»Aemlyn, Arathelle und Pelivar sind keine Feinde«, protestierte Dyelin schwach. Ob sie nun glaubte, dass sie ihren Treueid noch rechtzeitig leisten würden oder nicht, diese drei hatten Dyelins Thronanspruch unterstützt.
Elayne hatte nie davon gelesen, dass man eine Königin auf den Thron gezwungen hatte — vermutlich hätte das sowieso keinen Einzug in die Chroniken gefunden —, aber Aemlyn, Arathelle und Pelivar schienen bereit zu sein, es zu versuchen, und nicht, weil sie Macht für sich selbst erhofften. Dyelin wollte den Thron nicht, aber sie würde kaum eine untätige Herrscherin sein. Es war schlichtweg so, dass es im letzten Jahr von Morgase Trakands Herrschaft eine Katastrophe nach der anderen gegeben hatte, und nur wenige wussten oder glaubten, dass sie während dieser Zeit die Gefangene eines der Verlorenen gewesen war. Einige Häuser wollten jeden anderen anstelle einer weiteren Trakand auf dem Thron sehen. Oder glaubten zumindest, dass sie es wollten.
»Was ist das Schlimmste, das sie tun könnten?«, fragte Elayne. »Wenn sie sich auf ihre Güter zurückziehen, dann sind sie bis zum Frühling aus dem Spiel, und dann wird alles entschieden sein.« Wenn es das Licht wollte. »Aber wenn sie nach Caemlyn kommen?«
»Ohne die Murandianer haben sie nicht genug Waffenmänner, um Arymilla herauszufordern.« Birgitte studierte die Karte und rieb sich das Kinn. »Wenn sie bis jetzt noch nicht wissen, dass sich die Aiel und die Legion des Drachen heraushalten, dann werden sie es bald erfahren müssen, aber sie werden Vorsicht walten lassen. Keiner von ihnen scheint dumm genug zu sein, um einen Kampf zu provozieren, den sie nicht gewinnen können; nicht, wenn sie es nicht müssen. Ich würde sagen, sie schlagen irgendwo im Osten oder Südosten ein Lager auf, wo sie die Ereignisse verfolgen und vielleicht auch beeinflussen können.«
Dyelin trank den Rest des Weins, der mittlerweile kalt sein musste, atmete tief aus und ging, um den Pokal erneut zu füllen. »Wenn sie nach Caemlyn kommen«, sagte sie in bleiernem Tonfall, »dann hofft jeder von ihnen, dass sich ihm Luan oder Abelle oder Ellorien anschließt. Oder alle drei.«
»Dann müssen wir herausfinden, wie wir sie davon abhalten können, Caemlyn zu erreichen, bevor unsere Pläne sich erfüllen, und zwar ohne sie für immer zu unseren Feinden zu machen.« Elayne bemühte sich, ihre Stimme so energisch klingen zu lassen, wie Dyelins leblos war. »Und wir müssen einen Plan schmieden, was wir tun wollen, wenn sie zu früh eintreffen. Dyelin, wenn das geschieht, dann müsst Ihr sie da — von überzeugen, dass sie zwischen mir und Arymilla wählen müssen. Sonst sind wir in einem Durcheinander gefangen, das wir möglicherweise niemals wieder entwirren können, und Andor mit uns.«
Dyelin grunzte, als hätte man sie geschlagen. Es war fast fünfhundert Jahre her, dass die großen Häuser drei unterschiedliche Anwärter auf den Löwenthron unterstützt hatten, und der nachfolgende Krieg hatte sieben Jahre gedauert, bevor eine Königin gekrönt worden war. Zu diesem Zeitpunkt waren alle ursprünglichen Thronanwärter schon lange tot gewesen.
Ohne nachzudenken, griff Elayne nach ihrer Tasse und trank einen Schluck. Der Tee war kalt geworden, aber der Geschmack nach Honig explodierte förmlich auf ihrer Zunge. Honig! Sie sah Aviendha erstaunt an, und die Lippen ihrer Schwester verzogen sich zu einem schmalen Lächeln. Einem verschwörerischen Lächeln, als ob Birgitte nicht genau gewusst hätte, was passiert war. Zwar versetzte nicht einmal ihr auf seltsame Weise überhöhter Bund sie in die Lage, das zu schmecken, was Elayne schmeckte, aber sie hatte mit Sicherheit ihre Überraschung und das Vergnügen wahrgenommen, das sie beim Trinken des Tees emp — funden hatte. Sie stützte die Fäuste in die Hüften und setzte eine strenge Miene auf. Das heißt, sie versuchte es; trotz ihrer Bemühungen konnte auch sie sich eines Lächelns nicht erwehren. Plötzlich wurde sich Elayne bewusst, dass Birgittes Kopfschmerzen verflogen wa — ren. Sie vermochte nicht zu sagen, wann das passiert war, aber sie waren nicht mehr da.
