»Erledigst du etwas für eine Schwester?«
Die Novizin, eine Frau, die sich den mittleren Jahren näherte und eine reine Haut hatte, die nie einen Tag Feldarbeit gesehen hatte, starrte sie offen an, bevor sie sich genug zusammenriss, um einen Knicks zu machen, ein geübtes Lüpfen der weißen Röcke mit den in Fäustlingen steckenden Händen. Leane war so hoch gewachsen wie die meisten Männer, dabei aber schlank und anmutig und wunderschön; auch ihr fehlte das alterslose Aussehen, aber ihr Gesicht gehörte zu den beiden bekanntesten im ganzen Lager. Novizinnen zeigten ehrfurchtsvoll auf sie — eine Schwester, die einst Behüterin der Chroniken gewesen war, die man gedämpft hatte und die Geheilt worden war, sodass sie erneut die Macht lenken konnte, wenn auch nicht so stark wie zuvor. Und dann hatte sie die Ajah gewechselt! Eine Frau hatte das Weiß noch nicht richtig angezogen, da wusste sie schon, dass so etwas niemals passierte. Unglücklicherweise wurde Leane zu so etwas wie einem Mythos. Es fiel schwerer, einer Novizin Zurückhaltung aufzuerlegen, wenn man sie nicht darauf hinweisen konnte, dass sie riskierte, die Stola nie zu erringen, wenn sie sich ausbrannte und die Eine Macht für immer verlor.
»Letice Murow, Aes Sedai«, antwortete die Frau respektvoll mit einem trällernden murandianischen Akzent. Es hatte den Anschein, als wollte sie noch mehr sagen, vielleicht einen Titel nennen, aber eine der ersten Lektionen beim Eintritt in die Burg bestand darin, dass man alles zurückließ, was man gewesen war. Für einige war das eine harte Lektion, vor allem für jene, die Titel gehabt hatten.
»Ich will meine Schwester besuchen. Ich habe sie seit unserem Aufbruch aus Murandy nicht länger als eine Minute gesehen.« Verwandte wurden immer auf verschiedene Novizinnenfamilien aufgeteilt, genau wie Frauen, die einander gekannt hatten, bevor sie ins Novizinnenbuch aufgenommen worden waren. Es ermunterte sie, neue Freundschaften zu schließen und verminderte die unweigerlichen Spannungen, wenn eine schneller lernte als die andere oder über ein höheres Potenzial verfügte. »Sie hat auch unterrichtsfrei, bis heute Nachmittag, und...«
»Deine Schwester wird noch etwas warten müssen, Kind«, unterbrach Leane sie. »Halte das Pferd der Amyrlin.«
Letice zuckte zusammen und starrte Egwene an, die endlich ihre Stola aus der Tasche gefummelt hatte. Sie reichte der Frau Daishars Zügel, schlug die Kapuze zurück und legte sich den schmalen Stoffstreifen auf die Schultern. Leicht wie eine Feder in der Gürteltasche, lag die Stola schwer um ihren Hals. Siuan behauptete, dass man manchmal jede Frau, die je die Stola getragen hatte, an ihren Enden hängen fühlen konnte, eine ständige Ermahnung an Verantwortung und Pflicht, und Egwene glaubte jedes Wort davon. Die Murandianerin starrte sie noch mehr an als Leane und brauchte länger, bis ihr einfiel, den Knicks zu machen. Zweifellos hatte sie gehört, dass die Amyrlin jung war, aber vermutlich hatte sie nie darüber nachgedacht, wie jung.
»Danke, Kind«, sagte Egwene glatt. Es hatte eine Zeit gegeben, in der es ihr unpassend vorgekommen war, eine zehn Jahre ältere Frau Kind zu nennen. Im Laufe der Zeit veränderte sich alles. »Es wird nicht lange dauern. Leane, würdet Ihr jemanden bitten, einen Pferdeknecht für Daishar zu schicken? Jetzt, da ich aus dem Sattel bin, möchte ich nicht wieder aufsitzen, und Letice sollte ihre Schwester besuchen dürfen.«
»Ich werde mich selbst darum kümmern, Mutter.«
Leane machte einen anmutigen Knicks und ging, ohne sich auch nur im Mindesten anmerken zu lassen, dass es mehr zwischen ihnen gab als diese zufällige Begegnung. Egwene vertraute ihr weit mehr als Anaiya oder sogar Sheriam. Vor Leane hatte sie keine Geheimnisse, genauso wenig wie vor Siuan. Aber ihre Freundschaft war ein weiteres Geheimnis, das gehütet werden musste. Zum einen hatte Leane Augen-und-Ohren in Tar Valon, wenn nicht sogar in der Burg selbst, und ihre Berichte waren allein für Egwene bestimmt. Andererseits wurde Leane ziemlich verhätschelt, weil sie sich so gut an ihren geringeren Status gewöhnt hatte, und jede Schwester hieß sie willkommen, und wenn auch nur aus dem Grund, dass sie den lebendigen Beweis darstellte, dass das Dämpfen, die tiefe Furcht jeder Aes Sedai, rückgängig gemacht werden konnte. Sie hießen sie mit offenen Armen willkommen, und weil sie jetzt weniger als zuvor war, weil sie unter der Hälfte der Schwestern im Lager stand, sprachen sie in ihrer Anwesenheit oft über Dinge, von denen sie niemals gewollt hätten, dass die Amyrlin sie erfuhr. Egwene warf ihr keinen Blick nach, als sie ging. Stattdessen schenkte sie Letice ein Lächeln — die Frau errötete und machte noch einen Knicks —, dann betrat sie das Zelt, zog die Handschuhe aus und steckte sie hinter den Gürtel.
