»Frisöre, Köche, Diener, der Meisterkunsttischler, nicht weniger als fünf von Meister Norrys Schreibern, und jetzt einer der Bibliothekare.« Dyelin lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, schlug die Beine übereinander und schaute düster drein. »Gibt es irgendjemanden, der kein Spion ist, Frau Harfor?« Norry streckte unbehaglich den Hals; er empfand die Missetaten seiner Schreiber als persönliche Beleidigung.
»Ich habe die Hoffnung, dass ich mich dem Grund dieses Fasses nähere, meine Lady«, sagte Frau Harfor selbstzufrieden. Sie konnten weder Spione noch die Hohen Herrinnen mächtiger Häuser aus der Ruhe bringen. Spione waren Ungeziefer, von dem sie den Palast so sicher befreien wollte, wie sie ihn von Flöhen und Ratten frei hielt — obwohl sie bei den Ratten in letzter Zeit Hilfe der Aes Sedai annehmen musste —, während mächtige Adlige wie Regen oder Schnee waren, ein Faktum der Natur, das man ertragen musste, bis es weg war, aber nichts, weswegen man sich aufregen musste. »Es gibt nur eine begrenzte Anzahl von Leuten, die man kaufen kann, und nur eine bestimmte Anzahl kann es sich überhaupt leisten, sie zu kaufen oder es zumindest zu versuchen.«
Elayne bemühte sich, Meister Harnder ins Gedächtnis zurückzurufen, aber da kam nur das unbestimmte Bild eines dicklichen Manns mit beginnender Glatze, der dauernd blinz elte. Er hatte ihrer Mutter gedient und davor schon Königin Mordrellen, wenn sie sich richtig erinnerte. Niemand schien die Tatsache für bemerkenswert zu halten, dass er anscheinend auch der Braunen Ajah diente. Jeder Herrscherpalast zwischen dem Rückgrat der Welt und dem Aryth-Meer hatte ein paar Augen-und-Ohren der Weißen Burg. Jeder Herrscher mit einem Funken Verstand ging davon aus. Zweifellos würden sogar bald die Seanchaner unter dem Blick der Burg leben, wenn sie es nicht schon bereits taten. Reene hatte mehrere Spione der Roten Ajah entdeckt, sicherlich Überbleibsel von Elaidas Zeit in Caemlyn, aber dieser Bibliothekar war der Erste, der einer anderen Ajah diente. Elaida hätte es während ihrer Zeit als Beraterin der Königin nicht gefallen, dass andere Ajahs über die Geschehnisse im Palast informiert gewesen wären.
»Eine Schande, dass wir keine falschen Geschichten für die Braune Ajah haben«, sagte Elayne leichthin. Es war wirklich bedauerlich, dass sie und die Roten über die Kusinen Bescheid wussten. Sie wussten zumindest, dass sich im Palast eine große Zahl von Frauen aufhielt, die die Macht lenken konnten, und sie würden nicht lange brauchen, um herauszufinden, um wen es sich dabei handelte. Das würde noch einigen Kummer verursachen, aber der lag in der Zukunft. Plane immer voraus, pflegte Lini zu sagen, aber mach dir wegen dem nächsten Jahr zu viele Sorgen, und du kannst morgen stolpern. »Behaltet Meister Harnder im Auge und versucht herauszufinden, wer seine Freunde sind.
Das muss im Augenblick reichen.« Manche Spione verließen sich auf ihre Ohren, entweder um den Klatsch aufzuschnappen oder an Türen zu lauschen, andere schmierten Zungen mit ein paar Pokalen Wein. Der erste Schritt, gegen einen Spion vorzugehen, bestand darin herauszufinden, wie er das erfuhr, was er ver — kaufte.
Aviendha schnaubte laut, raffte die Röcke und wollte sich auf den Teppich setzen, bevor ihr wieder einfiel, was sie da trug. Mit einem warnenden Blick in Dyelins Richtung hockte sie sich steif auf eine Stuhlkante und bot das Bild einer Hofdame mit blitzenden Augen, wenn man davon absah, dass eine Hofdame nicht die Schneide ihres Gürtelmessers mit dem Daumen geprüft hätte. Hätte Aviendha bestimmen können, hätte sie jedem Spion in dem Augenblick die Kehle durchgeschnitten, in dem man sie für das Messer straffen konnte. Ihrer Ansicht nach war Spionage ein widerwärtiges Geschäft, ganz egal, wie oft Elayne erklärte, dass jeder entlarvte Spion ein Werkzeug war, das man dazu benutzen konnte, ihre Feinde das glauben zu lassen, was sie wollte.
