»Potz Element,« rief d'Artagnan, »abermals zwanzig Pistolen verloren! In Wahrheit, Kapitän Groslow; Euer Glück ist zu groß, es kann nicht so anhalten.« Damit holte er zwanzig andere Pistolen aus der Tasche. »Einen letzten Versuch, Kapitän, diese zwanzig Pistolen auf einen Wurf, auf einen einzigen, auf den letzten.« »Es gilt, zwanzig Pistolen!« rief Groslow. Und wie es üblich war, schlug er zwei Karten um, für d'Artagnan einen König und für sich ein As. »Ein König,« rief d'Artagnan; »die Vorbedeutung ist gut. Meister Groslow,« fuhr er fort, »habt acht auf den König.« In d'Artagnans Stimme lag, ungeachtet seiner Selbstbeherrschung, ein so seltsamer Ton, daß sein Mitspieler darob erbebte. Groslow schlug die Karten weiter um; kam zuerst ein As, so hatte er gewonnen, kam ein König, so hatte er verloren. Er schlug einen König um. »Endlich!« rief d'Artagnan. Bei diesem Worte erhoben sich Athos und Aramis. Porthos trat nur einen Schritt zurück. Dolche und Schwerter standen im Begriffe zu blitzen - da ging plötzlich die Türe auf und Harvison trat mit einem Manne ein, der in einen Mantel gehüllt war. Hinten diesem Manne sah man die Gewehre von fünf bis sechs Soldaten funkeln; Groslow war beschämt, daß man ihn unter Wein, Karten und Würfeln überraschte, und stand hastig auf. Doch Harvison achtete nicht auf ihn, er trat, von seinem Begleiter gefolgt, in das Zimmer des Königs und sprach: »Karl Stuart, eben erhalte ich Befehl, Euch nach London zu führen, ohne bei Tag oder bei Nacht anzuhalten. Macht Euch also auf der Stelle zum Aufbruche bereit »Von wem geht dieser Befehl aus?« »Von dem General Oliver Cromwell.« »Ja,« sprach Harvison, »und hier ist Herr Mordaunt, der ihn eben selbst überbringt und beauftragt ist, ihn vollziehen zu lassen.« »Mordaunt,« murmelten die vier Freunde und blickten sich an.
D'Artagnan raffte alles Gold auf, welches er und Porthos verloren hatten, und steckte es in seine weite Tasche; hinter ihn stellten sich Athos und Aramis. Bei dieser Bewegung wandte sich Mordaunt, erkannte sie und erhob einen Schrei grimmiger Lust. »Ich fürchte, daß wir gefangen sind,« flüsterte d'Artagnan seinen Freunden zu. »Noch nicht,« erwiderte Porthos. »Oberst, Oberst!« rief Mordaunt, »lasset dieses Zimmer einschließen, Ihr seid verraten. Diese vier Franzosen sind aus Newcastle entwischt, und wollten Zweifelsohne den König entführen. Man nehme sie fest.« »O, junger Mann,« versetzte d 'Artagnan, »dieser Befehl ist leichter zu geben, als zu vollziehen.« Dann zog er sein Schwert, schlug damit ein entsetzliches Rad und fuhr fort: »Zurück, Freunde, zieht Euch zurück!« Er sprang zugleich nach der Türe, warf dort zwei Soldaten nieder, die sie bewachten, ehe sie noch Zeit hatten, ihre Gewehre zu spannen, Athos und Aramis stürzten ihm nach; Porthos bildete die Nachhut, und alle waren bereits auf der Straße, ehe die Soldaten, die Offiziere und der Oberst nur Zeit hatten, sich zu besinnen. »Feuer auf sie!« schrie Mordaunt, »Feuer!« Wirklich knallten ein paar Schüsse, hatten jedoch keine andere Wirkung, als daß sie die Flüchtlinge erhellten, die schnell um die Straßenecke bogen. Die Pferde standen an der bestimmten Stelle; die Bedienten brauchten ihren Herren nur die Zügel zuzuwerfen, und diese schwangen sich als gewandte Reiter auf die Sättel.
»Vorwärts,« rief d'Artagnan, »setzt tüchtig die Sporen ein!« So sprengten sie hinter d'Artagnan dahin, und schlugen wieder die Straße ein, welche sie bereits am Tage zurückgelegt hatten, das heißt, sie wandten sich nach Schottland. Fünfzig Schritte weit von dem letzten Haufe hielt d'Artagnan an. »Halt!« rief d'Artagnan. »Wie - halt?« versetzte Porthos, »Ihr wollt wohl sagen: in Galopp?« »Ganz und gar nicht,« erwiderte d'Artagnan, »man wird uns diesmal nachsetzen; lassen wir nur den Flecken in den Rücken kommen und sie uns nacheilen auf dem Wege nach Schottland, und sahen wir sie im Galopp vorübersprengen, so begeben wir uns auf die entgegengesetzte Straße.« Einige Schritte weit entfernt floß ein Bach, über welchen eine Brücke geschlagen war; d'Artagnan lenkte sein Pferd unter den Bogen dieser Brücke, und seine Freunde ritten ihm nach. Sie waren daselbst noch kaum zehn Minuten lang, als sie die raschen Schritte einer heransprengenden Reiterschar vernahmen. Fünf Minuten darauf brauste diese Schar über ihren Köpfen dahin, und ahnte im entferntesten nicht, daß diejenigen, welche sie suchten, nur durch die Dicke der Brückenwölbung von ihnen getrennt seien.
