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In der Nähe des Amyrlin-Studierzimmers, das trotz des Namens nichts weiter als ein Spitzzelt mit geflickten braunen Wänden war, verschwanden die Menschenmengen. Wie der Saal war das ein Ort, den man mied, solange man dort nichts zu erledigen hatte oder einbestellt wurde. Niemand wurde einfach in den Saal der Burg oder ins Studierzimmer der Amyrlin gebeten. Die harmloseste Einladung war ein Befehl, eine Tatsache, die dieses einfache Zelt in einen Zufluchtsort verwandelte. Egwene eilte durch den Eingang und nahm mit einem Gefühl der Erleichterung den Umhang ab. Zwei Kohlenpfannen erfüllten das Zelt mit einer köstlichen Wärme, und sie gaben nur wenig Rauch ab. Von den getrockneten Kräutern, die man auf die glühenden Kohlen gestreut hatte, entströmte ein süßer Duft.

»So wie sich diese dummen Mädchen benehmen, sollte man glauben, dass ich...«, knurrte sie und verstummte dann abrupt.

Sie war nicht überrascht, Siuan in schlichter blauer, wenn auch hervorragend geschneiderter Wolle neben dem Schreibtisch vorzufinden, eine breite Ledermappe vor die Brust haltend. Die meisten Schwestern — so wie Delana — schienen zu glauben, dass sie noch immer nicht mehr tat, als Egwene im Protokoll zu unterweisen und Botengänge zu erledigen, und zwar beides widerstrebend, aber sie war immer früh am Morgen da, was bis jetzt niemandem so richtig aufgefallen zu sein schien. Siuan war eine Amyrlin gewesen, die Eisen gekaut hatte, obwohl das keiner glauben würde, der es nicht besser wusste. Novizinnen sprachen genauso oft von ihr wie von Leane, aber voller Zweifel, ob sie wirklich das war, was die Schwestern von ihr behaupteten. Siuan war hübsch, aber nicht wirklich schön, hatte einen zierlichen Mund und dunkles, schimmerndes Haar, das ihr bis zu den Schultern reichte; sie sah noch jünger als Leane aus und nur wenige Jahre älter als Egwene. Ohne die mit blauen Fransen versehene Stola über den Armen hätte man sie für eine Aufgenommene halten können. Darum trug sie auch stets die Stola, um peinliche Missverständnisse zu vermeiden. Ihre Augen hatten sich genauso wenig verändert wie ihr Temperament, und sie blickten wie eisblaue Nadeln auf die Frau, deren Anwesenheit eine Überraschung war.

Halima war sicherlich willkommen, aber Egwene hatte nicht damit gerechnet, sie auf den hellen bunten Kissen ausgestreckt vorzufinden, die an der einen Zeltseite aufgeschichtet lagen, den Kopf auf eine Hand gestützt. Gewiss, Siuan war hübsch, wie jene jungen Frauen, denen jeder zulächelte, aber Halima war atemberaubend, mit großen grünen Augen in einem perfekten Gesicht und einem vollen, festen Busen von der Sorte, die Männer schlucken und andere Frauen die Stirn runzeln ließ. Nicht, dass Egwene die Stirn gerunzelt oder die Geschichten geglaubt hätte, die von Frauen verbreitet wurden, die eifersüchtig auf die Art und Weise waren, wie Halima Männer anzog, nur weil sie einfach da war. Aber selbst wenn ihre Position als Delanas Sekretärin offensichtlich ein Almosen der Grauen Schwester war — Halima war eine Frau vom Land mit unzureichender Schulbildung, die ihre Buchstaben mit der Unbeholfenheit eines Kindes malte —, hielt Delana sie doch den ganzen Tag irgendwie beschäftigt. Sie kam nur selten vor der Schlafenszeit, und dann auch meistens nur, weil sie gehört hatte, dass Egwene wieder ihre Kopfschmerzen hatte. Nisao konnte nichts dagegen ausrichten, nicht einmal mit dem neuen Heilen, aber Halimas Massagen wirkten Wunder, selbst wenn die Schmerzen Egwene wimmern ließen.

»Ich habe ihr gesagt, dass Ihr heute Morgen keine Zeit haben werdet, Mutter«, sagte Siuan scharf und schaute die Frau auf den Kissen noch immer böse an, als sie Egwenes Umhang mit der freien Hand entgegennahm, »aber ich hätte genauso gut mit mir selbst sprechen können.« Sie hängte den Umhang auf einen rustikalen Kleiderständer und schnaubte verächtlich. »Vielleicht hätte sie zugehört, würde ich Hosen tragen und einen Schnurrbart haben.« Siuan schien jedes der Gerüchte über Halimas angebliche Raubzüge unter den ansehnlicheren Handwerkern und Soldaten zu glauben.

