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Einen Augenblick lang starrte Alviarin das Bündel nur an. Darin war ihr kostbarster Besitz, ein Gegenstand aus dem Zeitalter der Legenden, aber sie hatte noch nie zuvor gewagt, ihn zu benutzen. Nur im schlimmsten Notfall, hatte Mesaana gesagt, in der verzweifeltsten Not, aber was konnte schlimmer als das hier sein? Mesaana hatte behauptet, der Gegenstand könnte Hammerschläge aushalten, ohne zu zerbrechen, aber sie schlug das Tuch mit der gleichen Sorgfalt zur Seite, die sie bei feinem braunem Glas angewandt hätte, und enthüllte ein Ter'angreal, einen leuchtend roten Stab, nicht länger als ihr Zeigefinger, der bis auf ein paar feine, in einem verschlungenen Muster miteinander verbundenen Linien vollkommen glatt war. Sie umarmte die Quelle und berührte dieses Muster an zwei der Verbindungsstellen mit haarfeinen Strängen aus Feuer und Erde. Im Zeitalter der Legenden wäre das nicht nötig gewesen, aber etwas, das man »stehende Ströme« nannte, existierte nicht mehr. Eine Welt, in der fast jedes Ter'angreal von Menschen benutzt werden konnte, die nicht die Macht lenken konnten, erschien jenseits jeder Vorstellungskraft. Warum hatte man das erlaubt?

Sie drückte mit dem Daumen gegen das eine Ende des Stabes — die Eine Macht allein reichte nicht —, ließ sich schwer auf den Stuhl fallen, lehnte sich gegen die niedrige Lehne und starrte den Gegenstand in ihrer Hand an. Es war vollbracht. Jetzt fühlte sie sich leer, ein großer leerer Raum, in dem Ängste durch die Finsternis flatterten wie gewaltige Fledermäuse.

Statt das Ter'angreal wieder einzuwickeln, schob sie es in die Gürteltasche und stand auf, um das Kästchen wieder in den Schrank zu stellen. Sie hatte nicht vor, den Stab aus ihrer Reichweite zu lassen, bevor sie wusste, dass sie in Sicherheit war. Aber jetzt konnte sie nur dasitzen und warten, mit zwischen den Knien geklemmten Händen hin und her schaukeln. Sie konnte genauso wenig mit dem Schaukeln aufhören, wie sie das leise Stöhnen unterdrücken konnte, das aus ihrem Mund drang. Seit der Gründung der Burg war keine Schwester jemals angeklagt worden, eine Schwarze Ajah zu sein. Oh, einzelne Schwestern hatten einen Verdacht gehabt, und von Zeit zu Zeit waren Aes Sedai gestorben, sodass diese Verdächtigungen nie weitergingen, aber es war nie zu einer offiziellen Anklage gekommen. Wenn Elaida bereit war, offen vom Scharfrichterblock zu sprechen, dann musste sie kurz davor stehen, Anklage zu erheben. Ganz kurz davor. Man hatte auch Schwarze Schwestern verschwinden lassen, wenn der Verdacht zu groß wurde. Die Schwarze Ajah blieb verborgen, ganz egal, was es kostete. Sie wünschte, sie hätte zu stöhnen aufhören können.

Plötzlich verblasste das Licht in dem Raum und tauchte alles in wirbelnde Schatten. Das Sonnenlicht schien unfähig zu sein, die Glasscheiben des Fensters zu durchdringen. Alviarin fiel sofort auf die Knie und schlug die Augen nieder. Das Verlangen, ihre Befürchtungen hervorzusprudeln, ließ sie zittern, aber bei den Auserwählten musste man die Form einhalten. »Ich lebe, um zu dienen, Große Herrin«, sagte sie, und nicht mehr. Sie konnte keinen Augenblick verschwenden, vor Schmerzen zu schreien, geschweige denn eine Stunde. Sie krallte die Hände zusammen, um sie am Zittern zu hindern.

»Worum handelt es sich bei deinem ernsten Notfall, Kind?« Es war eine Frauenstimme, aber eine Stimme wie ein Glockenspiel aus Kristall. Ein verärgertes Glockenspiel. Nur verärgert. Ein wütendes Glockenspiel hätte den sofortigen Tod bedeutet. »Wenn du glaubst, ich würde auch nur einen Finger krümmen, um dir deine Behüterinnenstola wiederzubeschaffen, dann unterliegst du einem traurigen Irrtum. Du kannst noch immer tun, was ich erledigt haben will, es kostet dich nur etwas mehr Mühe. Und du darfst deine Bußsitzungen bei der Oberin der Novizinnen als kleine Strafe von mir betrachten. Ich habe dich davor gewarnt, Elaida zu sehr zu bedrängen.«

Alviarin schluckte ihren Protest herunter. Elaida war keine Frau, die man ohne Druck beugen konnte. Mesaana musste das wissen. Aber bei den Auserwählten konnten Proteste gefährlich sein. Bei den Auserwählten waren viele Dinge gefährlich. Auf jeden Fall war Silvianas Riemen harmlos im Vergleich zur Axt des Scharfrichters.

