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»Er wird Euch jetzt empfangen«, sagte Elza scharf. Beinahe hätte Cadsuane mit den Zähnen geknirscht. Alivia würde warten müssen. Algarin auch.

Der Junge war auf den Beinen, als Cadsuane eintrat; er war fast so groß und breitschultrig wie Lan. Er trug einen schwarzen Mantel mit Gold an den Ärmeln und an dem hohen Kragen. Er ähnelte zu sehr dem Mantel eines Asha'man, den man lediglich mit Stickerei verziert hatte, um ihr zu gefallen, aber sie sagte nichts. Er verbeugte sich höflich, geleitete sie zu einem Stuhl mit quastenverzierten Kissen vor dem Kamin und fragte, ob sie Wein wollte. Der Wein in der Kanne auf dem Seitentisch mit den beiden Pokalen war kalt, aber er könnte nach frischem schicken. Sie hatte hart genug daran gearbeitet, ihn zu höflichem Benehmen zu zwingen; er konnte jeden Mantel tragen, den er wollte. Es gab wichtigere Dinge, in denen er geleitet werden musste. Oder gestoßen oder nötigenfalls auch gezogen. Sie würde weder Zeit noch Kraft auf seine Kleidung verschwenden.

Sie schüttelte höflich den Kopf und lehnte den Wein ab.

Ein Pokal bot viele Möglichkeiten — man konnte einen Schluck trinken, wenn man einen Augenblick zum Nachdenken brauchte; man konnte hineinblicken, wenn man seine Augen verbergen wollte —, aber diesen jungen Mann musste man jeden Augenblick im Auge behalten. Sein Gesicht verriet fast genauso wenig wie das einer Schwester. Mit dem dunkeln, rötlichen Haar und den blaugrauen Augen hätte er für einen Aiel durchgehen können, aber nur wenige Aiel hatten so kalt blickende Augen. Sie ließen den Morgenhimmel, in den sie zuvor gestarrt hatte, warm erscheinen. Kälter, als sie vor Shadar Logoth gewesen waren. Unglücklicherweise auch härter. Und sie sahen auch... müde aus.

»Algarin hatte einen Bruder, der die Macht lenken konnte«, sagte er und drehte sich zu einem ihr gegenüber befindlichen Stuhl um. In der halben Drehung taumelte er. Er hielt sich mit einem hervorgestoßenen Lachen an der Stuhllehne fest und tat so, als wäre er über die eigenen Stiefel gestolpert, aber das war er nicht. Und er hatte nicht nach Saidin gegriffen — sie hatte ihn taumeln sehen, wenn er das tat —, oder ihr Schmuck hätte sie gewarnt. Corele meinte, er würde nur etwas mehr Schlaf brauchen, um sich von Shadar Logoth zu erholen. Beim Licht, sie musste den Jungen am Leben erhalten, oder alles wäre vergebens gewesen!

»Ich weiß«, sagte sie. Und da es den Anschein hatte, dass Algarin ihm alles erzählt hatte, fügte sie hinzu: »Ich war diejenige, die Emarin gefangen genommen und nach Tar Valon gebracht hat.« In mancherlei Augen war das eine seltsame Sache, für die Algarin ihr da dankbar war, aber sein jüngerer Bruder hatte die Dämpfung mehr als zehn Jahre lang überlebt, nachdem sie ihm geholfen hatte, damit fertig zu werden. Die Brüder hatten sich nahe gestanden.

Die Brauen des Jungen zuckten, als er sich setzte. Er hatte es nicht gewusst. »Algarin will getestet werden.«

Sie erwiderte seinen Blick ruhig und hielt den Mund. Algarins überlebende Kinder waren verheiratet. Vielleicht war er bereit, sein Stück Land an seine Nachkommen abzugeben. Und ein Mann mehr oder weniger, der die Macht lenken konnte, machte zu diesem Zeitpunkt kaum einen Unterschied. Abgesehen von dem Jungen, der sie anstarrte.

Nach einem Moment bewegte sich ihr Kinn, die Andeutung eines Nickens. Hatte er sie auf die Probe stellen wollen? »Ihr braucht nicht zu befürchten, dass ich Euch nicht sage, wenn Ihr Euch wie ein Narr benehmt, Junge.« Die meisten Leute erinnerten sich nach einer Begegnung mit ihr, dass sie eine scharfe Zunge hatte. Dieser junge Mann musste gelegentlich daran erinnert werden. Er grunzte. Es hätte ein Lachen sein können. Es hätte bedauernd sein können. Sie rief sich ins Gedächtnis zurück, dass er gewollt hatte, dass sie ihm etwas beibrachte, auch wenn er nicht zu wissen schien, was es war. Egal. Sie hatte eine Liste, von der sie auswählen konnte, und sie war noch ganz oben.

