Manche der Paarungen sahen seltsamer aus als andere. Einige der Frauen hatten in letzter Zeit angefangen, ausländische Trachten zu tragen, und ihnen schien anscheinend nicht aufzufallen, wie sie die Blicke der Männer auf sich zogen und selbst Diener ihre Mühe hatten, nicht hinzustarren. Enge Hosen und ein Mantel, der kaum über die Hüften reichte, waren keine passende Kleidung für eine Frau, gleichgültig, wie viel Arbeit in den aufwändigen Stickereien steckte oder die Mäntel mit Mustern aus Edelsteinen geschmückt waren. Juwelenhalsketten und Armreifen und Nadeln mit bunten Federn unterstrichen den seltsamen Anblick nur noch. Und diese hellgefärbten Stiefel mit Absätzen, welche die Frauen beinahe eine Handspanne größer machten, erweckten den Anschein, als schwebten sie in Gefahr, bei jedem schwankenden Schritt zu stürzen.
»Empörend«, murmelte Sashalle, die zwei dieser Frauen betrachtete und missbilligend an ihren Röcken zupfte.
»Skandalös«, murmelte Samitsu, bevor sie es verhindern konnte, dann machte sie den Mund so hart zu, dass ihre Zähne aufeinander schlugen. Sie musste ihre Zunge im Zaum halten. Zustimmung zu äußern, nur weil sie derselben Meinung war, war eine Gewohnheit, die sie bei Sashalle nicht gebrauchen konnte.
Trotzdem konnte sie nicht widerstehen, die beiden Frauen missbilligend anzusehen. Und auch mit etwas Staunen. Vor einem Jahr wären sich Alaine Chuliandred und Fionnda Annariz noch an die Kehle gegangen. Das heißt, sie hätten ihren Soldaten befohlen, sich an die Kehle zu gehen. Andererseits, wer hätte je damit gerechnet, Bertome Saighan friedlich an der Seite von Weiramon Saniago zu sehen, ohne dass einer der beiden Männer nach dem Dolch an seinem Gürtel griff?
Seltsame Zeiten und seltsame Weggefährten. Zweifellos spielten sie das Spiel der Häuser, bemühten sich wie immer, vorteilhaftere Ausgangspositionen zu erreichen, aber wie sich jetzt herausstellte, waren die Trennlinien, die einst in Stein gemeißelt waren, doch nur in Wasser gezogen gewesen. Sehr seltsame Zeiten.
Der Küchentrakt befand sich im Erdgeschoss des Sonnenpalasts, eine Anzahl von Räumen mit Steinwänden und balkendurchzogenen Decken, die sich um einen langgezogenen, fensterlosen Raum voller Eisenund Ziegelöfen und offener, steinverkleideter Kamine gruppierten, und die Hitze reichte aus, um jeden vergessen zu lassen, dass es draußen schneite, ja, dass überhaupt Winter war. Normalerweise hätten Köche und Küchenhilfen mit schweißüberströmten Gesichtern und den gleichen dunklen Kleidern unter den weißen Schürzen wie die anderen Palastbediensteten umhereilen müssen, um die Vorbereitungen für das Mittagsmahl abzuschließen, an langen, mehlbestäubten, mit Marmoroberflächen ausgestatteten Tischen Brotlaibe kneten oder die sich in den Öfen auf ihren Spießen drehenden Bratenstücke und das Geflügel mit Fett begießen müssen. Aber jetzt bewegten sich bloß die umhertrottenden Spießhunde, die begierig waren, sich ihre Teile vom Braten zu verdienen. Körbe voller Karotten und Rüben standen ungeschält herum, und aus unbeaufsichtigten Soßentöpfen drangen süße und würzige Düfte. Sogar die Küchenjungen und Mägde, die sich verstohlen mit den Schürzen die Gesichter säuberten, standen am Rand einer Gruppe von Frauen, die sich um einen der Tische drängte. Von der Tür aus konnte Samitsu den Hinterkopf eines Ogiers an seinem Platz am Tisch sehen; er war im Sitzen größer als die meisten Männer im Stehen, und er war breiter. Natürlich waren Cairhiener oftmals kleinwüchsig, was auch hilfreich war. Sie legte Sashalle eine Hand auf den Arm, und wie durch ein Wunder blieb die andere Frau ohne jeden Protest an Ort und Stelle stehen.
»... verschwunden ohne jeden Hinweis, wo er hinwollte?«, fragte der Ogier mit einer Stimme, die so tief war, als würde die Erde beben. Seine langen, pinselähnlichen Ohren, die aus dem dunklen Haar herausragten, das bis zu seinem hohen Kragen reichte, bewegten sich unbehaglich.
