»Es wird Umwälzungen geben, ob wir sie nun nähren oder nicht«, sagte die andere Schwester überzeugt.
Ihr Stirnrunzeln war verschwunden, sobald Samitsu gezeigt hatte, dass sie zuhörte, aber ihr Kinn war noch immer vorgereckt. Vielleicht war es ja eher Sturheit als Streitlust, obwohl das kaum eine Rolle spielte. Die Frau diskutierte nicht und versuchte auch nicht, sie zu überzeugen, sondern legte nur ihre eigene Position dar.
Und was dabei das Ärgerlichste war, sie tat es offensichtlich aus Höflichkeit. »Der Wiedergeborene Drache ist der Herold von Umwälzungen und Veränderung, Samitsu. Der prophezeite Herold. Und selbst wenn er das nicht wäre, das hier ist Cairhien. Glaubt Ihr denn, sie hätten ernsthaft aufgehört, Daes Dae'mar zu spielen?
Die Wasseroberfläche mag still sein, aber die Fische hören nicht auf zu schwimmen.«
Eine Rote, die den Wiedergeborenen Drachen pries wie ein Gassenprediger! Beim Licht! »Und was ist, wenn Ihr Euch irrt?« Ohne es zu wollen, stieß Samitsu die Worte scharf hervor. Sashalle — sollte sie zu Asche verbrennen! — blieb die Beherrschung in Person.
»Ailil hat zugunsten von Elayne Trakand jedem Anspruch auf den Sonnenthron entsagt, was der Wiedergeborene Drache wünscht, und sie ist bereit, ihm die Treue zu schwören, wenn ich sie darum bitte. Toram hat ein Heer gegen Rand al'Thor geführt. Die Veränderung lohnt sich, und die Chance ist es wert, ergriffen zu werden, und das werde ich ihr auch sagen.«
Ein gereiztes Kopfschütteln ließ die Glöckchen in Samitsus Haar klirren, und sie konnte nur mühsam ein weiteres Seufzen unterdrücken. Achtzehn dieser Drachenverschworenen Schwestern waren in Cairhien geblieben — Cadsuane hatte ein paar von ihnen mitgenommen und dann Alanna zurückgeschickt, um noch weitere zu holen —, und außer Sashalle nahmen noch andere der achtzehn einen höheren Rang als sie ein, aber die Weisen Frauen der Aiel hielten sie ihr vom Hals. Im Prinzip missbilligte sie die Weise, wie dies bewerkstelligt wurde — Aes Sedai konnten unmöglich Lehrlinge sein, für niemanden! Es war unerhört! —, aber in der Praxis erleichterte es ihre Aufgabe. Solange die Weisen Frauen ihr Leben bestimmten und sie jede Stunde im Auge hatten, konnten sie sich nicht einmischen oder versuchen, die Führung an sich zu reißen.
Unglücklicherweise verfuhren die Weisen Frauen bei Sashalle und den anderen beiden Schwestern, die bei den Quellen von Dumai gedämpft worden waren, da etwas anders, und zwar aus einem Grund, den sie nicht in Erfahrung bringen konnte. Gedämpft. Der Gedanke erfüllte sie mit einem leisen Schaudern, aber es war eben nur ein leises Schaudern, und es würde gar nicht mehr auftauchen, wenn sie jemals herausfinden konnte, wie Damer Flinn das mit der Einen Macht Geheilt hatte, was nicht Geheilt werden konnte. Endlich konnte jemand eine Dämpfung Heilen, selbst wenn es ein Mann war. Ein Mann, der die Macht lenkte. Beim Licht, wie die Schrecken von gestern heute lediglich nur noch ein Unbehagen hervorriefen, sobald man sich daran gewöhnte.
Sie war davon überzeugt, dass Cadsuane vor ihrer Abreise die Dinge mit den Weisen Frauen geregelt hätte, wäre sie über den Unterschied informiert gewesen, den man bei Sashalle, Irgain und Ronaille machte. Zumindest glaubte sie es. Es war nicht das erste Mal, dass sie in die Pläne der legendären Grünen verwickelt worden war. Cadsuane konnte verschlagener als eine Blaue sein, sie spann Intrigen innerhalb von Verschwörungen, die in einer List verpackt waren, und das alles blieb hinter anderem verborgen. Einige sollten vorsätzlich scheiter n, damit andere gelangen, und allein Cadsuane wusste, welche welche waren, nicht unbedingt ein beruhigender Gedanke. Auf jeden Fall durften diese drei Schwestern kommen und gehen, wie sie wollten. Und sie verspürten mit Sicherheit nicht das geringste Bedürfnis, der Anleitung zu folgen, die Cadsuane zurückgelassen hatte, oder der Schwester zu gehorchen, die sie zur Anführerin bestimmt hatte. Nur ihr verrückter Eid gegenüber al'Thor leitete oder hielt sie zurück.
