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Sie hielt inne, um die Finger gegen die Schläfen zu drücken — das minderte den Schmerz nicht einmal annähernd —, und verbannte Gawyn aus ihren Gedanken. Soweit das möglich war. Vielleicht war das ein Vorgeschmack darauf, wie es sein würde, einen Behüter zu haben; es war immer etwas von Gawyn in ihrem Hinterkopf. Und es drängte sich immer zu den unpassendsten Zeiten in ihr Bewusstsein. Sie konzentrierte sich auf ihre Arbeit und nahm das nächste Blatt.

Soweit es Augen-und-Ohren anging, war ein großer Teil der Welt verschwunden. Aus den von den Seanchanern besetzten Ländern kamen wenig Neuigkeiten, und die bestanden entweder aus blumigen Beschreibungen der seanchanischen Tiere, die als Beweise dienen sollten, dass sie sich Schattengezücht hielten oder aus furchtbaren Geschichten von Frauen, die getestet wurden, ob sie als Damane an die Leine gelegt werden sollten, und deprimierenden Geschichten über... Akzeptanz. Wie es den Anschein hatte, waren die Seanchaner keine schlimmeren Herrscher als andere und besser als manche — solange man keine Frau war, die die Macht lenken konnte —, und zu viele Menschen schienen jeden Gedanken an Widerstand aufgegeben zu haben, sobald sich herausgestellt hatte, dass die Seanchaner sie ihr gewohntes Leben führen lassen würden. Arad Doman war fast genauso schlimm und produzierte nichts als Gerüchte, was die Schwestern, die die Berichte verfassten, auch zugaben, aber sie schickten sie trotzdem, um zu zeigen, in welchem Zustand sich das Land befand. König Alsalam war tot. Nein, er hatte angefangen, die Macht zu lenken und war wahnsinnig geworden. Rodel Ituralde, der Große Hauptmann, war auch tot, oder er hatte den Thron usurpiert oder führte ein Invasionsheer nach Saldaea. Sämtliche Mitglieder des Rats der Kaufleute waren ebenfalls tot oder aus dem Land geflohen oder hatten einen Bürgerkrieg um den Thronfolger angefangen. Davon konnte alles stimmen. Oder auch nichts. Die Ajahs waren daran gewöhnt, alles zu sehen, aber jetzt war ein Drittel der Welt in dichten Nebel gehüllt, in dem sich nur winzige Lücken zeigten. Und falls es klarere Einblicke gab, hatte sich keine Ajah dazu herabgelassen, diese Informationen weiterzugeben.

Ein weiteres Problem bestand darin, dass jede Ajah andere Dinge für wichtig hielt und so gut wie alles andere ignorierte. Beispielsweise waren die Grünen besonders über die Geschichten von Heeren der Grenzländer in der Nähe von Neu-Braem besorgt, Hunderte von Meilen von der Großen Fäulnis entfernt, die sie eigentlich bewachen sollten. Ihr Bericht drehte sich nur um die Grenzländer, so als müsste man etwas unternehmen und zwar sofort. Nicht, dass sie Vorschläge unterbreitet oder auch nur angedeutet hätten, aber die hastige, enge Schrift, die sich spinnenhaft und drängend über die Seiten zog, verriet Ungeduld.

Egwene kannte die Wahrheit über Elaynes Situation, aber seit Siuan enthüllt hatte, warum sie nicht loseilten, um die Dinge zu regeln, war sie damit zufrieden, die Grünen im Moment ohnmächtig mit den Zähnen knirschen zu lassen. Laut ihrem Agenten in Neu-Braem wurden die Grenzländer von fünfzig oder hundert Schwestern begleitet, vielleicht waren es sogar zweihundert. Die Zahl der Aes Sedai mochte unsicher sein, und natürlich war sie weit übertrieben, aber ihre Anwesenheit war eine Tatsache, die den Grünen bekannt sein musste, auch wenn sie sie in den Berichten an Egwene nie erwähnten. Keine Ajah hatte diese Schwestern in ihren Berichten erwähnt. Am Ende machte es aber kaum einen Unterschied, ob es zweihundert Schwestern oder zwei waren. Niemand konnte mit Gewissheit sagen, um wen es sich bei diesen Schwestern handelte oder warum sie dort waren, aber jedes Nachhaken wäre mit Sicherheit als Einmischung aufgefasst worden. Es erschien merkwürdig, dass sie möglicherweise einen Krieg zwischen den Aes Sedai ausfechten würden und trotzdem von den Verhaltensregeln abgehalten wurden, sich in die Angelegenheiten anderer Schwestern einzumischen, aber glücklicherweise war es so.