Sein Gesicht hätte aus Stein gemeißelt sein können, so viel Gefühlsregungen zeigte er, aber er sprang auf die Füße und begann, zwischen Kamin und Tür auf und ab zu gehen, die Fäuste hinter dem Rücken verschränkt. »Ich habe mich mit Alivia unterhalten, über die Seanchaner«, fuhr er fort.

»Sie nennen ihre Armee aus gutem Grund die Immer Siegreiche Armee. Sie hat noch nie einen Krieg verloren. Schlachten ja, aber nie einen Krieg. Wenn sie eine Schlacht verlieren, setzen sie sich hin und finden heraus, welche Fehler sie begangen haben oder was der Feind richtig gemacht hat. Dann ändern sie das, was geändert werden muss, damit sie gewinnen.«

»Eine vernünftige Methode«, sagte sie, als der Wortstrom versiegte. Offenbar erwartete er einen Kommentar.

»Ich kenne Männer, die das Gleiche tun. Zum Beispiel Davram Bashere. Gareth Bryne. Rodel Ituralde. Agelmar Jagad. Selbst Pedron Niall hat es getan, als er noch am Leben war. Sie alle werden als große Hauptmänner angesehen.«

»Ja«, sagte er und ging noch immer auf und ab. Er sah sie nicht an, vielleicht sah er sie auch gar nicht, aber er lauschte ihren Worten. Man konnte nur hoffen, dass er auch zuhörte. »Fünf Männer, alles große Hauptmänner. Aber die Seanchaner tun es alle. Und zwar seit eintausend Jahren. Sie ändern, was sie ändern müssen, aber sie geben nicht auf.«

»Zieht Ihr etwa die Möglichkeit in Betracht, dass sie nicht besiegt werden können?«, fragte sie ruhig. Ruhe war immer gut, bis man die Fakten kannte, und für gewöhnlich auch danach.

Der Junge wandte sich ihr abrupt zu; sein ganzer Körper war angespannt, und seine Augen waren wie Eis. »Ich kann sie am Ende besiegen«, sagte er und kämpfte darum, höflich zu bleiben. Das war gut so. Je weniger sie beweisen musste, dass sie Verstöße gegen ihre Regeln bestrafen konnte und würde, desto besser. »Aber...« Mit einem Knurren hielt er inne, als lauter Streit auf dem Korridor durch die Tür drang.

Einen Augenblick später schwang die Tür auf, und Elza kam rückwärts hinein, während sie noch immer mit lauter Stimme protestierte und mit ausgestreckten Armen versuchte, zwei andere Schwestern zurückzuhalten. Erian, deren blasses Gesicht gerötet war, stieß die andere Grüne vor sich her. Sarene, eine Frau, die so schön war, dass sie Erian fast unscheinbar aussehen ließ, trug eine kühlere Miene zur Schau, wie man es von einer Weißen auch erwarten konnte, aber sie schüttelte den Kopf aufgebracht und heftig genug, um die bunten Perlen in ihren Zöpfen aneinander schlagen zu lassen. Sarene hatte Temperament, auch wenn sie es für gewöhnlich fest unter Kontrolle hielt.

»Bartol und Rashan kommen«, verkündete Erian laut, und die Anspannung verstärkte ihren illianischen Akzent. Das waren ihre beiden Behüter, die sie in Cairhien zurückgelassen hatte. »Ich habe nicht nach ihnen geschickt, aber jemand ist mit ihnen Gereist. Vor einer Stunde spürte ich sie plötzlich näher kommen, und eben schon wieder. Sie kommen auf uns zu.«

»Mein Vitalien kommt ebenfalls näher«, sagte Sarene.

»Ich vermute, er wird in ein paar Stunden hier sein.«

Elza ließ die Arme sinken, auch wenn sie der Steifheit ihres Nackens nach zu urteilen die beiden Schwestern noch immer böse anstarrte. »Mein Fearil wird auch bald hier sein«, murmelte sie. Er war ihr einziger Behüter; es wurde behauptet, dass sie verheiratet waren, und Grüne, die heirateten, nahmen nur selten zur gleichen Zeit einen zweiten Behüter. Cadsuane fragte sich, ob sie es ihnen mitgeteilt hätte, wenn die anderen nicht davon angefangen hätten.

»Ich habe nicht damit gerechnet, dass es so bald sein würde«, sagte der Junge leise, aber mit Stahl in der Stimme. »Ich hätte jedoch nicht damit rechnen dürfen, dass die Ereignisse auf mich warten, nicht wahr, Cadsuane?«