Sie sah ihn im gleichen Augenblick, und ihre Augen blitzten in einem Gesicht auf, das viel zu blass war.
»Das kommt davon, wenn man Ausländer in seine Dienste nimmt«, sagte sie wild und drohte ihm mit dem Dolch in ihrer rechten Hand. So groß wie die meisten Männer, ein paar Fingerbreit größer als er, und wunderschön, wurde ihr Gesicht von rabenschwarzem, mit weißen Strähnen durchzogenem Haar eingerahmt; sie hatte ein dominierendes Auftreten, das herrisch werden konnte, wenn sie wütend war. Selbst wenn sie sich offensichtlich kaum aufrecht halten konnte. Die meisten Frauen hätte es verunsichert, in Anwesenheit ihres Gemahls vor so vielen Menschen nackt bis zur Taille zu sitzen. Aber nicht Deira. »Wenn du nicht immer darauf beharren würdest, schnell wie der Wind zu reisen, könnten wir gute Männer von unseren eigenen Gütern haben, um alles Notwendige zu erledigen.«
»Ein Streit mit der Dienerschaft, Deira?«, sagte er und hob eine Braue. »Ich hätte nie gedacht, dass du mit Messern auf sie losgehst.« Ein paar Frauen warfen ihm kühle Seitenblicke zu. Nicht jeder Mann und seine Frau gingen so miteinander um wie er und Deira. Manche hielten sie für merkwürdig, weil sie sich nur selten anschrien.
Deira sah ihn stirnrunzelnd an, dann gab sie ein kurzes, unwillkürliches Lachen von sich. »Ich werde am Anfang beginnen, Davram. Und es langsam erzählen, damit du auch mitkommst«, fügte sie mit einem schmalen Lächeln hinzu und hielt inne, um der Frau zu danken, die ein weißes Leinentuch um ihren nackten Oberkörper drapiert hatte. »Ich kehrte von meinem Ausritt zurück und ertappte zwei seltsame Männer dabei, wie sie unser Zelt durchwühlten. Sie zogen Dolche, also schlug ich den einen mit einem Stuhl nieder und versetzte dem anderen einen Stich.« Sie bedachte ihren verletzten Arm mit einer Grimasse. »Nicht gut genug, da es ihm gelang, mich zu verletzen. Dann kamen Zavion und ein paar der anderen herein, und die beiden flohen durch den Schlitz, den sie in die Rückseite des Zelts geschnitten hatten.«
Mehrere Frauen nickten grimmig und griffen nach den Dolchen, die sie alle trugen. Bis Deira finster sagte: »Ich habe ihnen befohlen, die Verfolgung aufzunehmen, aber sie bestanden darauf, diesen Kratzer zu versorgen.« Hände ließen Dolche los, und Gesichter röteten sich, obwohl keine auch nur annähernd so aussah, als würde es ihr Leid tun, den Befehl nicht befolgt zu haben. Sie waren in einer schwierigen Lage gewesen. Deira war ihre Lehnsherrin, so wie er ihr Lehnsherr war, aber auch wenn sie es nur als Kratzer bezeichnete, hätte sie verbluten können, während sie die Diebe verfolgten. »Wie dem auch sei«, fuhr sie fort, »ich habe eine Suche angeordnet. Sie werden nicht schwer zu finden sein. Der eine hat eine Beule am Kopf, der andere blutet.« Sie nickte energisch und zufrieden.
Zavion, die sehnige rothaarige Lady von Gahaur, hielt eine eingefädelte Nadel in die Höhe. »Solltet Ihr kein Interesse für Stickerei entwickelt haben, mein Lord«, sagte sie kühl, »darf ich vorschlagen, dass Ihr Euch zurückzieht?«
Bashere stimmte mit einem knappen Nicken zu. Deira konnte es nicht ausstehen, wenn er zusah, wie sie zusammengeflickt wurde. Er konnte es nicht ausstehen, wenn er zusehen musste, wie sie zusammengeflickt wurde.
Vor dem Zelt blieb er stehen und verkündete mit lauter Stimme, dass es seiner Gemahlin gut gehe und man sich um sie kümmern würde, und dass alle wieder an die Arbeit gehen sollten. Die Männer stapften mit Besserungswünschen davon, aber keine der Frauen rührte auch nur einen Fuß. Er drängte sie nicht.
Sie würden bleiben bis Deira persönlich erschien, ganz egal, was er auch sagte, und ein kluger Mann bemühte sich, Niederlagen zu vermeiden, bei denen er sich auch noch zum Narren machen würde.
Tumad wartete am Rand der Menge, und er schloss sich Bashere an, der mit fest hinter dem Rücken ver — schränkten Händen daherschritt. Er hatte damit gerechnet, dass so etwas passieren würde, und zwar schon seit langem, aber er hatte fast schon angefangen zu glauben, es würde doch nicht geschehen. Und er hatte nie geglaubt, dass Deira deswegen sterben könnte.
