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Lyrelle glitt in den Pavillon und auf die Bänke der Blauen zu. Groß für eine Cairhienerin, was sie fast an allen anderen Orten zu einer Frau von durchschnittlicher Größe machte, bot sie in ihrer blaugeschlitzten Seide und dem mit roten und goldenen Stickereien verzierten Oberteil einen eleganten Anblick; ihre Bewegungen waren anmutig. Manche behaupteten, sie sei Tänzerin gewesen, bevor sie als Novizin in der Burg aufgenommen worden war. Im Vergleich zu ihr schien Samalin, die fuchsgesichtige Grüne, die ihr auf den Fersen folgte, wie ein Mann auszuschreiten, dabei war an der Murandianerin nichts Unbeholfenes. Beide schienen sie überrascht zu sein, Kwamesa stehend vorzufinden, und eilten zu ihren Bänken. Varilin fing an, an Kwamesas Ärmel zu zupfen, bis die Frau aus Arafel sich schließlich wieder setzte. Kwamesas Gesicht war eine Maske kühler Ruhe, aber sie schaffte es, Missfallen auszustrahlen. Sie legte großen Wert aufs Zeremoniell.

»Vielleicht gibt es ja doch einen Grund für eine formelle Sitzung.« Nach Romanda erschien Lelaines Stimme leise. Sie richtete ihre Stola, als hätte sie alle Zeit der Welt, erhob sich anmutig und sah absichtlich nicht in Egwenes Richtung. Lelaine war als wunderschöne Frau die personifizierte Erhabenheit. »Angeblich sind Gespräche mit Elaida genehmigt worden«, sagte sie kühl. »Mir ist klar, dass wir unter dem Kriegsrecht nicht konsultiert werden müssen, aber ich finde auch, dass wir es in der Sitzung besprechen sollten, vor allem, da viele von uns der Möglichkeit entgegensehen, gedämpft zu werden, wenn Elaida an der Macht bleibt.«

Das Wort »Dämpfung« verbreitete nicht länger Furcht, wie es üblich gewesen war, bevor Siuan und Leane davon Geheilt worden waren, aber ein Murmeln ging durch die Aes Sedai, die sich hinter die Bänke drängten. Anscheinend hatte sich die Nachricht von den Verhandlungen doch nicht so schnell verbreitet, wie Egwene erwartet hatte. Sie vermochte nicht zu sagen, ob die Schwestern aufgeregt oder entsetzt waren, aber offensichtlich waren sie überrascht. Und das galt auch für einige der Sitzenden. Janya, die eingetreten war, während Lelaine sprach, blieb wie angewurzelt stehen, sodass eine Gruppe Schwestern, die den Saal betraten, beinahe in sie hineingelaufen wären. Sie starrte die Blaue an, dann Egwene, und zwar länger und intensiver. Nach der Art und Weise zu urteilen, wie Romanda die Lippen zusammenpresste, war sie ebenfalls überrascht, und die Mienen der zu jungen Sitzenden reichten von eiskalter Ruhe bei Berana über Erstaunen bei Samalin und offenem Entsetzen bei Salita. Was das anging, schwankte Sheriam kurz. Egwene hoffte, dass sich die Frau nicht vor dem ganzen Saal übergeben würde.

Aber viel bemerkenswerter waren die Reaktionen derjenigen, die Delanas Bericht zufolge von Verhandlungen gesprochen hatten. Varilin saß ganz still da und schien ein Lächeln zu unterdrücken, während sie ihre Röcke musterte, aber Magla befeuchtete sich zögernd die Lippen und warf Romanda verstohlene Seitenblicke zu. Saroiya hatte die Augen geschlossen, und ihre Lippen bewegten sich, als würde sie ein Gebet sprechen. Faiselle und Takima blickten Egwene mit einem kaum merklichen Stirnrunzeln an. Als sie sich dessen bewusst wurden, zuckten sie zusammen und setzten schnell eine so majestätische Gelassenheit auf, dass sie einander zu verspotten schienen. Es war alles sehr seltsam. Bestimmt hatte Beonin sie mittlerweile alle darüber informiert, was Egwene gesagt hatte, aber mit Ausnahme von Varilin schienen sie aus der Fassung gebracht zu sein. Sie konnten unmöglich geglaubt haben, dass die Verhandlungen zur Kapitulation führen sollten. Jede Frau, die in diesem Saal saß, riskierte allein schon durch ihre Anwesenheit Dämpfung und Hinrichtung. Falls es jemals außer Elaidas Sturz einen Weg zurück gegeben hätte, hatte sich der schon vor Monaten erledigt, als dieser Saal erwählt wurde. Davon gab es keinen Weg zurück.

