»Ereignisse warten nie auf einen«, erwiderte sie und stand auf. Erian zuckte zusammen, als hätte sie sie erst jetzt entdeckt, obwohl Cadsuane davon überzeugt war, dass ihre Züge so unbewegt wie die des Jungen waren. Vielleicht sogar genauso steinern. Was auch immer diese Behüter aus Cairhien hergebracht hatte und wer mit ihnen Gereist war, würde genug Probleme bringen, aber sie glaubte, dem Jungen eine weitere Antwort entlockt zu haben, und sie würde sehr gründlich darüber nachdenken müssen, was sie ihm raten sollte. Manchmal waren die Antworten dorniger als die Fragen.
24
Ein Sturm wird stärker
Nachmittägliches Sonnenlicht hätte durch die Fenster von Rands Schlafzimmer fallen sollen, aber draußen goss es in Strömen, und alle Lampen waren entzündet, um das Zwielicht zu vertreiben. Stetiger Donner ließ die kleinen Scheiben in den Fenstern erbeben. Es war ein wilder Sturm, der schneller als ein galoppierendes Pferd aus der Drachenmauer in die Tiefe gerollt war und eine schneidende Kälte mitgebracht hatte, die fast für Schnee ausreichte. Die Regentropfen, die gegen das Haus prasselten, waren zur Hälfte gefrorener Schneeregen, und trotz der hell lodernden Scheite im Kamin war es kühl im Raum.
Rand lag auf dem Bett, einen Stiefel auf den anderen gelegt, starrte den Betthimmel an und versuchte seine Gedanken zu ordnen. Den Sturm, der draußen wütete, konnte er vergessen, aber Min, die sich in seinen Arm schmiegte, war eine andere Sache. Sie wollte ihn nicht ablenken; sie tat es einfach so. Was sollte er mit ihr machen? Mit Elayne, mit Aviendha? Bei dieser Entfernung von Caemlyn waren diese beiden nur vage Eindrücke in seinem Bewusstsein. Er nahm jedenfalls an, dass sie sich noch immer in Caemlyn aufhielten. Wenn es um die beiden ging, waren Annahmen gefährlich. Im Augenblick spürte er von ihnen nur eine allgemeine Richtung und das Wissen, dass sie am Leben waren. Aber Mins Körper schmiegte sich eng an ihn, und der Bund machte sie in seinem Bewusstsein so lebendig, wie es ihr Fleisch war. War es zu spät, für Mins Sicherheit zu sorgen und auch für Elaynes und Aviendhas Sicherheit?
Wie kommst du darauf, du könntest für irgendjemandes Sicherheit sorgen? flüsterte Lews Therin in seinem Kopf. Der tote Wahnsinnige war jetzt ein alter Freund. Wir werden alle sterben. Du kannst nur hoffen, dass nicht du es bist, der sie ermordet. Kein willkommener Freund, bloß einer, den er nicht mehr loswurde. Er hatte jetzt keine Angst mehr, Min oder Elayne oder Aviendha zu töten, genauso wenig wie er sich nicht mehr davor fürchtete, den Verstand zu verlieren. Oder zumindest noch verrückter zu werden, als er schon war, mit einem Toten im Kopf und manchmal einem verschwommenen Gesicht, das er beinahe erkannte. Konnte er es wagen, Cadsuane nach ihnen zu fragen?
Vertraue niemandem, murmelte Lews Therin und lachte dann trocken. Einschließlich mir.
Ohne jede Vorwarnung stieß ihn Min hart genug in die Rippen, um ihn grunzen zu lassen. »Du wirst trübsinnig, Schafhirte«, knurrte sie. »Wenn du dir wieder Sorgen um mich machst, dann schwöre ich dir, dass ich...« Sie konnte auf so viele unterschiedliche Arten knurren, und jede passte zu den unterschiedlichsten Empfindungen, die durch den Bund übertragen wurden. Jetzt war da eine leichte Gereiztheit, der diesmal ein Hauch Sorge anhaftete, und manchmal war da auch ein scharfer Unterton, als müsste sie sich davon abhalten, ihm den Kopf abzureißen. Es gab ein Knurren, das ihn durch die Heiterkeit in seinem Kopf beinahe lachen ließ oder ihn zumindest in die Nähe eines Lachens brachte; es schien lange her zu sein, dass er das letzte Mal gelacht hatte. Und ein kehliges Knurren, das sein Blut auch ohne den Bund in Wallung gebracht hätte.
»Das kommt jetzt nicht in Frage«, warnte sie, bevor er die Hand bewegen konnte, die auf ihrem Rücken ruhte, rollte sich vom Bett und zog ihren Mantel mit einem vorwurfsvollen Blick zurecht. Seit sie mit ihm den Bund eingegangen war, war sie noch besser darin, seine Gedanken zu lesen, und sie war schon davor sehr gut darin gewesen.
