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Der Präsident Bradshaw redete wirklich den erlauchten Angeklagten an. »Stuart,« sprach er, »vernehmt den Vortrag Eures Richters, und habt Ihr Bemerkungen zu machen, so richtet sie an den Gerichtshof.« Der König wandte den Kopf nach einer andern Seite hin, als ob diese Worte nicht an ihn gerichtet worden wären. Der Präsident wartete, und da keine Antwort erfolgte, so trat ein kurzes Stillschweigen ein. Von den 163 Mitgliedern konnten bloß 73 antworten, denn die übrigen waren darüber entsetzt, sich an einer solchen Handlung mitschuldig zu machen, und begaben sich ihrer Stimme. »Ich gehe nun zum Vortrag,« rief Bradshaw, ohne daß er die Abwesenheit von drei Fünfteln der Versammlung zu bemerken schien. Sofort nannte er der Reihe nach sowohl die gegenwärtigen, als auch die abwesenden Mitglieder. Die gegenwärtigen antworteten mit starker oder schwacher Stimme, nach Maßgabe, als sie den Mut für ihre Ansicht besessen oder nicht besessen hatten. Auf das zweimalige Namenverlesen der Anwesenden erfolgte ein kurzes Stillschweigen. Nun kam der Name des Oberst Fairfax an die Reihe und darauf trat jenes kurze, aber feierliche Schweigen ein, welches die Abwesenheit der Mitglieder verriet, welche an diesem Gerichte nicht persönlich teilnehmen wollten. »Der Oberst Fairfax,« wiederholte eine Stimme, die man an ihrem Silberklang als eine weibliche erkannte, »er ist zu klug, um hier zu erscheinen.« Ein lautschallendes Gelächter erfolgte auf diese Worte, die mit jener Kühnheit ausgesprochen wurden, welche die Frauen aus ihrer eigenen Schwachheit schöpfen, eine Schwachheit, die sie jeder Rache entzieht. »Das war eine Frauenstimme!« rief Aramis. »Meiner Treue, ich möchte viel darum geben, wenn sie jung und schön wäre.« Er stieg sonach auf die Bank und bemühte sich, in der Tribüne zu erlauschen, woher diese Stimme gekommen ist. Dann sprach er: »Meiner Seele, sie ist liebenswürdig; seht nur, d'Artagnan, wie jedermann auf sie blickt und wie sie trotz der Blicke Bradshaws doch nicht blaß geworden ist.« »Das ist Lady Fairfax selber,« entgegnete d'Artagnan. »Gedenkt Ihr noch ihrer, Porthos? Wir sahen sie mit ihrem Gemahle bei dem General Cromwell.« Eine kurze Weile darauf wurde die durch diesen seltsamen Zwischenfall gestörte Ruhe wieder hergestellt und der Vortrag fortgesetzt. »Diese Schlingel werden die Sitzung aufheben, wenn sie bemerken, daß sie nicht in hinreichender Anzahl versammelt sind,« sprach der Graf de la Fere. »Ihr kennt sie nicht, Athos, betrachtet doch nur Mordaunts Lächeln, seht, wie er den König angrinst. Ist das der Blick eines Mannes, welcher fürchtet, daß ihm sein Opfer entschlüpfen werde? Nein, so lächelt der befriedigte Haß, so lächelt die Rachelust, die der Sättigung versichert ist. Ha, fluchwürdiger Basilisk, das wird für mich ein glücklicher Tag sein, wo ich etwas anderes mit dir kreuzen werde, als den Blick.« »Der König ist wirklich schön.« sagte Porthos, »und dann seht, wiewohl Gefangener, ist er doch sorgfältig gekleidet. Seht nur, Aramis, die Feder auf seinem Hute ist wenigstens fünfzig Pistolen wert.«

Als der Vortrag beendigt war, befahl der Präsident, daß man zum Verlesen des Anklageaktes schreite. Athos wurde blaß; er betrog sich abermals in seiner Erwartung. Obschon die Richter nicht vollzählig waren, leitete man doch den Prozeß ein, also war der König im voraus schon verurteilt. »Ich sagte es ja, Athos,« sprach d'Artagnan, die Achseln zuckend; »doch Ihr zweifelt immer. Jetzt nehmt Euren Mut zusammen, und hört, ich bitte Euch, ohne zu große Entrüstung die kleinen Absurditäten, welche jener schwarzgekleidete Herr mit Erlaubnis und Vorrecht seinem Könige sagen wird.« Wirklich hatten noch nie so rohe Beschuldigungen, so gemeine Schmähungen und so blutige Anklagen eine königliche Majestät beschimpft. Karl I. hörte die Rede des Anklägers mit besonderer Aufmerksamkeit an, ging über die Schmähungen hinweg, beachtete die Anschuldigungen und antwortete, wenn der Haß zu grob auftrat, und der Kläger sich im voraus zum Henker machte, mit einem verächtlichen Lächeln. Im ganzen war diese Anklage, wobei der König jede Unvorsichtigkeit in Tücke, jeden Fehltritt in ein Verbrechen umgewandelt sah, ein Werk der Gewalttat und des Schauders, um so mehr, als das erste Gesetz der englischen Konstitution sagt: »Der König kann nicht fehlen.« Der Ankläger schloß mit den Worten: »Die gegenwärtige Anklage ist im Namen des englischen Volkes gestellt.« Bei diesen Worten erhob sich ein Murren auf den Tribünen und eine andere Stimme, keine weibliche, sondern eine männliche, tobende Stimme donnerte hinter d'Artagnan und rief: »Du lügst, und neun Zehnteile des englischen Volkes haben vor dem, was du sagst, einen Abscheu!«

