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Hohe Herrinnen und Herren
Zaida und die beiden Windsucherinnen verließen Elaynes Gemächer anmutig und äußerlich ohne jede Eile, aber fast so zwanglos, wie sie eingetreten waren. Sie hatten sich lediglich ein «das Licht möge Elayne erleuchten und beschützen« abgerungen. Für Atha'an Miere war das fast so, als würden sie wortlos davonrauschen. Elayne kam zu dem Schluss, dass Zaida wirklich die nächste Herrin der Schiffe werden wollte und sie eine Rivalin hatte, der sie den Vorsprung stehlen wollte. Möglicherweise war es gut für Andor, wenn Zaida den Thron der Atha'an Miere bestieg oder wie auch immer das Meervolk dies nannte; ob Handel oder nicht, sie würde nie vergessen, dass Andor ihr geholfen hatte, und das musste etwas zählen. Sollte sie allerdings scheitern, würde auch ihre Rivalin wissen, wem Anders Gunst gehört hatte. Aber das alles war Zukunftsmusik. Das Hier und Jetzt war da eine ganz andere Sache.
»Ich erwarte nicht, dass jemand einen Botschafter zusammenschlägt«, sagte sie leise, nachdem sich die Türen hinter ihnen geschlossen hatten, »aber für die Zukunft erwarte ich, dass die Privatsphäre meiner Gemächer geschützt wird. Nicht einmal Botschafter dürfen einfach hereinspazieren. Ist das klar?«
Rasoria nickte mit hölzernem Gesicht, aber der Farbe ihrer Wangen nach zu urteilen, empfand sie es genau wie Birgitte als schlimme Demütigung, dass die Meervolkfrauen an ihr vorbeigekommen waren, und der Bund ... wand sich förmlich ..., bis Elayne fühlte, wie ihre Wangen vor Verlegenheit brannten. »Ihr habt nichts falsch gemacht, aber es soll nicht noch einmal geschehen.« Beim Licht, sie klang wie eine Närrin!
»Wir werden nicht mehr darüber reden«, sagte sie steif. Oh, sollte Birgitte und ihr Bund doch zu Asche ver — brennen! Sie hätten mit Zaida einen Ringkampf austragen müssen, um sie aufzuhalten, aber zu den Kopfschmerzen auch noch eine tiefe Demütigung hinzuzufügen, das war zu viel! Und Aviendha hatte kein Recht, auf diese ... diese widerwärtige Weise zu grinsen. Elayne wusste nicht, wann oder wie ihre Schwester er — fahren hatte, dass sie und Birgitte einander manchmal widerspiegelten, aber Aviendha fand das alles furchtbar komisch. Ihr Sinn für Humor konnte manchmal sehr derb sein.
»Eines Tages werdet ihr beiden die andere noch zum Schmelzen bringen«, sagte Aviendha lachend. »Aber den Scherz hast du ja bereits gemacht, Birgitte Trahelion.« Birgitte schaute sie finster an, die Verlegenheit in dem Bund wurde von plötzlichem Aufruhr zermalmt, und sie erwiderte den Blick mit einer solchen Unschuld, dass Elayne befürchtete, ihr würden gleich die Augen aus dem Kopf fallen.
Es war besser, jetzt keine Fragen zu stellen. Wenn du Fragen stellst, pflegte Lini zu sagen, dann musst du dir auch die Antworten anhören, ob sie dir gefallen oder nicht. Sie wollte es nicht hören, nicht, wenn Rasoria die Fliesen zu ihren Stiefelspitzen betrachtete und die restlichen Gardistinnen im Zimmer niemandem weismachen konnten, dass sie nicht zuhörten. Elayne hatte sich nie klargemacht, wie kostbar Privatsphäre doch war, bis sie sie völlig verloren hatte. Jedenfalls so gut wie, was das anging. »Ich werde jetzt mein Bad beenden«, sagte sie ruhig. Blut und Asche, was für einen Streich hatte Birgitte ihr gespielt? Etwas, das sie ... schmelzen ließ? Es konnte nicht sehr wirkungsvoll gewesen sein, wenn sie noch immer nicht wusste, worum es dabei gegangen war.
Unglücklicherweise war das Badewasser kalt gewor — den. Zumindest lauwarm. Nicht gerade etwas, in das sie sich hineinsetzen wollte. Sich noch eine Zeit lang im Wasser räkeln zu können wäre wunderbar gewesen, aber nicht, wenn sie dafür hätte warten müssen, dass die Wannen Eimer für Eimer geleert wurden und man neues Wasser brachte. Mittlerweile musste der ganze Palast von ihrer Rückkehr wissen, und die Haushofmeisterin und der Erste Schreiber würden ungeduldig mit ihren täglichen Berichten warten. Täglich, wenn sie in der Stadt war, und doppelt ungeduldig, weil sie einen Tag lang weggewesen war. Wenn man ein Land regieren wollte, dann kam die Pflicht vor dem Vergnügen. Und das galt doppelt, wenn man versuchte, den Thron zu erringen.
