»Hören sie das Kommando ihres Obersten? Doch seht, seht!« rief der König, indem er sein Pferd mit einem Ruck zügelte, so daß es die Kniekehlen einbog, und den Zügel von Athos' Pferd ergriff. «Ha, ihr Feigen, ihr Elenden, ihr Verräter!« rief Lord Winter, dessen Stimme man hörte, während sich seine Mannschaft auflöste und in der Ebene zerstreute. Kaum fünfzehn Mann waren noch um ihn her gruppiert und erwarteten den Angriff der Kürassiere Cromwells. »Laßt uns sterben mit ihnen!« rief der König. »Laßt uns sterben!« wiederholten Athos und Aramis. »Zu mir die getreuen Herzen!« schrie Lord Winter. Dieser Ruf hallte bis zu den zwei Freunden, die im Galopp fortsprengten. »Keinen Pardon!« rief auf französisch eine Stimme, Lord Winters Ruf antwortend, und erschütterte alle. Was Lord Winter betrifft, so blieb er bei dein Tone dieser Stimme blaß und wie versteinert. Das war die Stimme eines Reiters, der einen herrlichen Rappen ritt und an der Spitze des englischen Regiments angriff, dem er in seiner Glut um zehn Schritt voransprengte. »Er ist es,« murmelte Lord Winter mit stieren Augen, während er sein Schwert zur Seite niederhängen ließ. »Der König, der König!« riefen mehrere Stimmen, berückt durch das blaue Band und das isabellfarbige Pferd Lord Winters - «nehmt ihn lebendig gefangen!«
»Nein, es ist der König nicht!« rief der Reiter, »laßt Euch nicht täuschen; nicht wahr, Lord Winter, Ihr seid nicht der König, nicht wahr, Ihr seid mein Oheim?« Zu gleicher Zeit richtete Mordaunt - denn er war es - seine Pistole auf Lord Winter. Der Schuß ging los, und die Kugel durchbohrte die Brust des alten Edelmannes, der im Sattel emporsprang und in Athos' Arme zurücksank, stammelnd: »Der Rächer!«
»Gedenke meiner Mutter!« heulte Mordaunt, während er, von dem wilden Galopp seines Pferdes fortgerissen, hinwegsprengte. »Schändlicher!« rief Aramis, indem er, als er dicht bei ihm vorüberkam, eine Pistole auf ihn abdrückte; doch brannte nur das Pulver auf der Pfanne ab, der Schuß ging nicht los. In diesem Momente stürzte sich das ganze Regiment auf die wenigen Männer, welche standgehalten hatten, und die beiden Franzosen wurden umzingelt und ins Gedränge gebracht. Als sich Athos überzeugt hatte, daß Lord Winter tot sei, ließ er den Leichnam los, zog sein Schwert und rief: »Vorwärts, Aramis, für Frankreichs Ehre!« Die zwei Engländer, welche den beiden Edelleuten zunächst waren, stürzten beide tödlich verwundet nieder. In diesem Momente erschallte ein furchtbares Hurra, und dreißig Klingen blitzten über ihren Köpfen. Auf einmal stürzte ein Mann mitten aus den englischen Reihen, die er niederwarf, ritt auf Athos zu, umschlang ihn mit seinen kräftigen Armen, entwand ihm das Schwert und flüsterte ihm zu: »Still, ergebt Euch, Euch mir ergeben, heißt nicht sich ergeben.« Ein Riese hatte ebenfalls Aramis an den Händen erfaßt, der sich vergeblich dem furchtbaren Druck zu entziehen bemühte, und indem er ihn fest anstarrte, rief er: »Ergebt Euch!« Aramis erhob den Kopf, Athos wandte sich um. D'Art ...« rief Athos, allein der Gascogner versperrte ihm mit der Hand den Mund. »Ich ergebe mich,« sprach Aramis und reichte Porthos sein Schwert. »Feuer, Feuer!« schrie Mordaunt, zu der Gruppe zurückkehrend, worin sich die zwei Freunde befanden. »Warum Feuer?« fragte der Oberst, »da sie sich alle ergeben haben?«
»Das ist Myladys Sohn,« sagte Athos zu d'Artagnan. »Ich habe ihn schon erkannt.«
