Выбрать главу

Die Kabine hielt... das Schleifen der Tür. Nach wie vor Dunkelheit. Er trat an die Türöffnung, hielt sich am Rahmen fest, fühlte mit dem Fuß vor, glitt ab, trat ins Leere. Das Geräusch hell, leise nachhallend... die Ahnung eines großen Raums. Eine Hand am Türrahmen, eine nach vorn gestreckt – eine Strebe. Der Tasteindruck glatt, trocken, weder kühl noch warm. Die Finger strichen darüber hinweg, Zentimeter um Zentimeter. Eine Quersprosse.

Daniel zog sich wieder in die Kabine zurück. Er suchte in seiner Tasche nach einem entbehrlichen Gegenstand, fand den Magnetschreiber. Er hockte sich auf den Boden... hier die Schwelle, einige Zentimeter weiter nichts mehr. Er schob den Stift über die Kante. Er fiel, prallte auf, kollerte... Stille... Aufprall... Kollern... Er horchte... nichts, absolute Stille. Er starrte ins Dunkel – kleine Punktreihen, eine Halluzination? Es hatte den Anschein. Ein Punktraster, einen Atemzug lang ruhig, dann zurückgleitend... Ein zweiter, über dem andern, kurze Zeit zusammenlaufend, dann wieder schräg verwinkelt.

Was war das?

Daniel schloß die Augen, öffnete sie wieder. Die Punkte waren wieder da, jetzt etwas heller, seine Augen hatten sich akkommodiert. Wenn er noch ein wenig wartete... Seine Aufregung verebbte, das Herz schlug wieder ruhig. Er zwang sich zu tiefen Atemzügen... konzentrierte sich. Es gelang ihm, die Punktraster zur Deckung zu bringen. Jetzt sah er ein räumliches Netz, eine regelmäßige Anordnung, das Gitter des Graphits, Waben aus Sternen, Schatten dazwischen.

Er wartete und sah noch mehr. Die blassen Punkte blieben, bildeten ein festes Gefüge. Sie schimmerten so schwach, daß sie die Umgebung nicht beleuchteten, doch die Gegenstände schoben sich als schwarze Abgründe vor das schwebende Punktmuster, allmählich war es sogar möglich, zu erkennen, wie weit entfernt sie waren – je nachdem, welche Schicht verdeckt war und welche nicht. Und schließlich, nach 15 Minuten, war sogar ein Widerschein der Lichter auf den Streben erkennbar, ein diffuses Blinken auf glatten undurchsichtigen Oberflächen, und die Streben erwiesen sich als eine Art Gerüst, Stangen, um 60 oder 120 Grad gegeneinander geneigt, in den Gabelpunkten die Lichtflecke, senkrechte Stützen, die zur nächsten Schicht führten.

Es war angenehm warm hier, ein schwacher Luftzug kam von unten. Es war auch nicht mehr absolut still. Jetzt, da sich Daniels Ohren an die Stille gewöhnt hatten, hörte er ein Knistern, das aus allen Richtungen kam. Er kniete nieder, griff an die Stange, die quer vor der Kabinentür dahinlief, rüttelte daran – sie ließ sich weder bewegen noch biegen. Er stand wieder auf, streckte einen Fuß vor, verlagerte das Gewicht nach vorn... Das Gerüst war fest, ließ sich als Leiter benützen. Er zog seine Schuhe aus, die ihm beim Klettern hinderlich waren, stemmte sie zwischen die Kabinenwand und den Gleitrahmen der Tür. Nun war sein Fahrzeug fest verankert. Vorsichtig schob er sich hinaus, über den Abgrund, kletterte abwärts. Nach einigen Metern erreichte er eine Ebene, in der er die Konturen von Gegenständen erkannt hatte. Aus der Nähe erwiesen sie sich als Ausläufer einer dunklen Masse im Hintergrund, Äste, vielfach verzweigt, Auswüchse, Brücken bildend, mit flachen Enden, zylindrischen Verdickungen, Kugeln mit strahlenförmig abführenden Leitungen.

