»Ihr könnt sicher sein, dass Sashalle nicht ihre Strümpfe wechselt, ohne dass ich es weiß«, sagte sie energisch. In Wahrheit erwartete Cadsuane auch nicht weniger. »Aber wenn Ihr nichts gegen die Frage habt...« — mit neu erwachtem Selbstbewusstsein ließ Samitsu das gerade noch eben höflich klingen; sie war nicht schüchtern, es sei denn, ihr Selbstbewusstsein hatte einen Schlag erlitten — »... warum seid Ihr hier, im tiefsten Tear? Was hat der junge al'Thor vor? Oder sollte ich lieber sagen, was wollt Ihr, dass er tun soll?«
»Er hat etwas sehr Gefährliches vor«, erwiderte Cadsuane. Draußen vor den Fenstern zuckten Blitze auf, scharf umrissene silberne Zacken an einem Himmel, der fast so finster wie die Nacht war. Sie wusste genau, was er vorhatte. Sie wusste nur nicht, ob sie es verhindern sollte.
»Das muss aufhören!«, donnerte Rand, was vom Krachen am Himmel untermalt wurde. Er hatte vor dem Gespräch den Mantel ausgezogen und die Ärmel aufgerollt, um die Drachen zu entblößen, die sich scharlachrot und golden um seine Unterarme schlängelten und deren goldmähnige Köpfe auf seinen Handrücken ruhten. Er wollte den Mann vor ihm mit jedem Blick daran erinnern, dass er dem Wiedergeborenen Drachen gegenüberstand. Aber seine Hände waren zu Fäusten geballt, um ihn davon abzuhalten, Lews Therins Drängen nachzugeben und den verfluchten Logain Ablar zu erwürgen. »Ich brauche keinen Krieg mit der verfluchten Weißen Burg, und ihr verfluchten Asha'man werdet mir auf keinen Fall einen Krieg mit der Weißen Burg einbrocken! Habe ich mich verständlich ausgedrückt?«
Logain, dessen Hände locker auf dem langen Griff seines Schwerts ruhten, zuckte nicht zusammen. Er war ein großer Mann, wenn auch kleiner als Rand, mit einem ruhigen Blick, der nicht verriet, dass er zurechtgestutzt oder zur Rechenschaft gezogen worden war. Das silberne Schwert und der rotgoldene Drachen am hohen Kragen seines schwarzen Mantels glitzerte hell im Lampenlicht, und der Mantel selbst sah frisch aufgebügelt aus. »Befehlt Ihr, dass wir sie freigeben?«, fragte er ruhig. »Werden die Aes Sedai die unsrigen freigeben, die sie sich genommen haben?«
»Nein!«, sagte Rand kurz angebunden. Und mürrisch.
»Was getan wurde, kann nicht ungeschehen gemacht werden.« Merise war so schockiert gewesen, als er vorgeschlagen hatte, Narishma freizulassen, dass man hätte denken können, er hätte sie gebeten, einen jungen Welpen am Straßenrand auszusetzen. Und er vermutete, dass sich Flinn genauso verbissen dagegen wehren würde, von Corele getrennt zu werden, wie sie auch; er war sich ziemlich sicher, dass zwischen ihnen mehr als nur der Bund war. Nun, wenn es einer Aes Sedai möglich war, sich mit einem Mann zu verbinden, der die Macht lenken konnte, wieso sollte sich eine hübsche Frau da nicht mit einem alten Mann abgeben? »Ihr begreift nicht, welchen Schlamassel ihr da angerichtet habt, oder? Im Augenblick will Elaida nur einen Mann am Leben sehen, der die Macht lenken kann, und das bin ich, und das auch nur, bis die Letzte Schlacht vorbei ist. Sobald sie davon erfährt, wird sie noch begieriger darauf sein, euch alle tot zu sehen, auf welche Weise auch immer sie es schafft. Ich weiß nicht, wie der Rest des Haufens reagieren wird, aber Egwene ist stets eine harte Verhandlungspartnerin gewesen. Möglicherweise muss ich Asha'man für Aes Sedai abgeben, mit denen sie sich verbinden können, bis sie so viele von euch haben wie ihr von ihnen. Und das auch nur, solange sie nicht einfach die Entscheidung treffen, euch alle zu töten, sobald sie das arrangieren können. Was geschehen ist, ist geschehen, aber damit kann es nicht weitergehen!«
Logain versteifte sich bei jedem Wort etwas mehr, aber sein Blick ließ Rand nicht los. Es war offensichtlich, dass er alle anderen im Zimmer ignorierte. Min hatte mit diesem Treffen nichts zu tun haben wollen und sich zum Lesen zurückgezogen; Rand fand Herid Fels Bücher unverständlich, aber sie fand sie faszinierend. Aber er hatte darauf bestanden, dass Loial blieb, und der Ogier gab vor, die Flammen im Kamin zu studieren. Wenn er nicht mit zuckenden Ohren zu Boden blickte, so als würde er sich fragen, ob er im Schutz des Sturms unbemerkt verschwinden konnte. Davram Bashere erschien neben dem Ogier kleiner, als er wirklich war, ein Mann mit ergrauenden Haaren, dunklen Augen, einer Hakennase und einem dicken Schnurrbart, der seinen Mund umrahmte. Auch er trug sein Schwert, dessen Klinge kürzer als Logains war. Bashere verbrachte mehr Zeit damit, in seinen Wein zu schauen als sonst wohin, aber jedes Mal, wenn sein Blick auf Logain fiel, fuhr er unbewusst mit dem Daumen über den Schwertgriff. Rand hielt es zumindest für unbewusst.
