»Gut; allein wißt Ihr, wo wir ihm seine Revanche geben?«
»Nein.«
»Bei dem Könige.«
»Bei dem Könige!« rief Athos.
»Ja, meine Herren, bei dem Könige. Herr Groslow versieht diesen Abend bei dem Könige die Wache, und um sich dabei zu zerstreuen, ladet er uns ein, ihm Gesellschaft zu leisten.«
»Alle vier?« fragte Athos.
»Bei Gott, allerdings alle vier; verlassen wir etwa unsere Gefangenen?«
»Ah, ah!« rief Aramis.
»Sagt an,« sprach Athos beklommen.
»Nun, wir gehen zu Groslow, wir mit unsern Schwertern, Ihr mit Dolchen; wir vier bewältigen die acht Albernen und ihren einfältigen Kommandanten. Was sagt Ihr dazu, Herr Porthos?«
»Ich sage, das ist ganz leicht,« erwiderte Porthos. »Wir verkleiden den König als Groslow; Mousqueton, Grimaud und Blaifois halten uns an der Ecke der nächsten Straße die Pferde bereit, wir setzen uns auf, und vor Tagesanbruch sind wir zwanzig Meilen weit. Hm, Athos, ist das ungesponnen?« Athos legte seine beiden Hände auf die Schultern d'Artagnans, blickte ihn mit seinem ruhigen und freundlichen Lächeln an und sprach: »Freund, ich erkläre, es gibt unter der Sonne kein Geschöpf, welches Euch an Adel und an Mut gliche; während wir Euch für gleichgültig übel unsere Leiden hielten, die Ihr ohne Schuld nicht teilen konntet, findet Ihr allein unter uns das, was wir fruchtlos gesucht haben. - Ich wiederhole Dir somit, d'Artagnan, du bist der Beste von uns, und ich segne und liebe dich, mein Sohn.« Porthos schlug sich vor die Stirn und rief: »Zu sagen, daß ich das nicht gefunden habe! es ist so einfach!«
»Doch,« versetzte Aramis, »wenn ich recht verstanden habe, so töten wir alle - ist es nicht so?« Athos erbebte und erblaßte.
»Potz Element!« rief d'Artagnan, »das muß wohl geschehen. Ich grübelte lange darüber nach, ob es nicht ein Mittel gäbe, der Sache auszuweichen, allein ich gestehe, daß ich keine zu ersinnen vermochte.«
»Hört,« sprach Aramis, »es handelt sich hier nicht darum, mit der Lage der Dinge zu feilschen; wie gehen wir zu Werke?«
»Ich entwarf dafür einen zwiefachen Plan,« erwiderte d'Artagnan.
»Saget uns den ersten,« sprach Aramis.
»Wenn wir alle vier beisammen sind, so habt Ihr auf mein Signal, und dieses Signal wird das Wort endlich sein, dem Euch zunächst stehenden Soldaten einen Dolch ins Herz zu stoßen, und wir tun unsererseits desgleichen: so sind für den Anfang schon vier Mann todt; die Partie wird somit gleich, da wir zu vier gegen fünf stehen; ergeben sich nun diese fünf, so werden sie geknebelt; widersetzen sie sich, so werden sie niedergemacht. Sollte zufällig unser Wirt anderen Sinnes werden, und zu seiner Spielpartie nur Porthos und mich empfangen, nun, so werden wir unsere Zuflucht zu großen Mitteln nehmen und doppelt zuschlagen; das wird ein bißchen länger währen, und ein bißchen lärmender ausfallen, allein Ihr haltet Euch außen mit Euren Schwertern bereit und stürzt auf den Lärm herbei.«
»Doch wenn man Euch selber träfe?« bemerkte Athos.
»Unmöglich,« entgegnete d'Artagnan, »diese Biertrinker sind zu schwerfällig und ungeschickt; überdies werdet Ihr an der Kehle treffen. Porthos, das tötet schnell und hindert den, welchen man tötet, am Schreien.«
»Recht hübsch,« versetzte Porthos, »das wird eine schöne Halsabschneiderei sein.«
In diesem Momente ging die Türe auf und ein Soldat trat ein, der in schlechtem Französisch sagte: »Der Herr Kapitän Groslow läßt Herrn d'Artagnan und Herrn du Vallon melden, daß er sie erwarte.«
»Wo?« fragte d'Artagnan.