Das war Athos' Stimme, der sich emporgerichtet, mit vorgestreckten Armen den öffentlichen Ankläger anredete. Bei dieser Anrede wandten der König, die Richter, die Zuschauer, kurz alle ihre Augen nach der Tribüne, wo die vier Freunde waren. Mordaunt machte es wie die anderen und erkannte den Edelmann, um welchen die drei anderen Franzosen blaß und drohend umherstanden.

Seine Augen flammten vor Entzücken, er hatte nun diejenigen gefunden, an deren Aufsuchung und Tod er sein Leben gesetzt hatte. Eine wütende Gebärde rief zwanzig Musketiere herbei; er zeigte mit dem Finger nach der Tribüne, wo seine Feinde standen, und sprach: »Feuer auf diese Tribüne!« Da sprangen aber mit Gedankenschnelle d'Artagnan, der Athos mitten um den Leib faßte, und Porthos, welcher Aramis forttrug, von den Stufen herab, stürzten in die Vorhallen, eilten die Treppen hinab und verloren sich unter dem Gewühle, indes im Innern des Saales die angeschlagenen Feuerrohre 3000 Zuschauer bedrohten, deren Geschrei um Barmherzigkeit und dessen schreckvoller Lärm den Befehl aufhielt, der bereits erteilt worden war. Karl hatte gleichfalls die vier Franzosen erkannt; er drückte seine Hand an das Herz, um das Pochen zurückzudrängen, und hielt die andere Hand vor die Augen, um seine getreuen Freunde nicht erwürgen zu sehen. Mordaunt stürzte, blaß und zitternd vor Wut, das entblößte Schwert in der Rechten, mit den Hellebardieren aus dem Saale, durchspürte atemlos die Menge, und kehrte, da er nichts fand, wieder zurück. Die Verwirrung war ungeheuer. Es verging über eine halbe Stunde, ohne daß jemand sich verständlich machen konnte. Die Richter meinten, jede Tribüne wäre bereit, loszubrechen; die Tribünen sahen die Gewehre gegen sich gerichtet, und so blieben sie lärmend und aufgeregt zwischen Angst und Neugierde. Endlich ward die Ruhe wiederhergestellt. »Was könnt Ihr zu Eurer Verteidigung sagen?« fragte Bradshaw den König.

Karl sprach nun im Tone eines Richters und nicht eines Angeklagten, indem er das Haupt stets bedeckt hielt und nicht aus Demut, sondern als Herrscher aufstand: »Ehe Ihr mich fragt, gebt mir zur Antwort. Ich war frei in Newcastle und schloß dort mit beiden Häusern eine Übereinkunft ab. Statt daß Ihr diese Übereinkunft erfüllt hättet, wie ich es tat, habt Ihr mich von den Schotten erkauft, wohl nicht teuer, das weiß ich, und das gereicht der Sparsamkeit Eurer Regierung zur Ehre. Doch glaubt Ihr denn, daß ich aufgehört habe, Euer König zu sein, weil Ihr mich mit dem Preise eines Sklaven bezahlt habt? Keineswegs! Euch zu antworten, hieße das vergessen. Ich werde Euch somit nur dann antworten, wenn Ihr mir Euer Recht dargelegt habt, mich befragen zu dürfen. Euch antworten, hieße, Euch als meine Richter anerkennen, während ich Euch nur als meine Henker anerkenne.« Hier setzte sich Karl, mitten in der Todesstille ruhig, stolz und stets mit bedeckten Haupte, wieder auf seinen Stuhl. »Ach, warum sind meine Franzosen nicht hier!« murmelte Karl und wandte seine Augen nach der Tribüne, wo sie sich auf einen Augenblick gezeigt hatten; »sie würden sehen, daß Ihr Freund würdig ist, im Leben verteidigt und im Tode beweint zu werden.« Er mochte aber seinen Blick noch so tief in das Menschengewühl versenken und zu Gott gewissermaßen um diese süße und tröstende Gegenwart flehen, er sah nichts als stumpfsinnige und scheue Gesichter, und so fühlte er sich mit dem Hasse und der Grausamkeit in Kampf versetzt. »Wohlan,« rief der Präsident, als er Karl entschlossen sah, völlig zu schweigen, »wohlan, wir werden Euch ungeachtet Eures Schweigens aburteilen. Ihr seid des Verrates, der mißbrauchten Gewalt und des Mordes angeklagt. Die Zeugen werden es bekräftigen. Geht, und die nächste Sitzung wird das zustande bringen, was Ihr Euch heute zu tun weigert.«