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Um die Wahrheit zu sagen, war Delanas Unterstützung nicht immer willkommen. Am einen Tag konnte sie das Musterbild einer Verhandlungsführerin der Grauen sein, die eine Einigung erzielen wollte, und am nächsten war sie so unnachgiebig, dass jede Sitzende in Hörweite sich sträubte. Von ihr war bekannt, dass sie auch bei anderen Gelegenheiten die Katze in den Taubenschlag gelassen hatte. Mittlerweile hatte sie nicht weniger als dreimal verlangt, der Saal solle offiziell verkünden, dass Elaida eine Schwarze Ajah war, was unweigerlich zu peinlichem Schweigen führte, bis jemand dazu aufrief, die Sitzung zu vertagen. Nur wenige waren bereit, öffentlich über die Schwarzen Ajah zu sprechen. Delana würde über alles diskutieren, von dem Problem, wie sie für neunhundertundsiebenundachtzig Novizinnen die angemessene Kleidung finden sollten, bis zu der Frage, ob Elaida unter den Schwestern insgeheim Anhänger hatte, noch ein Thema, das bei den meisten Schluckbeschwerden auslöste. Was alles zu der Frage führte, warum sie so früh angeritten kam, und dann noch allein. Sie war noch nie zuvor ohne mindestens die Begleitung einer Sitzenden vor Egwene getreten. Delanas blassblaue Augen verrieten genauso wenig wie ihr glattes Aes Sedai-Gesicht.

»Während wir reiten«, sagte Egwene. »Wir wollen unter uns bleiben«, fügte sie hinzu, als Sheriam den Mund aufmachte. »Bleibt bitte mit den anderen zurück.« Die Behüterin der Chroniken kniff die Augen mit einem beinahe wütenden Ausdruck zusammen. Sie war eine eifrige und effiziente Behüterin der Chroniken, die ihre ganze Hoffnung auf Egwene gesetzt hatte und kaum einen Hehl daraus machte, dass es ihr nicht gefiel, von einer Besprechung ausgeschlossen zu werden, egal, worum es dabei ging. Ob nun aufgebracht oder nicht, nach einem kaum merklichen Zögern nickte sie zustimmend. Sheriam hatte nicht immer gewusst, wer von ihnen beiden hier die Befehle gab, aber das hatte sich geändert.

Das Land stieg vom Fluss Erinin an, aber nicht in Form von Hügeln, sondern in einer kontinuierlichen Steigung zu dem monströsen Gipfel hin, der sich im Westen auftürmte und so gewaltig war, dass er die Bezeichnung Berg zu verspotten schien. Der Drachenberg hätte selbst am Rückgrat der Welt alles überragt; in dem eher flachen Gelände in der Umgebung von Tar Valon schien sein weißgekrönter Gipfel in den Himmel zu reichen, vor allem, wenn so wie jetzt eine dünne Rauchsäule aus seiner zerklüfteten Spitze strömte. Eine dünne Rauchsäule, die aus der Nähe auch etwas ganz anderes hätte sein können. Auf halbem Weg den Drachenberg hinauf gab es keine Bäume mehr, und es war noch niemandem gelungen, den Gipfel zu erreichen oder ihm auch nur nahe zu kommen, obwohl man sich erzählte, dass seine Abhänge von den Knochen derjenigen übersät waren, die es versucht hatten. Warum überhaupt jemand es versuchen sollte, dafür gab es keine einleuchtende Erklärung. Manchmal erstreckte sich der lange Abendschatten des Berges den ganzen Weg bis zur Stadt. Die Menschen der Gegend waren daran gewöhnt, dass der Drachenberg den Himmel beherrschte, so wie sie daran gewöhnt waren, dass der Turm der Weißen Burg die Stadtmauern überragte und auf Meilen hin sichtbar war. Beides waren unveränderliche Fixpunkte, die immer da gewesen waren und es auch immer sein würden, aber das Leben der Menschen drehte sich um die Felder und das Handwerk, nicht die Berge oder die Aes Sedai.

