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Tiana schürzte stirnrunzelnd die Lippen, was das Grübchen wieder hervorhob. Man hätte fast vergessen können, dass sie seit über dreißig Jahren die Stola trug, und sie für eine Novizin halten können. »Solange ich die Oberin der Novizinnen bin, habe ich die Entscheidung zu treffen, ob ein Mädchen weggeschickt wird«, sagte sie hitzig, »und ich habe nicht vor, ein Mädchen mit Nicolas Potenzial zu verlieren.« Eines Tages würde Nicola in der Einen Macht sehr stark sein. »Oder Sharinas«, fügte sie mit einer Grimasse hinzu und glättete gereizt die Röcke. Sharinas Potenzial war wirklich erstaunlich, es ging weit über jeden in der Erinnerung hinaus, ausgenommen vielleicht Nynaeve, und übertraf selbst Egwenes. Einige glaubten, sie könnte so stark werden, wie es nur möglich war, allerdings waren das nur Spekulationen. »Wenn Nicola Euch gestört hat, Mutter, werde ich mich darum kümmern.«

»Ich war nur neugierig«, sagte Egwene bedächtig und schluckte die Bemerkung herunter, dass man die junge Frau und ihre Freundin streng beobachten sollte. Sie wollte nicht über Nicola sprechen. Es konnte zu schnell passieren, dass sie vor die Wahl gestellt wurde, entweder lügen oder Dinge enthüllen zu müssen, die sie nicht zu enthüllen wagte. Zu dumm, dass sie Siuan nicht erlaubt hatte, für zwei unauffällige Todesfälle zu sorgen.

Der Gedanke ließ sie entsetzt den Kopf hochreißen.

Hatte sie sich so weit von Emondsfelde entfernt? Ihr war klar, dass sie früher oder später Männern befehlen musste, in die Schlacht zu ziehen und zu sterben, und sie glaubte auch, dazu fähig zu sein, in großer Not einen Tod anzuordnen. Wenn ein Tod den Tod von Tausenden oder sogar Hunderttausenden verhindern konnte, war es dann nicht richtig, ihn zu befehlen? Aber die von Nicola und Areina ausgehende Gefahr bestand lediglich darin, dass sie Geheimnisse ausplaudern konnten, die Egwene al'Vere Unannehmlichkeiten bereitet hätten. Oh, Myrelle und die anderen hätten Glück gehabt, mit der Prügelstrafe davonzukommen, und sie würden das mit Sicherheit für mehr als nur unangenehm halten, aber Schmerzen, gleichgültig, wie heftig sie auch sein würden, boten keinen ausreichenden Grund, um deswegen zu töten.

Unvermittelt wurde Egwene sich bewusst, dass sie die Stirn runzelte und Tiana und die beiden Sitzenden sie beobachteten. Janya machte sich nicht einmal die Mühe, ihre Neugier hinter einer Maske aus Gelassenheit zu verbergen. Um ihre Verlegenheit zu überspielen, richtete Egwene ihr Stirnrunzeln auf den Tisch, an dem Kairen und Ashmanaille wieder an der Arbeit saßen. Das Weiß an Ashmanailles Becher war ein Stück emporgeklettert, aber in dieser kurzen Zeit hatte Kairen aufgeholt. Sogar mehr als aufgeholt, da ihr Pokal mehr als doppelt so groß wie der Becher war.

»Eure Fertigkeiten werden besser, Kairen«, sagte Egwene anerkennend.

Die Blaue schaute zu ihr hoch und holte tief Luft. Ihr ovales Gesicht wurde zu einem Abbild kühler Gelassenheit, in dessen Mitte diese so kalt blickenden blauen Augen saßen. »Dafür braucht man keine große Fertigkeiten, Mutter. Man muss nur das Gewebe weben und warten.« Das letzte Wort wies einen Unterton von Schärfe auf, und was das anging, hatte es vor dem »Mutter« ein leichtes Zögern gegeben. Kairen war in Salidar auf eine sehr wichtige Mission geschickt worden, nur um miterleben zu müssen, wie alles auseinander brach — auch wenn das nicht ihre Schuld war —, und als sie in Murandy wieder zu ihnen gestoßen war, war alles, was sie zurückgelassen hatte, auf den Kopf gestellt gewesen und ein Mädchen, an das sie sich als Novizin erinnern konnte, trug die Stola der Amyrlin. In der letzten Zeit hatte Kairen viel Zeit mit Lelaine verbracht.

»Sie wird besser — in einigen Dingen«, sagte Janya mit einem bezeichnenden Blick für die Blaue Schwester. Janya war vermutlich genau wie die anderen Sitzenden davon überzeugt gewesen, dass der Saal eine Marionette erhielt, wenn er Egwene zur Amyrlin erhob, aber sie schien akzeptiert zu haben, dass sie nun die Stola trug und von jedem den nötigen Respekt verdiente. »Natürlich bezweifle ich, dass sie Leane einholt, falls sie sich nicht große Mühe gibt, und Euch sicher auch nicht, Mutter. Tatsächlich könnte die junge Bodewhin sie einholen. Ich selbst möchte mich nicht von einer Novizin überflügeln lassen, aber vermutlich denkt da jeder anders.« Rote Flecken kamen auf Kairens Wangen zum Vorschein, ihr Blick fiel auf den Pokal.

