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»Ich schätze nicht«, sagte Shiaine gedämpft. »Sie ist kaum die Art von Frau, an die Ihr gewöhnt seid.« Lachte sie etwa? Amüsierte sie sich über ihn? Es kostete ihn seine ganze Selbstbeherrschung, den Weinpokal nicht zu Boden zu schleudern und das fuchsgesichtige Miststück zu erdrosseln.

Plötzlich drehte sie sich um, und er blinzelte, als sie den Dolch gleichgültig in die Scheide steckte. Er hatte überhaupt nicht bemerkt, dass sie das verdammte Ding gezogen hatte! Er nahm einen Schluck Wein, ohne nachzudenken, und verschluckte sich beinahe, als ihm klar wurde, was er da tat.

»Wie würde es Euch gefallen, Caemlyn geplündert zu sehen?«, fragte sie.

»Gut, wenn ich eine Kompanie und einen freien Pfad zu den Toren habe.« Der Wein musste in Ordnung sein. Der zweite Pokal bedeutete, dass auch sie getrunken hatte, und wenn er den Pokal des Toten genommen hatte, konnte nicht mehr genug Gift darin sein, um eine Maus zu vergiften. »Wollt Ihr das? Ich befolge Befehle genauso gut wie jeder andere.« Wenn er davon ausgehen konnte, sie zu überleben, oder wenn sie von den Auserwählten kamen. Man konnte genauso gut als Narr sterben, als den Auserwählten nicht zu gehorchen. »Aber manchmal ist es hilfreich, mehr zu wissen als ›geht dorthin und tut dies‹. Wenn Ihr mir verratet, was Ihr eigentlich in Caemlyn vorhabt, könnte ich Euch helfen, es schneller zu erreichen.«

»Natürlich.« Sie lächelte breit, während ihre Augen so reglos wie braune Steine blieben. »Aber zuerst verratet mir, warum an Eurem Handschuh frisches Blut klebt.«

Er lächelte zurück. »Ein Straßenräuber, der Pech hatte, meine Lady.« Vielleicht hatte sie den Mann geschickt, vielleicht auch nicht, aber er fügte ihren Hals zu der Liste derjenigen hinzu, die er durchschneiden wollte. Und er konnte Marillin Gemalphin gleich hinzufügen. Schließlich war eine einsame Überlebende die Einzige, die erzählen konnte, was geschehen war.

16

Das Thema von Verhandlungen

Die Morgensonne am Horizont ließ die eine Seite von Tar Valon noch immer von Schatten verhüllt, aber der Schnee, der alles bedeckte, funkelte grell. Die Stadt selbst schien hinter ihren langen weißen Mauern zu leuchten, ihre Türme waren alle tapfer beflaggt, aber für Egwene, die am Flussufer oberhalb der Stadt auf ihrem braunen Wallach saß, schien sie noch weiter weg zu sein, als sie es in Wirklichkeit war. Der Erinin nahm hier eine Breite von fast zwei Meilen an, und der Alindrelle Erinin und der Osendrelle Erinin, die um die Insel flossen, waren jeweils fast halb so breit, sodass sich Tar Valon in der Mitte eines großen Sees zu erheben schien, unerreichbar trotz der massiven Brükken, die hoch über dem Wasser aufragten, damit die Schiffe mühelos unter ihnen hindurchsegeln konnten. Die Weiße Burg mit ihrem knochenweißen Hauptturm, der aus dem Herzen der Stadt zu einer Höhe von fünfhundert Fuß emporwuchs, erfüllte Egwene mit einer Sehnsucht nach der Heimat. Nicht nach den Zwei Flüssen, sondern nach der Burg. Das war jetzt ihre Heimat. Rauch erregte ihre Aufmerksamkeit, ein dunstiger schwarzer Strich, der vom anderen Ufer jenseits der Stadt emporstieg, und sie verzog das Gesicht. Daishar stampfte im Schnee mit den Hufen, aber ein Klaps auf den Hals reichte aus, den Braunen zu beruhigen. Um seine Reiterin zu beruhigen, würde es mehr brauchen. Heimweh war das kleinste aller Probleme. Winzig, verglichen mit dem Rest.

Mit einem Seufzen legte sie die Zügel auf dem hohen Knauf ihres Sattels ab und hob das lange Messingfernrohr. Ihr Umhang fiel zurück und rutschte von einer Schulter, aber sie ignorierte die Kälte, die ihren Atem in Nebel verwandelte, und beschattete die Linse mit einer behandschuhten Hand vor dem grellen Sonnenlicht. Die Stadtmauern sprangen förmlich in ihrem Sichtfeld heran. Sie konzentrierte sich auf die hohen, ringförmigen Mauern des Nordhafens, der flussaufwärts in die Strömungen hineinragte. Auf den Wehrgängen, die den Hafen umrundeten, bewegten sich Menschen zielstrebig, aber aus dieser Entfernung konnte sie kaum die Männer von den Frauen unterscheiden. Trotzdem war sie froh, dass sie nicht ihre Stola, mit den sieben Farbstreifen trug und dass ihr Gesicht tief im Schatten der Kapuze lag, nur für den Fall, dass dort unten jemand ein besseres Fernrohr als sie hatte. Die breite Öffnung des von Menschenhand errichteten Hafens wurde von einer massiven Eisenkette blockiert, die mehrere Fuß über dem Wasser gespannt war. Winzige Punkte auf dem Wasser, Vögel, die vor dem Hafen nach Beutefischen tauchten, verliehen der Kette einen Maßstab. Ein schrittlanges Glied hätte zwei Männer benötigt, um hochgehoben werden zu können. Ein Ruderboot hätte vielleicht unter der Barriere hindurchschlüpfen können, aber kein Schiff von welcher Größe auch immer würde dort einlaufen, es sei denn, die Weiße Burg erlaubte es. Natürlich war die Kette nur dazu gedacht, die Feinde fern zu halten.

