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»Geschichtlich«, wiederholte Benedikt. »Wir sind die Vertreter des Volkes. Unserer Kontrolle unterliegen die Beschlüsse, die Gesetzesänderungen bedürfen unserer Zustimmung. Wir können Einspruch erheben, wenn uns eine Entscheidung unrichtig erscheint.«

»Geschieht das auch?«

»Im ursprünglichen Sinn des Wortes nicht. Alle sozialen Programme sind verwirklicht, allen Forderungen der Medizin und Hygiene Rechnung getragen. Es gibt keinen Hunger mehr, keine Kriege, keinen Zwang zur Bildung, keine Notwendigkeit, zu arbeiten. Die Betreuung ist umfassend, die Sicherheit absolut. Der Forderung nach Lebensglück wird entsprochen, die Freiheit ist uneingeschränkt. Tritt ein Problem auf, so fällt es in neunundneunzig komma achtundneunzig von hundert Fällen unter ein Routinemodell und wird nach bereitgestellten Programmen gelöst. Theoretisch ist das, was übrigbleibt, unsere Aufgabe, aber was bedeutet das schon! Ehe wir die Fakten auch nur durchgegangen sind, liegt bereits das Ergebnis einer Simulation vor und das Programm zur Lösung der Aufgabe. Unnötig, es zu prüfen. Es stimmt immer.«

»Was haben wir dann hier noch zu tun?«

»Wir sind hier, weil es ein uraltes Prinzip der Kontrolle vorschreibt – aufgrund einer Abmachung mit der Rechenanlage. Ein Relikt der Vergangenheit sozusagen. Seit der Einführung sich selbst reparierender Schalteinheiten hat es keine Beanstandungen mehr gegeben. Wir dürfen sicher sein, daß alle Menschen, die von hier aus betreut werden, in jenem Idealzustand leben, den sie sich selbst wünschen.«

Sie schwiegen eine Weile.

»Erinnern Sie sich eigentlich noch daran, was Sie früher gemacht haben? Kennen Sie Ihre Vergangenheit?« fragte dann Daniel wieder, und erwartete fast, eine verneinende Antwort zu erhalten.

»Gewiß«, antwortete Benedikt, »ich hatte meine Wohnzelle, genoß die Spiele, die Flirts, die Massagen, die Duftkompositionen, die programmierten Träume, ich hörte Computermusik, löste Rätsel, schlief, aß, trank... das war das Wichtigste, und so viel ich mich erinnere, war es auch schon alles.«

»Und wie kamen Sie hierher?«

Einen Augenblick sah es so aus, als ob Benedikt nicht antworten würde, aber dann tat er es doch. »Das ist gewiß ein heikler Punkt. Offiziell heißt es, daß ein bestimmter Prozentsatz der Menschen als Volksvertreter ausgewählt wird, doch worauf es ankommt, ist das Auswahlprinzip, und dazu habe ich nur eine Vermutung.«

Wieder zögerte Benedikt, und erst als ihm ein Seitenblick auf Daniel zeigte, daß dieser mit Spannung die Antwort erwartete, sprach er langsam weiter: »Die Situation ist so: Einerseits gibt es hier Kybernetiker, Linguisten, Logiker; dazu gehören wir. Andererseits gibt es hier Mediziner, Humanbiologen, Psychologen und Psychiater. Sie beschäftigen sich mit allen jenen Abweichungen, die nicht unter Routine einzustufen und automatisch heilbar sind – Mutationen, Regenerationen, psychische Defekte. Die Betroffenen holen sie hierher – zur Beobachtung, zur Behandlung, zur Erforschung. Es wäre nun natürlich möglich, daß die Auswahl der Volksvertreter unabhängig davon erfolgt. Es wäre aber auch möglich, daß wir nichts anders sind als, na, sagen wir’s rund heraus, nichts anderes sind als Abnormale.«

»Haben Sie einen Grund zu diesem Verdacht?«

»Mehrere. Einer ist ein logischer Widerspruch. Man hätte uns nicht gegen unseren Willen herbringen dürfen, nicht, wenn wir in unserem früheren Lebensraum restlos glücklich gewesen wären – das würde dem Prinzip der Freizügigkeit widersprechen. Da der äußere Lebensraum so eingerichtet ist, daß er dem normalen Menschen volle Zufriedenheit gibt, können wir nicht normal sein.«

»Und der zweite Grund?«

»Der zweite Grund ist persönlicher Natur. Eigentlich spreche ich ungern darüber, aber es bleibt doch unter uns?« Auf das zustimmende Nicken Daniels hin fuhr er fort: »Ich hatte einen Zusammenbruch. Tobsuchtsanfall, Zerstörungswut. Ich rannte schreiend durch die Gänge – ich glaube, ich habe andere zu verletzen versucht. Ich verlor das Bewußtsein. Als ich erwachte, befand ich mich auf dem Weg hierher. Ich muß in der Zwischenzeit auf meinen Aufenthalt in der Zentrale präpariert worden sein, denn alles schien mir selbstverständlich.«

Ein paar Sekunden war es still. Auch die Apparatur war zur Ruhe gekommen, doch Benedikt kümmerte sich nicht darum. Schließlich konstatierte Danieclass="underline" »Wir befinden uns also in einer Irrenanstalt.«

Benedikt stand auf, trat an ein Pult, lehnte sich, Daniel zugewandt, mit verschränkten Armen darauf. »Manchmal fürchte ich es«, antwortete er.