Nicht, dass jeder Spion notwendigerweise für einen Feind arbeitete. Die meisten, die die Haushofmeisterin entlarvt hatte, bekamen aus mehr als nur einer Quelle Geld, und unter denen, die sie identifiziert hatte, befanden sich auch König Roedran von Murandy, diverse tairenische Hochlords und Ladys, eine Hand voll cairhienischer Adlige und eine erkleckliche Zahl von Kaufleuten. Viele Leute waren daran interessiert, was in Caemlyn passierte, ob nun wegen der Auswirkungen auf den Handel oder aus anderen Gründen. Manchmal hatte es den Anschein, als würde jeder jeden ausspionieren.
»Frau Harfor«, sagte sie, »Ihr habt noch keine Augen-und-Ohren der Schwarzen Burg entdeckt.«
Dyelin fröstelte, wie die meisten Leute, vor denen man die Schwarze Burg erwähnte, und nahm einen tiefen Schluck, aber Reene verzog nur leicht das Gesicht. Sie hatte sich entschieden, die Tatsache zu ignorieren, dass es sich hier um Männer handelte, die die Macht lenken konnten; sie konnte ja doch nichts daran ändern. Für sie war die Schwarze Burg ein ... Ärgernis.
»Sie hatten nicht genug Zeit, meine Lady. Gebt ihnen ein Jahr, und Ihr werdet Diener und Bibliothekare finden, die auch ihre Münzen annehmen.«
»Vermutlich.« Ein scheußlicher Gedanke. »Was habt Ihr sonst noch?«
»Ich habe mit Jon Skellit gesprochen, meine Lady. Ein Mann, der seine Loyalität einmal wendet, ist oft dafür zugänglich, sie erneut zu wenden, und auf Skellit trifft das zu.« Skellit, ein Barbier, stand im Sold des Hauses Arawn, was ihn im Augenblick zu Arymillas Mann machte.
Birgitte stieß einen Fluch aus, den sie nicht zu Ende brachte — aus irgendeinem Grund versuchte sie in Anwesenheit von Reene Harfor ihre Ausdrucksweise zu zügeln —, und sagte dann gequält: »Ihr habt mit ihm gesprochen! Ohne vorher jemanden zu fragen?«
Dyelin hatte keine Vorbehalte, was die Haushofmeisterin betraf, und sie murmelte: »Muttermilch in einem Becher!« Elayne hatte sie noch nie zuvor eine Obszönität benutzen hören. Meister Norry blinzelte, ließ beinahe seine Mappe fallen und bemühte sich angestrengt, nicht in Dyelins Richtung zu sehen. Die Haushofmeisterin schwieg lediglich, bis sie sicher war, dass alle zuhörten, dann fuhr sie ruhig fort.
»Die Zeit erschien reif, und Skellit auch. Einer der Männer, denen er Bericht erstattet, hat die Stadt verlassen und ist noch nicht zurückgekehrt, während sich der andere anscheinend das Bein gebrochen hat. Die Straßen sind immer spiegelglatt, wo ein Feuer gelöscht wurde.« Sie sagte das so sanft, dass es mehr als wahr — scheinlich erschien, dass sie beim Sturz des Mannes irgendwie nachgeholfen hatte. Harte Zeiten brachten in vielen Leuten, bei denen man nun wirklich nicht damit gerechnet hätte, harte Talente zum Vorschein. »Skellit ist durchaus einverstanden, seine nächste Botschaft selbst ins Lager zu bringen. Er hat gesehen, wie ein Wegetor entstand, und er muss nicht so tun, als hätte er Angst.« Man hätte glauben können, sie hätte schon ihr ganzes Leben lang Kaufmannswagen aus Löchern in der Luft rattern sehen.
»Was soll diesen Barbier daran hindern weiterzulaufen, sobald er die Stadt verlassen hat?«, wollte Birgitte gereizt wissen und fing an, mit auf dem Rücken verschränkten Händen vor dem Kamin auf und ab zu gehen. Ihr schwerer goldener Zopf hätte sich eigentlich sträuben müssen. »Wenn er verschwindet, wird Arawn jemand anderen anheuern, und wir müssen mit der Suche von vorn anfangen. Beim Licht, Arymilla muss kurz nach ihrer Ankunft von den Wegetoren erfahren haben, und Skellit muss das wissen.« Es war nicht der Gedanke, dass Skellit entkommen konnte, der sie ärgerte. Oder nicht nur das. Die Söldner waren der Meinung, angeheuert worden zu sein, um Soldaten aufzuhalten, aber für ein paar Silberstücke würden sie einem oder zwei erlauben, in der Nacht durchs Tor zu schlüpfen, und zwar in beiden Richtungen. Ihrer Ansicht nach konnten einer oder zwei keinen Schaden anrichten. Birgitte gefiel es nicht, daran erinnert zu werden.