London
Als das Gestampfe der Pferde in der Ferne verhallt war, ging d'Artagnan wieder zum Ufer des kleinen Baches und durchmaß die Ebene, um sich womöglich über London zu orientieren. Seine drei Freunde folgten ihm schweigend nach, bis sie mit Hilfe eines großen Halbkreises die Stadt weit hinter sich gelassen hatten. Als sich d'Artagnan fern genug von dem Aufbruchsorte glaubte, um aus dem Galopp in den Trab überzugehen, sprach er: »Für diesmal halte ich alles für verloren, und das beste, was wir tun können, ist, daß wir nach Frankreich übersetzen. Athos, was sagt denn Ihr zu dem Vorschlag? findet Ihr nicht, daß er vernünftig ist? »Ja, teurer Freund,« entgegnete Athos, »doch habt Ihr unlängst ein mehr als vernünftiges, Ihr habt ein edles, hochherziges Wort ausgesprochen, als Ihr gesagt habt, daß wir hier sterben werden. Ich will Euch an Euer Wort mahnen.« »O,« versetzte Porthos, »der Tod ist nichts, und er soll uns auch nicht beängstigen, weil wir nicht wissen, was das ist; allein, der Gedanke einer Niederlage ist es, der mich martert. Nach der Wendung, welche die Dinge nehmen, ersehe ich, daß wir London, den Provinzen und ganz England eine Schlacht liefern müßten, und wahrlich, es kann zuletzt nicht ausbleiben, daß wir geschlagen werden.« »Wir müssen dieser großen Tragödie bis zum Schlusse beiwohnen,« sprach Athos, »und wie es auch sein möge, so werden wir England erst nach der Entwicklung verlassen. Aramis, seid Ihr meiner Ansicht?« »Vollkommen, lieber Graf! dann bekenne ich auch, es wäre mir nicht unlieb, Mordaunt wiederzutreffen; ich denke, wir hätten eine Rechnung mit ihm abzuschließen, und sind es nicht gewohnt, Länder zu verlassen, ohne Schulden dieser Art zu tilgen.« »Ah, das ist etwas anderes,« erwiderte d'Artagnan, »und dieser Grund scheint mir auch annehmbar. Was mich betrifft, so gestehe ich, daß ich nötigenfalls ein Jahr lang in London verweilen wollte, um den fraglichen Mordaunt wieder aufzufinden. Wir müssen uns nur bei einem vertrauenswürdigen Manne einquartieren, und so, daß wir keinen Verdacht erwecken, denn in diesem Augenblicke läßt uns Herr Cromwell zuverlässig aufsuchen, und so viel ich schließen konnte, treibt Herr Cromwell keinen Scherz. Athos, ist Euch in der ganzen Stadt ein Gasthaus bekannt, wo man ein reinliches Bett, anständiges Rostbeef und Wein findet, dem nicht Hopfen und Wachholder zugesetzt sind?« »Ich denke, Euch dienen zu können,« antwortete Athos. »Lord Winter hat uns zu einem Mann geführt, von dem er sagte, er war einst Spanier und nun ein durch die Guineen seiner Landsleute neutralisierter Engländer. Was sagt Ihr, Aramis? »Nun, mir kommt der Plan, bei Signor Perez einzukehren, ganz vernünftig vor; ich trete ihm also meinerseits bei. Wir wollen das Andenken des armen Lord Winter beschwören, den er so hoch zu verehren schien; wir wollen ihm sagen, daß wir Zeugen dessen zu sein wünschen, was da vorgeht; wir wollen jeder täglich eine Guinee bei ihm verzehren, und so glaube ich, daß wir mittels all dieser Vorsichtsmaßregeln ganz ruhig bei ihm sein können» »Aramis, Ihr vergeßt jedoch eine Vorsichtsmaßregel, welche sogar ziemlich wichtig ist.« »Welche denn?« «Auf die, die Kleider zu wechseln.« »Bah,« rief Porthos, »was sollen wir die Kleider wechseln, da es uns in diesen hier so behaglich ist?« »Damit wir nicht erkannt werden,« antwortete d'Artagnan. »Unsere Kleider haben einen Schnitt und eine fast uniformartige Farbe, die den Frenchman auf den ersten Blick erraten läßt. Da ich aber für den Schnitt meines Rockes und die Farbe meiner Beinkleider nicht derart eingenommen bin, daß ich mich ihnen zuliebe der Gefahr aussetzen wollte, in Tyburn gehenkt zu werden, oder eine Fahrt nach Indien zu machen, so will ich mir einen kastanienbraunen Anzug kaufen. Ich habe ja bemerkt, wie versessen die albernen Puritaner auf derlei Farben sind.« »Werdet Ihr aber Euren Mann wieder auffinden?« fragte Aramis. »O gewiß, er wohnte in der Straße Green-Hall, Betfords Tavern; überdies wollte ich mit verbundenen Augen durch die City wandern.« »Ich wünschte schon dort zu sein,« versetzte d'Artagnan, »und ich glaube, um vor Tagesanbruch nach London zu kommen, müßten wir unsere Pferde halb zu Tode reiten.« »So laßt uns denn vorwärts eilen,« sprach Athos, »denn wenn meine Berechnung nicht fehlgeht» so sind wir kaum acht bis zehn Meilen weit davon entfernt.« Die Freunde spornten ihre Renner und kamen auch wirklich gegen fünf Uhr früh an. Ein Wachtposten hielt sie bei dem Tore an, durch das sie einritten, und Athos antwortete ganz gut englisch: sie seien vom Obersten Harrison ausgeschickt um seinem Kollegen, Herrn Bridge, die nahe Ankunft des Königs zu melden. Diese Antwort verursachte einige Fragen über die Gefangennehmung des Königs, und Athos gab so bestimmte und genaue Einzelheiten an, daß, wenn die Torwachen irgend einen Verdacht gehabt hätten, derselbe gänzlich verschwunden wäre. Sonach wurde den vier Freunden der Eintritt mit allen möglichen puritanischen Glückwünschen geöffnet.