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Abgerissene Köpfe. Einer lag auf dem Straßenpflaster ordentlich neben einer Aktentasche. Die Szenerie war mit Armen und Beinen übersät, die — es sah absurd aus — bekleidet waren; hier sah ich einen abgetrennten Arm mit einer Armbanduhr — ich fragte mich, ob sie noch immer lief! — und dort, an einer kleinen, abgerissenen Hand, die dicht am Krater lag, waren die Finger wie Blütenblätter nach oben gekrümmt. Alles um mich her wirkte absurd — ja fast irgendwie komisch! Selbst damals mußte ich mich zu der Erkenntnis zwingen, daß diese losgelösten Einzelteile noch vor wenigen Minuten zu denkenden und fühlenden menschlichen Wesen gehört hatten, von denen jedes ein eigenes Leben und eigene Hoffnungen gehabt hatte. Aber diese Fetzen erkaltenden Fleisches erschienen mir nicht menschlicher als der Schrott eines zerstörten Fahrrads, dessen Einzelteile auf der Straße verstreut lagen.

Noch nie zuvor hatte ich etwas Derartiges gesehen; ich fühlte mich völlig entrückt, als ob ich mich durch eine Traumlandschaft bewegte — aber ich wußte, daß sich dieses Gemetzel in meiner Seele wiederholen würde. Ich dachte an das Innere der Morlock-Sphäre und stellte sie mir als eine Schüssel vor, die mit Millionen Punkten des Schreckens und Leidens angefüllt war, von denen jeder so gräßlich wie dieser hier war. Und die Vorstellung, daß solch ein Wahnsinn über London hereinbrechen würde — mein London — ließ eine solche Seelenqual in mir aufkommen, daß mir der Atem stockte.

Moses war bleich, und seine Haut war von einem feinen Schweißfilm bedeckt; seine Augen waren aufgerissen, und sein Blick irrte flackernd umher. Ich schaute auf Nebogipfel. Die Augen hinter seiner Brille überflogen ohne ein Blinzeln dieses schreckliche Gemetzel; und ich fragte mich, ob er allmählich zu der Überzeugung gelangte, daß ich ihn nicht in die Vergangenheit, sondern in den Vorhof der Hölle gebracht hatte.

Die Rota-Mine

Wir kämpften uns die letzten Dutzend Yards zu den Mauern des Imperial College durch; und dort verstellte uns zu meiner Beunruhigung ein maskierter und mit einem Gewehr bewaffneter Soldat den Weg. Dieser Kamerad — tapfer, aber offensichtlich ohne jeden Verstand — war auf seinem Posten geblieben, während sich die Straße vor ihm rot färbte mit Blut. Beim Anblick von Nebogipfel machte er hinter seiner Schutzmaske große Augen.

Er erkannte mich nicht und weigerte sich beharrlich, uns ohne die erforderlichen Dokumente passieren zu lassen.

Da ertönte wieder ein Pfeifen — der Soldat preßte die Waffe wie einen Schild an die Brust —, aber diesmal detonierte die Granate ziemlich weit entfernt von uns; es gab einen Lichtblitz, Glas klirrte und der Boden erbebte.

Moses trat mit geballten Fäusten an den Soldaten heran. Seine Angst vor dem Beschuß schien sich in Zorn umgewandelt zu haben. »Hast du das gehört, du hirnloser uniformierter Tölpel!« schrie er. »Überall Chaos! Was willst du denn überhaupt noch bewachen? Was soll das alles? Siehst du nicht, was hier los ist?«

Der Soldat richtete sein Gewehr auf Moses' Brust. »Ich warne dich, Kerl…«

»Nein, er sieht's wirklich nicht.« Ich schob mich zwischen Moses und den Soldaten; Moses' offenkundiger Mangel an Selbstbeherrschung ärgerte mich, selbst wenn er im Moment in Panik war.

»Wir finden sicher noch einen anderen Weg«, hoffte Nebogipfel. »Wenn die Außenmauern des College beschädigt sind…«

»Nein«, lehnte ich entschieden ab. »Ich will diesen Weg nehmen.« Ich ging zu dem Soldaten hin. »Sehen Sie, Gefreiter, ich bin zwar nicht befugt, ohne Ihre Erlaubnis hier zu passieren — aber ich versichere Ihnen, daß ich für die Kriegsanstrengungen wichtig bin.«

Die Augen des Soldaten verengten sich hinter der Maske.