»Taim gab den Befehl«, sagte Logain, dem es nicht behagte, sich vor Publikum rechtfertigen zu müssen. Ein plötzlicher Blitz in der Nähe des Hauses tauchte sein Gesicht einen Augenblick lang in einen bleichen Schatten, eine düstere Maske der Dunkelheit. »Ich nahm an, er käme von Euch.« Sein Blick glitt ein Stück in Basheres Richtung, sein Mund spannte sich. »Taim tut viele Dinge, von denen die Leute glauben, dass es auf Eure Anweisung hin geschieht«, fuhr er zögerlich fort, »aber er hat seine eigenen Pläne. Flinn, Narishma und Manfor stehen auf der Deserteursliste, so wie jeder Asha'man, den Ihr bei Euch behalten habt. Und er hat eine Gruppe aus zwanzig oder dreißig Mann, die er in seiner Nähe hält und unter der Hand ausbildet. Jeder Mann, der den Drachen trägt, gehört dazu, außer mir, und er hätte mir den Drachen vorenthalten, wenn er es gewagt hätte. Ganz egal, was Ihr gemacht habt, es ist Zeit, Euren Blick auf die Schwarze Burg zu richten, bevor Taim sie schlimmer spaltet, als es die Weiße Burg ist. Wenn er das tut, werdet Ihr merken, dass der größte Teil loyal zu ihm steht, nicht zu Euch. Ihn kennen sie. Euch haben die meisten nie gesehen.«
Gereizt zog Rand die Ärmel nach unten und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Was er getan hatte, spielte für Logain keine Rolle. Der Mann wusste, dass Saidin sauber war, aber er konnte nicht glauben, dass Rand oder ein anderer diese Säuberung tatsächlich zustande gebracht hatte. Glaubte er ernsthaft, dass der Schöpfer nach dreitausend Jahren des Leids sich dazu entschieden hatte, eine gnädige Hand auszustrecken? Der Schöpfer hatte die Welt erschaffen und es dann der Menschheit überlassen, damit zu machen, was sie wollte, einen Himmel oder die Grube des Verderbens. Der Schöpfer hatte viele Welten erschaffen und zugesehen, wie sie erblühten oder vergingen, und damit weitergemacht, eine endlose Zahl von Welten zu erschaffen. Ein Gärtner weinte nicht um jede Blüte, die zu Boden fiel.
Einen Augenblick lang glaubte er, dass das Lews Therins Gedanken gewesen waren. Er hatte auf diese Weise nie über den Schöpfer oder alles andere nachgedacht; nicht soweit er sich erinnern konnte. Aber er fühlte, wie Lews Therin anerkennend nickte, ein Mann, der einem anderen zuhörte. Dennoch, es war nicht die Art Sache, über die er vor Lews Therin nachgedacht hätte. Wie viel Abstand blieb zwischen ihnen?
»Taim wird warten müssen«, sagte er müde. Wie lange konnte Taim warten? Es überraschte ihn, Lews Therin nicht wüten zu hören, er solle den Mann töten. Er wünschte sich, das hätte ihn erleichtert. »Seid Ihr nur gekommen, um dafür zu sorgen, dass Logain mich sicher erreicht, Bashere, oder um mir zu erzählen, dass jemand Dobraine niedergestochen hat? Oder habt Ihr auch eine dringende Aufgabe für mich?«
Rands Tonfall ließ Bashere eine Braue heben, und ein Blick auf Logain ließ seinen Kiefer sich anspannen, aber nach einem Moment schnaubte er so laut, dass sein dicker Schnurrbart eigentlich hätte wackeln müssen. »Zwei Männer haben mein Zelt durchwühlt«, sagte er und stellte seinen Pokal auf einem blauen Tisch an der Wand ab. »Einer legte ein Schreiben vor, von dem ich geschworen hätte, es selbst geschrieben zu haben, wenn ich es nicht besser wüsste. Den Befehl, ›gewisse Gegenstände‹ wegzuschaffen. Loial hat mir erzählt, dass der Bursche, der Dobraine niederstach, das gleiche Schreiben hatte, anscheinend in Dobraines Handschrift. Mit ein bisschen Nachdenken hätte ein Blinder sehen können, worauf sie aus waren. Dobraine und ich sind die offensichtlichsten Kandidaten, um für Euch die Siegel zu hüten. Ihr habt drei, und Ihr sagt, dass drei gebrochen sind. Vielleicht weiß der Schatten, wo das letzte ist.«