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»Und Ihr glaubt, dass sie das nicht die Messer wetzen lässt?« Siuan rückte die Stola zurecht und gab sich keine besondere Mühe, ihren Unglauben zu verbergen. Tatsächlich verzog sie das Gesicht.

»Es wird Debatten geben«, gestand Egwene ihr wohl überlegt zu. Eine beträchtliche Untertreibung. Es würde einen Aufschrei auslösen, sobald alles bekannt wurde. Auch wenn es noch nie einen Aufruhr unter den Aes Sedai gegeben hatte, das hier würde ihm sehr nahe kommen. Aber die Burg verlor jetzt seit über tausend Jahren an Macht, wenn nicht sogar schon länger, und Egwene wollte dem ein Ende setzen. »Aber ich werde es langsam angehen lassen. Aes Sedai mögen ungern über das Alter sprechen, Siuan, aber sie werden bald herausfinden, dass der Schwur mit dem Eidstab unser Leben um mindestens die Hälfte verkürzt. Niemand will vor seiner Zeit sterben.«

»Falls sie sich überzeugen lassen, dass es wirklich eine Kusine gibt, die sechshundert Jahre alt ist«, sagte Siuan widerwillig, und Egwene seufzte verdrossen. Das war noch etwas, woran die andere nicht so richtig glaubte, die angebliche Langlebigkeit der Kusinen. Sie schätzte Siuans Rat und dass sie nicht nur das sagte, was Egwene hören wollte, aber manchmal schien sie ihre Absätze genauso störrisch in den Boden zu stemmen wie Romanda oder Lelaine.

»Wenn es sein muss, Siuan«, sagte sie gereizt, »lasse ich die Schwestern mit ein paar Frauen sprechen, die hundert oder mehr Jahre älter als sie sind. Möglicherweise werden sie sie als Wilde oder Lügnerinnen abtun wollen, aber Reanne Corly kann beweisen, dass sie in der Burg war und wann. Und andere können das auch. Mit etwas Glück kann ich die Schwestern davon überzeugen, sich von den Drei Eiden befreien zu lassen, sodass sie bei den Kusinen in den Ruhestand gehen, und zwar, bevor sie erfahren, dass es eine Abmachung mit den Atha'an Miere gibt. Und sobald sie akzeptieren, dass man überhaupt eine Schwester von den Eiden befreit, wird es auch nicht mehr so schwer sein, sie davon zu überzeugen, die Schwestern vom Meervolk gehen zu lassen. Daneben ist der Rest des Vertrags lächerlich. Wie Ihr immer sagt, um etwas im Saal erreichen zu wollen, sind Geschick und eine flinke Hand nötig, aber Glück ist eine Grundvoraussetzung. Nun, ich werde so geschickt und flink sein, wie ich kann, und was das Glück angeht, scheint der Vorteil diesmal auf meiner Seite zu liegen.«

Siuan verzog das Gesicht, aber am Ende musste sie zustimmen. Sie räumte sogar ein, dass Egwene es schaffen konnte, mit Glück und zur richtigen Zeit. Nicht, dass sie von den Kusinen oder dem Handel mit den Atha'an Miere überzeugt gewesen wäre, aber was Egwene da vorschlug, war noch nie da gewesen, und es hatte den Anschein, als würde der größte Teil den Saal passieren können, bevor sie überhaupt begriffen, was da auf sie zukam. Egwene war bereit, sich damit zufrieden zu geben. Was auch immer dem Saal vorgetragen wurde, so gut wie immer waren genug Sitzende dagegen, um einen Konsens zu einem Stück harter Arbeit zu machen, und im Saal geschah nichts ohne den kleinsten gemeinsamen Konsens und für gewöhnlich auch mit dem großen. Manchmal kam es ihr so vor, als würden ihre meisten Auseinandersetzungen mit dem Saal darin bestehen, sie zu überzeugen, das zu tun, was sie nicht tun wollten. Es gab keinen Grund, warum das hier anders sein sollte.

