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»Hatte Miß Parker viele Besucher, Wally?« Walter kratzte sich gemächlich den Kopf. »Nun, das ist schwer zu sagen, Mr. Moretti. Ich sah sie eigentlich nur, wenn sie hereinkam oder hinausging.«

»Haben manchmal Männer die Nacht in ihrer Wohnung verbracht?«

»O nein, Sir.«

Eine Welle der Erleichterung durchflutete Michael. Also war alles viel Lärm um nichts gewesen. Er hatte die ganze Zeit gewußt, daß Jennifer niemals...

»Ihr Freund hätte ja auftauchen und sie erwischen können.« Michael glaubte, nicht richtig gehört zu haben. »Ihr Freund?«

»Ja. Dieser Bursche, mit dem Miß Parker in der Wohnung gelebt hat.«

Die Worte trafen Michael wie ein Vorschlaghammer. Er verlor die Beherrschung. Er packte Walter Kawolski an den Aufschlägen und riß ihn hoch. »Du dämlicher Arschficker! Ich habe dich gefragt, ob... wie hieß er?«

Der kleine Mann wurde von Entsetzen geschüttelt. »Ich weiß nicht, Mr. Moretti. Ich schwöre bei Gott, ich weiß es nicht.«

Michael stieß ihn weg. Er hob die Zeitung auf und hielt sie unter Kawolskis Nase.

Kawolski blickte auf das Foto von Adam Warner und sagte aufgeregt: »Das ist er. Das ist ihr Freund.« Und Michael fühlte seine Welt auseinanderbrechen. Jennifer hatte ihn die ganze Zeit belogen; sie hatte ihn mit Adam Warner betrogen! Hinter seinem Rücken waren die beiden herumgeschlichen, hatten sich gegen ihn verschworen und einen Idioten aus ihm gemacht. Sie hatte ihm Hörner aufgesetzt.

Wie reißende Ströme stiegen Gedanken an Rache in Michael Moretti auf, und er wußte, daß er sie beide töten würde.

54

Jennifer flog über London nach Singapur. In Bahrain hatte sie einen zweistündigen Aufenthalt. Der fast neue Flughafen des Ölemirats war bereits ein Slum geworden. Männer, Frauen und Kinder in den Kleidern der Eingeborenen schliefen auf Fluren und Bänken. Vor dem Spirituosenstand des Flugplatzes war ein Schild mit der Warnung angebracht, daß jeder, der in der Öffentlichkeit trank, ins Gefängnis gesteckt würde. Die Atmosphäre wirkte feindselig, und Jennifer war erleichtert, als ihr Flug aufgerufen wurde.

Die Boeing 747 landete um vier Uhr vierzig auf dem ChangiFlughafen von Singapur. Der Flugplatz war brandneu, vierzehn Meilen vom Zentrum der Stadt entfernt. Er hatte den alten International Airport ersetzt, und als das Flugzeug die Landebahn entlangrollte, konnte Jennifer sehen, daß noch immer gebaut wurde.

Das Zollgebäude war riesig, luftig und modern. Zur Bequemlichkeit der Passagiere gab es Reihen von Gepäckwagen. Die Zollbeamten waren tüchtig und höflich. Jennifer war bereits nach fünfzehn Minuten abgefertigt und auf dem Weg zum Taxistand.

Hinter dem Ausgang näherte sich ihr ein kräftiger Chinese mittleren Alters. »Miß Jennifer Parker?«

»Ja.«

»Ich bin Chu Ling.« Morettis Kontaktmann in Singapur. »Ich bin mit dem Wagen da.«

Chu Ling ließ Jennifers Gepäck in den Kofferraum seiner Limousine laden, und einige Minuten später waren sie bereits auf dem Weg in die City.

»Hatten Sie einen angenehmen Flug?« fragte Chu Ling. »Ja, danke.« Aber Jennifers Gedanken waren bei Stefan Bjork. Als hätte er ihre Gedanken gelesen, nickte Chu Ling zu einem Gebäude vor ihnen. »Das ist das Changi-Gefängnis. Bjork befindet sich dort.«

Jennifer betrachtete es aufmerksam. Das Gefängnis war ein mächtiges Gebäude jenseits der Straße, umgeben von einem grünen Zaun und elektrisch geladenem Stacheldraht. An jeder Ecke erhob sich ein mit bewaffneten Posten bestückter Wachturm, und der Eingang wurde von einem weiteren Stacheldrahtverhau und noch mehr Wachen am Tor blockiert. »Während des Krieges wurden hier alle Briten, die sich im Land aufhielten, interniert«, erklärte Chu Ling. »Wann kann ich Bjork sehen?«