»Oh, hört auf, über ihn zu sprechen, Meister Ledar«, erwiderte eine Frauenstimme mit einem Zittern, das wohleinstudiert erschien. »Böse war er. Den halben Palast hat er mit der Einen Macht auseinandergerissen. Er brauchte einen bloß anzusehen, um einem das Blut in den Adern zu Eis erstarren zu lassen, und tötete einen genauso schnell, wie er einen ansah. Tausende sind von seiner Hand gestorben. Zehntausende! Oh, ich mag gar nicht über ihn sprechen!«
»Für jemanden, der nie gern über etwas spricht, Eldrid Methin«, sagte eine andere Frau scharf, »sprecht Ihr sicherlich von wenig anderem.« Stämmig und groß für eine Cairhienerin, fast so groß wie Samitsu, lugten ein paar graue Haarsträhnen unter ihrer schlichten weißen Spitzenhaube hervor; sie musste die diensthabende Chefköchin sein, denn jedermann nickte schnell zustimmend, lachte oder sagte »Oh, da habt Ihr Recht, Frau Beldair« auf besonders kriecherische Weise. Diener hatten ihre eigenen Hierarchien, an denen so starr festgehalten wurde wie an jenen in der Weißen Burg.
»Aber es steht uns eigentlich nicht zu, über solche Dinge zu klatschen, Meister Ledar«, fuhr die Stämmige fort. »Das sind Angelegenheiten der Aes Sedai, und nichts für Leute wie uns. Erzählt uns mehr über die Grenzländer. Habt Ihr wirklich Trollocs gesehen?«
»Aes Sedai«, murmelte ein Mann. Von der Gruppe um den Tisch verborgen, musste er Ledars Begleiter sein. Samitsu konnte an diesem Morgen keinen er wachsenen Mann unter dem Küchenpersonal sehen. »Sagt, glaubt Ihr wirklich, dass sie mit diesen Männern, von denen ihr gesprochen habt, diesen Asha'man, den Bund eingegangen sind? Als Behüter?
Und was ist mit dem, der gestorben ist? Ihr habt nie gesagt, wie das passiert ist.«
»Nun, es war der Wiedergeborene Drache, der es getan hat«, mischte sich Eldrid ein. »Und mit was für Männern würden Aes Sedai sonst den Bund eingehen?
Oh, schrecklich waren sie, diese Asha'man. Konnten einen mit einem Blick zu Stein erstarren lassen, das konnten sie. Man brauchte sie bloß anzusehen, um sie zu erkennen, wisst Ihr? Furchteinflößende, glühende Augen, das haben sie.«
»Schweigt, Eldrid«, sagte Frau Beldair streng. »Vielleicht waren sie Asha'man, vielleicht auch nicht, Meister Unterberg. Vielleicht waren sie gebunden, vielleicht auch nicht. Ich kann nur sagen, dass sie mit ihm zusammen waren« — der Nachdruck in ihrer Stimme machte klar, von wem sie da sprach; Eldrid mochte Rand al'Thor für furchteinflößend halten, aber diese Frau wollte nicht einmal seinen Namen aussprechen »und sobald er weg war, sagten ihnen plötzlich die Aes Sedai, was sie tun sollten, und sie taten es. Natürlich weiß jeder Narr, dass man das tut, was eine Aes Sedai einem befiehlt. Aber wie dem auch sei, diese Kerle sind jetzt alle weg. Warum interessiert Ihr Euch so für sie, Meister Unterberg? Ist das ein andoranischer Name?«
Ledar warf den Kopf zurück und lachte, ein hallender Laut, der den Raum erfüllte. Seine Ohren zuckten wild. »Oh, wir wollen alles über die Orte wissen, die wir besuchen, Frau Beldair. Die Grenzländer, sagt Ihr?
Man sollte meinen, hier sei es kalt, aber wir haben gesehen, wie in den Grenzländern Bäume vor Kälte wie Nüsse im Feuer aufplatzten. Ihr habt Eisschollen gesehen, die flussabwärts im Wasser trieben, aber wir haben Flüsse von der Breite des Alguenya zugefroren gesehen, sodass Kaufleute mit ganzen Wagenzügen darüberfahren können und Männer durch Löcher hindurch fischten, die fast eine Spanne tief waren. Nachts sind Lichterstreifen am Himmel, die zu knistern scheinen, hell genug, um die Sterne dunkel erscheinen zu lassen, und ...«