Daniels Arbeitsplatz lag verwaist da, so wie er ihn verlassen hatte – an der Konsole noch die Adresse der Checkliste eingedrückt. In der Nachbarzelle sah er Maud, die beschäftigt schien. Er nickte ihr zu, und sie nickte zurück. Daniel verdunkelte den Raum, und ließ sich die zweite Lektion einspielen. Wie immer war er ein wenig erschöpft danach; er nahm eine Tablette RA forte und fühlte sich besser. Als die lichtabsorbierende Tönung an den Glasscheiben der Trennungswände verschwunden war, bemerkte er, daß Maud Besuch hatte. Larry saß bei ihr. Daniel wartete eine Weile, rief zur Übung einige Daten ab, sah das Inhaltsverzeichnis der Programmbibliothek durch... Als er merkte, daß Maud mit Larry wegging, blieb er noch eine Weile untätig, dann fuhr er in sein Appartement. Nach langer Zeit schloß er sich wieder an das Mysteryprogramm an. Er wies sich die Rolle des Helden zu, der schwierige Abenteuer besteht, Rivalen besiegt, Mädchen befreit, bewundert wird, alle anderen übertrifft, vor nichts zurückschreckt, stets einen Ausweg findet, von seinen Gegnern gefürchtet wird, sich niemals fürchtet, allen andern stets ein Stück voraus ist, sich niemals ergibt, mit allen Wassern gewaschen ist, alle Tricks kennt, sich nicht übertölpeln läßt, alle Waffen beherrscht – und durch den Glauben an sich selbst ein solches Maß an Überlegenheit gewinnt, daß er tun und lassen kann, was er will, jedes Risiko eingehen, sich in jede Gefahr stürzen, jedes Wagnis auf sich nehmen kann, ohne zu zögern, weil er mit Sicherheit weiß, daß es ihm gelingen wird, als Sieger hervorzugehen.

Später Nachmittag, ein angebrochener Tag, keine besonderen Ereignisse, keine Resultate, sinnlos vertan, aber was heißt schon ›sinnvoll‹, verlorene Stunden, doch kein Verlust, denn an Zeit herrscht kein Mangel, im Gegenteil – es kommt darauf an, sie hinter sich zu bringen, und das ist schwierig genug, wenn die Ewigkeit vor einem liegt.

Daniel schloß sich an den Emotionsgenerator an und ließ jenes Gehirnzentrum reizen, das fröhliche Zuversicht auslöst. Danach fühlte er sich unruhig und tatendurstig, die Enge seines Zimmers störte ihn, und er trat hinaus, strich ohne festes Ziel durch die Gänge, betrat eine Kabine des Liftsystems. Vor der Tastatur zögert er: Er wollte einen Teil des Gebäudes aufsuchen, den er noch nicht kannte, hatte einfach das Bedürfnis nach neuen Eindrücken, nach Bewegung, nach Veränderung. Er hatte es versäumt, den Plan zu studieren, und wußte nicht, welche Koordinaten er wählen sollte. Am Rande des Rechteckmusters aus Druckknöpfen bemerkte er einzelne Tasten mit besonderen Symbolen: ›STOP‹, ›HELP‹, ›CALL‹, und dergleichen, darunter auch welche, deren Bedeutung nicht zu entschlüsseln war, wobei ihm das Zeichen ›i‹ auffiel. Es konnte verschieden ausgelegt werden, doch zuerst kam ihm die Einheit der Imaginärzahlen, die Wurzel aus minus Eins in den Sinn, im Zusammenhang mit Koordinaten naheliegend, mit Adressen einer realen Raumordnung jedoch merkwürdig. Kurz entschlossen drückte Daniel auf den Knopf und tastete, als sich nichts ereignete, eine beliebige Adresse ein. Die Kabine setzte sich in Bewegung, kam in Fahrt, die Leuchtzahlen glitten vorbei, einige Male ein Wechsel in der Fahrtrichtung... unversehens wurde es dunkel. Nur an der schwachen Vibration war zu merken, daß der Lift noch arbeitete, ein sanfter Ruck, ein Augenblick des Stillstands... wieder Bewegung, aber in welcher Richtung? War es die Dunkelheit, die den Gleichgewichtssinn verwirrte, ungewöhnliche Eindrücke vorspiegelte? Daniel war sicher, daß er sich nicht mehr in einer Ebene bewegte, aber auch nicht abwärts, obwohl die Empfindung jener eines Sinkens nahe kam. Er hatte das Gefühl, daß der Boden unter seinen Füßen schwankte, er verlor die Orientierung, war nicht sicher, ob er noch aufrecht stand, tastete nach den Kabinenwänden, um sich zu vergewissern, daß er nicht frei im Raum schwebte, fand Halt, lauschte in die Finsternis hinein, empfand die Vibration der Fahrt als einzigen reellen Vorgang, glaubte, sich im Kreise zu drehen und zugleich zu kippen.