»Was willst du wegen ihnen unternehmen, Rand? Was wird Cadsuane tun?« Blitze zuckten vor dem Fenster, beinahe hell genug, um die Lampen zu überstrahlen, Donner hallte gegen die Scheiben.
»Bis jetzt habe ich nie vorhersagen können, was sie tun wird, Min. Warum sollte es heute anders sein?«
Die dicke Federmatratze sackte unter ihm durch, als er die Beine über die Seite schwang und sich ihr gegenüber aufsetzte. Beinahe hätte er eine Hand gegen die alten Wunden an seiner Seite gedrückt, aber er bemerkte es rechtzeitig und veränderte die Bewegung, indem er den Mantel zuknöpfte. Zur Hälfte verheilt und doch niemals heilend schmerzten die beiden sich überschneidenden Wunden seit Shadar Logoth. Vielleicht war er sich auch nur stärker bewusst, wie sie pochten, wie ihre Hitze wie ein Schmiedeofen aus Fieber war, in einer Fläche gefangen kleiner als sein Handteller. Eine von ihnen würde jetzt, wo es Shadar Logoth nicht mehr gab, anfangen zu heilen — das hoffte er zumindest. Vielleicht war einfach noch nicht genug Zeit vergangen, um einen Unterschied zu fühlen. Es war nicht die Seite, gegen die ihn Min geboxt hatte — mit ihr ging sie immer sehr sanft um, wenn auch nicht immer mit dem Rest von ihm —, aber er glaubte, den Schmerz vor ihr verborgen zu haben. Es war sinnlos, ihr noch mehr zu geben, worüber sie sich sorgen konnte. Die Sorge in ihren Augen und ihrem Inneren musste von Cadsuane herrühren. Oder den anderen.
Das Herrenhaus und die Wirtschaftsgebäude waren jetzt bis unters Dach bevölkert. Es war unausweichlich erschienen, dass früher oder später jemand versuchen würde, sich die in Cairhien zurückgelassenen Behüter zunutze zu machen; ihre Aes Sedai hatten nicht lautstark verkündet, dass sie den Wiedergeborenen Drachen suchen wollten, aber sie waren nicht besonders verstohlen vorgegangen. Trotzdem hätte er nie mit denen gerechnet, die sie begleiteten. Davram Bashere mit hundert Mann seiner leichten saldaeanischen Infanterie, die im böigen, strömenden Regen abstiegen und sich über ruinierte Sättel beklagten. Über ein halbes Dutzend Asha'man in schwarzen Mänteln, die sich aus irgendeinem Grund nicht vor dem Wolkenbruch abgeschirmt hatten. Sie ritten mit Bashere, aber es war, als wären zwei Gruppen eingetroffen, die immer etwas Abstand voneinander hielten; das roch stark nach vorsichtigem Misstrauen. Und einer der Asha'man war Logain Ablar. Logain! Als Asha'man, der Schwert und Drachen am Kragen trug! Bashere und Logain wollten beide mit ihm sprechen, aber nicht vor anderen, und vor allem nicht in Gesellschaft des anderen. Unerwartet oder nicht, sie waren kaum die überraschendsten Besucher. Er hatte die acht Aes Sedai für weitere Freundinnen Cadsuanes gehalten, aber er hätte geschworen, dass sie genauso verblüfft waren wie er, sie zu sehen. Und was noch seltsamer war, bis auf eine schienen sie zu den Asha'man zu gehören! Keine Gefangenen, und sicherlich auch keine Wächterinnen, aber Logain hatte gezögert, es in Basheres Anwesenheit zu erklären, und Bashere hatte gezögert, Logain die erste Gelegenheit zu überlassen, allein mit Rand zu sprechen. Jetzt trockneten sie alle ihre Kleider und bezogen ihre Quartiere, sodass er seine Gedanken ordnen konnte. Soweit das möglich war, mit Min in der Nähe. Was würde Cadsuane tun? Nun, er hatte versucht, sie um Rat zu fragen. Aber die Ereignisse hatten sie beide überholt. Die Entscheidung war gefallen, ganz egal, was Cadsuane dachte. Wieder flackerten Blitze über die Scheiben. Blitze schienen zu Cadsuane zu passen. Man konnte nie sicher sein, wo sie einschlugen.
Alivia würde sie erledigen, murmelte Lews Therin. Sie wird uns beim Sterben helfen; sie würde Cadsuane für uns erledigen, wenn du es ihr befiehlst.
Ich will sie nicht töten, dachte Rand an den Toten gerichtet. Ich kann es mir nicht leisten, dass sie stirbt. Lews Therin wusste das genauso gut wie er, aber er murmelte weiter vor sich hin. Seit Shadar Logoth schien er manchmal eine Spur weniger verrückt zu sein. Vielleicht war auch Rand nur eine Spur verrückter. Schließlich sprach er täglich mit einem Toten, der sich in seinem Kopf eingenistet hatte, und das war wohl kaum normal.