Loials Stuhl knirschte alarmierend, als er sich kerzengerade aufsetzte. Auch seine Ohren schossen alarmiert in die Höhe. »Rand, dort ist meine Mutter. Sie ist eine berühmte Sprecherin. Sie würde niemals einen Großen Stumpf versäumen.«
»Sie kann unmöglich schon den ganzen Weg von den Zwei Flüssen gekommen sein«, sagte Rand. Angeblich war Loials Mutter auch eine berühmte Wanderin, aber selbst für Ogier gab es Grenzen.
»Du kennst meine Mutter nicht«, murmelte Loial, eine Trommel, die düster dröhnte. »Und sie wird noch immer Erith im Schlepptau haben. Bestimmt sogar.«
Min beugte sich dem Ogier zu, ein gefährliches Funkeln in den Augen. »So wie du über Erith sprichst, weiß ich, dass du sie heiraten willst, warum also läufst du weiter vor ihr weg?«
Rand musterte sie vom Kamin aus. Heirat. Aviendha nahm an, dass er sie heiraten würde, und nach Aiel-Sitte Elayne und Min auch. Elayne schien das ebenfalls zu glauben, so seltsam das auch erschien. Er war jedenfalls dieser Ansicht. Was dachte Min? Sie hatte es nie ausgesprochen. Er hätte niemals zulassen dürfen, dass sie mit ihm den Bund einging. Der Bund würde sie alle in Trauer ersticken lassen, wenn er starb.
Loials Ohren zitterten jetzt vor Vorsicht. Diese Ohren waren einer der Gründe, warum Ogier so schlechte Lügner abgaben. Er machte beschwichtigende Gesten, als wäre Min die größere von ihnen. »Nun, ich möchte es ja, Min. Natürlich möchte ich. Erith ist sehr schön und scharfsinnig. Habe ich dir je erzählt, wie aufmerksam sie mir zugehört hat, als ich ihr erklärt habe, wie...? Natürlich habe ich das. Ich erzähle das jedem. Ich will sie heiraten. Aber noch nicht. Das ist nicht so wie bei euch Menschen, Min. Du tust alles, was Rand sagt. Erith wird von mir erwarten, dass ich mich niederlasse und zu Hause bleibe. Ehefrauen lassen ihre Männer niemals irgendwo hingehen, wenn es bedeutet, dass sie das Stedding für länger als ein paar Tage verlassen müssen. Ich muss mein Buch beenden, und wie kann ich das, wenn ich nicht alles miterlebe, was Rand tut? Ich bin sicher, er hat alle möglichen Dinge getan, seit ich Cairhien verlassen habe, und ich weiß, dass ich niemals alles richtig niederschreiben werde. Erith würde das nicht verstehen. Min? Min, bist du böse auf mich?«
»Wie kommst du auf die Idee, ich könnte dir böse sein?«, fragte sie kühl.
Loial seufzte schwer und offensichtlich so erleichtert, dass Rand ihn beinahe angestarrt hätte. Beim Licht, der Ogier glaubte tatsächlich, sie sei nicht wütend! Rand wusste, dass er sich im Dunkeln seinen Weg ertastete, wenn es um Frauen ging, selbst um Min — vielleicht vor allem, wenn es um Min ging —, aber Loial sollte besser noch viel lernen, bevor er seine Erith heiratete. Sonst würde sie ihm wie einer kranken Ziege die Haut vom Leib ziehen. Besser, ihn aus dem Zimmer zu schaffen, bevor Min Eriths Arbeit tat. Rand räusperte sich.
»Schlaf eine Nacht drüber, Loial«, sagte er. »Vielleicht denkst du morgen früh anders darüber.« Insgeheim hoffte er, dass Loial es tat. Der Ogier war zu lange von zu Hause weg gewesen. Aber ein anderer Teil von ihm... Er konnte Loial gebrauchen, wenn das, was Alivia ihm über die Seanchaner erzählt hatte, die Wahrheit war. Manchmal ekelte er sich vor sich selbst. »Aber ich muss jetzt mit Bashere sprechen. Und Logain.« Sein Mund spannte sich, als er den Namen aussprach. Wieso trug Logain das Schwarz der Asha'man?
Loial stand nicht auf. Stattdessen wurde seine Miene noch sorgenvoller. »Rand, da gibt es etwas, das ich dir sagen muss — über die Aes Sedai, die uns begleitet haben.« Draußen zuckten neue Blitze, als er fortfuhr, und der Donner krachte lauter als je zuvor. Bei einigen Stürmen bedeutete eine Atempause nur, dass das Schlimmste noch kam.
Ich habe dir gesagt, du sollst sie alle umbringen, als du noch die Chance dazu hattest, lachte Lews Therin. Ich habe es dir gesagt.