»In dem Zimmer des englischen Nabuchodonosor,« antwortete der Soldat, ein eingefleischter Puritaner.
»Gut,« erwiderte Athos ganz gut englisch, während ihm bei dieser Beschimpfung das Blut zu Kopfe stieg. »Gut, meldet dem Herrn Kapitän Groslow, daß wir kommen.« Als nun der Puritaner fortgegangen war, wurde den Bedienten der Befehl erteilt, daß sie acht Pferde satteln und, ohne sich von einander zu trennen, noch abzusteigen, an der Ecke einer Straße warten sollen, die etwa zwanzig Schritte weit von dem Hause war, worin der König wohnte.
Die Partie Landsknecht
D'Artagnan und Porthos mit ihren Schwertern, und Athos und Aramis mit den im Wams verborgenen Dolchen, begaben sich nach dem Hause, welches für diesen Abend das Gefängnis von Karl Stuart war. Die zwei letzteren folgten ihren Besiegern wie Gefangene ganz gehorsam und dem Anscheine nach entwaffnet. Als sie Groslow erblickte, sprach er: »Meiner Treue, fast hätte ich nicht mehr auf Euch gerechnet.« D'Artagnan trat zu ihm und sprach ganz leise: »Mein Herr, ich und Herr du Vallon zögerten wirklich ein Weilchen lang, hierher zu kommen.«
»Warum denn?« fragte Groslow. D'Artagnan zeigte mit den Augen auf Athos und Aramis. »Ah,« versetzte Groslow, »was liegt daran? Im Gegenteil,« fügte er lachend hinzu, »wenn sie ihren Stuart sehen wollen, so mögen sie ihn anschauen.«
»Bringen wir die Nacht in dem Zimmer des Königs zu?« fragte d'Artagnan.
»Nein, jedoch im anstoßenden Zimmer, und da die Türe offen bleibt, so ist es fast so viel, als wären wir in seinem Zimmer. Seid Ihr mit Geld ausgestattet? Ich sage Euch, heute abend bin ich gewillt, ein höllisches Spiel zu spielen.«
»Hört Ihr?« entgegnete d'Artagnan und ließ das Gold in seinen Taschen klingen. » Very good!« sprach Groslow und machte die Zimmertüre auf. »Um Euch den Weg zu zeigen, meine Herren,« sagte er und ging voraus. Die acht Wächter standen auf ihren Posten; vier befanden sich im Zimmer des Königs, zwei an der Verbindungstüre und zwei an der Türe, durch welche unsere Freunde eintraten. Bei dem Anblicke der entblößten Schwerter lächelte Athos; es war also keine bloße Schlächterei mehr, sondern ein Kampf. In dem ersten Zimmer war ein Tisch zurechtgestellt und mit einem Teppich überdeckt, worauf sich zwei brennende Kerzen, Spielkarten, zwei Becher und Würfel befanden. »Ich bitte, Platz zu nehmen, meine Herren,« sprach Groslow, »ich Stuart gegenüber, den ich so gern sehe, zumal wo er ist; Ihr, Herr d'Artagnan, mir gegenüber.« Athos wurde rot vor Zorn; d'Artagnan blickte ihn mit gerunzelter Stirne an. »So ist es recht,« sprach d'Artagnan; »Ihr, Herr Graf de la Fere, rechts von Herrn Groslow; Ihr, Herr Chevalier d'Herblay, links; Ihr, du Vallon, neben mir. Ihr wettet auf mich, und jene Herren wetten auf Herrn Groslow.« Auf diese Art hatte d'Artagnan Porthos zu seiner Linken, und sprach zu ihm mit dem Knie, Athos und Aramis sich gegenüber, und fesselte sie an seinen Blick. Bei dem Namen des Grafen de la Fere und des Chevalier d'Herblay öffnete Karl die Augen wieder, richtete unwillkürlich sein edles Haupt empor und übersah mit einem Blicke die ganze Gruppe der Spieler.