Hier war das Knistern lauter. Es kam von der Peripherie des Astgewirrs, von der vordersten Front... Anzeichen von Bewegung – ein Lichtpunkt verschwand, ein anderer tauchte aus dem Nichts. Daniel konzentrierte sich auf eine Stelle; einige moosartige Verzweigungen, blinkende Kügelchen an den Enden... Jetzt sah er es: die Zweige wuchsen, die Nadeln streckten sich wie Fühlorgane, Tröpfchen zitterten an den Spitzen. Die dünnen Nadeln wuchsen ruckweise – ein paar Millimeter in der Sekunde. Aber auch die dicken Fortsätze verlängerten sich, wenn auch langsamer, kaum merklich. Eine matte Spiegelung an ihren flachen Enden, eine benetzende Flüssigkeit? Daniel beugte sich vor und legte einen Finger daran... er verursachte einen Schauer knisternder Geräusche. Er hatte einen schwachen, elektrischen Schlag gefühlt – stand die Masse unter Spannung?

Jetzt konnte er schon leidlich sehen, obwohl das Licht außerordentlich schwach war. Seine Helligkeit schwankte – Quantenrauschen? Über sich sah er den dunklen Schatten der Kabine. Sie hing an zwei Schienen, nicht dicker als die Gitterstreben. Unter der Kabine waren die Schienen zu Ende, hörten unvermittelt auf.

Daniel fühlte sich jetzt sicherer, hatte keine Angst mehr, sich zu verirren oder abzustürzen. Er kletterte seitwärts, stets darauf bedacht, sich mit den Beinen abzustützen, näherte sich der verschatteten Masse, dem Ursprung der gewächsartigen Ausläufer. Soviel zu erkennen war, erschien sie kompakt, nicht mehr ein Geflecht, sondern massiv, da und dort eingekerbt, durchlöchert, aber in sich geschlossen. Hier waren keine Bewegungen, keine Geräusche zu konstatieren; der Wachstumsprozeß war beendet oder stand still. Wieder riskierte es Daniel, die Hand daran zu legen: Es war feste Materie. Er empfand keinen Schlag. Als er zuerst leicht, dann fester drückte, gelang es ihm nicht, auch nur ein kleines Stück abzubrechen. Das Material hatte die Härte von Korund.

Einige Zeit verwendete er darauf, den Umfang des Gebildes zu ermitteln, doch stellte sich heraus, daß ihm das unter den gegebenen Umständen unmöglich war. Immerhin: Das Aggregat war riesig, es wuchs aus der Tiefe des Raums; was er hier sah, schien nur ein kleiner Teil des Ganzen zu sein, weiter hinten ballte es sich zusammen wie eine Wolke, ein Universum, es war kein Ende abzusehen.

Daniel stieg das Raumgitter empor, mit Händen und bloßen Füßen nach den Streben tastend, erreichte die Kabine, entfernte die Schuhe aus dem Schlitz, zog sie langsam an, noch befangen vom Unerklärlichen, das ihn umgab. Dann drückte er die Taste – auf gut Glück, denn um die Ziffern zu erkennen, reichte das Licht nicht aus. Er achtete nur darauf, nicht wieder die ›1‹-Taste zu berühren. Er spürte den Ruck des Anfahrens, sah weißglimmende Punktraster an sich vorübergleiten... Die Kabine hielt... wieder ein Ruck, eine Lichtflut überschwemmte ihn, schmerzhaft grell, zwang ihn, die Augen zu schließen... Als er sie nach einigen vergeblichen Versuchen wieder zu öffnen vermochte, sah er als erstes das Vorübergleiten der Leuchtziffern – er befand sich wieder im bewohnten Teil. Als die Kabine schließlich hielt, kümmerte er sich nicht darum, wo er angekommen war, sondern stieg aus und ging zu Fuß in sein Appartement.

*

Der nächste Tag. Nun war es schon nichts Neues mehr, aufzuwachen und sich seines Aufenthalts in der Zentrale bewußt zu werden. Ein Ablauf nach Routine – Schaltgriffe, Gedankenbefehle – Bad, Massage, Bestrahlung, Frühstück.

Einen Arbeitsplatz zu haben. Auch von den Appartements aus bestand Zugang zu den Speichern, zu den Programmen, hatte auch schon in der Außenwelt bestanden, aber wer hätte daran gedacht, etwas anderes abzurufen als Spiele, Wettkämpfe, Krimis, Phantastics, Mysteries, Musicals. Jetzt lernte er, was aus dem System alles herauszuholen war, wie man es einsetzte, wie man auf ihm spielte, sich seiner bediente. Die einfachen Abrufbefehle waren jedem geläufig, und damit konnte man beliebige Daten, Demonstrationen und Lehrprogramme erhalten – auch das Programm zur Bedienung der Anlage. Schon die ersten beiden Lektionen eröffneten eine Fülle von Möglichkeiten, reizten an, die Apparatur auf die Probe zu stellen, ihre Fähigkeiten auszuloten.