»Die Habgier wird ihn hindern, meine Lady«, erwiderte Frau Harfor ruhig. »Der Gedanke, sowohl von Lady Elayne wie auch von Lady Naean Gold zu erhalten, reicht aus, um diesen Mann schwer atmen zu lassen. Es ist richtig, Lady Arymilla muss bereits von den Wegetoren erfahren haben, aber das ist nur ein weiterer Grund für Skellit, persönlich zu ihr zu gehen.«
»Und wenn seine Habgier groß genug ist, um den Versuch zu unternehmen, mit einem dritten Verrat noch mehr Gold zu verdienen?«, sagte Dyelin. »Er könnte viel ... Unruhe stiften, Frau Harfor.«
Reenes Tonfall wurde etwas schärfer. Sie würde niemals ihre Grenzen überschreiten, aber es missfiel ihr, dass jemand glaubte, sie sei unvorsichtig. »Lady Naean würde ihn unter der nächsten Schneewehe begraben lassen, meine Lady, wie ich ihm überaus deutlich gemacht habe. Sie hatte noch nie Geduld, wie Ihr sicherlich wisst. Auf jeden Fall erhalten wir kaum Informa tionen aus dem Lager, um es vorsichtig auszudrücken, und er könnte ein paar Dinge sehen, die wir gern wüssten.«
»Wenn Skellit uns sagen kann, in welchem Lager sich Arymilla, Elenia und Naea n aufhalten und zu welchem Zeitpunkt, gebe ich ihm persönlich das Gold«, sagte Elayne wohlüberlegt. Elenia und Naean blieben in Arymillas Nähe, oder sie hielt sie in ihrer, und Arymilla war noch ungeduldiger als Naean und noch weniger zu der Annahme bereit, dass etwas ohne ihre Anwesenheit funktionierte. Sie verbrachte den halben Tag damit, von Lager zu Lager zu reiten, und soweit in Erfahrung zu bringen war, schlief sie keine zwei Nächte an einem Ort. »Das ist das Einzige, was ich von ihm wissen will.«
Reene neigte den Kopf. »Wie Ihr wünscht, meine Lady. Ich werde dafür sorgen.« Sie versuchte zu oft, vor Norry die Dinge nicht auszusprechen, aber sie ließ sich nicht anmerken, dass sie etwas als Tadel aufgefasst hatte. Natürlich war sich Elayne nicht sicher, ob sie diese Frau öffentlich tadeln würde. Frau Harfor würde ihre Pflichten auch weiterhin tadellos erfüllen, und sie würde sicherlich mit ungebrochenem Eifer Spione jagen, und sei es auch nur aus dem Grund, dass ihre Anwesenheit im Palast sie ärgerte, aber Elayne würde vermutlich jeden Tag ein Dutzend Unbequemlichkeiten vorfinden, ein Dutzend kleine Ärgernisse, die sich zu echtem Elend aufhäufen würden, und nicht eine davon würde sie der Haushofmeisterin ankreiden können. Wir müssen den Tanzschri tten genauso folgen wie unsere Diener auch, hatte ihr ihre Mutter einmal gesagt. Du kannst ständig neue Diener einstellen und deine ganze Zeit damit verbringen, sie auszubilden, und sie ertragen, bis sie es gelernt haben, nur um dich dann am Ausgangspunkt wiederzufinden, oder du kannst genau wie sie die Regeln ak — zeptieren und bequem leben, während du deine Zeit zum Herrschen nutzt.
»Danke, Frau Harfor«, sagte sie, wofür sie einen weiteren präzisen Hofknicks erhielt. Reene Harfor war eine weitere Person, die ihren Wert kannte. »Meister Norry?«
Der reiherähnliche Mann zuckte zusammen und hörte auf, Reene stirnrunzelnd anzusehen. In gewisser Weise betrachtete er die Wegetore als die seinen, und da durfte ihm keiner in die Quere kommen. »Ja, meine Lady. Natürlich.« Seine Stimme war trocken und monoton. »Ich gehe davon aus, dass Lady Birgitte Euch bereits über die Kaufmannszüge aus Illian und Tear unterrichtet hat. Ich glaube, das ist ihre ... Angewohnheit, wenn Ihr in die Stadt zurückkehrt.« Einen Augenblick lang ruhte sein Blick vorwurfsvoll auf Birgitte.
Ihm würde nicht im Traum einfallen, Elayne auch nur den geringsten Grund zur Klage zu geben, selbst wenn sie ihn angeschrien hätte, aber er lebte nach seinen eigenen Regeln, und auf eine mäßige Art und Weise nahm er es Birgitte übel, dass sie ihm die Gelegenheit stahl, die eingetroffenen Wagen und Kisten und Fässer zu zählen. Er liebte seine Zahlen. Elayne glaubte zumindest, dass es eine mäßige Art und Weise war. In Meister Norry schien es keine großen Leidenschaften zu geben.
