Mit einem Kopfschütteln richtete die Schwester aus Tarabon ihre Aufmerksamkeit wieder auf Jahar. Die Behüter anderer Schwestern interessierten sie nicht, jedenfalls nicht auf die Weise, wie es ihre eigenen taten. »Asha'man trauern wie Behüter. Ich dachte, Jahar und Damer wären nur dem Beispiel der anderen gefolgt, aber er sagt, es wäre auch ihre Sitte. Natürlich habe ich sie nicht gestört, aber ich habe gesehen, wie sie in Erinnerung an Daigians jungen Eben das Glas erhoben haben. Sie erwähnten nie seinen Namen, aber sie stellten einen vollen Becher für ihn hin. Bassane und Nethan wissen, dass sie jeden Tag sterben können, und sie akzeptieren es. Jahar erwartet den Tod; er erwartet ihn jeden Tag. Für ihn ist jede Stunde mit Sicherheit seine letzte.«
Cadsuane konnte sich kaum davon zurückhalten, die andere Frau offen anzusehen. Es geschah nicht oft, dass Merise so lange sprach. Ihre Miene war reglos, aber etwas hatte sie aufgebracht. »Ich weiß, dass Ihr es übt, Euch mit ihm zu verknüpfen«, sagte Cadsuane taktvoll und schaute in den Hof hinunter. Mit einer anderen Schwester über ihren Behüter zu sprechen erforderte Takt. Das war mit ein Grund, warum sie stirnrunzelnd in den Hof sah. »Habt Ihr schon herausfinden können, ob der junge al'Thor bei Shadar Logoth Erfolg gehabt hat? Ist es ihm wirklich gelungen, die männliche Hälfte der Quelle zu säubern?«
Corele übte sich ebenfalls darin, sich mit Damer zu verknüpfen, aber die Gelbe war so auf ihre erfolglosen Bemühungen konzentriert, herauszufinden, wie sie mit Saidar das schaffen konnte, was er mit Saidin machte, dass sie nicht bemerkt hätte, wenn der Schmutz des Dunklen Königs ihr den Hals hinuntergelaufen wäre. Cadsuane fand es bedauerlich, dass sie die Stola nicht fünfzig Jahre später errungen hatte, denn dann wäre sie selbst mit einem der Männer den Behüterbund eingegangen und hätte nicht fragen müssen. Aber fünfzig Jahre hätten bedeutet, dass Norla in ihrem kleinen Haus in den Schwarzen Bergen gestorben wäre, bevor Cadsuane Melaidhrin das erste Mal einen Fuß in die Weiße Burg gesetzt hatte. Das hätte einen großen Teil der Geschichte verändert. Unter anderem wäre es sehr unwahrscheinlich gewesen, dass sie auch nur in der Nähe ihrer derzeitigen Situation gewesen wäre. Also fragte sie taktvoll und wartete.
Merise blieb einen langen Moment still, dann seufzte sie.
»Ich weiß es nicht, Cadsuane. Saidar ist ein ruhiger Ozean, der einen dahin bringt, wohin man will, solange man die Strömungen kennt und sich von ihnen tragen lässt. Saidin...
ist eine Lawine aus brennendem Gestein. Zusammenbrechende Eisberge. Es fühlt sich sauberer an als bei meiner ersten Verknüpfung mit Jahar, aber in diesem Chaos könnte sich alles verbergen. Alles.«
Cadsuane nickte. Sie vermochte nicht zu sagen, ob sie eine andere Antwort erwartet hatte. Warum sollte sie auch Gewissheit über eine der beiden wichtigsten Fragen der Welt erhalten, wenn sie sie schon bei simpleren Dingen nicht bekam? Auf dem Hof landete Lans Klinge diesmal nicht mit einem lauten Knall, sondern kurz vor Jahars Kehle, und der größere Mann glitt zurück in die Ausgangsstellung. Nethan stand erneut auf, und wieder winkte Jahar ihn zurück, hob wütend das Schwert und nahm die Ausgangsstellung ein. Bassane, Merises dritter Behüter, ein kleiner breiter Bursche, der fast so dunkel wie Jahar war, obwohl er aus Cairhien kam, lachte und machte eine abfällige Bemerkung über zu ehrgeizige Männer, die über die eigenen Klingen stolperten. Tomas und Damer wechselten einen Blick und schüttelten den Kopf; Männer in diesem Alter hatten für gewöhnlich schon lange aufgehört zu spotten. Das harte Knallen von Holz auf Holz begann erneut.
