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»Ich wusste es.« Seaine nickte aufgeregt, was sonst gar nicht ihre Art war. »Saerin hat gesagt, dass Juilaine ebenfalls für die Braunen ausgewählt wurde, auch wenn dies nicht den Gepflogenheiten entspricht, und Doesine sagt das Gleiche über Suana, obwohl sie zuerst gezögert hat, überhaupt etwas zu sagen. Ich glaube, Suana könnte die Anführerin der Gelben sein. Auf jeden Fall war sie das erste Mal vierzig Jahre lang eine Sitzende, und Ihr wisst, dass man normalerweise keinen Sitz mehr übernimmt, wenn man diesen Posten so lange innegehabt hat. Und Ferane ist vor weniger als zehn Jahren für die Weißen zurückgetreten; noch nie zuvor ist jemand wieder so schnell in den Saal zurückgekehrt. Und Talene sagt, dass die Grünen Nominierungen durchführen und ihr Generalhauptmann eine aussucht, aber Adelorna hat Rina ohne Nominierung ausgewählt.«

Yukiri schaffte es, eine Grimasse zu unterdrücken, aber nur um Haaresbreite. Jeder hatte seine Vermutungen, wer andere Ajah anführte, denn andernfalls wä — ren die Treffen gar nicht aufgefallen, aber diese Namen auszusprechen war bestenfalls unhöflich. Von Sitzenden abgesehen, hätte jede Schwester dafür bestraft werden können. Natürlich wußten sie und Seaine Bescheid, wenn es um Adelorna ging. In ihren Bemühungen, sich anzubiedern, hatte Talene ungefragt sämtliche Geheimnisse der Grünen verraten. Sie alle waren peinlich berührt gewesen, ausgenommen Talene natürlich. Wenigstens hatte es erklärt, warum die Grünen so außer sich vor Zorn gewesen waren, als man Adelorna mit der Rute geprügelt hatte. Trotzdem war Generalhauptmann ein alberner Titel, selbst wenn sie eine Kampf-Ajah waren. Oberschreiberin war ein treffenderer Ausdruck für Seranchas Tätigkeit, jedenfalls gewissermaßen.

Ein Stück entfernt standen Meidani und ihr Behüter und unterhielten sich leise miteinander. Allerdings spähte einer von ihnen immer die Biegung entlang. In der anderen Richtung war auch Bernaile gerade noch am Ende der Biegung zu sehen. Sie drehte ständig den Kopf, da sie versuchte, Yukiri und Seaine zu beobachten, während sie gleichzeitig darauf achtete, ob jemand kam. Die Art und Weise, wie sie dabei von dem einen auf den anderen Fuß trat, hätte auch Aufmerksamkeit erregt, aber im Augenblick lud jede Schwester, die sich allein außerhalb der Quartiere ihrer Ajah bewegte, den Ärger förmlich ein, und das wusste sie. Diese Unterhaltung musste bald enden.

Yukiri hob einen Finger. »Fünf Ajahs mussten neue Sitzende erwählen, nachdem die Frauen, die sie im Saal sitzen hatten, sich den Rebellen angeschlossen hatten.« Seaine nickte wieder, und Yukiri hob einen zweiten Finger. »Jede dieser Ajahs wählte eine Frau als Sitzende aus, die nicht die ... logische Wahl war.« Seaine nickte abermals. Ein dritter Finger gesellte sich zu den ersten beiden. »Die Braunen mussten zwei neue Sitzende wählen, aber Ihr habt Shevan nicht erwähnt. Gibt es an ihr ...« — Yukiri musste trocken lächeln — »... auch etwas Merkwürdiges?«

»Nein. Laut Saerin wäre Shevan aller Voraussicht nach ihr Ersatz gewesen, hätte sie sich entschieden zurückzutreten, aber ...«

»Seaine, wenn Ihr tatsächlich meint, dass die Führerinnen der Ajahs in einer Verschwörung entschieden haben, wer in den Saal einzieht — und ich habe noch nie eine verrücktere Idee gehört! —, wenn Ihr das meint, warum sollten sie dann fünf ungewöhnliche Frauen aussuchen und eine, die es nicht ist?«

»Ja, das meine ich. Da der Rest von Euch mich mehr oder weniger gefangen gehalten hat, hatte ich mehr Zeit zum Nachdenken, als mir lieb war. Juilaine und Rina und Andaya gaben mir den ersten Hinweis, und Ferane ließ in mir den Entschluss entstehen, es zu überprüfen.« Was meinte Seaine damit, Andaya und die anderen beiden hätten sie überhaupt erst darauf gebracht? Oh, natürlich: auch Rina und Andaya wa — ren eigentlich nicht alt genug, um im Saal zu sitzen. Der Brauch, nicht über das Alter zu sprechen, wurde schnell zur Gewohnheit, auch nicht darüber nachzudenken.