In winzigen Weilern aus zehn oder einem Dutzend Häusern mit Stroh-  oder Schieferdächern und dem gelegentlichen Dorf aus hundert Gehöften blieben die Kinder, die im Schnee spielten oder Wasser aus den Brunnen holten, stehen und starrten den Soldaten nach, die über die unbefestigten Pfade ritten, die als Straßen dienten, wenn sie nicht vom Schnee bedeckt waren. Sie trugen keine Banner, aber ein paar der Soldaten hatten die Flamme von Tar Valon auf dem Umhang oder den Mantelärmeln, und die seltsamen Umhänge der Behüter kennzeichneten zumindest einige der Frauen als Aes Sedai. Selbst in dieser Nähe zur Stadt waren Schwestern bis vor kurzem ein seltener Anblick gewesen, und sie stellten noch immer etwas dar, was Kinderaugen glänzen ließ. Aber auch die Soldaten selbst schafften es vermutlich auf die Liste der Wunder. Die Bauernhöfe, die Tar Valon ernährten, nahmen den größten Teil des Landes in Beschlag, mit Steinmauern abgegrenzte Felder, die Häuser und hohe Scheunen aus Stein oder Ziegel umgaben, dazwischen Wälder unterschiedlichster Größe, und oft liefen Gruppen von Bauernkindern ein Stück mit den Reitern und sprangen wie Hasen durch den Schnee. Winterarbeiten hielten die meisten älteren Leute im Inneren der Häuser, aber jene, die schwer vermummt wegen der Kälte nach draußen gingen, hatten kaum Zeit für einen Blick auf Soldaten, Behüter oder Aes Sedai. Bald kamen der Frühling und das Pflügen und Aussäen, und was die Aes Sedai taten, hatte darauf keine Auswirkungen. Falls das Licht es erlaubte, würde es das nicht tun.

Es war sinnlos, Wächter zu postieren, es sei denn, sie wären geritten, als würden sie einen Angriff erwarten, und Lord Gareth hatte für eine starke Vorhut und Reihen von flankierenden Soldaten gesorgt, während eine Nachhut den Abschluss bildete. Er führte die Masse der Soldaten direkt hinter den Behütern, die sich dicht an Sheriam und den »Rat« hielten. Sie alle bildeten einen großen, unsymmetrischen Kreis um Egwene, und solange sie sich nicht zu genau umsah, konnte sie sich fast vorstellen, mit Delana allein durch die Gegend zu reiten. Statt die Sitzende der Grauen zu drängen — es war ein langer Ritt zum Lager, und es war niemandem erlaubt, ein Wegetor zu weben, wenn man dabei beobachtet werden konnte; es war also genug Zeit, um sich anzuhören, was Delana zu sagen hatte —, verglich Egwene die vorbeiziehenden Höfe mit denen an den Zwei Flüssen.

Vielleicht war es die Erkenntnis, dass die Zwei Flüsse nicht länger ihr Zuhause waren, die sie die Höfe betrachten ließ. Sich die Wahrheit einzugestehen konnte niemals ein Verrat sein, aber sie musste sich an die Zwei Flüsse erinnern. Wenn man vergaß, wo man herkam, konnte man auch vergessen, wer man war, und manchmal erschien ihr die Wirtstochter aus Emondsfelde wie eine Fremde. In der Nähe von Emondsfelde hätte jeder dieser Höfe seltsam gewirkt, auch wenn sie den Grund nicht benennen konnte. Eine andere Form der Häuser, ein anderer Winkel der Dächer. Und viel öfter waren die Dächer mit Schiefer gedeckt statt mit Stroh, sofern man es unter dem Schnee, der sie bedeckte, ausmachen konnte. Natürlich gab es auch bei den Zwei Flüssen weniger Stroh und mehr Stein und Ziegelwerk als früher. Das hatte sie gesehen, in Tel'aran'rhiod. Veränderungen geschahen entweder so langsam, dass man nie wahrnahm, wie sie sich an einen anschlichen, oder überfielen einen so schnell, dass es Unbehagen bereitete, aber sie kamen. Nichts blieb so, wie es war, selbst wenn man das glaubte. Oder es hoffte.

»Einige glauben, Ihr wollt ihn als Behüter an Euch binden«, sagte Delana unvermittelt. Sie hätte genauso gut an einer nichts sagenden Unterhaltung teilnehmen können. Ihre ganze Aufmerksamkeit schien darauf gerichtet zu sein, mit den grün behandschuhten Händen die Kapuze ihres Umhangs zu richten. Sie ritt gut und verschmolz so mühelos mit den Bewegungen ihres Pferdes, dass sie das Tier überhaupt nicht zu bemerken schien. »Einige glauben, dass Ihr das vielleicht bereits getan habt. Ich habe schon einige Zeit keinen mehr gehabt, aber allein das Wissen, dass Euer Behüter da ist, kann schon ein Trost sein. Wenn man den richtigen auswählt.«

Egwene hob eine Braue — sie war stolz, dass sie die Frau nicht anstarrte; das war so ungefähr das letzte Thema, mit dem sie gerechnet hätte —, und Delana fügte hinzu: »Lord Gareth verbringt viel Zeit mit Euch. Er ist älter als üblich, aber Grüne wählen oft einen erfahreneren Mann als ihren Ersten aus. Ich weiß, dass Ihr nie einer Ajah angehört habt, aber ich halte Euch oft für eine Grüne. Wird Siuan erleichtert sein, wenn Ihr mit ihm einen Bund eingeht, oder aufgebracht? Manchmal glaube ich das eine, manchmal das andere. Ihre Beziehung, wenn man sie so nennen will, ist sehr seltsam, aber es scheint ihr nicht im Mindesten peinlich zu sein.«