»Tarna hat Recht«, sagte Narenwin, als sich die Tür hinter Katerine geschlossen hatte. In Anwesenheit der anderen beiden brachte die kleine Frau die Gelassenheit und das Geheimnisvolle der Aes Sedai vielleicht nicht gut zur Geltung, aber allein war sie ganz gut darin. »Elayne ist mit der Weißen Burg verbunden. Genau wie Ihr, trotz Eures Geredes darüber, verstoßen worden zu sein. Die Geschichte Andors bindet Euch an die Burg.«
»Die Jünglinge sind alle durch ihre freie Entscheidung an die Burg gebunden, Narenwin Sedai«, sagte Rajar und verneigte sich förmlich. Narenwins Blick blieb auf Gawyn gerichtet.
Er schloss die Augen, und er konnte sich nur mit Mühe davon abhalten, sie mit den Handballen zu massieren. Die Jünglinge waren an die Weiße Burg gebunden. Niemand würde je vergessen, dass sie auf dem Gelände der Burg darum gekämpft hatten, die Rettung einer abgesetzten Amyrlin zu verhindern. Ob im Guten oder im Schlechten, diese Geschichte würde ihnen bis ins Grab folgen. Auch er war davon gezeichnet, wie auch von seinen eigenen Geheimnissen. Nach all dem Blutvergießen war er der Mann, der Siuan Sanche hatte gehen lassen. Aber was noch viel wichtiger war, Elayne band ihn an die Weiße Burg, genau wie Egwene al'Vere, und er wusste nicht, was den Knoten fester zog, die Liebe zu seiner Schwester oder die Liebe seines Herzens. Eines davon aufzugeben bedeutete, alle drei aufzugeben, und solange er atmete, konnte er weder Elayne noch Egwene im Stich lassen.
»Ihr habt mein Wort, dass ich alles tun werde, was in meiner Macht steht«, sagte er müde. »Was will Elaida von mir?«
Der Himmel über Caemlyn war klar, die Sonne eine blasse goldene Scheibe in der Nähe ihres Zenits. Sie warf strahlend helles Licht auf die weiße Decke, die das umliegende Land einhüllte, spendete jedoch keine Wärme. Aber das Wetter war wärmer, als Davram Bashere erwartet hätte — und wie es zu Hause in Saldaea gewesen wäre —, obwohl er es nicht bereute, dass sein neuer Umhang mit Marderfell gefüttert war. Zumindest war es kalt genug, dass sein Atem seinen buschigen Schnurrbart mit mehr Weiß gesprenkelt hatte, als die Jahre geschafft hatten. Er stand etwa eine Meile von Caemlyn entfernt auf einer Anhöhe zwischen kahlen Bäumen, bis zu den Knöcheln im Schnee versunken, und hielt ein langes, vergoldetes Fernglas ans Auge und studierte die Aktivitäten, die sich etwa eine Meile südlich von ihm im niedrigeren Gelände abspielten. Schnellhuf stupste ihn ungeduldig gegen die Schulter, aber er ignorierte den Braunen. Schnellhuf stand nicht gern still da, aber manchmal musste man das tun, ganz egal, was man wollte.
Dort unten entstand zwischen vereinzelt stehenden Bäumen ein großes Lager, mitten auf der Straße nach Tar Valon; Soldaten entluden Proviantwagen, gruben Latrinen, bauten Zelte auf und errichten Unterstände aus Büschen und Holz. Jeder Lord und jede Lady hielt ihre Männer in der Nähe. Sie rechneten damit, einige Zeit lang hier zu bleiben. Nach den Halteseilen für die Pferde und der allgemeinen Größe des Lagers zu urteilen, schätzte er die Zahl auf etwa fünftausend Mann, vielleicht waren es ein paar hundert mehr oder weniger. Pfeilmacher, Huf- und Waffenschmiede, Wäscherinnen, Kutscher und andere Angehörige des Lagervolks verdoppelten die Zahl der Krieger beinahe, aller — dings schlugen sie ihr eigenes Lager wie gewöhnlich an den Rändern auf. Der größte Teil des Lagervolks verbrachte mehr Zeit damit, zu dem Hügel hinaufzublicken, auf dem Bashere stand, als zu arbeiten. Hier und da hielt auch ein Soldat bei der Arbeit inne, um zu dem höher gelegenen Gelände zu sehen, aber die Bannermänner und Gruppenführer trieben sie schnell wieder an die Arbeit. Die Adligen und Offiziere, die in dem entstehenden Lager umherritten, warfen nicht mal einen Blick nach Norden. Das entging Bashere nicht. Eine Senke verbarg sie vor der Stadt, aber er konnte von seinem erhöhten Standpunkt aus die grauen, mit silbernen Streifen versehenen Stadtmauern sehen. Die Stadt wusste natürlich, dass sie da waren; sie hatten sich am Morgen in Sichtweite der Mauern mit Fanfaren und Flaggen gezeigt. Allerdings weit außerhalb jeder Bogenschussreichweite.