»Das ist jener Mönch,« sprach Porthos zu Aramis. »Ich weiß das.« Zugleich fingen die Reihen an sich zu öffnen. D'Artagnan hielt den Zügel von Athos' Pferd, Porthos den von Armins' Pferd. Jeder von ihnen war bemüht, seinen Gefangenen weit von dem Wahlplatz zu entfernen. Durch diese Bewegung wurde die Stelle frei, wo Lord Winters Leiche gefallen war. Mordaunt fand sie mit dem Instinkte des Hasses wieder, und betrachtete sie, über sein Pferd geneigt, mit einem häßlichen Lächeln. Wie ruhig auch Athos war, so griff er doch an seine Halftern, worin seine Pistolen noch waren. »Was tut Ihr?« fragte d'Artagnan. »Laßt mich ihn totschießen.«
»Keine Miene, welche verraten könnte, daß Ihr mich kennt, oder wir sind alle vier verloren.« Dann wandte er sich gegen den jungen Mann und rief: «Eine gute Beute, Freund Mordaunt, eine gute Beute; ich und Herr du Ballon haben jeder unsern Mann! Ritter des Hosenbandordens, nichts weiter! -«
»Jedoch,« rief Mordaunt, blutgierige Blicke auf Athos und Aramis schleudernd, »mich dünkt, daß es Franzosen sind?«
»Meiner Treue! das weiß ich nicht!« - »Seid Ihr Franzose, mein Herr?« fragte er Athos. »Ich bin das,« entgegnete dieser ernst. »Nun, lieber Herr, so seid Ihr der Gefangene eines Landsmannes.«
»Doch der König?« fragte Athos kummervoll, »der König?« D'Artagnan drückte seinem Gefangenen kräftig die Hand und sagte: »He, wir haben den König!«
»Ja,« versetzte Aramis, »durch schimpflichen Verrat.« Porthos preßte die Faust seines Freundes und sprach lächelnd: »O, mein Herr, man führt den Krieg ebensogut mit List wie mit Gewalt; da seht nur!« In diesem Momente sah man wirklich die Eskadron, welche Karls Rückzug decken sollte, dem englischen Regiment entgegenrücken, wo sie den König umzingelten, der allein und zu Fuße einen weiten leeren Raum durchschritt. Dem Anscheine nach war der Fürst ruhig, doch sah man, was er leiden mußte, um ruhig zu erscheinen; es rann ihm der Schweiß von der Stirn, er trocknete sich diese und die Lippen mit einem Taschentuche ab, und so oft er dasselbe vom Munde wegnahm, war es mit Blut befleckt. »Da ist der Rabuchodonosor, « lief ein Kürassier Cromwells aus, ein alter Puritaner, dem die Augen bei dem Anblicke desjenigen flammten, den man einen Tyrannen nannte. »Was sagt Ihr da, Rabuchodonosor?« fragte Mordaunt mit entsetzlichem Grinsen. »Nein, es ist König Karl I.« Karl erhob die Augen nach dem Unverschämten, der da eben höhnend sprach, doch kannte er ihn nicht. Indes zwang die ruhige und erhabene Majestät seines Gesichtes Mordaunt, die Augen zu senken. »Guten Tag, meine Herren,« sprach der König zu den zwei Kavalieren, welche er, den einen in d'Artagnans, den andern in Porthos' Händen erblickte. - »Der Tag war unglücklich, allein das war, Gott sei Dank, nicht Eure Schuld. Wo ist mein alter Winter?« Die beiden Kavaliere wandten den Kopf ab und schwiegen. »Suche, wo Straffort ist,« sprach Mordaunt mit schneidender Stimme. Karl war erschüttert, der Teufel hatte ihn richtig getroffen; Straffort war sein ewiger Gewissensbiß, der Schemen seiner Tage, das Gespenst seiner Nächte. Der König starrte um sich und erblickte einen Leichnam zu seinen Füßen. Es war der Lord Winters. Karl erhob keinen Schrei und vergoß keine Träne, doch verbreitete sich eine noch stärkere Todesblässe über sein Antlitz; er setze ein Knie auf die Erde, hob den Kopf von Lord Winter empor, küßte ihn auf die Stirne, nahm ihm das Band des heiligen Geistordens wieder ab, das er ihm um den Nacken gehängt hatte, und befestigte es auf seiner Brust mit andächtiger Gebärde. »Lord Winter ist also gefallen?« fragte d'Artagnan und starrte auf den Leichnam nieder. »Ja,« entgegnete Athos, »sein Neffe hat ihn getötet.«