Langsam kehrten die Träume zurück.
Sie kletterte einen anderen Pfad an einer in wolkenverhangenen Klippe hinauf, aber das war ein breiter Sims, der mit Stein gepflastert war, und da war kein Geröll unter ihren Füßen. Die Klippe selbst war kalkweiß und so glatt wie poliert. Trotz der Wolken funkelte der helle Stein fast. Sie kam schnell nach oben und erkannte bald, dass der Sims in einer Spirale nach oben führte. Die Klippe war in Wahrheit ein Turm. Sie hatte diesen Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, da stand sie auch schon oben auf einer flachen, polierten Scheibe, die von Nebel eingehüllt wurde. Aber sie war nicht ganz flach. In der Mitte des Kreises stand ein kleiner weißer Sockel mit einer Öllampe aus klarem Glas. Die Flamme auf dieser Lampe brannte hell und gleichmäßig, ohne zu flackern. Sie war ebenfalls weiß.
Plötzlich schossen zwei Vögel aus dem Nebel, zwei Raben so schwarz wie die Nacht. Sie rasten über die Turmspitze, trafen die Lampe und flogen weiter, ohne innezuhalten. Die Lampe wurde herumgerissen und tanzte auf dem Sockel umher, wobei sie Öltropfen verspritzte. Einige der Tropfen fingen mitten in der Luft Feuer und verschwanden. Andere landeten um die kleine Säule herum, und jeder nährte eine winzige, flackernde weiße Flamme. Und die Lampe kreiselte weiter, immer kurz vor dem Umkippen.
Egwene erwachte und fuhr in völliger Dunkelheit hoch.
Sie wusste Bescheid. Zum ersten Mal wusste sie genau, was ein Traum bedeutete. Aber warum sollte sie davon träumen, dass eine Seanchanerin sie rettete, und dann von Seanchanern, die die Weiße Burg angriffen? Ein Angriff, der die Aes Sedai bis ins Mark erschüttern und die Burg selbst bedrohen würde. Natürlich war es nur eine Möglichkeit. Aber Ereignisse in Wahrträumen waren wahrscheinlicher als andere Möglichkeiten.
Sie dachte, sie würde ruhig nachdenken, aber dann schabte die Eingangsplane, und sie hätte beinahe die Wahre Quelle umarmt. Hastig ging sie die Novizinnenübungen durch, um sich zu beruhigen, Wasser floss über glatten Stein, Wind fuhr durch hohes Gras. Beim Licht, sie hatte Angst gehabt. Sie brauchte zwei davon, um einigermaßen Ruhe zu finden. Sie öffnete den Mund, um zu fragen, wer da war.
»Schlaft Ihr?«, murmelte Halima leise. Sie klang angespannt, beinahe aufgeregt. »Nun, ich hätte selbst nichts gegen eine ordentliche Nachtruhe einzuwenden.«
Egwene hörte zu, wie sich die Frau in der Dunkelheit auszog. Und lag reglos da. Wenn sie sie wissen ließ, dass sie wach war, hätte sie mit ihr reden müssen, und im Moment wäre das peinlich gewesen. Sie war sich ziemlich sicher, dass Halima Gesellschaft gefunden hatte, wenn auch nicht für die ganze Nacht. Halima konnte natürlich tun und lassen, was sie wollte, aber Egwene war trotzdem enttäuscht. Sie wünschte sich, sie wäre nicht erwacht, versank wieder im Schlaf und versuchte diesmal nicht, auf halbem Weg stehen zu bleiben. Sie würde sich an jeden Traum erinnern, der kam, und sie brauchte Schlaf.
Chesa kam in aller Frühe, um ihr auf einem Tablett das Frühstück zu bringen und ihr beim Ankleiden behilflich zu sein. Es war noch sehr früh. Da war nur ein Versprechen von Sonnenlicht, und Lampenlicht war nötig, um etwas zu sehen. Die Holzkohlen in der Pfanne waren während der Nacht erloschen, und die Kälte, die in der Luft hing, fühlte sich grau an. Möglicherweise würde es heute schneien. Halima wand sich in ein seidenes Unterhemd und dann in das Kleid, scherzte lachend darüber, wie gern sie eine Zofe hätte, während Chesa die Knöpfe auf Egwenes Rücken schloss. Die pummelige Frau machte ein ausdrucksloses Gesicht und ignorierte Halima. Egwene sagte nichts. Sie schwieg eisern. Halima war nicht ihre Dienerin. Sie hatte kein Recht, dieser Frau ihr Benehmen vorzuschreiben.
Chesa war gerade mit den letzten winzigen Knöpfen fertig und tätschelte Egwenes Arm, als Nisao die Zeltplane zur Seite schob und einen frischen kalten Luftschwall einließ. Der kurze Blick in der Zeit, bevor die Plane hinter ihr zufiel, verriet, dass draußen noch alles grau war. Es bestand durchaus die Möglichkeit, dass es schneien würde.