Wo sich die Grünen auf die Grenzländer konzentrierten, nahmen die Grauen den Süden ins Visier. Jede Ajah war von den Berichten aus Illian und Tear über die große Anzahl von Wilden unter dem Meervolk fasziniert, wenn es denn stimmte, auch wenn starke Zweifel zu bestehen schienen, dass es wahr sein konnte, denn schließlich hätten die Schwestern schon zuvor darüber Bescheid wissen müssen. Wie wollte man so etwas schließlich verbergen? Niemand wies darauf hin, dass sie einfach das akzeptiert hatten, was sie an der Oberfläche gesehen hatten, ohne jemals tiefer zu schauen. Aber die Grauen waren von der Bedrohung Illians durch die Seanchaner fasziniert sowie von der kürzlich begonnenen Belagerung des Steins von Tear. Kriege und Kriegsdrohungen schlugen Graue immer in ihren Bann, da sie ihr Leben der Beendigung von Auseinandersetzungen widmeten. Und natürlich der Ausweitung ihres Einflusses; jedes Mal, wenn die Grauen einen Krieg durch einen Vertrag beendeten, erhöhten sie den Einfluss aller Aes Sedai, aber hauptsächlich den der Grauen. Doch die Seanchaner schienen sich jeder Art von Verhandlung zu entziehen, jedenfalls durch Aes Sedai, und die Empörung der Grauen, dass man ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte, schlug sich in den knappen Worten über seanchanische Vorstöße über die Grenze und die ständig wachsende Zahl der Streitkräfte nieder, die von Lord Gregorin versammelt wurden, dem Verwalter des Wiedergeborenen Drachen in Illian, ein Titel, der selbst Gründe zur Sorge bot. Tear hatte seinen eigenen Verwalter für den Wiedergeborenen Drachen, den Hochlord Darlin Sisnera, und er wurde im Stein von Adligen belagert, die sich weigerten, Rand anzuerkennen. Es war eine sehr seltsame Belagerung. Der Stein hatte seine eigenen Docks, und Darlins Feinde konnten den Nachschub selbst dann nicht abschneiden, wenn sie den Rest der Stadt hielten, was sie auch taten, und sie schienen sich damit zufrieden zu geben, dort sitzen zu bleiben und abzuwarten. Vielleicht wussten sie auch einfach nur nicht, was sie als Nächstes tun sollten. Allein die Aiel hatten den Stein im Sturm erobern können, und noch nie hatte ihn jemand ausgehungert. Die Grauen hatten Grund zur Hoffnung in Tear.

Egwene hob den Kopf, als sie den unteren Rand der Seite las, und sie legte sie eilig beiseite und nahm die nächste. Die Grauen hatten Grund zur Hoffnung gehabt. Anscheinend war eine Graue Schwester erkannt worden, als sie aus dem Stein gekommen war, und man war ihr zu einem Treffen mit Hochlord Tedosian und der Hochlady Estanda gefolgt, zwei der prominentesten Mitglieder der Belagerer. »Merana«, hauchte sie. »Sie sagen, es war Merana Ambrey, Siuan.« Unbewusst massierte sie sich die Schläfe. Die Schmerzen hinter den Augen waren stärker geworden.

»Sie könnte Gutes bewirken.« Siuan stand auf und ging über die Teppiche zu einem kleinen Tisch an der Zeltwand, auf dem mehrere nicht zueinander passende Pokale und zwei Kannen auf einem Tablett standen. Die Silberkanne enthielt gewürzten Wein, die blaue Tonkanne Tee; beide waren beim ersten Tageslicht für die Ankunft der Amyrlin dort hingestellt worden und schon lange kalt. Niemand hatte damit gerechnet, dass Egwene zum Fluss ritt. »Solange Tedosian und die anderen nicht mitbekommen, für wen sie wirklich arbeitet.« Siuans Stola rutschte von einer Schulter, als sie die Kanne betastete, und kurz flammte das Licht Saidars um sie herum auf, als sie Feuer lenkte und den Inhalt erwärmte. »Sie werden ihr nicht glauben, dass sie in gutem Glauben verhandelt, wenn sie herausfinden, dass sie die Kreatur des Wiedergeborenen Drachen ist.« Sie füllte einen polierten Zinnbecher mit Tee, tat großzügig Honig hinein, rührte um und brachte Egwene den Becher.

»Das könnte Euch helfen. Es ist ein Kräutertrank, den Chesa gefunden hat, aber der Honig verbessert den Geschmack.«

Egwene probierte vorsichtig und stellte den Becher mit einem Schaudern wieder ab. Wenn es mit Honig so scharf schmeckte, wollte sie sich nicht vorstellen, wie es wohl ungesüßt war. Da waren ja vielleicht sogar die Kopfschmerzen besser. »Wie könnt Ihr das so ruhig aufnehmen, Siuan? Dass Merana in Tear auftaucht, ist der erste echte Beweis, den wir haben. Da glaube ich ja noch eher, dass Eure Sitzenden zufällig zusammengekommen sind.«

Am Anfang war es nicht mehr als ein Raunen hinter vorgehaltener Hand gewesen, von den Ajahs oder von Siuans Augen-und-Ohren. In Cairhien gab es Aes Sedai, und sie schienen sich frei im Sonnenpalast bewegen zu können, während sich der Wiedergeborene Drache dort aufhielt. Dann wurde das Raunen heiser und unbehaglich, zögerlich. Die Augen-und-Ohren in Cairhien wollten es nicht sagen. Niemand wollte wiederholen, was die Agenten berichtet hatten. Da waren Aes Sedai in Cairhien, und sie schienen die Befehle des Wiedergeborenen Drachen zu befolgen. Noch schlimmer waren die Namen, die durchsickerten. Ein paar der Frauen waren in Salidar dabei gewesen, sie hatten zu den Ersten gehört, die sich Elaida widersetzt hatten, während andere von ihnen Frauen waren, von denen man wusste, dass sie loyal zu Elaida standen. Soweit Egwene wusste, hatte niemand das Wort Zwang laut ausgesprochen, aber alle hatten daran gedacht.