»Hoffe für das Beste und plane für das Schlimmste«, sagte sie. »Manchmal passiert sogar das Beste.«
Dyelin wusste nicht über den Honig Bescheid, sie sah nur, dass sie alle drei grinsten, und räusperte sich lautstark. »Und manchmal auch nicht. Wenn Euer kluger Plan in allen Einzelheiten funktioniert, Elayne, dann brauchen wir weder Aemlyn oder Ellorien oder die anderen, aber es ist ein schrecklich riskantes Spiel. Es muss nur etwas schief gehen und ...«
Der linke Türflügel öffnete sich und ließ einen Schwall kalter Luft und eine rotwangige Frau mit eiskaltem Blick und dem goldenen Knoten eines Unterleutnants auf der Schulter herein. Sie hätte auch anklopfen können, aber selbst wenn sie es getan hatte, hatte das Gewebe den Laut verschluckt. Genau wie Rasoria war Tzigan Sokorin eine Jägerin des Horns gewesen, bevor sie sich Elaynes Leibwache angeschlossen hatte. Anscheinend war die Wachablösung vollzogen worden. »Die Weise Frau Monaelle wünscht Lady Elayne zu sprechen«, verkündete Tzigan. »Sie wird von Frau Karistovan begleitet.«
Sumeko konnte man abwimmeln, aber nicht Monaelle. Arymillas Leute würden sich genauso wenig mit den Aiel wie mit den Aes Sedai anlegen, aber nur eine Sache von äußerster Wichtigkeit würde eine Weise Frau in die Stadt geführt haben. Das wusste auch Birgitte; sie faltete die Karte zusammen. Aviendha löste ihr Gewebe sich auf und ließ die Quelle los.
»Bittet sie einzutreten«, sagte Elayne.
Monaelle wartete nicht auf Tzigan, sondern rauschte in dem Augenblick herein, in dem das Gewebe verschwand; ihre vielen goldenen und elfenbeinernen Armreifen klirrten, als sie in der vergleichsweise warmen Luft das Schultertuch in die Ellbeugen rutschen ließ. Elayne wusste nicht, wie alt Monaelle war — Weise Frauen waren nicht so zögerlich wie Aes Sedai, wenn es um ihr Alter ging, aber sie waren verschwiegen —, doch sie schien die mittleren Jahre noch nicht weit hinter sich gelassen zu haben. In ihrem taillenlangen blonden Haar waren ein paar rote Strähnen, aber nicht eine graue. Für eine Aiel war sie klein, kleiner sogar als Elayne, und sie hatte ein gütiges, mütterliches Gesicht.
Sie war kaum stark genug in der Macht, dass man sie in der Weißen Burg aufgenommen hätte, aber unter Weisen Frauen zählte die Stärke nicht, und sie nahm bei ihnen einen sehr hohen Rang ein. Was aber für Elayne und Aviendha noch viel wichtiger war, sie hatte bei ihrer Wiedergeburt als Erstschwestern als Hebamme fungiert. Elayne machte einen tiefen Knicks vor ihr und ignorierte Dyelins abfälliges Schnauben, und Aviendha machte mit gefalteten Händen eine tiefe Verbeugung. Abgesehen von den Pflichten, die sie nach den Aiel-Bräuchen ihrer Hebamme gegenüber hatte, nahm sie unter den Weisen Frauen immer noch den Rang eines Lehrlings ein.
»Ich gehe davon aus, dass dein Bedürfnis nach Abgeschiedenheit gestillt ist«, sagte Monaelle, »und es ist Zeit, dass ich deinen Zustand überprüfe, Elayne Trakand.
Das sollte bis zum Ende der Schwangerschaft zweimal monatlich geschehen.« Warum sah sie Aviendha stirnrunzelnd an? Oh, beim Licht, das Samtgewand!
»Und ich bin mitgekommen, um ihr dabei zuzusehen«, fügte Sumeko hinzu und folgte der Weisen Frau ins Zimmer. Sumeko war eine beeindruckende Person, eine stämmige Frau mit selbstsicherem Blick; sie trug ein hervorragend geschnittenes gelbes Wollgewand mit einem roten Gürtel, in ihrem glatten schwarzen Haar steckten Silberkämme und an dem hohen roten Kragen ein kreisförmiger Anstecker aus Silber. Sie hätte eine Adlige oder eine wohlhabende Kauffrau sein können. Früher hatte sie eine gewisse Schüchternheit gezeigt, zumindest in Anwesenheit von Aes Sedai, aber das war vorbei. Nicht bei Aes Sedai oder Soldaten der Königlichen Garde. »Ihr dürft gehen«, sagte sie zu Tzigan. »Das geht Euch nichts an.« Oder bei Adligen, was das anging. »Ihr dürft auch gehen, Lady Dyelin, und Ihr auch, Lady Birgitte.« Sie musterte Aviendha, als zöge sie in Betracht, sie auch auf die Liste zu setzen.