»Da sind sie, Mutter«, murmelte Lord Gareth, und sie senkte das Fernrohr. Ihr General war ein stämmiger Mann mit einem einfachen Brustharnisch über einem schmucklosen braunen Mantel; es gab weder eine Spur von Gold noch irgendwelche Verzierungen. Das Gesicht hinter den Stangen des Helmvisiers war offen und von den Elementen gezeichnet, und die Jahre hatten ihm eine seltsame Art von vertraueneinflößender Ruhe verliehen. Sollte sich die Grube des Verderbens vor ihm auftun, würde er seine Angst verdrängen und alles Nötige tun. Und andere Männer würden ihm folgen. Er hatte auf einem Schlachtfeld nach dem anderen bewiesen, dass sein Weg der Weg zum Sieg war. Ein guter Mann, der ihr da folgte. Ihr Blick folgte der Hand mit dem Panzerhandschuh, die flussaufwärts zeigte.

Gerade bogen fünf, sechs — nein, sieben — Flussschiffe um eine Landspitze und schnitten Bahnen in den Erinin. Sie waren groß, was die Schiffe anging, die diesen Fluss befuhren; Dreimaster, deren Dreieckssegel sich wölbten, und ihre langen Ruder schnitten hart in das blaugrüne Wasser, um noch für etwas zusätzliche Fahrt zu sorgen. Alles an diesem Dreimaster kündete von dem Verlangen nach Schnelligkeit, dem Verlangen, Tar Valon jetzt zu erreichen! Der Fluss war hier tief genug, dass die Schiffe an einigen Stellen auf Rufweite an den Ufern vorbeifahren konnten, aber diese hier segelten fast in einer Reihe in der Mitte des Erinin, so gut das den Steuermännern gelang. Matrosen, die sich oben an den Masten festklammerten, beobachteten die Ufer, und sie hielten nicht nach Untiefen Ausschau.

Tatsächlich hatten sie nichts zu befürchten, solange sie außer Bogenschussweite blieben. Gewiss, von ihrem Standpunkt hätte Egwene jedes Einzelne dieser Schiffe in Brand stecken oder einfach Löcher in ihre Rümpfe schneiden und sie versenken können. Eine Arbeit von wenigen Augenblicken. Aber das würde unweigerlich bedeuten, dass alle an Bord ertrinken würden. Die Strömungen waren stark, das Wasser eiskalt, und die Strecke zum Ufer lang — jedenfalls für jene, die schwimmen konnten. Selbst nur ein Tod würde die Macht für sie zu einer Waffe werden lassen. Sie versuchte so zu leben, als wäre sie bereits durch die Drei Eide gebunden, und die Eide beschützten jene auf den Schiffen vor ihr und anderen Schwestern. Eine Schwester, die auf den Eidstab geschworen hatte, würde nicht dazu imstande sein, diese Gewebe zu benutzen, sie möglicherweise nicht einmal erschaffen können. Falls sie sich nicht selbst davon überzeugen konnte, dass diese Schiffe eine unmittelbare Gefahr für sie darstellten. Aber offensichtlich glaubten weder die Kapitäne noch die Mannschaften daran.

Als die Flussschiffe näher kamen, hallten aus der Ferne dünne Rufe über das Wasser. Die Ausgucke auf den Masten zeigten auf sie und Gareth, und es wurde schnell ersichtlich, dass man sie für eine Aes Sedai mit ihrem Behüter hielt. Oder die Kapitäne waren zumindest nicht bereit, das Risiko einzugehen, dass sie etwas anderes war. Einen Augenblick später vergrößerte sich die Zahl der Ruderschläge. Nur um einen Bruchteil, aber die Ruderer strengten sich an, diesen Bruchteil zu erreichen. Eine Frau auf dem Quarterdeck des Führungsschiffs — vermutlich der Kapitän — winkte mit den Armen, als würde sie eine noch größere Anstrengung erwarten, und mehrere Männer liefen an Deck auf und ab, zogen hier ein Tau fester oder lösten es, um den Winkel der Segel zu verändern. Allerdings konnte Egwene nicht erkennen, ob sie damit überhaupt etwas erreichten. An Deck waren noch andere Männer als die Matrosen, und die meisten von ihnen drängten sich an der Reling. Einige hatten ein Fernrohr und schienen die Distanz zu schätzen, die sie noch überbrücken mussten, bevor sie den sicheren Hafen erreicht hatten.