»Das hat sie«, sagte sie in einem leicht entschuldigenden Tonfall, nicht genug, um ihn in Verlegenheit zu bringen. »Ich fürchte, einige Meervolkfrauen werden uns verlassen. Nach dem heutigen Tag werden wir nur noch die Hälfte an Leuten haben, die uns Wegetore erschaffen können.«
Seine Finger tasteten spinnenhaft über die Ledermappe an seiner Brust, als wollte er die darin befindlichen Papiere befühlen. Sie hatte noch nie gesehen, dass er jemals darin etwas nachgelesen hätte. »Ah. Wir werden ... damit zurecht kommen, meine Lady.« Halwin Norry kam immer zurecht. »Um fortzufahren, es gab gestern und letzte Nacht neun Brandstiftungen, etwas mehr als gewöhnlich. Es wurden drei Versuche unternommen, Lagerhäuser mit Lebensmitteln anzuzünden.
Keiner davon war erfolgreich, wie ich betonen möchte.« Er wollte es betonen, aber er tat es in dem gleichen leiernden Tonfall. »Wenn ich so sagen darf, die in den Straßen patrouillierenden Wachen zeigen Wirkung die Zahl der Überfälle und Diebstähle ist auf einen Stand zurückgegangen, der nur wenig über dem für diese Jahreszeit üblichen liegt —, aber es scheint offensichtlich, dass diese Brandstiftungen gesteuert werden.
Siebzehn Gebäude wurden zerstört, bis auf eines waren sie alle verlassen.« Er verzog missbilligend den Mund; es würde mehr als eine Belagerung brauchen, um ihn aus Caemlyn zu vertreiben. »Meiner Meinung nach wurden alle Brände so gelegt, dass die Löschwagen so weit wie möglich von den Lagerhäusern entfernt waren. Ich bin jetzt der festen Überzeugung, dass dieses Muster für jeden Brand gilt, den wir in den vergangenen Wochen erlebt haben.«
»Birgitte?«, sagte Elayne.
»Ich kann die Lagerhäuser auf einer Karte eintragen«, erwiderte Birgitte zweifelnd, »und auf den am weitesten entfernten Straßen zusätzliche Wachen aufstellen, aber das überlässt noch immer ver... viel dem Zufall.« Sie schaute nicht in Frau Harfors Richtung, aber Elayne verspürte einen Hauch von Verlegenheit von ihr ausgehen. »Jeder kann Feuerstein und Stahl in der Gürteltasche haben und mit etwas trockenem Stroh im Handumdrehen ein Feuer machen.«
»Tu, was du kannst«, sagte Elayne. Es würde reines Glück sein, wenn sie einen Brandstifter auf frischer Tat ertappten, und mehr als Glück, wenn er mehr aussagen konnte, als dass ihm eine vermummte Gestalt ein paar Münzen in die Hand gedrückt hatte. Dieses Gold zu Arymilla oder Elenia oder Naean zurückverfolgen zu können würde Mat Cauthons Glück erfordern.
»Sonst noch etwas, Meister Norry?«
Er fuhr sich mit dem Knöchel über die lange Nase und mied ihren Blick. »Mir ist ... äh ... zu Ohren gekommen«, sagte er zögernd, »dass Marne, Arawn und Sarand kürzlich große Darlehen aufgenommen und die Einkünfte ihrer Güter als Sicherheit verpfändet haben.« Frau Harfor runzelte die Stirn, glättete sie jedoch sofort wieder.
Ein Blick in ihre Teetasse verriet Elayne, dass sie sie tatsächlich geleert hatte. Bankiers verrieten einem nie, wie viel sie wem geliehen hatten oder was als Sicherheit gedient hatte, aber sie fragte ihn nicht, woher er es wusste. Es würde ... peinlich sein. Für sie beide. Sie lächelte, als ihre Schwester ihr die Tasse abnahm, und verzog dann das Gesicht, als Aviendha sie aufgefüllt zurückbrachte. Aviendha schien zu glauben, sie könnte verwässerten Tee trinken, bis ihre Augen schwammen!
Ziegenmilch war besser, aber Spülwasser als Tee war in Ordnung. Nun, sie würde die verdammte Tasse halten, aber sie würde nichts davon trinken.
»Die Söldner«, knurrte Dyelin, und die Hitze in ihren Augen hätte gereicht, um einen Bären zurückweichen zu lassen. »Ich habe es zuvor gesagt, und ich werde es wieder sagen; das Problem mit den Mietschwertern ist, dass sie nicht immer gemietet bleiben.« Sie war von Anfang an dagegen gewesen, zur Verteidigung der Stadt zusätzlich Söldner anzuheuern, obwohl es eine Tatsache war, dass Arymilla ohne diese Männer sich ein Tor hätte aussuchen können, durch das sie ihr Heer hineingeführt hätte. Es waren einfach nicht genug Soldaten da gewesen, um jedes Tor ordentlich zu beschützen, von den Mauern ganz zu schweigen.