An den Wänden standen acht Spiegelkandelaber zwischen niedrigen Holztruhen. Bei einer blätterte die Vergoldung ab, die anderen waren aus bemaltem Eisen; keine zwei Kandelaber hatten die gleiche Anzahl von Armen, aber sie sorgten für eine gute Beleuchtung, auch wenn es nicht so hell wie draußen war. Mehrere Tische, die aus sieben verschiedenen Bauernküchen zu stammen schienen, bildeten in der Mitte des mit Segeltuch ausgelegten Bodens eine Reihe; auf den am weitesten entfernten Bänken saßen ein halbes Dutzend Novizinnen, deren Umhänge zusammengefaltet neben ihnen lagen. Jede der Frauen war vom Glühen der Macht umgeben. Tiana, die Oberin der Novizinnen, musterte sie besorgt und ging zwischen den Tischen auf und ab, genau wie überraschenderweise Sharina Melloy, eine der Novizinnen aus Murandy.
Nun ja, vielleicht hätte es keine Überraschung sein sollen, Sharina hier zu finden. Sie war eine ehrwürdige, grauhaarige Großmutter mit einem straffen Haarknoten im Nacken, die mit strenger Hand eine sehr große Familie gelenkt hatte, und sie schien sämtliche Novizinnen als Enkel oder Großnichten adoptiert zu haben. Sie war diejenige gewesen, die sie in diese winzigen Familien eingeteilt hatte, allein auf sich gestellt und anscheinend aus Empörung, mit ansehen zu müssen, wie jedermann kopflos umherschwirrte. Die meisten Aes Sedai kniffen die Lippen mehr als nur etwas zusammen, wenn sie daran erinnert wurden, obwohl sie diese Idee schnell genug akzeptiert hatten, sobald ihnen klar geworden war, wie sehr es die Organisation der Klassen vereinfachte und es ihnen erleichterte, die Frauen im Auge zu behalten. Tiana kontrollierte die Arbeit der Novizinnen so aufmerksam, dass es offensichtlich war, dass sie Sharinas Anwesenheit zu ignorieren versuchte. Klein und schlank, mit großen braunen Augen und einem Grübchen am Kinn sah Tiana trotz ihres alterslosen Gesichts irgendwie jung aus, vor allem im Vergleich mit den breiten Hüften und faltigen Wangen der größeren Novizin.
Die beiden Aes Sedai, die an dem Tisch direkt am Eingang die Macht lenkten, Kairen und Ashmanaille, hatten ebenfalls Zuschauer. Janya Frende, eine Sitzende der Braunen, und Salita Toranes, eine Sitzende der Gelben. Aes Sedai und Novizinnen gingen alle derselben Aufgabe nach. Vor jeder Frau umgab ein enges, aus Erde, Feuer und Luft gewobenes Netz einen kleinen Gebrauchsgegenstand, der von den Lagerschmieden hergestellt worden war. Es hatte sie sehr verblüfft, dass die Schwestern solche Gegenstände aus Eisen haben wollten, ganz zu schweigen davon, dass sie so fein gearbeitet sein sollten wie aus Silber. Ein zweites, aus Erde und Feuer gestaltetes Gewebe durchdrang jedes Netz, um den Gegenstand zu berühren, der langsam eine weiße Färbung annahm. Und zwar ganz langsam.
Das Geschick mit den Geweben verbesserte sich durch Übung, aber von den Fünf Mächten war Erde der Schlüssel, und außer Egwene beherrschten nur neun Schwestern im Lager — sowie zwei Aufgenommene und beinahe zwei Dutzend Novizinnen — dies ausreichend, um funktionsfähige Gewebe zu erschaffen. Allerdings gab es unter den Schwestern auch nur wenige, die sich überhaupt dafür interessierten. Ashmanaille, die schlank genug war, um größer zu erschienen, als sie in Wirklichkeit war, und die zu beiden Seiten der einfachen Eisenschüssel mit den Fingern auf die Tischplatte trommelte, verfolgte ungeduldig, wie der weiße Rand bis zur Mitte in die Höhe kroch. Kairens blaue Augen schauten kalt genug, dass allein ihr Blick hätte ausreichen müssen, um den hohen Becher, an dem sie arbeitete, zerspringen zu lassen. Er wies nur einen kleinen weißen Rand am unteren Ende auf. Es musste Kairen gewesen sein, die Egwene hatte eintreten sehen.