»Ich muss jetzt zu dem Jungen, Verin«, sagte Cadsuane stattdessen. Das war das Problem, wenn man einwilligte, jemanden zu beraten. Selbst wenn man sämtliche Bedingungen stellte, die man wollte — jedenfalls die meisten —, musste man dennoch früher oder später zu ihnen, wenn sie nach einem verlangten. Irgendwann. Aber es gab ihr einen Grund, Verins Neugier zu entgehen. Die Antwort war simpel. Wenn man versuchte, jedes Problem selbst zu lösen, löste man am Ende gar keine. Und bei einigen Problemen spielte es auf lange Sicht gesehen wirklich keine Rolle, wie man sie löste. Aber wenn sie Verin die Antwort schuldig blieb, hatte sie etwas, worüber sie nachdenken konnte. Wenn sich Cadsuane bei jemandem nicht sicher war, dann wollte sie, dass sie sich auch bei ihr unsicher waren.
Verin nahm ihren Umhang und verließ gemeinsam mit ihr den Raum. Wollte die andere Frau sie etwa begleiten? Aber im Korridor begegneten sie Nesune, die eilig ausschritt. Sie blieb abrupt stehen. Nicht mehr als eine Hand voll Leute hatten es je geschafft, Cadsuane zu ignorieren, aber Nesune bot eine überzeugende Vorstellung; ihre fast schwarzen Augen richteten sich auf Verin.
»Dann seid Ihr also zurück?« Die besten Braunen hatten so eine Art, das Offensichtliche festzustellen. »Wenn ich mich recht entsinne, habt Ihr eine Abhandlung über die Tiere des Versunkenen Landes geschrieben.« Was bedeutete, dass Verin es getan hatte; Nesune erinnerte sich an alles, was sie je gesehen hatte — eine nützliche Fähigkeit, wäre Cadsuane sich ihrer nur sicher genug gewesen, um sie zu benutzen. »Lord Algarin hat mir die Haut einer großen Schlange gezeigt, die, wie er behauptet, aus dem Versunkenen Land stammt, aber ich glaube, es handelt sich um die gleiche, die ich gesehen habe, als ich in...« Verin warf Cadsuane einen hilflosen Blick über die Schulter zu, als die größere Frau sie am Ärmel mit sich zerrte, aber sie hatten noch keine drei Schritte zurückgelegt, als sie auch schon in eine heftige Diskussion über die verdammte Schlange vertieft war.
Es war ein bemerkenswerter Anblick, und in gewisser Weise Besorgnis erregend. Nesune stand loyal zu Elaida oder hatte es zumindest getan, während Verin zu denen gehörte, die Elaida stürzen wollten. Oder zumindest dazu gehört hatte. Jetzt unterhielten sie sich angeregt über Schlangen. Dass beide dem Jungen die Treue geschworen hatten, dafür konnte man seinen Einfluss als Ta'veren verantwortlich machen und dass er unbewusst das Muster um sich herum beeinflusste, aber reichte der Eid aus, dass sie ihre gegenteilige Meinung darüber, wer auf dem Amyrlin-Sitz sitzen sollte, völlig ignorierten? Oder wurden sie davon beeinflusst, einen Ta'veren in unmittelbarer Nähe zu haben? Das hätte Cadsuane sehr gern gewusst. Keines ihrer Schmuckstücke beschützte sie vor einem Ta'veren. Zwar hatte sie keine Ahnung, was zwei der Fische und einer der Monde bewirkte, aber es erschien unwahrscheinlich, dass sie dies taten. Es hätte auch einfach an der Tatsache liegen können, dass sowohl Verin wie auch Nesune Braune waren. Braune konnten alles um sich herum vergessen, wenn sie etwas studierten. Schlangen! Hah! Die kleinen Schmuckstücke baumelten, als sie den Kopf schüttelte, bevor sie sich abwandte und die beiden Braunen hinter sich ließ. Was konnte der Junge wollen? Die Rolle einer Beraterin hatte ihr nie gefallen, ob sie nun nötig war oder nicht.
Zugluft in den Korridoren bewegte die wenigen Wandbehänge, sie alle waren altmodisch und zeigten die Abnutzung, viele Male abgenommen und wieder aufgehängt worden zu sein. Das Herrenhaus war wie ein weiträumiges Bauernhaus gewachsen, man hatte Räume hinzugefügt, wenn es das Vermögen und die Anzahl der Familienmitglieder erlaubten. Haus Pendaloan war nie reich gewesen, aber es hatte Zeiten gegeben, zu denen es viele Köpfe gezählt hatte. Die Resultate zeigten sich in mehr als in abgenutzten, altmodischen Wandbehängen. Die Simse waren hell gestrichen, rot, gelb oder blau, aber die Korridore variierten in Breite und Höhe, und die Verbindungen waren manchmal etwas schief. Fenster, die einst auf die Felder hinausgeblickt hatten, blickten jetzt auf Höfe, die für gewöhnlich nur ein paar Bänke aufwiesen. Wenn man von einem Ort zum anderen wollte, gab es manchmal keine andere Möglichkeit, als überdachte Kolonnaden zu benutzen, die auf die Höfe hinausschauten. Die Säulen waren meistens nur aus Holz, aber selbst wenn es keine Schnitzarbeiten gab, hatte man sie immerhin mutig bemalt.