Samitsu hatte sich in ihrem Leben nie schwa ch oder nutzlos gefühlt, ausgenommen der Momente, in denen ihre Talente sie im Stich ließen, trotzdem wünschte sie sich, Cadsuane würde zurückkehren und ihr die Sache aus den Händen nehmen. Natürlich würden ein paar geflüsterte Worte in Ailils Ohr jedes Verlangen der Lady ersticken, zur Hohen Herrin zu werden, aber das würde nichts nützen, wenn sie keine Möglichkeit fand, Sashalle von ihrem Ziel abzubringen. Es spielte keine Rolle, dass Ailil Angst davor hatte, man könnte ihre albernen Geheimnisse in der Öffentlichkeit verbreiten, Uneinigkeit bei den Aes Sedai konnte dazu führen, dass sie zu dem Schluss kam, es würde besser für sie sein, wenn sie auf ihre Landgüter verschwand, statt das Risiko einzugehen, mit ihren Aktivitäten eine Schwester zu beleidigen. Cadsuane würde verärgert sein, wenn sie Ailil verloren. Samitsu würde es ebenfalls ärgern. Ailil war die Verbindung zur Hälfte der Verschwörungen, die unter den Adligen brodelten, sie allein wusste, ob diese Intrigen noch harmlos und es unwahrscheinlich war, dass sie irgendwelchen Schaden anrichten würden. Die verfluchte Rote wusste das. Und sobald Sashalle Ailil diese Erlaubnis gab, würde sie es sein, zu der die Frau mit ihren Neuigkeiten angelaufen kam, und nicht länger Samitsu Tamagowa.
Noch während Samitsu über ihr Dilemma nachdachte, öffnete sich die Tür zum Korridor, und eine blasse Cairhienerin mit ernstem Gesicht trat ein, die eine Handbreit kleiner als die Aes Sedai war. Ihr Haar war im Nacken zu einem dicken grauen Knoten aufgerollt, und sie trug ein schmuckloses graues Kleid, das so dunkel war, dass es beinahe schwarz wirkte, die derzeitige Livree der Diener des Sonnenpalasts. Diener baten natürlich niemals um die Erlaubnis, eintreten zu dürfen oder kündigten sich an, aber Corgaide Marendevin war keine gewöhnliche Dienerin; der schwere silberne Ring mit den langen Schlüsseln an ihrer Taille war das Zeichen ihres Amtes. Wer auch immer Cairhien beherrschte, die Schlüsselbewahrerin beherrschte den Sonnenpalast, und es gab nichts Unterwürfiges an Corgaides Benehmen. Sie machte einen winzigen Knicks, der sorgfältig gleichermaßen an Samitsu und Sashalle gerichtet war.
»Ich wurde gebeten, etwas sehr Ungewöhnliches zu berichten«, sagte sie zur Luft, obwohl es Samitsu gewesen war, welche die Frage gestellt hatte. Vermutlich hatte sie über den Machtkampf zwischen ihnen im gleichen Moment Bescheid gewusst, in dem es ihnen klargeworden war. Nur wenig im Palast entging ihrer Aufmerksamkeit. »Man hat mir gesagt, dass ein Ogier in der Küche ist. Er und ein junger Mann suchen angeblich nach Arbeit als Steinmetze, aber ich habe noch nie gehört, dass Ogier und Menschen als Steinmetze zusammenarbeiten. Als wir uns nach dem ... Zwischenfall im Stedding Tsofu erkundigten, gab man uns Bescheid, dass in absehbarer Zukunft aus keinem Stedding Steinmetze zur Verfügung stehen werden.« Die Pause war kaum hörbar, und ihr ernster Gesichtsausdruck veränderte sich nicht, aber die eine Hälfte des Klatsches über den Angriff auf den Sonnenpalast gab al'Thor die Schuld, die andere den Aes Sedai. Ein paar Geschichten erwähnten auch die Verlorenen, aber nur, um sie entweder mit al'Thor oder den Aes Sedai in Verbindung zu bringen.
Samitsu schürzte nachdenklich die Lippen und schob in Gedanken das verfluchte Durcheinander zur Seite, das Cairhiener aus allem machten, was sie anfassten. Jede Verwicklung von Aes Sedai abzustreiten nutzte nur wenig; in einer Stadt, in der ein einfaches Ja oder Nein sechs gegensätzliche Gerüchte zur Folge haben konnte, nutzen einem die Drei Eide nicht viel. Aber Ogier ... Die Palastküche nahm sich selten fremden Durchreisenden an, aber einem Ogier würden die Köche vermutlich eine heiße Mahlzeit geben, nur um ihn sich ansehen zu können. Seit etwa einem Jahr waren Ogier noch ungewöhnlicher als sonst. Dann und wann wurden noch welche gesehen, aber für gewöhnlich gingen sie so schnell, wie es nur Ogier konnten, und sie blieben selten länger als eine Nacht an einem Ort. Sie reisten nur selten mit Menschen und arbeiteten auch nicht mit ihnen zusammen. Aber dieses Paar erinnerte sie dunkel an etwas. In der Hoffnung, ihrem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen, wollte sie ein paar Fragen stellen.