Die anderen vier Behüter waren nicht das einzige Publikum, das Lan und Jahar auf dem Hof zusah. Das schlanke Mädchen, das ihr Haar zu einem langen Zopf geflochten trug und besorgt von der roten Bank aus zusah, war der Grund für Cadsuanes Stirnrunzeln. Das Kind würde anderen Leuten seinen Großen Schlangenring unter die Nase halten müssen, um für eine Aes Sedai gehalten zu werden, was sie immerhin war, wenn auch nur formal gesehen. Es lag nicht daran, dass Nynaeve ein Mädchengesicht hatte; Beldeine sah auch noch so jung aus. Nynaeve rutschte auf der Bank herum, immer kurz davor aufzuspringen. Gelegentlich bewegten sich ihre Lippen, als würde sie lautlos Anfeuerungsrufe schreien, und manchmal verdrehten sich ihre Hände, als wollte sie demonstrieren, wie Lan sein Schwert hätte führen müssen. Ein leichtfertiges Mädchen, voller Leidenschaften, das nur selten zeigte, dass es über einen funktionierenden Verstand verfügte. Min war nicht die Einzige, die wegen eines Mannes Herz und Kopf in den Brunnen geworfen hatte. Nach den Sitten der toten Malkier verkündete der rote Punkt, der auf Nynaeves Stirn gemalt war, ihre Ehe mit Lan, auch wenn Gelbe nur selten ihre Behüter heirateten. Was das anging, taten das nur sehr wenige Schwestern. Und natürlich war Lan nicht Nynaeves Behüter, auch wenn er und das Mädchen sich so aufführten. Zu wem er gehörte, war ein Thema, dem sie sich entzogen wie Diebe in der Nacht.
Viel interessanter — und Besorgnis erregender — war Nynaeves Schmuck, eine lange Goldkette, ein schmaler Goldgürtel und dazu passende Armreife und Ringe, deren geschmacklose rote, grüne und blaue Edelsteine sich mit ihrem gelb geschlitzten Kleid bissen. Und sie trug auch dieses seltsame Schmuckstück an der linken Hand, goldene Ringe, die mit flachen Ketten mit einem goldenen Armreif verbunden waren. Das war ein Angreal, das viel stärker als Cadsuanes Haarschmuck war. Die anderen ähnelten auch ihren Stücken, Ter'angreale, die offensichtlich zur gleichen Zeit entstanden waren, während der Zerstörung der Welt, als eine Aes Sedai vielen Feinden gegenüberstand, vor allem Männern, die Machtlenker waren. Es war eine seltsame Vorstellung, dass auch sie Aes Sedai genannt worden waren. Das war, als würde man einen Mann namens Cadsuane begegnen.
Die Frage war nur — der Morgen schien voller Fragen zu sein, und die Sonne hatte nicht einmal den halben Weg zum Zenit zurückgelegt —, die Frage war nur, trug das Mädchen den Schmuck wegen des Jungen oder den Asha'man? Oder wegen Cadsuane Melaidhrin? Nynaeve hatte ihre Loyalität zu dem jungen Mann aus ihrem Dorf gezeigt, aber sie hatte auch ihr Misstrauen ihm gegenüber verraten. Sie verfügte über einen Verstand, wenn sie sich entschied, ihn zu benutzen. Aber bis diese Frage beantwortet war, war es viel zu gefährlich, dem Mädchen zu vertrauen. Leider gab es heutzutage kaum etwas, das nicht gefährlich erschien.
»Jahar wird stärker«, sagte Merise unvermittelt.
Einen Augenblick lang sah Cadsuane die andere Grüne stirnrunzelnd an. Stärker? Das Hemd des jungen Mannes klebte feucht an seinem Rücken, während Lan nicht einmal in Schweiß ausgebrochen zu sein schien. Dann begriff sie. Merise sprach von der Macht. Aber Cadsuane hob nur fragend eine Braue. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie sich das letzte Mal eine Überraschung hatte sichtlich anmerken lassen. Vermutlich vor diesen vielen Jahren, in den Schwarzen Bergen, als sie anfing, sich den Schmuck zu verdienen, den sie heute trug.
»Zuerst glaubte ich, dass die Art, wie diese Asha'man ausgebildet werden, ihn bereits zu seiner vollen Kraft getrieben hätte«, sagte Merise und schaute auf die beiden Männer hinunter, die mit ihren Übungsschwertern kämpften. Nein; sie blickte nur auf Jahar. Es war nur ein leichtes Zusammenkneifen der Augen, aber sie reservierte ihr Stirnrunzeln für jene, die es sehen und ihr Missfallen erkennen konnten. »In Shadar Logoth dachte ich, ich würde es mir einbilden. Vor drei oder vier Tagen war ich halb davon überzeugt, dass ich mich geirrt hatte. Jetzt bin ich sicher, dass es so ist. Wenn Männer in Schüben an Stärke gewinnen, kann keiner sagen, wie stark er werden wird.«