Tiana schnaubte. »Bodewhin ist ein braves Mädchen, aber sie albert ständig mit den anderen Novizinnen herum, wenn Shar...« Sie holte tief Luft. »Wenn man sie nicht im Auge behält. Gestern haben sie und Altyhn Conly versucht, zwei Gegenstände gleichzeitig zu bearbeiten, nur um zu sehen, was passiert, und die Dinge verschmolzen zu einem soliden Klumpen. Natürlich völlig unverkäuflich, es sei denn, man fände jemanden, der zwei zur Hälfte aus Eisen und Cuendillar bestehende Becher, die aneinander kleben, haben will. Und das Licht weiß, was den Mädchen hätte zustoßen können. Anscheinend ist es noch einmal gut gegangen, aber wer weiß, was beim nächsten Mal geschieht?«

»Sorgt dafür, dass es kein nächstes Mal gibt«, sagte Egwene gedankenverloren, die Aufmerksamkeit auf Kairens Pokal gerichtet. Der weiße Rand kroch gleichmäßig in die Höhe. Wenn Leane dieses Gewebe ausführte, verwandelte sich das schwarze Eisen in weißes Cuendillar, als würde das Eisen schnell in Milch versinken. Bei Egwene selbst geschah die Verwandlung schneller als ein Augenblinzeln, blitzartig wurde aus Schwarz Weiß. Es würden Kairen oder Leane sein müssen, aber selbst Leane war kaum schnell genug. Kairen brauchte Zeit, um besser zu werden. Tage? Wochen? Was auch immer nötig war, denn alles andere hätte eine Katastrophe bedeutet — für die Frauen, die daran beteiligt waren, und die Männer, die bei den Kämpfen in den Straßen von Tar Valon sterben würden, und vielleicht für die Burg selbst. Plötzlich war Egwene froh, dass sie Beonins Vorschlag akzeptiert hatte. Kairen zu verraten, warum sie sich mehr anstrengen musste, hätte vielleicht das Gegenteil bewirkt, aber das war ein weiteres Geheimnis, das gehütet werden musste, bis die Zeit gekommen war, es der Welt zu enthüllen.

18

Eine Unterhaltung mit Siuan

Als Egwene das Zelt verließ, war Daishar schon lange weggebracht worden, aber die Stola mit den sieben Streifen, die aus ihrer Kapuze hing, erfüllten ihren Zweck besser als das Gesicht einer Aes Sedai, um ihr einen Weg durch die Menge zu bahnen. Sie ging durch ein Meer aus Knicksen, zu denen gelegentlich die Verbeugung eines Behüters oder eines Handwerkers kam, der bei den Zelten der Schwestern eine Arbeit zu erledigen hatte. Einige Novizinnen erschraken, wenn sie die Amyrlin-Stola erblickten, und manche Familien traten hastig vom Gehweg herunter und machten ihre tiefen Knickse im Schlamm der Straße. Seit Egwene gezwungen gewesen war, für einige der Frauen von den Zwei Flüssen Bestrafungen anzuordnen, hatte sich unter den Novizinnen verbreitet, die Amyrlin sei so hart wie Sereille Bagand, und es sei besser, ihren Zorn nicht zu erregen, der wie ein Steppenbrand sein konnte. Nicht, dass auch nur die wenigsten von ihnen sich gut genug in der Geschichte der Burg auskannten, um eine halbwegs vernünftige Vorstellung davon zu haben, wer Sereille wirklich gewesen war, aber seit über hundert Jahren war ihr Name gleichbedeutend mit eisenharter Strenge, und die Aufgenommenen sorgten dafür, dass Novizinnen so etwas verinnerlichten. Es war gut, dass die Kapuze Egwenes Gesicht verbarg. Als die zehnte Novizinnen-Familie wie ein verschrecktes Hasenrudel aus dem Weg sprang, biss sie die Zähne so fest zusammen, dass ihr Gesicht ihren Ruf, Eisen zu kauen und Nägel zu spucken, endgültig zementiert hätte. Sie hatte die schreckliche Ahnung, dass Aufgenommene in ein paar hundert Jahren ihren Namen dazu benutzen würden, den Novizinnen Angst einzujagen, so wie sie es jetzt mit Sereille machten. Natürlich gab es da vorher noch die geringfügige Aufgabe, die Weiße Burg wieder zu vereinen. Kleine Ärgernisse mussten da warten. Vermutlich hätte sie auch ohne Eisen Nägel spucken können.