Es war keine einfache Sache, eine Stadt zu belagern, deren hohe, starke Mauern sich fast sechs Meilen lang erstreckten. In diesem Fall wurde das noch von Niedercaemlyn erschwert, dem Stadtbezirk aus Ziegel- und Steinhäusern und Geschäften, fensterlosen Lagerhäusern und langen Märkten, der außerhalb von Caemlyns Mauern lag. Sieben weitere Lager dieser Art wurden rings um die Stadt errichtet, wo sie jede Straße und jedes Tor überwachen konnten, die einen schlagkräftigen Ausfall erlaubten. Sie hatten bereits Patrouillen ausgeschickt, und vermutlich lauerten Beobachter in den nun verlassenen Gebäuden Niedercaemlyns. Kleine Gruppen würden es vielleicht vorbei an den Lagern in die Stadt schaffen, vielleicht ein paar Lasttiere in der Nacht, aber das würde nicht einmal annähernd ausreichen, um eine der größten Städte der Welt zu ernähren. Hunger und Seuchen hatten mehr Belagerungen beendet als Schwerter oder Belagerungsmaschinen. Die einzige Frage war, ob sie zuerst die Belagerer oder die Eingeschlossenen besiegten.
Allem Anschein nach war der Plan von jemandem gut durchdacht worden, aber was ihn verwirrte, waren die Banner in dem Lager unter ihm. Es war ein starkes Fernglas, hergestellt von einem Cairhiener namens Tovere, ein Geschenk von Rand al'Thor, und er konnte die meisten Banner bestimmen, wenn eine Brise sie entfaltete. Er wusste genug über andoranische Siegel, um Eiche und Axt von Dawlin Armaghn und die fünf silbernen Sterne von Daerilla Raened sowie einige der geringeren Adligen zu erkennen, die Naean Arawns Anspruch auf den Löwenthron und die Rosenkrone von Andor unterstützten. Aber da unten waren auch Jailin Marans Rote Mauer und Carlys Ankerins Weiße Leoparden, und Eram Talkends goldene Schwingenhand. Allen Berichten zufolge waren sie Naeans Rivalin Elenia Sarand eidverpflichtet. Es war ein Anblick, als würde man Wölfen und Wolfshunden bei einer gemeinsamen Mahlzeit zusehen. Mit einem geöffneten Fass guten Weins.
Es waren noch zwei andere Banner aufgestellt, mindestens doppelt so groß wie die übrigen und mit goldenen Fransen versehen, allerdings waren beide zu schwer, als dass der gelegentliche Windstoß sie hätte entfalten können. Sie leuchteten mit dem Glanz dicker Seide. Er hatte beide allerdings schon ausgiebig zuvor sehen können, als die Bannermänner auf dem Hügel, der das Lager verbarg, hin und her galoppierten und die Banner flattern ließen. Das eine stellte den Löwen von Andor dar, weiß auf rotem Feld, der gleiche, der auf den hohen Rundtürmen der Stadtmauer wehte. In beiden Fällen deklarierte er das Recht von jemanden auf Thron und Krone. Das zweite große Banner bezeichnete die Frau, die ihren Anspruch gegen den von Elayne Trakand geltend machte. Vier Silbermonde auf zwielichtblauem Untergrund, das Zeichen von Haus Marne. Sie alle unterstützten Arymilla Marne? Noch vor einem Monat hätte sie Glück gehabt, wenn ihr jemand — mal abgesehen von Mitgliedern ihres eigenen Haues oder diesem halb verrückten Nasin Caeren — ein Bett für die Nacht angeboten hätte!
»Sie ignorieren uns«, knurrte Bael. »Ich könnte sie noch vor Sonnenuntergang zerschmettern und keinen am Leben lassen, um den nächsten Sonnenaufgang zu sehen, und sie ignorieren uns.«
Bashere warf dem Aielmann einen prüfenden Blick zu. Der Mann überragte ihn um mindestens einen Fuß.
Über dem schwarzen Schleier vor seinem Gesicht waren nur die grauen Augen und ein Streifen von der Sonne verbrannter Haut zu sehen. Bashere hoffte, dass er lediglich Mund und Nase vor der Kälte schützte.
Bael trug seine Kurzspeere und den Rundschild aus Stierleder, auf dem Rücken steckte ein Bogen in seinem Futteral, an der Hüfte hing ein Köcher mit Pfeilen, aber allein der Schleier zählte. Das war nicht der richtige Augenblick für den Aiel, mit dem Töten anzufangen.