Chu Ling antwortete vorsichtig: »Die Lage ist äußerst delikat, Mrs. Parker. Die Regierung ahndet den Gebrauch von Drogen mit außerordentlicher Härte. Sogar Leute, die zum erstenmal straffällig werden, können auf eine gnadenlose Behandlung rechnen. Wenn jemand aber mit Drogen handelt...« Chu Ling zuckte ausdruckslos mit den Schultern. »Singapur wird von einigen wenigen, sehr mächtigen Familien beherrscht. Der Familie Shaw, C. K. Tang, Tan Chin Tuan und dem Premierminister. Diese Sippen kontrollieren Wirtschaft und Finanzen von Singapur. Sie wollen hier keine Drogen.«

»Wir müssen hier doch einige Freunde mit Einfluß haben.«

»Es gibt einen Polizeiinspektor, David Touh - ein sehr vernünftiger Mann.«

Jennifer fragte sich, wieviel dieses »vernünftig« sie kosten würde, sprach aber nicht mit Chu Ling darüber. Später würde noch Zeit genug sein. Sie lehnte sich zurück und betrachtete die Gegend. Sie fuhren jetzt durch die Vororte von Singapur. Überall erstreckten sich weitflächige Grünanlagen, betupft mit blühenden Blumen. Zu beiden Seiten der MacPherson Road lagen moderne Einkaufscenter neben alten Heiligtümern und Pagoden. Einige der Fußgänger trugen Turbane und einheimische Trachten, andere waren nach der neuesten westlichen Mode gekleidet. Die Stadt war eine farbenprächtige Mischung aus der historischen Kultur des Landes und einer modernen Metropolis. Die Einkaufscenter wirkten neu und geradezu fleckenlos sauber. Als Jennifer eine Bemerkung darüber machte, lächelte Chu Ling. »Dafür gibt es eine ganz einfache Erklärung. Auf Umweltverschmutzung steht eine Geldbuße von mindestens fünfhundert Dollar, und sie wird auch rigoros verhängt.«

Der Wagen bog in die Stevens Road, und Jennifer erblickte ein schönes, völlig von Bäumen und Blumen eingefaßtes Gebäude auf einem Hügel. »Das ist das Shangri- La, Ihr Hotel.«

Das Foyer war riesig, schneeweiß, peinlich sauber und bestand hauptsächlich aus Marmorsäulen und Glas. Während Jennifer sich eintrug, sagte Chu Ling: »Inspektor Touh wird sich mit Ihnen in Verbindung setzen.« Er gab ihr seine Karte. »Unter dieser Nummer können Sie mich stets erreichen.«

Ein lächelnder Page bemächtigte sich Jennifers Gepäck und führte sie durch die Halle zum Lift. Jennifer bemerkte einen überwältigenden Garten unter einem Wasserfall und einen Swimmingpool. Das Shangri-La war das atemberaubendste Hotel, das sie je gesehen hatte. Ihre Suite im zweiten Stock bestand aus einem großen Wohnzimmer, einem Schlafzimmer und einer Terrasse, die auf einen farbenprächtigen See aus roten und weißen Blumen, purpurner Bougainvillea und kokosnußbehangenen Palmen ging. Als befände man sich mitten in einem Gauguin-Gemälde, dachte Jennifer. Eine leichte Brise bauschte die Vorhänge. Es war ein Tag, wie Joshua ihn liebte. Können wir heute nachmittag segeln gehen, Mama? Hör mit dem Unsinn auf, schalt Jennifer sich selbst. Sie ging zum Telefon. »Ich möchte ein Gespräch in die Vereinigten Staaten anmelden, nach New York City. Der Teilnehmer ist Michael Moretti.« Sie nannte seine Telefonnummer. Die Telefonistin sagte: »Es tut mir außerordentlich leid. Alle Leitungen sind belegt. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.«

»Ich danke Ihnen.«

Im Erdgeschoß blickte die Telefonistin einen Mann neben dem Schaltbrett fragend an. Der Mann nickte beifällig. »Gut«, sagte er. »Sehr gut.«

Der Anruf von Inspektor Touh erfolgte eine Stunde, nachdem Jennifer sich eingetragen hatte. »Miß Jennifer Parker?«

»Am Apparat.«

»Hier spricht Inspektor David Touh.« Er hatte einen schwachen, undefinierbaren Akzent.

»Ich habe Ihren Anruf erwartet. Ich bin hier, um mit...« Der Inspektor unterbrach sie. »Ich frage mich, ob Sie mir heute abend beim Essen das Vergnügen Ihrer Gesellschaft bereiten würden.«

Eine Warnung. Er hatte wahrscheinlich Angst, daß das Telefon abgehört wurde. »Ich wäre sehr erfreut.«