»Seid Ihr sicher, dass man ihnen den Bund aufgezwungen hat, Samitsu?«, fragte Cadsuane streng. Und laut genug, um trotz des Donners gehört zu werden, der sich über dem Dach des Herrenhauses entlud. Donner und Blitz passten zu ihrer Stimmung. Sie hätte gern geknurrt. Es kostete sie einiges ihrer Ausbildung und Erfahrung, ganz ruhig dazusitzen und an dem heißen Ingwertee zu nippen. Sie hatte schon seit langer Zeit nicht mehr zugelassen, dass ihre Gefühle die Oberhand gewannen, aber sie wollte etwas beißen. Oder jemanden.
Auch Samitsu hielt eine Porzellantasse, aber sie hatte noch keinen Tropfen getrunken und auch den angebotenen Stuhl ignoriert. Die schlanke Schwester wandte sich von dem linken Kamin ab, in dessen Flammen sie geschaut hatte, und die Glöckchen in ihrem Haar bimmelten, als sie den Kopf schüttelte. Sie hatte sich nicht die Mühe gemacht, ihr Haar richtig zu trocknen, und es hing ihr feucht und schwer auf den Rücken hinunter. Ihre haselnussbraunen Augen blicken unbehaglich. »Das ist kaum eine Frage, die ich einer Schwester stellen konnte, oder, Cadsuane? Und sie haben es mir bestimmt nicht erzählt. Wer würde das auch tun? Zuerst nahm ich an, sie hätten es wie Merise und Corele gemacht. Und die arme Daigian.« Ein kurzer Ausdruck von Mitleid flackerte über ihr Gesicht. Sie kannte den Schmerz genau, den Daigian wegen ihres Verlusts durchlitt. Den kannte jede Schwester, die über ihren ersten Behüter hinaus war, nur allzu gut. »Aber es ist offensichtlich, dass Toveine und Gabrelle beide zu Logain gehören. Ich glaube, Gabrelle geht mit ihm ins Bett. Wenn ein Bund geschlossen wurde, dann waren es die Männer, die ihn gemacht haben.«
»Dann haben sie den Spieß umgedreht«, murmelte Cadsuane in ihren Tee. Manche waren der Ansicht, dass so etwas nur fair war, aber sie hatte nie viel davon gehalten, fair zu kämpfen. Entweder man kämpfte oder man es ließ es sein, und es war nie ein Spiel. Fairness war etwas für Leute, die an der sicheren Seite standen und redeten, während die anderen bluteten. Unglücklicherweise konnte sie nur wenig tun, außer zu versuchen, eine Möglichkeit zu finden, die Ereignisse auszugleichen. Ausgleich war nicht das Gleiche wie Fairness. »Ich bin froh, dass Ihr mich wenigstens gewarnt habt, bevor ich Toveine und die anderen sehe, aber ich will, dass Ihr morgen nach Cairhien zurückkehrt.«
»Ich konnte nichts tun, Cadsuane«, sagte Samitsu verbittert. »Die Hälfte der Leute, denen ich einen Befehl gab, hat angefangen, ihn sich bei Sashalle bestätigen zu lassen, um zu sehen, ob er auch richtig war, und die andere Hälfte hat mir ins Gesicht gesagt, dass sie bereits etwas anderes befohlen hat. Lord Bashere hat sie überredet, die Behüter abreisen zu lassen — ich habe nicht die geringste Ahnung, wie er überhaupt von ihnen erfahren hat —, und sie hat Sorilea dazu überredet, und ich konnte nichts dagegen tun. Sorilea hat sich benommen, als wäre ich gerade von meinem Posten zurückgetreten! Sie begreift es nicht, und sie hat deutlich gemacht, dass sie mich für eine Närrin hält. Es ist völlig sinnlos, wenn ich zurückgehe, es sei denn, Ihr erwartet von mir, dass ich Sashalle die Handschuhe trage.«
»Samitsu, ich erwarte, dass Ihr sie im Auge behaltet, nichts weiter. Ich will wissen, was die Drachenverschworenen Schwestern tun, wenn weder ich noch die Weisen Frauen ihnen über die Schultern sehen und eine Rute halten. Ihr wart immer sehr aufmerksam.« Geduld war nicht immer ihre stärkste Seite, aber bei Samitsu brauchte man sie manchmal. Die Gelbe war aufmerksam und intelligent und meistens auch von einem starken Willen geprägt, ganz zu schweigen davon, dass sie am lebendigsten war, wenn es ums Heilen ging — zumindest bis Damer Flinn auf der Bildfläche erschienen war —, aber ihr Selbstvertrauen konnte auf erstaunliche Weise zusammenbrechen. Der Stock funktionierte bei Samitsu nie, aber ein Schulterklopfen schon, und es war albern, das, was funktionierte, nicht zu benutzen. Als Cadsuane sie daran erinnerte, wie klug sie war und wie geschickt im Heilen — das war bei Samitsu immer nötig; sie hätte in tiefe Depressionen verfallen können, weil es ihr nicht gelungen war, einen Toten zu heilen —, lebte die Schwester aus Arafel auf und gewann an Selbstbewusstsein.