»Ich muss allein mit der Mutter sprechen«, sagte sie und hielt den Umhang um den Körper gezogen, als würde sie bereits den Schnee fühlen. Ein so energischer Ton war ungewöhnlich von der kleinen Frau.
Egwene nickte Chesa zu, die einen Knicks machte, ihr aber auf dem Weg nach draußen einschärfte, das Frühstück nicht kalt werden zu lassen.
Halima verharrte und betrachtete sowohl Egwene wie auch Nisao, bevor sie ihren Umhang von der Stelle aufhob, wo er in einem unordentlichen Haufen am Fuß ihrer Pritsche lag. »Vermutlich hat Delana Arbeit für mich«, sagte sie und klang gereizt.
Nisao sah der Frau stirnrunzelnd nach, dann umarmte sie wortlos Saidar und webte einen Schild um sich und Egwene, der Lauscher abwehrte, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen. »Anaiya und ihr Behüter sind tot«, sagte sie. »Ein paar Arbeiter, die in der Nacht Kohlensäcke lieferten, hörten ein Geräusch, als würde jemand um sich schlagen, und wie durch ein Wunder liefen sie alle hin, um nachzusehen. Sie fanden Anaiya und Setagana im Schnee liegen. Tot.«
Egwene setzte sich langsam auf ihren Stuhl, der sich im Moment alles andere als bequem anfühlte. Anaiya, tot. Sie war keine Schönheit gewesen, aber wenn sie lächelte, wärmte das alles um sie herum. Eine durchschnittlich aussehende Frau, die Spitze auf ihren Gewändern geliebt hatte. Egwene wusste, dass sie auch für Setagana Trauer hätte verspüren sollen, aber er war Behüter gewesen. Wenn er Anaiya überlebt hätte, wäre es unwahrscheinlich gewesen, dass er noch lange gelebt hätte. »Wie?«, sagte sie. Nisao würde keinen Schild gewebt haben, nur um ihr zu sagen, dass Anaiya tot war.
Nisaos Miene verhärtete sich, und trotz des Schildes blickte sie über die Schulter, als befürchtete sie, jemand könnte am Eingang lauschen. »Die Arbeiter nehmen an, sie hätten verdorbene Pilze gegessen. Manche Bauern sind sorglos in dem, was sie verkaufen, und die falsche Sorte kann die Lungen lähmen oder den Hals anschwellen lassen, sodass man keine Luft mehr bekommt und stirbt.« Egwene nickte ungeduldig. Schließlich war sie in einem Dorf aufgewachsen. »Jeder schien bereit zu sein, das zu akzeptieren«, fuhr Nisao fort, aber sie beeilte sich nicht. Ihre Hände zupften am Saum ihres Umhangs herum; nur zögernd unterbreitete sie ihre Schlussfolgerungen. »Es gab keine Wunden, keine Verletzungen. Kein Anlass zu der Annahme, es könnte etwas anderes als ein gieriger Bauer gewesen ein, der verdorbene Pilze verkaufte. Aber...« Sie seufzte, blickte erneut über die Schulter und senkte die Stimme.
»Ich vermute, es war das ganze Gerede über die Schwarze Burg im Saal. Ich habe nach Rückständen geforscht. Sie wurden mit Saidin getötet.« Sie verzog angeekelt das Gesicht. »Ich glaube, jemand hat feste Stränge aus Luft um ihre Köpfe gewebt und sie ersticken lassen.« Schaudernd zog sie den Umhang fester um den Körper.
Auch Egwene wollte erschaudern. Sie war überrascht, dass sie es nicht tat. Anaiya, tot. Erstickt. Eine äußerst grausame Methode, jemanden zu töten, von jemandem benutzt, der gehofft hatte, keine Spuren zu hinterlassen.
»Habt Ihr es schon jemandem gesagt?«
»Natürlich nicht«, erwiderte Nisao indigniert. »Ich bin geradewegs zu Euch gekommen. Das heißt, sobald ich wusste, dass Ihr aufgestanden seid.«
»Schade. Ihr werdet erklären müssen, warum Ihr gewartet habt. Wir können das nicht geheim halten.« Nun, Amyrlin hatten schon die finstersten Geheimnisse gehütet, zum Nutzen der Burg, wie sie ihn sahen. »Wenn unter uns ein Mann ist, der die Macht lenken kann, dann müssen die Schwestern auf der Hut sein.« Es erschien unwahrscheinlich, dass sich ein Mann, der die Macht lenken konnte, unter den Arbeitern oder Soldaten verbarg, aber noch unwahrscheinlicher war, dass einer eigens kam, um eine bestimmte Schwester und ihren Behüter zu töten. Was eine weitere Frage aufwarf. »Warum Anaiya? War sie nur zur falschen Zeit am falschen Ort, Nisao? Wo sind sie gestorben?«