»Zwei könnten ein Zufall sein«, fuhr Seaine fort, »sogar drei, obwohl das schon sehr unglaubwürdig ist, aber fünf sind ein Muster. Von den Blauen abgesehen, waren die Braunen die einzige Ajah, bei der sich zwei Sitzende den Rebellen angeschlossen haben. Vielleicht ist das der Grund, warum sie eine ungewöhnliche und eine herkömmliche Schwester ausgesucht haben. Aber da besteht ein Muster, Yukiri, ein Rätsel, und ob es nun eine Erklärung dafür gibt oder nicht, etwas sagt mir, dass wir es lieber lösen sollten, bevor die Rebellen hier sind. Es erweckt in mir das Gefühl, dass mir jemand die Hand auf die Schulter legt, aber wenn ich mich umdrehe, ist da keiner.«

Unglaubwürdig war nur die Vorstellung, dass die Anführerinnen der Ajah sich zu einer Verschwörung zusammenfanden. Andererseits ist eine Verschwörung der Sitzenden noch viel weiter hergeholt, und ich stecke mit in einer drin, dachte Yukiri. Und da war die einfache Tatsache, dass niemand außerhalb einer Ajah die Anführerin der betreffenden Ajah kennen sollte, aber entgegen aller Bräuche wußten die Anführerinnen über einander Bescheid. »Wenn es da ein Rätsel gibt«, sagte sie müde, »habt Ihr viel Zeit, es zu lösen. Die Rebellen können Murandy nicht vor dem Frühling verlassen, egal, was sie den Leuten auch erzählen, und der Marsch flussaufwärts wird Monate in Anspruch nehmen, fall sie überhaupt das Heer so lange zusammenhalten.« Sie hatte nicht den geringsten Zweifel, dass ihnen das gelingen würde; das war vorbei. »Geht wieder in Eure Gemächer, bevor uns jemand hier von einem Schutzgewebe umgeben sieht, und denkt über Euer Rätsel nach«, sagte sie nicht unfreundlich und legte eine Hand auf Seaines Ärmel. »Ihr müsst Euch damit abfinden, beschützt zu werden, bis wir alle davon überzeugt sind, dass Ihr in Sicherheit seid.«

Bei jeder anderen außer einer Sitzenden hätte man den Ausdruck auf Seaines Gesicht als mürrisch bezeichnet. »Ich spreche noch einmal mit Saerin«, sagte sie, aber das Licht Saidars um sie herum erlosch.

Als Yukiri zusah, wie sie sich zu Bernaile gesellte und die beiden dann in Richtung der Ajah-Quartiere gingen, beide so vorsichtig wie Rehkitze, wenn die Wölfe unterwegs waren, wurde ihr das Herz schwer. Es war schade, dass die Rebellen nicht vor dem Sommer da sein würden. Wenigstens das hätte die Ajahs möglicherweise wieder zusammengebracht, sodass Schwestern nicht gezwungen gewesen wären, in der Weißen Burg herumzuschleichen. Und sich Flügel zu wünschen, dachte sie traurig.

Fest entschlossen, sich nichts anmerken zu lassen, begab sie sich zu Meidani und Leonin. Sie hatte eine Schwarze Schwester zu entlarven, und eine Untersuchung war wenigstens ein Rätsel, von dem sie wusste, wie sie es zu lösen hatte.

Gawyn schlug in der Dunkelheit die Augen auf, als ein neuer kalter Luftschwall durch den Heuschober wehte. Normalerweise hielten die dicken Steinmauern der Scheune die gröbste Nachtkälte ab. Unten ertönten Stimmen; keine klang aufgeregt. Er nahm die Hand von dem neben ihm liegenden Schwert und zog die Panzerhandschuhe fester. Wie die anderen Jünglinge schlief auch er mit jedem Fetzen Kleidung, den er anziehen konnte. Vermutlich war es gerade Zeit, einige der um ihn herum liegenden Männer für ihre Wache zu wecken, aber er war jetzt hellwach und bezweifelte, bald wieder Schlaf finden zu können. Sein Schlaf war sowieso unruhig und von dunklen Träumen erfüllt, von der Frau heimgesucht, die er liebte. Er wusste nicht, wo Egwene sich aufhielt oder ob sie überhaupt noch am Leben war. Oder ob sie ihm vergeben konnte. Er stand auf, ließ das lose Stroh, das er über sich gezogen hatte, von seinem Umhang fallen und schnallte den Schwertgürtel um.

Als er sich seinen Weg um die schattenhaften Hügel aus Männern herum suchte, die auf den aufgestapelten Heuballen schliefen, verriet ihm das leise Schaben von Stiefeln auf Holzsprossen, dass jemand die Leiter zum Heuboden hinaufkletterte. Eine undeutliche Gestalt er — schien oben an der Leiter und verharrte dann, um auf ihn zu warten.