»Ihr habt mich erst gefragt, ob ich bei Mitteln wäre,« sprach d'Artagnan, und legte zwanzig Pistolen auf den Tisch. »Ja,« entgegnete Groslow. »Nun denn,« fuhr d'Artagnan fort, »jetzt sage ich Euch: bewahrt Euren Schatz wohl, lieber Herr Groslow, denn ich bürge Euch dafür, wir werden dieses Zimmer nur verlassen, indem wir Euch denselben entführen.« »O,« versetzte Groslow, »das geht nicht an, ohne daß ich ihn verteidige.« »Desto besser,« entgegnete d'Artagnan. »Eine Schlacht, lieber Kapitän, eine Schlacht! Ihr wißt, oder wißt nicht, daß es das sei, was wir wollen.«»Ach ja, das weiß ich,« erwiderte Groslow und brach in sein plumpes Lachen aus. »Ihr Franzosen sucht nur Wunden und Beulen.« Karl hatte alles gehört und alles verstanden. Eine leichte Röte überzog sein Angesicht, die Soldaten, welche ihn bewachten, sahen ihn dann seine ermüdeten Glieder ein wenig ausstrecken, und unter dem Vorwande einer allzustarken Wärme, die von einem glühenden Ofen ausging, die schottische Decke zurückwerfen, unter welcher er ganz angekleidet lag. Athos und Aramis zitterten vor Freude, als sie bemerkten, daß der König angekleidet war.
Die Spielpartie begann. An diesem Abend wandte sich das Glück auf Groslows Seite; er hielt alles und gewann jedesmal. So wanderten schon hundert Pistolen von der einen Seite des Tisches zu der andern, und Groslow war närrisch vor Freude. Porthos, der die fünfzig Pistolen, die er tags vorher gewonnen, wieder verloren hatte, und dazu auch noch dreißig eigene, war sehr übler Laune, und stieß mit dem Knie an d'Artagnan, als wollte er fragen, ob es noch nicht Zeit wäre, ein anderes Spiel anzufangen; auch Athos und Aramis blickten ihn von Zeit zu Zeit mit forschenden Augen an, allein d'Artagnan verhielt sich leidenschaftslos. Es schlug zehn Uhr: man hörte die Runde vorüberziehen. »Wie viele solche Runden macht Ihr?« fragte d'Artagnan, während er neue Pistolen aus seiner Tasche hervorholte. »Fünf,« antwortete Groslow, «alle zwei Stunden eine.« »Gut,« entgegnete d'Artagnan, »das ist vorsichtig.« Jetzt warf er auch Athos und Aramis einen Blick zu. Man hörte die Tritte der Runde sich entfernen. D'Artagnan gab auf Porthos Kniestöße zum erstenmal Antwort durch einen gleichen Stoß. Angezogen von dem Reize des Spieles und durch den Anblick des Goldes, der bei allen Menschen so mächtig wirkt, hatten sich inzwischen die Soldaten, die den Befehl hatten, im Zimmer des Königs zu bleiben, nach und nach der Tür genähert, sich auf die Zehen gestellt, um über d'Artagnans und Porthos' Schultern wegzusehen, auch die von der Türe näherten sich, und unterstützten solcherart die geheimen Wünsche der vier Freunde, die sie lieber alle bei der Hand sahen, als genötigt zu werden, sie in allen vier Winkeln des Zimmers aufsuchen. Die zwei Schildwachen an der Türe hatten ihre Schwerter noch immer entblößt, nur stützten sie dieselben auf die Spitze und sahen den Spielern zu. Athos schien stets ruhiger zu werden, je näher der Moment rückte; seine weißen aristokratischen Hände spielten mit Louisdors, und bogen sie mit ebensoviel Leichtigkeit hin und her, als ob das Gold Zinn wäre; Aramis war weniger Herr über sich selbst, und griff beständig in seinen Busen. Porthos war unmutig, daß er stets verlor, und stieß ungestüm mit dem Knie. D'Artagnan wandte sich um, blickte maschinenartig hinter sich und bemerkte, wie Parry zwischen zwei Soldaten und Karl stand, der, auf seinen Ellbogen gestützt, mit gefalteten Händen ein inbrünstiges Gebet an Gott zu richten schien. D'Artagnan erkannte, der Moment sei gekommen, jeder befinde sich auf seinem Posten, und erwarte nur noch das verabredete Signal, nämlich das Wort: Endlich. Er warf Athos und Aramis einen vorbereitenden Blick zu, und beide rückten leise ihren Stuhl zurück, um die Hand frei bewegen zu können. Er versetzte Porthos mit dem Knie einen zweiten Stoß, und dieser stand auf, als wollte er seine Beine ausstrecken, nur versicherte er sich während dieser Bewegung, daß sein Schwert leicht aus der Scheide gehe.