»Elaida weiß Bescheid, Herrin«, hauchte sie und hob den Blick. Vor ihr stand eine Frau aus Licht und Schatten, die in Licht und Schatten gekleidet war, nur finsteres Schwarz und silbriges Weiß, das ununterbrochen von einem Zustand in den anderen wechselte. Silberne Augen blickten ungehalten aus einem Gesicht aus Rauch, silberne Lippen waren zu einem schmalen Strich verzogen. Es war nur eine Illusion, und auch nicht viel besser gemacht, als Alviarin es hätte bewerkstelligen können. Kurz blitzte ein grüner, mit aufwändigen bronzenen Streifen verzierter Seidenrock auf, als Mesaana über den Domani-Teppich glitt. Aber Alviarin konnte genauso wenig die Gewebe erkennen, welche die Illusion erschufen, wie sie jene wahrgenommen hatte, die die Frau benutzte, um herzukommen oder den Raum in Schatten zu hüllen. Soweit sie es feststellen konnte, war Mesaana gar nicht dazu in der Lage, die Macht zu lenken! Für gewöhnlich empfand sie angesichts dieser beiden Geheimnisse eine freudige Erregung, aber heute fiel es ihr kaum auf. »Sie weiß, dass ich eine Schwarze Ajah bin, Große Herrin. Wenn sie mich entlarvt hat, dann hat sie tief gegraben. Dutzende von uns könnten bedroht sein, vielleicht sogar alle.« Am besten malte man eine Bedrohung in den finstersten Farben aus, wenn man sichergehen wollte, dass etwas passierte. Möglicherweise war es sogar die Wahrheit.

Aber Mesaana winkte nur abschätzig mit einer jetzt silbernen Hand. Ihr Gesicht glühte wie ein Mond um Augen, die schwärzer als Kohle war. »Das ist lächerlich. Elaida kann sich nicht von einem auf den anderen Tag entscheiden, doch an die Existenz der Schwarzen Ajah zu glauben. Du willst dir nur Schmerzen ersparen, Kind. Vielleicht werden ein paar dir deine Fehleinschätzungen bewusst machen.« Alviarin fing an zu betteln, als Mesaana die Hand höher hob und sich ein Gewebe in der Luft formte, das sie nur zu gut kannte. Sie musste es der Frau begreiflich machen!

Plötzlich ging ein Ruck durch die Schatten im Raum. Alles schien zur Seite gedrängt zu werden, als sich die Dunkelheit zu mitternachtsschwarzen Klumpen verfestigte.

Und dann war die Dunkelheit verschwunden. Überrascht fand sich Alviarin mit flehentlich ausgestreckten Händen einer Frau aus Fleisch und Blut mit blauen Augen gegenüber, die in bronzeverziertes Grün gekleidet war. Eine quälend vertraut erscheinende Frau, die kaum über ihre mittleren Jahre hinaus zu sein schien. Sie hatte gewusst, dass sich Mesaana als Schwester maskiert in der Burg aufhielt, obwohl keiner der Auserwählten, denen sie begegnet war, irgendein Anzeichen von Alterslosigkeit gezeigt hatte, aber sie konnte das Gesicht keinem Namen zuordnen. Und sie erkannte noch etwas. Diese Frau hatte Angst. Sie verbarg es zwar, aber sie hatte Angst.

»Sie ist sehr nützlich gewesen«, sagte Mesaana und klang alles anderes als ängstlich, mit einer Stimme, die sich Alviarins Erinnerung immer um ein Haar entzog, »und jetzt werde ich sie töten müssen.«

»Du warst immer... übertrieben verschwenderisch«, erwiderte eine knirschende Stimme; sie war wie ein verfaulter Knochen, der unter einem Absatz zerbröckelte.

Beim Anblick des großen Mannes in schwarzer Rüstung — sie bestand nur aus sich überlappenden Platten, wie die Schuppen einer Schlange —, der vor einem der Fenster stand, kippte Alviarin entsetzt um. Denn es war kein Mann. Das blutleere Gesicht hatte keine Augen; dort, wo sie hätten sein müssen, war nur glatte, tote weiße Haut. Sie war im Dienst des Dunklen Königs schon zuvor Myrddraal begegnet, und hatte es sogar geschafft, ihren augenlosen Blick zu erwidern, ohne sich von dem Entsetzen überwältigen zu lassen, das dieses Starren auslöste, aber dieser hier ließ sie auf dem Boden zurückkriechen, bis ihr Rücken gegen ein Tischbein stieß. Schleicher ähnelten einander wie zwei Regentropfen, sie waren hoch gewachsen und schlank und identisch, aber dieser war einen ganzen Kopf größer, und er schien Furcht auszustrahlen, die in ihre Knochen sickerte. Ohne nachzudenken griff sie nach der Quelle. Und hätte beinahe aufgeschrien. Die Quelle war weg! Sie war nicht abgeschirmt; es war einfach nichts da, wonach sie greifen konnte! Der Myrddraal sah sie an und lächelte. Schleicher lächelten niemals. Nie. Ihr Atem kam in keuchenden Stößen.