Lelaine schien mit der Wirkung ihrer Worte zufrieden — sie war sogar so selbstzufrieden wie eine Katze in der Milchkammer —, aber bevor sie wieder Platz genommen hatte, sprang Moria auf die Füße. Das zog jeden Blick auf sich und rief weiteres Gemurmel hervor. Niemand hätte Moria als besonders anmutig bezeichnet, aber die Illianerin war keine Frau, die aufsprang. »Das muss besprochen werden«, sagte sie, »aber erst später. Dieser Saal ist von drei Sitzenden zusammengerufen worden, die dieselbe Frage gestellt haben. Diese Frage muss vor allem anderen angesprochen werden. Was haben Akarrin und ihre Gruppe herausgefunden? Ich verlange, dass man sie holt, damit sie vor dem Saal Bericht erstatten können.«

Lelaine sah ihre Mit-Blaue böse an, und das konnte sie großartig, ihre Blicke waren so scharf wie Ahlen, aber zumindest in dieser Hinsicht war das Burggesetz eindeutig und allen bekannt. Oft genug war es das nicht. Sheriam bat mit unsicherer Stimme Aledrin, nach Kwamesa die Jüngste, Akarrin und die anderen in den Saal zu bringen. Egwene entschied, sofort nach der Sitzung mit der rothaarigen Frau zu sprechen. Wenn Sheriam sich nicht änderte, würde sie als Behüterin bald nutzlos sein.

Delana schoss umgeben von anderen Schwestern in den Pavillon, die letzte Sitzende, und saß auf ihrer Bank und richtete die Stola, als die pummelige Weiße Sitzende mit den sechs Schwestern zurückkehrte und sie vor Egwene führte. Sie mussten ihre Umhänge draußen auf dem Gehweg gelassen haben, denn keine trug jetzt einen. Delana betrachtete sie, ein Stirnrunzeln zog ihre Brauen in die Tiefe. Sie schien außer Atem zu sein, als wäre sie zum Pavillon gerannt.

Anscheinend war Aledrin der Ansicht, dass es keine Rolle spielte, ob die Sitzung nun formell war oder nicht, und sie mit dem Zeremoniell weitermachen sollte. »Ihr seid vor den Saal der Burg gerufen worden, um zu berichten, was ihr gesehen habt«, sagte sie mit starkem tarabonischem Akzent. Die Kombination aus dunkelblondem Haar und braunen Augen war in Tarabon nicht ungewöhnlich, allerdings trug sie das schulterlange Haar nicht als perlengeschmückte Zöpfe, sondern in einem weißen Spitzennetz.

»Ich befehle euch, von diesen Dingen Zeugnis abzulegen, ohne etwas zurückzuhalten, und alle Fragen vollständig zu beantworten und nichts zurückzuhalten. Verkündet nun, dass ihr das tun werdet, unter dem Licht und bei eurer Hoffnung auf Wiedergeburt und Errettung, oder erleidet die Konsequenzen.« Die Schwestern in der Vergangenheit, die diesen Teil des Saal-Zeremoniells erschaffen hatten, hatten genau gewusst, wie viel Raum einem die Drei Eide gaben. Eine kleine Auslassung hier, dort ein Hauch von Unbestimmtheit, und die ganze Bedeutung dessen, was man sagte, konnte auf den Kopf gestellt werden, dabei sagte man die ganze Zeit die Wahrheit.

Akarrin sagte ihren Spruch laut und etwas ungeduldig auf, die anderen fünf mit unterschiedlichen Graden an Feierlichkeit. Viele Schwestern waren in ihrem ganzen Leben kein einziges Mal dazu aufgerufen worden, vor dem Saal Zeugnis abzulegen. Aledrin wartete, bis die Letzte jedes Wort wiederholt hatte, bevor sie zu ihrer Bank zurückmarschierte.

»Sagt uns, was Ihr gesehen habt, Akarrin«, forderte Moria sie auf, sobald sich die Weiße Sitzende abgewandt hatte. Aledrin versteifte sich sichtlich, und als sie ihren Platz einnahm, war ihr Gesicht völlig ausdruckslos, aber auf ihren Wangen brannten helle Flecken. Moria hätte warten müssen. Sie musste sehr ungeduldig sein.

Nach der Tradition — es gab viel mehr Traditionen und Verhaltensregeln als Gesetze, und das Licht wusste, dass es mehr Gesetze gab, als jeder tatsächlich kannte, oftmals auch widersprüchliche Gesetze, die im Laufe der Jahrhunderte erlassen worden waren, aber Traditionen und Regeln bestimmten das Leben der Aes Sedai genauso sehr, wie es die Gesetze der Burg je getan hatten, vielleicht sogar noch mehr — nach der Tradition richtete Akarrin ihre Ansprache an den Amyrlin-Sitz.