Выбрать главу

»Es ist sinnlos, sich das Haar zu raufen, wenn der Wind nicht in die gewünschte Richtung bläst«, erwiderte Siuan und setzte sich wieder auf den Hocker. Sie wollte die Beine übereinander schlagen, stellte aber hastig beide Füße auf den Teppich zurück, als der Hocker kippte. Sie murmelte etwas Unhörbares und richtete die Stola mit einem Schulterzucken. Und war gezwungen, den nächsten Ruck auszubalancieren. »Man muss die Segel so ausrichten, dass man aus der Richtung einen Vorteil zieht, aus der der Wind kommt. Denkt man kühl, dann wird man es zurück ans Ufer schaffen. Ist man halsstarrig, wird man ertrinken.« Manchmal klang Siuan so, als würde sie noch immer auf einem Fischerboot arbeiten. »Ich glaube, Ihr benötigt mehr als einen Schluck, wenn es helfen soll, Mutter.«

Mit einer Grimasse schob Egwene den Becher noch ein Stück weiter weg. Der Geschmack auf ihrer Zunge war fast genauso schlimm wie die Kopfschmerzen. »Siuan, wenn Ihr eine Möglichkeit seht, wie wir einen Nutzen daraus ziehen können, dann wünschte ich, Ihr würdet es mir sagen. Ich will nicht einmal darüber nachdenken, dass Rand Schwestern mit einem Zwang belegt haben könnte.« Weder über die Möglichkeit, dass er ein so abstoßendes Gewebe kannte, noch darüber, dass er jeden damit belegen konnte. Sie kannte es — ein weiteres kleines Geschenk von Moghedien —, und sie wünschte, sie könnte vergessen, wie man es herstellte.

»In diesem Fall geht es weniger darum, es zu benutzen, als vielmehr die Konsequenzen zu bedenken. Irgendwann wird man sich um ihn kümmern müssen, ihm vielleicht eine Lektion erteilen müssen, aber Ihr könnt nicht wollen, dass sich die Schwestern jetzt auf ihn stürzen, und diese Geschichten aus Cairhien machen alle vorsichtig.« Siuans Stimme war ganz ruhig, aber sie rutschte auf dem Hocker umher, was deutlich ihre innere Anspannung verriet. Das war kein Thema, über das eine Aes Sedai zu ruhig sprechen konnte. »Andererseits, sobald das alle zu Ende gedacht haben, werden sie erkennen, dass es die Geschichten, er wolle sich Elaida unterwerfen, zu barem Unsinn macht. Durchaus möglich, dass sie Schwestern ausgeschickt hat, um ihn zu überwachen, aber die würden keine Rebellen akzeptieren, die Elaida stürzen wollen. Diese Erkenntnis wird jenen, die mittlerweile der Ansicht sind, Elaida könnte ihn an der Leine haben, etwas mehr Mut machen. Es ist ein Grund weniger, warum jemand darüber nachdenken sollte, sich ihr zu ergeben.«

»Was ist mit Cadsuane?«, fragte Egwene. Von all den Namen, die aus Cairhien kamen, hatte dieser den Schwestern den größten Schrecken versetzt. Cadsuane Melaidhrin war eine Legende, und es gab genauso viele ablehnende Versionen dieser Legende wie zustimmende. Einige Schwestern waren davon überzeugt, dass es sich um einen Irrtum handeln musste; Cadsuane musste schon lange tot sein. Andere schienen sich bloß zu wünschen, dass sie tot wäre. »Seid Ihr sicher, dass sie nach Rands Verschwinden in Cairhien geblieben ist?«

»Nachdem ihr Name gefallen war, habe ich dafür gesorgt, dass meine Leute nach ihr Ausschau halten«, erwiderte Siuan und klang jetzt alles andere als ruhig. »Ich weiß nicht, ob sie eine Schattenfreundin ist, ich habe nur den Verdacht, aber ich versichere Euch, dass sie eine Woche nach seinem Verschwinden im Sonnenpalast war.«

Egwene kniff die Augen zu und drückte die Handkanten gegen die Lider. Das schien keinerlei Wirkung auf die pulsierende Nadel in ihrem Kopf zu haben. Vielleicht war Rand in Begleitung einer Schwarzen Schwester oder war es zumindest gewesen. Vielleicht hatte er Aes Sedai mit dem Zwang belegt. Schlimm genug bei gewöhnlichen Menschen, aber bei Aes Sedai war es irgendwie schlimmer, bedeutungsvoller. Was man gegen eine Aes Sedai einzusetzen wagte, würde man erst recht zehnfach oder hundertfach gegen jene einsetzen, die sich nicht wehren konnten. Irgendwie würden sie sich zu gegebener Zeit um ihn kümmern müssen. Sie war mit Rand aufgewachsen, aber sie konnte nicht zulassen, dass sie das beeinflusste. Er war jetzt der Wiedergeborene Drache, die Hoffnung der Welt und zugleich vielleicht die größte einzelne Bedrohung, die ihr gegenüberstand. Vielleicht? Die Seanchaner konnten nicht so viel Schaden anrichten wie der Wiedergeborene Drache. Und sie würde sich den Umstand zunutze machen, dass er möglicherweise Schwestern mit einem Zwang belegt hatte. Die Amyrlin war eine andere Frau als die Wirtstochter.

