»Früher oder später wird sie dieses Fischweib-Temperament in die Bredouille bringen«, murmelte Siuan, bevor die Eingangsplanen aufhörten, hin und her zu schwingen. Sie sah Halima finster hinterher und rückte die Stola auf ihren Schultern zurecht. »In Eurer Anwesenheit hält sich die Frau zurück, aber mir gegenüber nimmt sie kein Blatt vor den Mund. Und das gilt auch für andere. Man munkelt, dass sie Delana angeschrien hat. Wer hätte je von einer Sekretärin gehört, die ihre Arbeitgeberin anbrüllt, und dann auch noch eine Schwester? Eine Sitzende! Ich verstehe nicht, warum sich Delana mit ihr abgibt.«
»Das ist Delanas Sache.« Die Handlungen einer anderen Schwester in Frage zu stellen war genauso verboten, wie sich darin einzumischen. Zwar nur vom Brauchtum her und nicht durch das Gesetz, aber manche Verhaltensregeln waren so stark wie das Gesetz. Sicherlich musste sie Siuan daran nicht erinnern.
Egwene rieb sich die Schläfen und setzte sich vorsichtig auf den Stuhl hinter dem Schreibtisch, aber der Stuhl wakkelte trotzdem. Dafür gemacht, zusammengeklappt auf einem Wagen transportiert werden zu können, hatten die Beine die Neigung, immer dann zusammenzuklappen, wenn sie es nicht sollten, und keinem der Handwerker war es trotz mehrmaliger Bemühungen gelungen, sie zu reparieren. Der Tisch ließ sich auch zusammenklappen, war aber stabiler. Sie wünschte sich, sie hätte in Murandy die Gelegenheit genutzt, einen neuen Stuhl zu besorgen, aber es hatten so viele Dinge gekauft werden müssen, und das Geld war so knapp gewesen, und schließlich hatte sie ja einen Stuhl. Immerhin hatte sie zwei Stehlampen und eine Tischlampe bekommen, alle drei aus einfachem rotlackiertem Eisen, aber mit guten Spiegeln, die frei von Blasen waren. Gutes Licht schien ihren Kopfschmerzen nicht zu helfen, aber es war besser, als bei ein paar Talgkerzen und einer Laterne lesen zu müssen.
Falls Siuan die Zurechtweisung gehört hatte, ging sie darüber hinweg. »Es ist mehr als nur ihr Temperament. Ich glaube, ein- oder zweimal stand sie kurz davor, mich zu schlagen. Vermutlich hat sie genug Verstand, um sich zu mäßigen, aber nicht jeder ist Aes Sedai. Ich glaube, sie hat einem Wagner den Arm gebrochen. Er hat gesagt, er sei gestürzt, aber meines Erachtens war das eine Lüge, so wie er meinem Blick auswich. Aber er würde auch nicht zugeben wollen, dass eine Frau ihm den Ellbogen nach hinten biegen kann, oder?«
»Lasst es gut sein, Siuan«, sagte Egwene müde. »Der Mann hat vermutlich versucht, sich ein paar Freiheiten herauszunehmen.« Das musste es gewesen sein. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie Halima einem Mann den Arm brechen sollte. Wie auch immer man die Frau beschrieb, das Wort muskulös spielte dabei keine Rolle.
Statt die Ledermappe zu öffnen, die Siuan auf den Tisch gelegt hatte, presste sie die Hände zu beiden Seiten auf die Tischplatte. Sie hielt sie von ihren Schläfen fern. Vielleicht würden die Schmerzen dieses Mal verschwinden, wenn sie sie ignorierte. Außerdem hatte ausnahmsweise einmal sie Informationen, die sie mit Siuan teilen konnte. »Es hat den Anschein, als würden es ein paar Sitzende gutheißen, mit Elaida Verhandlungen aufzunehmen«, begann sie.
Siuan setzte sich ausdruckslos auf einen der dreibeinigen Hocker vor dem Tisch und hörte aufmerksam zu, bis Egwene geendet hatte; allein ihre Finger bewegten sich und strichen leicht über ihre Röcke. Dann ballte sie sie zu Fäusten und stieß eine Reihe von Flüchen aus, die selbst für sie erstaunlich waren, sie fing mit dem Wunsch an, dass der ganze Haufen an wochenalten Fischgräten erstickte, und dann wurde sie ordinär. Dies aus dem Munde dieser jungen hübschen Frau zu hören machte es nur noch schlimmer.
