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Daniel ließ sich die dritte Lektion einspielen, machte eine kurze Pause, dann die vierte. Danach war er erschöpft und ging zur Reanimation. Er hatte ein kurzes Gespräch mit Maud, lehnte ihre Einladung ab, mit ihr zu schlafen, und rief die fünfte Lektion ab.

Als er sich wenig später aufmachte, um den nächsten Erholungsraum zu suchen, lief ihm Larry in den Weg und erbot sich, ihn hinzuführen. »Hier, gleich um die Ecke, ist eine kleine Bar mit Lichtspielen und Musik. Wenn Sie aber etwas Besonderes erleben wollen, dann kommen Sie mit!« Sie fuhren ein Stück mit dem Lift, die meiste Zeit aufwärts, und kamen in eine große Halle, in der, locker verteilt, Stühle mit Tischen und Zapfsäulen standen. Dämmriges Licht: die Decke durchsichtig, man sah in ein klares grünes Leuchten hinein, in dem Schwärme silberner Kugeln spielten.

»Waren Sie schon hier?« fragte Larry. »Die oberste Etage. Über uns das Meer. Die einzige Stelle, von der es einen Ausblick gibt.«

Sie suchten einen freien Platz, setzten sich, tranken Bier-blau.

Larry deutete nach oben.

»Die silbernen Kugeln sind Gasblasen. Ich weiß nicht, woher sie kommen«, meinte er. »Vielleicht Abfallprodukte der Versorgung. Gase, die in Meerwasser gelöst sind und bei der Trinkwassergewinnung ausgeschieden werden. Entsalztes Wasser; hier besteht keine Notwendigkeit zur Wiedergewinnung wie bei den Nahrungsmitteln.«

»Von außen wird nichts angeliefert?«

»Nein, das Zentrum ist völlig unabhängig. Die einzige materielle Verbindung ist die Fähre – und sie bringt nur Menschen. Und auch nur so viele, daß ihre Zahl hier unten gleich bleibt. Wir sind hier auf jede erdenkliche Weise autonom – und das muß so sein, denn die Menschheit ist auf das Funktionieren der Zentrale angewiesen.«

»Kommt es vor, daß jemand zurückkehrt – nach außen?«

»Nein. Wozu auch. Hier steht alles zur Verfügung, was außen zur Verfügung steht, und mehr.«

»Doch die Bewegungsfreiheit ist eingeschränkt.«

»Was gibt es schon für Gründe, sein Appartement zu verlassen? Das Kommunikationssystem reicht überallhin. Persönlich irgendwohin zu fahren, wäre völlig sinnlos, außerdem unbequem und riskant. Wenn Zugang zu jeder Information besteht, sind Ortsveränderungen überflüssig. Die Projektionen sind so gut wie die Wirklichkeit selbst. Wer will, kann auch weitere Sinneskanäle anschließen – Geschmack, Geruch, Tastgefühl, Temperaturempfindung, natürlich im Rahmen des Unschädlichen. Wer macht schon davon Gebrauch? Die Informationen sind gespeichert, abrufbar. Bei allen Bändern – mit Ausnahme der unvollkommenen aus historischer Zeit – sind alle Spuren belegt. Der vollkommene Eindruck ist prinzipiell zugänglich.«

»Aber nur mittelbar«, warf Daniel ein.

Larry lehnte sich zurück und blickte in das grüne Weben an der Decke.

»Was ist unmittelbar, was ist mittelbar? Hier oben«, er hob die Hand, »haben wir ein Stück Realität. Überdenken Sie es genauer, so trennt uns davon weit mehr als eine Kunststoffwand. Genau genommen sind wir alle isoliert, tragen die ganze Mannigfaltigkeit der Welt in uns. Es sind nur physikalische Prozesse, die uns Daten liefern. Sie werden gefiltert, verrechnet. Daraus entstehen Bilder. Was spielt es für eine Rolle, ob man an Ort und Stelle ist oder einige Erddurchmesser davon entfernt? Nicht mehr, als in jenen Sekundenbruchteilen liegt, die die Signale brauchen, um uns zu erreichen. Der Zugriff zur Welt führt nicht über jene Orte, die man körperlich erreichen kann; das wären armselig wenige. Er führt über das Datennetz. Die Ausgabegeräte jedes einzelnen Appartements sind der Schlüssel zur ganzen Welt.«

Der prickelnde Geschmack des blauen Getränks wirkte angenehm belebend. Es enthielt Ingredienzien, die das weltoffene Interesse bestärkten, die Bereitschaft zum Gedankenaustausch, zum Zuhören und Sichmitteilen. Sie kräftigten das Selbstbewußtsein, den Glauben an die eigene Intelligenz, den Hang zum Philosophieren. Und neben den positiven Folgen, welche die Unterdrückung jeder Hemmung mit sich bringt, die Aktivierung des Kommunikationsbedürfnisses, hatten sie die üblichen negativen Konsequenzen – die Ausschaltung von Kontrollmechanismen, der Sicherung gegen Selbstüberschätzung, des Kritikvermögens. Banales wurde bedeutend, Dahingesagtes bekam einen genialen Anstrich.