Sie schaute den Becher mit dem angeblichen Tee böse an, dann ergriff sie ihn und zwang sich, das ekelhafte Zeug zu trinken, dabei würgte sie die ganze Zeit. Vielleicht würde sie wenigstens der Geschmack von den Kopfschmerzen ablenken.

Als sie den Becher mit dem scharfen Hallen von Metall auf Holz absetzte, betrat Anaiya mit finsterer Miene das Zelt.

»Akarrin und die anderen sind zurück, Mutter«, sagte sie. »Moria hat mich gebeten, Euch darüber in Kenntnis zu setzen, dass sie den Saal zusammengerufen hat, um ihren Bericht zu hören.«

»Escaralde und Malind auch«, verkündete Morvrin, die in Begleitung von Myrelle hinter Anaiya eintrat. Die Grüne schien die Verkörperung ungetrübten Zorns zu sein, falls es so etwas gab, ihr dunkles Gesicht war reglos und ihre Augen wie erloschene Kohlen, aber Morvrin zog eine Miene, die Anaiya erfreut aussehen ließ. »Sie schicken Novizinnen und Aufgenommene los, um alle Sitzenden aufzuspüren«, sagte die Braune. »Wir haben nicht einmal den Hauch einer Andeutung erfahren, was Akarrin herausgefunden hat, aber ich glaube, Escaralde und die anderen wollen es benutzen, um den Saal in eine bestimmte Richtung zu drängen.«

Egwene schaute auf den dunklen Bodensatz in den letzten Tropfen auf dem Bechergrund und seufzte. Sie würde auch dabei sein müssen, und jetzt würde sie den Sitzenden mit Kopfschmerzen und diesem schrecklichen Geschmack im Mund gegenübertreten müssen. Vielleicht sollte sie es als Buße dafür betrachten, was sie dem Saal antun würde.

19

Überraschungen

Nach altem Brauch wurde die Amyrlin von einer Sitzung des Saals informiert, aber nichts besagte, dass man auf sie warten musste, bevor man anfing, was bedeutete, dass möglicherweise nur wenig Zeit blieb. Egwene wollte auf die Füße springen und geradewegs zu dem großen Pavillon marschieren, bevor Moria und die anderen beiden die Überraschungen präsentieren konnten, die sie auch immer hatten. Überraschungen im Saal waren selten gut. Überraschungen, von denen man zu spät erfuhr, waren noch schlimmer. Aber bevor die Amyrlin den Saal betreten konnte, mussten Gesetze eingehalten werden, keine Verhaltensregeln, also blieb sie, wo sie war, und schickte Siuan los, um Sheriam zu holen, damit die Behüterin der Chroniken sie so ankündigen konnte, wie es vorgeschrieben war. Siuan hatte ihr erzählt, dass es eigentlich nur darum ging, die Sitzenden vor ihrer Ankunft zu warnen — es gab immer Angelegenheiten, die sie diskutieren wollten, ohne dass die Amyrlin davon erfuhr —, und sie hatte sich dabei nicht unbedingt angehört, als würde sie es als Scherz meinen.

Aber wie es sich damit auch in Wirklichkeit verhielt, es war sinnlos, zum Saal zu gehen, wenn sie nicht eintreten konnte. Sie bezähmte ihre Ungeduld, stützte den Kopf auf die Hände und massierte die Schläfen, während sie versuchte, noch einige Berichte der Ajah zu lesen. Trotz des ekelhaften Tees oder vielleicht sogar deswegen ließen ihre Kopfschmerzen die Worte auf der Seite jedes Mal verschwimmen, wenn sie blinzelte, und Anaiya und die beiden anderen waren nicht hilfreich.

Siuan war gerade gegangen, als Anaiya den Umhang zurückschlug und sich auf den gleichen Hocker setzte — unter ihr schien er nicht zu wackeln, ob seine Beine nun unterschiedlich lang waren oder nicht —, und fing an, darüber zu spekulieren, was Moria und die anderen im Schilde führten. Sie war keine phantasievolle Frau, also fielen ihre Spekulationen unter diesen Umständen ziemlich zurückhaltend aus. Zurückhaltend, aber keineswegs weniger beunruhigend.