weise, ja«, konzedierte er. »Aber nur in einem begrenzten singulärhistorischen Kontext.«
»Die Universalen Konstrukteure haben diese Paradoxien der Zeitreise bereits seit Jahrhunderten untersucht«, sagte er. »Oder vielmehr offensichtliche Paradoxien. Und sie haben eine Art Erhaltungsgesetz formuliert, das für die höhere Dimension der Multiplizität der Historien gilt.
Fangen wir mit einem Objekt an — zum Beispiel mit dir. Wenn du in einem gegebenen Moment eine Kopie von dir hinzufügst, die abwesend ist, weil du in die Vergangenheit oder Zukunft gereist bist — und dann alle doppelt vorhandenen Kopien abziehst, weil eine von dir in die Vergangenheit gereist ist — dann wirst du feststellen, daß die Gesamtsumme konstant bleibt — daß es dich ›wirklich‹ nur einmal gibt — gleichgültig, wie oft du in der Zeit hin- und herreist. Also haben die Erhaltungssätze eine gewisse Gültigkeit — obwohl es in jedem Moment in jeder gegebenen Historie den Anschein haben mag, daß die Erhaltungssätze gebrochen sind, weil du plötzlich zweimal oder überhaupt nicht mehr existierst.«
Das sah ich nach einiger Überlegung ein. »Es besteht also nur dann eine Paradoxie, wenn man sein Denken auf eine einzige Historie beschränkt«, erkannte ich. »Die Paradoxie löst sich auf, wenn man in den Kategorien der Multiplizität denkt.«
»Exakt. Genauso wie die Probleme der Kausalität vor dem größeren Hintergrund der Multiplizität aufgehoben werden.
Wie du siehst, ist es das Potential dieses Tisches«, dozierte er, »aufgrund dessen wir eine Demonstration dieser außergewöhnlichen Möglichkeiten erleben können… Er ist in der Lage, uns mit Zeitmaschinen-Technologie die Möglichkeit — nein, die Existenz — multipler, divergenter Historien auf der makroskopischen Ebene aufzuzeigen. Tatsächlich kann er nach Belieben einzelne Historien anwählen: Er ist sehr raffiniert konstruiert…«
Er erzählte mir mehr von den Gesetzen der Multiplizität der Konstrukteure.
»Man kann sich Situationen vorstellen«, sagte er, »in denen Historien keine, eine oder mehrere Multiplizitäten aufweisen. Sie ist Null, wenn diese Historie unmöglich ist — wenn sie nicht konsistent ist. Eine Multiplizität von Eins ist die Situation, wie sie sich eure früheren Philosophen vorgestellt haben — zum Beispiel Newtons Generation —, derzufolge sich aus jedem Punkt in der Zeit nur eine einzige konsistente und unveränderliche Kausalkette entwickelt.«
Ich sah, daß er mein — naives! — Geschichtsbild als eine Art riesigen, mehr oder wenig fixierten Raum beschrieb, durch den mich meine Zeitmaschine nach Belieben wandern ließ.
»Ein ›gefährlicher‹ Pfad für ein Objekt — wie dich oder die Billardkugel — ist einer, der an einer Zeitmaschine endet«, belehrte er mich.
»Nun, das ist deutlich genug«, sagte ich. »Es ist offensichtlich, daß ich seit der ersten Inbetriebnahme der Zeitmaschine auf allen Seiten neue Historien abgespalten habe. In der Tat gefährlich!«
»Ja«, bestätigte Nebogipfel. »Und während die Maschine und ihre Nachfolgemodelle immer weiter in die Vergangenheit zurückgingen, tendierten die generierten Multiplizitäten gegen unendlich, und die Divergenz zwischen den neuen Zweigen der Geschichte wurde immer größer.«
»Aber«, sagte ich etwas frustriert, »um wieder zum Thema zu kommen — was ist nun der Zweck dieses Tisches? Ist es nur ein Trick? — Warum haben die Konstrukteure ihn uns bereitgestellt? Was wollen sie uns damit sagen?«
»Das weiß ich nicht«, erklärte er. »Noch nicht. Es ist schwierig… Das Informations-Meer ist groß, und es gibt viele Fraktionen unter den Konstrukteuren. Die Informationen werden mir nicht einfach so serviert — verstehst du? — ich muß nehmen, was ich kriegen kann, sie optimal auswerten und auf dieser Basis eine Interpretation erstellen… ich glaube, daß es eine Gruppe unter ihnen gibt, die einen Plan hat — ein gigantisches Projekt — dessen Umrisse ich kaum erkennen kann.«
»Worum geht es bei diesem Projekt?«
»Schau: Wir wissen, daß aus jedem Ereignis viele — vielleicht unendlich viele — Historien resultieren«, antwortete Nebogipfel. »Stell dir vor, du befindest dich in zwei solchen benachbarten Historien, die sich — sagen wir — in den Details unterscheiden, wie die Billardkugel abprallt. Nun: könnten diese beiden Kopien von dir miteinander kommunizieren?«
Ich dachte darüber nach. »Das haben wir früher schon diskutiert. Ich wüßte nicht, wie. Eine Zeitmaschine würde mich in beide Richtungen eines einzelnen Pfades der Geschichte führen. Wenn ich zurückginge, um das Abprallen der Kugel zu verändern, würde ich nach der Rückkehr in die Zukunft erwarten, einen Unterschied zu sehen; wenn die Maschine nämlich eine Verzweigung erzeugt, dann folgt sie in der Regel der neu generierten Historie. — Nein«, meinte ich dann nachdrücklich. »Meine beiden Versionen könnten nicht miteinander kommunizieren.«
»Nicht einmal unter der Voraussetzung einer entsprechenden Maschine oder eines Meßgerätes?«
»Nein. Es gäbe dann zwei Kopien dieser Geräte — jedes so losgelöst von seinem Zwilling wie ich von meinem.«
»Sehr richtig. Das ist eine vernünftige und vertretbare Position. Sie basiert auf der impliziten Annahme, daß sich Zwillings-Historien nach ihrer Spaltung nicht mehr gegenseitig beeinflussen. Technisch gesehen unterstellst du, daß Quantenmechanische Operatoren linear sind — aber….« — und jetzt schwang wieder diese Erregung in seiner Stimme mit — »es gibt anscheinend doch eine Möglichkeit, mit der anderen Historie zu kommunizieren — falls, auf einer fundamentalen Ebene, das Universum und sein Zwilling verbunden bleiben. Wenn auch nur der winzigste Betrag von Nonlinearität in den Quanten-Operatoren aufträte — knapp an der Nachweisbarkeitsgrenze…«
»Dann wäre eine solche Kommunikation möglich?«
»Ich habe es erlebt… im Meer, meine ich… die Konstrukteure haben es möglich gemacht, aber nur in einem sehr engen experimentellen Rahmen.«
Nebogipfel beschrieb mir das, was er als ›Everett-Phonographen‹ bezeichnete — »nach dem Wissenschaftler des zwanzigsten Jahrhunderts deiner Geschichte, der sich als erster mit dieser Idee befaßte. Natürlich haben die Konstrukteure dafür eine andere Bezeichnung — aber die läßt sich nicht so einfach wiedergeben.«