Loial hatte sich vom Kamin abgewandt, als der Saldaeaner sprach, und jetzt brach es aus ihm heraus: »Das ist ernst, Rand. Wenn jemand alle Siegel am Gefängnis des Dunklen Königs bricht oder vielleicht auch nur eins oder zwei mehr, könnte sich der Dunkle König möglicherweise befreien. Nicht einmal du kannst dem Dunklen König gegenübertreten. Ich meine, ich weiß, dass du es laut den Prophezeiungen tun wirst, aber das kann nur symbolisch gemeint sein.« Sogar Logain sah besorgt aus; er musterte Rand, als würde er ihn gegen den Dunklen König aufrechnen.
Rand lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und achtete sorgfältig darauf, seine Müdigkeit nicht zu zeigen. Auf der einen Hand die Siegel auf dem Gefängnis des Dunklen Königs, auf der anderen Taim, der die Asha'man spaltete. War das siebte Siegel bereits gebrochen? Machte der Schatten die Eröffnungszüge der Letzten Schlacht? »Ihr habt mir mal eines gesagt, Bashere. Bietet dir dein Feind zwei Ziele an...«
»Schlage bei einem dritten zu«, beendete Bashere den Satz prompt, und Rand nickte. Er hatte sich sowieso längst entschieden. Donner ließ die Fenster erzittern, bis die Scheiben klirrten. Der Sturm nahm an Stärke zu.
»Ich kann nicht gleichzeitig gegen den Schatten und die Seanchaner kämpfen. Ich schicke euch drei los, einen Waffenstillstand mit den Seanchanern zu schließen.«
Bashere und Logain schien es die Sprache verschlagen zu haben. Bis sie anfingen zu protestieren, einer lauter als der andere. Loial hingegen sah aus, als wäre er einer Ohnmacht nahe.
Elza zappelte unruhig hin und her und hörte sich Fearils Bericht über die Ereignisse an, die sich zugetragen hatten, seit sie Cairhien verlassen hatte. Es war nicht die raue Stimme des Mannes, die sie nervös machte. Sie hasste Blitze und wünschte sich, sie könnte das grelle Licht, das in ihrem Fenster flackerte, genauso mit einem Gewebe fern halten, wie sie ihr Zimmer vor Lauschern gesichert hatte. Niemand würde ihren Wunsch nach Privatsphäre seltsam finden, da sie zwanzig Jahre damit verbracht hatte, die Welt davon zu überzeugen, dass sie mit dem blonden Mann verheiratet war. Trotz seiner Stimme sah Fearil wie die Sorte Mann aus, die eine Frau heiraten würde, groß und schlank und recht ansehnlich. Der harte Schwung seines Mundes war vorteilhaft für sein Gesicht. Natürlich konnten — wenn man einmal darüber nachdachte — es einige für merkwürdig halten, dass sie nie mehr als einen Behüter hatte. Es war schwer, einen Mann mit der nötigen Befähigung zu finden, aber vielleicht sollte sie anfangen, danach Ausschau zu halten. Wieder tauchte ein Blitz das Fenster in sein Licht.
»Ja, ja, es reicht«, unterbrach sie ihn schließlich. »Du hast das Richtige getan, Fearil. Es hätte merkwürdig ausgesehen, hättest du dich als Einziger geweigert, deine Aes Sedai zu finden.« Erleichterung strömte durch den Bund. Sie war streng, was ihre Befehle anging, und obwohl er wusste, dass sie ihn nicht töten konnte — oder es zumindest nicht tun würde —, erforderte eine Bestrafung nur, dass sie den Bund maskierte, um nicht an seinen Schmerzen teilzuhaben. Das und ein Gewebe, um seine Schreie zu ersticken. Sie konnte Schreie fast genauso wenig ausstehen wie Blitze.
»Es ist schon gut, dass du jetzt bei mir bist«, fuhr sie fort. Schade, dass die Aiel-Wilden Fera noch immer festhielten, allerdings würde sie die Weiße fragen müssen, warum sie den Eid abgelegt hatte, bevor sie ihr vertrauen konnte. Bis zu der Reise nach Cairhien hatte sie nicht gewusst, dass sie etwas mit Fera teilte. Es war sehr bedauerlich, dass kein Mitglied ihres Herzens bei ihr war, aber nur sie war nach Cairhien geschickt worden, und sie stellte ihre Befehle genauso wenig in Frage wie Fearil die seinen. »Ich glaube, bald müssen ein paar Leute sterben.« Sobald sie entschieden hatte, welche es sein sollten. Fearil neigte den Kopf, eine Welle der Begeisterung schoss durch den Bund. Er tötete gern. »In der Zwischenzeit wirst du jeden töten, der den Wiedergeborenen Drachen bedroht.« Schließlich war ihr das in der Gefangenschaft der Wilden völlig klar geworden. Der Wiedergeborene Drache musste Tarmon Gai'don erreichen, denn wie sollte der Große Herr ihn sonst dort besiegen können?