»Die beiden Männer sind gefunden worden, mein Lord«, sagte Tumad. »Das heißt, Männer, die ungefähr Lady Deiras Beschreibung entsprechen.« Mit mörderischem Gesichtsausdruck fuhr Bashere herum, und der Offizier fügte schnell hinzu: »Sie waren tot, mein Lord, direkt außerhalb des Lagers. Jeder hat einen Stoß mit einer schmalen Klinge bekommen.« Er tippte sich mit dem Finger direkt hinter das Ohr. »Falls derjenige nicht schnell wie eine Felsviper war, muss es mehr als einer gewesen sein.«
Bashere nickte. Der Tod war oft der Preis für Versagen. Zwei für die Suche, und wie viele, um sie zum Schweigen zu bringen? Wie viele waren noch übrig, und wie lange, bevor sie es wieder versuchten? Und was das Schlimmste war, wer steckte dahinter? Die Weiße Burg? Die Verlorenen? Es hatte den Anschein, als hätte man seinetwegen eine Entscheidung getroffen.
Außer Tumad war niemand in seiner Nähe, der ihn hätte hören können, trotzdem sprach er leise und wählte seine Worte mit Bedacht. Manchmal war der Tod auch der Preis für Sorglosigkeit. »Ihr wisst, wo Ihr den Mann findet, der mich gestern besucht hat? Findet ihn und sagt ihm, dass ich einverstanden bin, aber es werden ein paar mehr als besprochen sein.«
Die federleichten Schneeflocken, die auf die Stadt Cairhien fielen, dämpften das morgendliche Sonnenlicht ein wenig und nahmen der Helligkeit etwas von ihrem harten Glanz. Von dem hohen schmalen Fenster des Sonnenpalasts aus, das mit guten Glasscheiben gegen die Kälte ausgestattet war, konnte Samitsu deutlich die Holzgerüste sehen, die um den zerstörten Teil des Palasts errichtet worden waren. Zwischen zerborstenen Quadern aus dunklem Stein lag noch immer Geröll, während abgestufte Türme unvermittelt aufhörten und nicht mehr die Höhe der übrigen Palasttürme erreichten. Ein Turm, der Turm der Aufgegangenen Sonne, war einfach nicht mehr da. Mehrere der berühmten abgedeckten Türme der Stadt ragten durch den sanft fallenden Schnee in die Höhe, gewaltige rechteckige Turmbauten mit großen Erkern, viel höher als jeder der Türme des Palasts, obwohl er auf dem höchsten Hügel einer Stadt voller Hügel stand. Sie wurden von ihren eigenen Gerüsten eingehüllt und waren auch zwanzig Jahre nachdem die Aiel sie angezündet hatten, noch nicht wieder völlig hergestellt; noch weitere zwanzig Jahre, und sie würden vielleicht fertig sein. Natürlich waren auf keinem der Gerüste irgendwelche Arbeiter zu sehen, nicht bei diesem Wetter. Samitsu ertappte sich bei dem Wunsch, der Schnee würde auch ihr eine Pause verschaffen.
Als Cadsuane vor einer Woche abgereist war und ihr die Befehlsgewalt überlassen hatte, da war ihre Aufgabe geradlinig erschienen. Sie sollte dafür sorgen, dass der cairhienische Kessel nicht wieder zu kochen anfing. Zu diesem Zeitpunkt war es wie eine einfache Aufgabe erschienen, obwohl sie selten mit richtiger Politik zu tun gehabt hatte. Nur ein Adliger verfügte über eine nennenswerte Streitmacht, und Lord Dobraine war größtenteils kooperativ und wollte anscheinend, dass alles ruhig blieb. Natürlich hatte er die lächerliche Ernennung zum »Verwalter von Cairhien im Namen des Wiedergeborenen Drachen« akzeptiert. Der Junge hatte auch in Tear einen Verwalter eingesetzt, einen Mann, der vor einem Monat in eine Rebellion gegen ihn verstrickt gewesen war! Wenn er das Gleiche auch in Illian getan hatte ... Vermutlich hatte er es. Diese Ernennungen würden den Schwestern endlosen Ärger bereiten, den sie zu bewältigen hatten, bevor alles zu Ende war! Der Junge machte nichts als Ärger! Doch bis jetzt hatte Dobraine seinen neuen Posten anscheinend nur dazu benutzt, die Stadt zu verwalten. Und um unauffällig für Elayne Trakands Anspruch auf den Sonnenthron zu werben, falls sie ihn jemals erheben sollte. Samitsu begnügte sich damit, es dabei zu belassen, es interessierte sie nicht, wer den Sonnenthron bekam. Sie hatte nicht viel für Cairhien übrig.