Seltsamerweise schien sich Halima über ihren Ruf zu amüsieren. Möglicherweise genoss sie ihn sogar. Sie lachte leise und kehlig und streckte sich auf den Kissen wie eine Katze. Sie hatte eine unglückliche Vorliebe für tief ausgeschnittene Oberteile, was bei diesem Wetter unmöglich war, und platzte beinahe aus der blaugeschlitzten grünen Seide heraus. Seide war kaum die angemessene Bekleidung für eine Sekretärin, aber Delanas Mildtätigkeit kannte keine Grenzen — oder die Schuld, in der sie Halima gegenüber stand.

»Ihr scheint heute Morgen bekümmert zu sein, Mutter«, murmelte die Frau mit den grünen Augen, »und Ihr seid so früh zu Eurem Ausritt herausgeschlüpft und habt versucht, mich nicht zu wecken. Ich dachte, Ihr würdet vielleicht gern reden. Ihr würdet nicht so oft Kopfschmerzen bekommen, wenn Ihr mehr über Eure Sorgen sprechen würdet. Ihr wisst ja, dass Ihr mit mir sprechen könnt.« Halima betrachtete Siuan, die den Blick verächtlich erwiderte, dann lachte sie erneut kehlig. »Und Ihr wisst, dass ich keine Hintergedanken habe, im Gegensatz zu anderen.« Siuan schnaubte erneut und beschäftigte sich damit, die Mappe auf den Schreibtisch zu legen, genau zwischen dem steinernen Tintenfässchen und dem Sandstreuer. Sie fummelte sogar an dem Federhalter herum.

Es kostete Egwene Mühe, nicht zu seufzen. Große Mühe. Halima bat um nichts als einen Schlafplatz in Egwenes Zelt, sodass sie da sein konnte, wenn Egwene Kopfschmerzen bekam, doch ihre Anwesenheit musste mit ihren Pflichten für Delana kollidieren. Davon abgesehen mochte Egwene ihre offene Art. Es fiel leicht, sich mit Halima zu unterhalten und eine Weile zu vergessen, dass sie der Amyrlin-Sitz war, eine Entspannung, die ihr nicht einmal Siuan bieten konnte. Sie hatte zu hart dafür gekämpft, um als Aes Sedai und Amyrlin anerkannt zu werden, doch ihre Position war bestenfalls unsicher. Jeder Fehler, die Amyrlin zu sein, würde den nächsten und den übernächsten Fehler einfacher machen, bis man sie wieder als ein Kind ansehen würde, das ein Spiel spielte. Das machte Halima zu einem Luxus, den man schätzen musste, ganz davon abgesehen, was ihre Finger bei Egwenes Kopfschmerzen auszurichten vermochten. Zu ihrem Unmut schien aber jede andere Frau im Lager Siuans Ansicht zu teilen, ausgenommen vielleicht Delana. Die Graue war zu prüde, um ein leichtes Mädchen zu beschäftigen, ganz egal, zu welchen Almosen sie sich auch immer verpflichtet glaubte. Aber ob die Frau nun Jagd auf Männer machte oder sie bloß straucheln ließ, stand jetzt nicht zur Debatte.

»Ich fürchte, ich muss arbeiten, Halima«, sagte sie und zog die Handschuhe aus. An den meisten Tagen war es ein Berg von Arbeit. Von Sheriams Berichten war natürlich noch keine Spur zu sehen, aber sie würde sie bald schicken, zusammen mit ein paar Petitionen, von denen sie glaubte, dass sie Egwenes Aufmerksamkeit wert waren. Nur ein paar, zehn oder zwölf Appelle für die erneute Überprüfung von Beschwerden, und es wurde von Egwene erwartet, über jede als Amyrlin zu urteilen. Das konnte man nicht ohne genaues Studium der Fakten tun, nicht, wenn man eine gerechte Entscheidung treffen wollte. »Vielleicht könnt Ihr ja mit mir essen.« Falls sie rechtzeitig fertig war, um nicht hier an ihrem Schreibtisch im Studierzimmer essen zu müssen. Es ging bereits auf den Mittag zu. »Dann können wir uns unterhalten.«

Halima setzte sich abrupt auf, mit blitzenden Augen und zusammengepressten Lippen, doch ihre finstere Miene verschwand so schnell, wie sie gekommen war. Aber in ihrem Blick verblieb ein Lodern. Wäre sie eine Katze gewesen, hätte sie den Rücken gekrümmt und den Schwanz wie eine Flaschenbürste gesträubt. Sie erhob sich anmutig und glättete das Kleid über den Hüften. »Nun gut. Wenn Ihr sicher seid, dass ich nicht bleiben soll.«

Erstaunlicherweise setzte in diesem Moment hinter Egwenes Augen ein dumpfes Pochen ein, der viel zu vertraute Vorbote schrecklicher Kopfschmerzen, aber sie schüttelte trotzdem den Kopf und wiederholte, dass sie zu arbeiten hatte. Halima zögerte noch einen Augenblick, ihre vollen Lippen verzogen sich erneut zu einem schmalen Strich, ihre Hände verkrallten sich in ihre Röcke, dann riss sie ihren pelzgefütterten Seidenumhang vom Kleiderständer und stolzierte aus dem Zelt, ohne ihn sich über die Schultern zu legen. Sie hätte krank werden können, wenn sie so in die Kälte hinausging.