Aviendha zog das Handtuch vom Kopf und schüttelte ihr Haar aus, offensichtlich erleichtert, dass sie nicht wieder ins Wasser steigen musste. Sie ging auf das Ankleidezimmer zu, streifte unterwegs die Robe ab und war fast schon vollständig bekleidet, als Elayne und die Zofen eintraten. Sie ließ Naris ohne allzu großen gemurmelten Protest den Rest erledigen, obwohl kaum etwas übrig blieb außer in den schweren Wollrock zu steigen. Aber sie schlug die Hände der Zofe weg und verschnürte die weichen, kniehohen Stiefel selbst.
Für Elayne war das nicht so einfach. Solange kein Notfall drohte, fühlte sich Essande zurückgesetzt, wenn sie nicht vorher ihre Garderobe besprachen. Mit eng vertrauten Dienern galt es immer, ein zerbrechliches Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Ausnahmslos jede Leibdienerin kannte mehr Geheimnisse von einem, als man glaubte, und sie erlebte einen in den schlimmsten Augenblicken, wenn man schlechter Laune oder müde war, wenn man in sein Kissen weinte, bei Wutausbrüchen und wenn man schmollte. Es musste ein beidseitiger Respekt vorhanden sein, oder die Situation wurde unmöglich. Also saß Aviendha auf einer Polsterbank und ließ zu, dass Naris ihr das Haar auskämmte, bevor Elayne sich für ein schlichtes graues Gewand aus feiner Wolle entschied, dessen hoher Kragen und Ärmel mit grünen Stickereien verziert und dessen Säume mit schwarzem Fuchspelz abgesetzt waren. Es lag nicht so sehr daran, dass sie sich nicht entscheiden konnte, sondern dass Essande mit Perlen oder Saphiren oder Feuertropfen bestickte Seidengewänder vorlegte, von denen jedes noch aufwändiger verziert war als das vorherige. Obwohl ihr der Thron noch nicht gehörte, wollte Essande sie jeden Tag wie eine Königin kleiden, die Audienz hielt.
Das hatte in gewisser Weise Sinn gemacht, als jeden Tag Kaufmannsdelegationen gekommen waren, um Petitionen einzureichen oder ihr ihren Respekt zu erweisen, vor allem Ausländer, die hofften, dass die Auseinandersetzungen in Andor nicht ihre Geschäfte behindern würden. Das alte Sprichwort, dass derjenige, der Caemlyn beherrschte, auch Andor beherrschte, entsprach nicht unbedingt der Wahrheit, und in den Augen der Kaufleute waren ihre Chancen, den Thron tatsächlich zu besteigen, nach Arymülas Aufmarsch vor den Toren deutlich gesunken. Sie konnten die auf jeder Seite versammelten Häuser so genau zählen wie ihr Geld. Selbst andoranische Kaufleute mieden mittler weile den Palast und betraten die Innenstadt so wenig wie möglich, nur damit niemand auf die Idee kam, sie hätten den Palast besucht, und die Bankiers kamen vermummt in anonymen Kutschen. Niemand wünschte ihr etwas Böses, das war ihr klar, und mit Sicherheit wollte sie auch niemand verärgern, aber sie wollten auch Arymilla nicht verärgern, vor allem jetzt nicht. Immerhin kamen die Bankiers noch, und bislang hatte sie noch nicht gehört, dass Kaufleute sich mit ihren Petitionen an Arymilla gewandt hatten. Das würde das erste Zeichen sein, dass ihre Sache verloren war.
Das Gewand anzuziehen dauerte doppelt so lange, wie es hätte dauern dürfen, da Essande Sephanie erlaubte, Elayne dabei zu helfen. Die ganze Zeit über atmete das Mädchen schwer, sie hatte sich noch nicht daran gewöhnt, eine andere Person anzukleiden und hatte Angst, unter Essandes strengen Blicken Fehler zu machen. Vermutlich sogar mehr, als sie vor ihrer Her — rin zu machen, dachte Elayne. Nervosität machte die mollige junge Frau ungeschickt, die Ungeschicklichkeit führte dazu, dass sie sich noch größere Mühe gab, was wiederum dazu führte, dass sie noch mehr befürchtete, Fehler zu machen. Als Resultat bewegte sie sich noch langsamer, als es die alte und hinfällige Frau je getan hatte. Aber endlich saß Elayne Aviendha gegenüber und ließ Essande ihre Locken mit einem Elfenbeinkamm bearbeiten. Einem der Mädchen zu erlauben, Elayne ein Unterhemd über den Kopf zu ziehen oder einen Knopf zuzuknöpfen, war Essandes Ansicht zufolge eine Sache, aber das Risiko einzugehen, dass sie ihre Frisur durcheinander brachten, eine ganz andere.