»Machen Sie einen Anruf«, verlangte ich. »Verständigen Sie Dr. Wallis. Oder Professor Gödel. Sie werden für mich bürgen — ganz bestimmt! Bitte versuchen Sie es wenigstens.«

Schließlich — und mit auf uns angeschlagener Waffe — zog sich der Soldat in seinen Korridor zurück und hob einen Telefonhörer von der Wand ab.

Es dauerte einige Minuten, bis er das Gespräch beendet hatte; ich vermutete, daß die internen Kommunikationseinrichtungen des College — was nicht verwunderlich gewesen wäre — übel in Mitleidenschaft gezogen worden waren. Ich wartete mit zunehmender, quälender Ungeduld; ich hätte es nicht verkraftet, von einer solchen Luftnummer an der Flucht in die Zeit gehindert zu werden — nicht, nachdem ich es schon so weit geschafft hatte!

»Sie sollen in Dr. Wallis' Büro kommen«, meldete er schließlich mürrisch. Dann trat unser schlichter, tapferer Soldat zur Seite, und wir tauchten aus dem Chaos auf dieser Straße in die relative Ruhe des Imperial College ein.

»Wir werden uns bei Dr. Wallis melden«, versprach ich ihm. »Machen Sie sich keine Sorgen. Danke Ihnen!«

Moses stieß ein erleichtertes Grunzen aus. »Das mußte aber auch gerade uns passieren«, meinte er, »dem einzigen Soldaten über den Weg zu laufen, der in diesem ganzen verdammten London noch Wache steht! Der arme kleine Narr…«

»Wie kannst du nur so verächtlich sein«, erwiderte ich heftig. »Er ist ein braver Mann, der in dieser schrecklichen Situation nur seine Pflicht erfüllt, so gut er kann — angesichts eines Wahnsinns, für den er nicht verantwortlich ist! Was kann man noch mehr von einem Mann verlangen, hm? He?«

»Huh! Aber was ist mit Kreativität? Flair, Intelligenz, Initiative…«

Wir hatten angehalten und stießen fast mit den Nasen aneinander.

»Gentlemen«, rief uns Nebogipfel zur Ordnung. »Wir haben jetzt wirklich keine Zeit für eine solche Nabelschau!«

Moses und ich starrten zuerst den Morlock an und dann uns gegenseitig. In Moses' Gesicht erkannte ich eine verletzliche Angst, die er mit diesem Zorn überspielte — seine Augen waren wie die eines erschrecktes Tieres in einem Käfig —, und durch ein Kopfnicken versuchte ich, ihm etwas Zuversicht zu vermitteln.

Nach einem Moment gingen wir wieder auseinander.

»Natürlich«, sagte ich im Bestreben, die Spannung zu mildern, »betreibst du nie irgendwelche Nabelschau, Nebogipfel, richtig?«

»Nein«, bestätigte der Morlock leichthin. »Ich habe nämlich gar keinen Nabel.«

Wir eilten weiter. Wir erreichten das Hauptbürogebäude und machten uns auf die Suche nach Wallis' Raum. Wir liefen durch mit Teppichboden ausgelegte Korridore, an lauter Türen mit Messingschildern vorbei. Die Lichter brannten noch immer — ich vermutete, daß das College eine eigene, unabhängige Elektrizitätsquelle hatte —, und der Teppichboden dämpfte unsere Schritte. Einige der Bürotüren standen offen, und es gab Anzeichen eines hastigen Aufbruchs: eine verschüttete Tasse Tee, eine im Aschenbecher herunterbrennende Zigarette und auf dem Fußboden verstreute Unterlagen.

Man konnte sich kaum vorstellen, daß wenige Dutzend Yards entfernt ein Gemetzel stattgefunden hatte!

Wir erreichten eine geöffnete Tür, die ein bläuliches Flackern ausstrahlte. Als wir den Flur betraten — kauerte der einzige Anwesende — es war Wallis — auf einer Ecke seines Schreibtisches. »Oh — Sie sind es. Ich hatte nicht erwartet, Sie noch mal wiederzusehen.« Er trug seine Drahtbrille, ein Tweed-Jackett und eine Wollkrawatte; er hatte eine Epaulette angelegt und die Gasmaske neben sich auf dem Schreibtisch plaziert. Er befand sich offenbar inmitten der Vorbereitungen für eine Evakuierung des Gebäudes, hatte aber herumgetrödelt. »Das ist wirklich zum Verzweifeln«, jammerte er. »Zum Verzweifeln!« Dann musterte er uns etwas gründlicher — als ob er uns zum erstenmal sehen würde. »Gütiger Gott, wie sehen Sie denn aus!«