Auf einem dieser Gänge mit dicken grünen Säulen standen zwei Schwestern zusammen und beobachteten die Aktivitäten im Hof unter ihnen. Zumindest standen sie zusammen, als Cadsuane die Tür zur Kolonnade öffnete. Beldeine sah sie nach draußen treten, erstarrte und fummelte an der Stola mit den grünen Fransen herum, die sie noch keine fünf Jahre trug. Mit ihren hohen Wangenknochen und den leicht schräg stehenden braunen Augen war sie hübsch, aber sie hatte die Alterslosigkeit noch nicht erreicht und sah jünger als Min aus, vor allem, als sie Cadsuane einen frostigen Blick zuwarf und in die andere Richtung eilte.
Merise, ihre Gefährtin, lächelte amüsiert hinter ihr her und richtete ihre eigene grün befranste Stola. Merise war hoch gewachsen und trug das Haar streng zurückgekämmt; sie war für gewöhnlich sehr ernst und lächelte nur selten.
»Beldeine, sie macht sich langsam Sorgen, dass sie noch keinen Behüter hat«, sagte sie mit ihrem tarabonischen Akzent, als Cadsuane neben ihr stehen blieb, obwohl sich ihre blauen Augen wieder auf den Hof richteten. »Sie scheint einen Asha'man in Betracht zu ziehen, wenn sie einen findet. Ich habe ihr gesagt, sie soll mit Daigian sprechen. Wenn ihr das nicht hilft, wird es Daigian helfen.«
Sämtliche Behüter hatten sich auf dem gepflasterten Hof versammelt, trotz der Kälte waren sie in Hemdsärmeln. Die meisten von ihnen saßen auf den gestrichenen Holzbänken und sahen zu, wie zwei von ihnen mit hölzernen Übungsschwertern trainierten. Jahar, einer von Merises drei Behütern, war ein ansehnlicher, von der Sonne gebräunter junger Mann. Die Silberglöckchen an den Enden seiner beiden langen Zöpfe bimmelten durch die Wut seines Angriffs. Er bewegte sich wie eine zubeißende Schwarzlanze. Kein Windhauch wehte, aber der achtzackige Stern schien sich wie eine Kompassrose gegen Cadsuanes Haar zu drehen. Hätte sie ihn in der Hand gehalten, hätte sie fühlen können, wie er vibrierte. Aber ihr war ja bereits bekannt, dass Jahar ein Asha'man war, und der Stern hätte ihn nicht gekennzeichnet, sondern lediglich mitgeteilt, dass ein Mann in der Nähe war, der die Macht lenken konnte. Sie hatte gelernt, dass der Stern umso härter vibrierte, je mehr Machtlenker da waren. Jahars Gegner, ein sehr großer, breitschultriger Bursche mit steinernem Gesicht und einem geflochtenen Lederband um die ergrauenden Schläfen, das schulterlanges Haar zurückhielt, war da unten nicht der zweite Asha'man, aber er war auf seine Weise tödlich. Lan schien sich wirklich nicht so schnell zu bewegen, aber er... floss. Seine Klinge aus zusammengebundenen Leisten war immer zur Stelle, um Jahars abzuwehren, brachte den jungen Mann immer eine Spur weiter aus seiner Linie.
Plötzlich traf Lans Holzklinge mit einem lauten Knall Jahars Seite, mit Stahl ein tödlicher Schlag. Während sich der jüngere Mann noch immer von der Wucht des Treffers krümmte, ging Lan zurück in die Ausgangsstellung, die lange Klinge nach oben gerichtet. Nethan, ein weiterer von Nerises Behütern, stand auf, ein schmaler Bursche mit weißem Haar an den Schläfen, der trotz seiner Größe noch immer eine Handspanne kleiner als Lan war. Jahar winkte ihn fort, hob die Übungsklinge erneut und verlangte laut nach einem weiteren Durchgang.
»Hält sich Daigian noch immer aufrecht?«, fragte Cadsuane.
»Besser, als ich erwartet hätte«, gab Merise zu. »Sie verbringt zu viel Zeit in ihrem Zimmer, aber sie hält ihre Tränen verborgen.« Ihr Blick wich von den Männern, die die Klingen tanzen ließen, zu einer grün gestrichenen Bank, auf der Verins untersetzter, grauhaariger Tomas neben einem Burschen saß, der nur noch über einen weißen Haarkranz verfügte. »Damer, er wollte sein Heilen bei ihr versuchen, aber Daigian hat abgelehnt. Sie hat zwar vermutlich nie zuvor einen Behüter gehabt, aber sie weiß, dass die Trauer über einen toten Behüter ein Teil der Erinnerung an ihn ist. Ich bin überrascht, dass Corele überhaupt in Betracht zog, es zu erlauben.«