25
Wann man Juwelen tragen muss
Perrin schritt ungeduldig auf den mit Blumenornamenten verzierten Teppichen auf und ab, die auf dem Boden des Zeltes lagen, und wand sich unbehaglich in dem dunkelgrünen Seidenmantel, den er nur selten getragen hatte, seit Faile ihn hatte anfertigen lassen. Sie behauptete, die aufwändigen Silberstickereien würden seine Schultern zur Geltung bringen, aber der breite Ledergürtel und die Axt daran — eines so schlicht wie das andere — zeigten nur, dass er ein Narr war, der vorgab, mehr zu sein, als er in Wirklichkeit war. Manchmal zog er seine Panzerhandschuhe enger oder starrte finster auf seinen mit Pelz gefütterten Umhang, der über einer Stuhllehne hing und darauf wartete, von ihm umgelegt zu werden. Zweimal zog er ein Stück Papier aus dem Ärmel und entfaltete es, um im Gehen die Karte von Malden zu studieren. Das war die Stadt, in der Faile gefangen gehalten wurde.
Jondyn und Get und Hu hatten die fliehenden Einwohner von Malden eingeholt, aber das einzig nützliche, was sie erhalten hatten, war diese Karte, und es war ein hartes Stück Arbeit gewesen, die Flüchtlinge zum Anhalten zu bewegen, um sie zu bekommen. Jene, die stark genug gewesen waren, um zu kämpfen, waren tot oder trugen das Weiß der Gai'schain für die Shaido; geflohen waren nur die Alten und die ganz Jungen, die Kranken und Gebrechlichen. Jondyn zufolge hatte der Gedanke, jemand könnte sie zur Rückkehr und zum Kampf gegen die Shaido zwingen, ihre Schritte nach Norden in Richtung Andor und der dort erhofften Sicherheit gelenkt. Die Karte war ein Rätsel mit ihrem Straßenlabyrinth und der Festung der Hohen Herrin und der großen Zisterne in der nordöstlichen Ecke. Sie quälte ihn mit ihren Möglichkeiten. Aber diese Möglichkeiten würden sich nur ergeben, wenn er die Lösung für ein größeres Rätsel fand, das nicht auf der Karte verzeichnet war, die gewaltige Masse an Shaido, die die befestigte Stadt umgab, ganz zu schweigen von den vierhundert oder fünfhundert Weisen Frauen, die die Macht lenken konnten. Also wurde die Karte zurück in den Ärmel geschoben und die Wanderung wieder aufgenommen.
Das rot gestreifte Zelt ärgerte ihn genauso sehr wie die Karte, und das galt auch für die Möbel, die vergoldeten Stühle, die man zum Transport zusammenklappen konnte, und der Tisch mit dem Mosaik, bei dem das nicht möglich war, der Standspiegel und der mit einem Spiegel versehene Waschstand und selbst die Truhen, die aufgereiht an einer Zeltwand standen. Es war draußen noch nicht richtig hell, und alle zwölf Lampen brannten, und ihre Spiegel funkelten. Die Kohlenbecken, welche die eisige Kälte der Nacht zurückgehalten hatten, enthielten noch etwas Glut. Er hatte sogar Failes beide Seidenwandbilder herausholen und an den Dachpfählen aufhängen lassen. Er hatte Lamgwin seinen Bart stutzen und Wangen und Hals sauber rasieren lassen; er hatte sich gewaschen und frische Sachen angezogen. Er hatte das Zelt aufbauen lassen, als würde Faile jeden Augenblick vom Ausritt zurückkehren. Alles, nur damit jeder, der ihn sah, einen verdammten Lord sehen und sich zuversichtlich fühlen konnte. Und jedes Detail erinnerte ihn daran, dass Faile nicht ausgeritten war. Er zog einen Handschuh aus und tastete in seiner Jackentasche über die dort verstaute Lederschnur. Jetzt waren es zweiunddreißig Knoten. Er musste nicht daran erinnert werden, aber manchmal lag er die ganze Nacht wach in dem Bett, in dem Faile fehlte, und zählte Knoten. Irgendwie waren sie eine Verbindung zu ihr geworden. Und wach zu sein war besser, als Albträume zu haben.