»Zur Freiheit gehört auch die Möglichkeit des Eingriffs«, sagte Daniel.

»... soweit nicht die Freiheit anderer beeinträchtigt wird. Diese Möglichkeit besteht. Wollen Sie die Welt verändern – Sie brauchen nur die Befehle zu geben. Direkte oder indirekte, bedingte oder unbedingte, einfache oder komplizierte. Sie können die Aktionen vorschreiben oder Freiheiten offen lassen.«

»Diese Eingriffe betreffen aber keine wirklich entscheidenden Punkte. So ist es beispielsweise nicht möglich, an die Versorgungseinheiten heranzukommen, den medizinischen Dienst zu beeinflussen, das Nachrichtennetz zu verändern.«

»Das sind keine Punkte, in denen sinnvolle Veränderungen möglich wären. Diese Systeme vollziehen Routineaufgaben, um die man sich glücklicherweise nicht zu kümmern braucht. Es wäre unvorstellbar, müßte man für Atemluft sorgen, für Trinkwasser, für Nahrung, müßte man darüber nachdenken, wie die Heizung funktioniert oder die Ventilation, hätte man damit zu tun, die Appartements zu säubern oder das Mobiliar herbeizuschaffen. Diese Vorgänge sind längst optimiert und somit nicht mehr veränderlich. Darüber können wir glücklich sein! Ein schrecklicher Gedanke, jemand würde mit der Versorgung experimentieren! Eine Welt, in der Dinge, die man braucht und wünscht, sich nicht abrufen lassen – einfach absurd!«

Beide lachten und griffen wieder zu ihren Gläsern. Stillschweigend waren sie übereingekommen, weiterzutrinken – solange, bis das im Getränk enthaltene Anästhetikum zur süßen Ohnmacht führen würde, genau dann, wenn die Stimmung den Höhepunkt erreichte und weiterer Genuß zu Schäden führen könnte.

»Wäre es nicht denkbar, daß durch irgendeine Katastrophe das System zusammenbricht? Was würde mit den Menschen geschehen? Würden sie weiterleben?«

»Vielleicht würden sie kleinere Störungen überleben – kleine Störungen beheben sich selbst. Das System ist homöostatisch. Ein richtiger Zusammenbruch? Keine Versorgung mehr? Dann wären wir verloren – die Existenz kohlenstofforganischer Wesen ist an tausend Voraussetzungen geknüpft, unsere Struktur ist labil. Aber Sie wissen ja, wir befinden uns in einem Übergangsstadium – nach und nach wird unsere jetzige, überholte Erscheinungsform verschwinden. Sie hat nur soviel Wert, als sie die initiale Phase der Evolution ermöglicht, den Übergang von einfachen zu hochkomplexen Ordnungen. Das sind die Probleme, an denen wir jetzt arbeiten.«

»Haben wir wirklich eine konkrete Aufgabe? Benedikt meinte, wir befänden uns in einem Irrenhaus.«

Sie lachten wieder und erhoben die Gläser. Es war ein herrliches Spiel, Fragen aufzuwerfen, einen Punkt im glasklaren Schema der Zusammenhänge aufzugreifen und schon zu wissen, daß es qualvoll andauernde Ungewißheit nie geben würde, daß man nur der souverän beherrschten Logik folgen, das umfassende Wissen einsetzen mußte, um die Lösung zwingend abzuleiten.

»Ich kenne die Zweifel Benedikts. Er glaubt noch an die Eindeutigkeit unserer Existenz, verlangt absolute Beweise. Daher fällt er von einem Extrem ins andere. Natürlich hat er nicht unrecht, aber er urteilt einseitig. Gewiß sind wir alle abnormal, aber jeder, der sich anschickt, eine weitere Stufe in der Evolution zu überwinden, ist abnormal. Nun ist uns aber kein Weg vorgezeichnet, sondern wir sind noch dabei, ihn zu suchen. Somit läßt sich nichts darüber aussagen, welche Abweichung die Ausgangsbasis für höhere Stufen sein wird. Natürlich ist hier ein Sammelbecken von Monstren, aber gerade darin liegt unsere Potenz. Ich bin überzeugt, daß das der einzige Gesichtspunkt ist, nach dem wir ausgewählt wurden.«

»Seit wann sind Sie hier? Sind Sie tatsächlich schon mit Problemen unserer weiteren Entwicklung beschäftigt? Ich wollte, ich wäre auch schon so weit!«