»Ich schätze, es war richtig von Euch, der Sache ihren Lauf zu lassen«, murmelte sie, nachdem ihr Ausbruch sein Ende gefunden hatte. »Es wird sich herumsprechen, da es einmal angefangen hat, und so habt Ihr einen Vorsprung. Vermutlich sollte mich die Sache mit Beonin nicht überraschen. Beonin ist ehrgeizig, aber ich war immer der Ansicht, dass sie zu Elaida zurückgewinselt wäre, hätten Sheriam und die anderen ihr nicht den Rücken gestärkt.« Siuan richtete den Blick auf Egwene, als sie schneller sprach, so als wollte sie ihnen mehr Gewicht verleihen. »Ich wünschte, Varilin und dieser Haufen würden mich überraschen, Mutter. Die Blauen nicht mitgezählt, sind nach Elaidas Staatsstreich...« — ihr Mund verzog sich leicht bei dem letzten Wort — »... sechs Sitzende aus fünf Ajahs aus der Burg geflogen, und hier haben wir eine aus jeder der fünf.
Ich war vergangene Nacht im Tel'aran'rhiod, in der Burg...«
»Ich hoffe, Ihr wart vorsichtig«, sagte Egwene scharf. Manchmal schien Siuan die Bedeutung des Wortes Vorsicht nicht zu kennen. Für die wenigen Traum-Ter'angreale in ihrem Besitz standen die Schwestern Schlange, um sie benutzen zu dürfen, hauptsächlich, um die Burg zu besuchen, und auch wenn man Siuan die Benutzung nicht ausdrücklich untersagt hatte, viel hatte nicht daran gefehlt. Davon abgesehen, dass einige Schwestern Siuan für die Spaltung der Burg verantwortlich machten — sie war deshalb nicht wieder so herzlich aufgenommen worden wie Leane und wurde von niemandem verhätschelt —, erinnerten sich zu viele an ihren strengen Unterricht, als sie eine der wenigen gewesen war, die sich in der Benutzung der Traum-Ter'angreale ausgekannt hatten. Siuan hatte keine Geduld für Leute, die sich dumm anstellten, und bei den ersten Besuchen im Tel'aran'rhiod stellte sich jeder dumm an, darum musste sie, wenn sie die Welt der Träume besuchen wollte, Leane um ihre Zeit bitten, und falls eine andere Schwester sie dort sehen sollte, würde man ein Verbot aussprechen. Oder schlimmer noch, eine Suche nach derjenigen starten, die ihr ein Ter'angreal geliehen hatte, die dann damit endete, dass man Leane ertappte.
»Im Tel'aran'rhiod bin ich an jeder Weggabelung eine andere Frau in einem anderen Kleid«, sagte Siuan und winkte ab. Das war gut zu hören, allerdings erschien es wahrscheinlich, dass das genauso viel mit mangelnder Kontrolle zu tun hatte wie mit Absicht. Siuans Glaube an ihre Fähigkeiten war manchmal größer als gerechtfertigt.
»Entscheidend war, dass ich eine Liste von Sitzenden gesehen habe und das meiste lesen konnte, bevor sie sich in eine Weinranke verwandelte.« Das war im Tel'aran'rhiod ein ganz normaler Vorfall, wo nichts so blieb, wie es war, falls es nicht die Widerspiegelung eines festen Bestandteils der wachen Welt war. »Andaya Forae wurde für die Grauen erhoben, Rina Hafden für die Grünen und Juilaine Madome für die Braunen. Keine von ihnen trägt die Stola länger als höchstens siebzig Jahre. Elaida hat das gleiche Problem wie wir, Mutter.«
»Ich verstehe«, sagte Egwene langsam. Sie ertappte sich dabei, dass sie sich die Schläfe massierte. Hinter ihren Augen pochte es weiter. Es würde schlimmer werden. Das wurde es immer. Gegen Abend würde sie es bereuen, Halima weggeschickt zu haben. Sie nahm entschlossen die Hand herunter, schob die Ledermappe vor ihr ein wenig nach links und dann wieder zurück. »Was ist mit dem Rest? Sie mussten sechs Sitzende ersetzen.«
»Ferane Neheran wurde für die Weißen erhoben«, gab Siuan zu, »und Susana Dragand für die Gelben. Beide waren bereits Mitglieder des Saals. Es war eine unvollständige Liste, und ich konnte nicht alles lesen.« Sie reckte stur das Kinn vor. »Eine oder zwei, die vor ihrer Zeit erhoben werden, das wäre schon ungewöhnlich genug — so etwas kommt vor, wenn auch nicht oft —, aber hier sind es elf, vielleicht sogar zwölf, aber elf auf jeden Fall, wenn man uns und die Burg mitrechnet. An so große Zufälle glaube ich nicht. Wenn die Fischhändler alle zum selben Preis verkaufen, dann kann man darauf wetten, dass sie alle am Vorabend in derselben Kneipe getrunken haben.«