»Immerhin schlagen sie nicht vor, jemanden nach Caemlyn zu schicken.« Egwene blinzelte; die winzige Schrift hatte die Schmerzen hinter ihren Augen stechender gemacht.

Siuan schnaubte verächtlich. »Warum sollten sie auch? Soweit sie wissen, lässt sich Elayne von Merilille und Vandene führen, also sind sie davon überzeugt, ihre Aes Sedai-Königin zu bekommen, und außerdem noch eine Grüne. Und solange sich die Asha'man aus Caemlyn heraushalten, will niemand das Risiko eingehen, sie aufzuscheuchen. So wie die Dinge stehen, könnten wir genauso gut versuchen, Wespenquallen mit bloßen Händen aus dem Wasser zu ziehen, und das wissen sogar die Grünen. Aber das wird manche Schwestern, egal von welcher Ajah, nicht davon abhalten, nach Caemlyn zu reisen. Nur ein verstohlener Besuch, um nach den eigenen Augen-und-Ohren zu sehen. Oder um sich ein Kleid schneidern zu lassen oder einen Sattel zu kaufen oder was auch immer.«

»Sogar die Grünen?«, fragte Egwene scharf. Jedermann war der Meinung, dass die Braunen so waren und auch die Weißen, selbst wenn das sichtlich falsch war, aber manchmal regte es sie auf, wenn sie hörte, wie die Grünen alle in einen Topf geworfen wurden, als würde es sich um ein und dieselbe Frau handeln. Vielleicht sah sie sich als Grüne oder zumindest als ehemalige, was albern war. Die Amyrlin entstammte allen Ajahs und keiner — sie richtete die Stola auf ihren Schultern und rief sich diese Tatsache ins Bewusstsein, die die sieben Streifen symbolisierten —, und sie hatte nie einer Ajah angehört. Aber sie fühlte eine gewisse... nicht Sympathie, das war ein zu starkes Wort, eine Art von Übereinstimmung zwischen ihr und den Grünen Schwestern. »Von wie vielen Schwestern kennen wir den Aufenthaltsort nicht, Siuan? Als Zirkel verbunden, können selbst die Schwächsten an jeden Ort Reisen, an den sie wollen, und ich wünschte, ich wüsste, wo sie sind.«

Einen Augenblick lang dachte Siuan angestrengt nach.

»Ich glaube, es müssten etwa zwanzig sein«, sagte sie schließlich. »Vielleicht ein paar weniger. Die Zahl verändert sich von Tag zu Tag. Eigentlich führt niemand Buch.

Das würde sich keine Schwester gefallen lassen.« Sie beugte sich vor und achtete diesmal auf ihr Gleichgewicht, als der Hocker schwankte. »Bis jetzt habt Ihr die Dinge wunderbar jongliert, Mutter, aber das kann nicht immer so weitergehen. Irgendwann wird der Saal alles herausfinden, was in Caemlyn vor sich geht. Sie könnten vielleicht akzeptieren, dass man die seanchanischen Gefangenen geheim hält — das wird man als Vandenes oder Merililles Angelegenheit betrachten —, aber sie wissen bereits, dass das Meervolk in Caemlyn ist, und früher oder später werden sie von dem Handel mit ihm erfahren. Und von den Kusinen, wenn nicht sogar von Euren Plänen für sie.« Siuan schnaubte wieder, diesmal aber leiser. Sie hatte sich noch nicht entschieden, was sie von der Idee halten sollte, dass sich Aes Sedai bei den Kusinen zur Ruhe setzten, ganz zu schweigen davon, wie die anderen Schwestern den Vorschlag aufnehmen würden. »Meine Augen-und-Ohren haben noch nichts davon gehört, aber jemand wird es, das ist ganz sicher. Ihr könnt nicht mehr lange warten, andernfalls waten wir in einer Schule von Silberhechten.«

»Eines Tages muss ich mir diese Silberhechte mal ansehen, von denen Ihr immer sprecht«, murmelte Egwene. Sie hielt eine Hand hoch, als Siuan den Mund öffnete. »Eines Tages. Der Vertrag mit dem Meervolk wird für Streitigkeiten sorgen«, gab sie zu, »aber wenn die Ajahs Hinweise zu hören bekommen, werden sie nicht sofort verstehen, worum es da eigentlich geht. Schwestern, die Meervolk-Frauen in Caemlyn unterrichten? Das hat es noch nie gegeben, aber wer wird Fragen stellen oder etwas dagegen tun, gegen alle Regeln? Ich bin überzeugt, es wird Gemurre geben, vielleicht ein paar Fragen im Saal, aber bevor herauskommt, dass es ein Handel ist, werde ich meinen Plan für die Kusinen vorgestellt haben.«