Es war ein langer und mühsamer Aufstieg von der Küche zu Lord Dobraines Gemächern im Turm des Vollmonds, der für gewöhnlich hohen Adligen vorbehalten war, die zu Besuch kamen, und auf dem ganzen Weg sah Samitsu den Beweis, dass Cera nicht die Erste gewesen war, die von der Bluttat gehört hatte. Statt geschäftig durch die Korridore zu eilen, standen die Diener in kleinen Gruppen beieinander und flüsterten aufgeregt. Beim Anblick der Aes Sedai sprangen sie auseinander und hasteten fort. Eine Handvoll schaute ungläubig, als sie den Ogier sahen, doch größtenteils ergriffen sie die Flucht. Sämtliche Adlige waren verschwunden, zweifellos in ihre Gemächer, um darüber nachzudenken, welche Gelegenheiten und Gefahren Dobraines Tod ihnen brachte. Was auch immer Sashalle glaubte, Samitsu hatte nicht mehr den geringsten Zweifel. Wäre Dobraine noch am Leben, hätten seine Diener die Gerüchte schon aus der Welt geschafft.
Im Korridor vor Dobraines Gemächern drängten sich aschfahle Diener, deren Ärmel bis zu den Ellbogen die blauweißen Ringe des Hauses Taborwin aufwiesen. Einige weinten, andere sahen verloren aus, weil man den Boden unter ihren Füßen weggezogen hatte. Ein Wort von Sashalle reichte aus, damit sie den Weg für die Aes Sedai freimachten, aber sie bewegten sich wie betrunken oder mechanisch. Benommene Blicke streiften den Ogier, ohne überhaupt richtig wahrzunehmen, was sie da sahen. Nur wenige dachten daran, halbherzige Verbeugungen zu machen.
Im Vorzimmer hielten sich mindestens genauso viele von Dobraines Dienern auf, die meisten starrten ins Leere, als hätte man ihnen einen Schlag mit der Axt verpasst. Dobraine selbst lag in der Mitte des Raums reglos auf einer Trage, sein Kopf saß noch immer auf den Schultern, aber seine Augen waren geschlossen und seine reglosen Züge mit geronnenem Blut aus einem langen Schnitt auf dem Kopf beschmiert. Aus seinem schlaffen Mund war ein dunkler Strom gesichert. Zwei Diener, denen Tränen über die Wangen strömten, hielten beim Eintritt der Aes Sedai darin inne, sein Gesicht mit einem weißen Tuch zu bedecken. Dobraine schien nicht mehr zu atmen, die Brust seines Mantels, dessen schmale Farbstreifen bis hinunter zu den Knien reichten, wies blutige Schnitte auf. Neben der Trage verunstaltete ein dunkler Fleck, der größer als der Körper des Mannes war, das grüngelbe tairenische Labyrinthmuster des fransengeschmückten Teppichs. Jeder, der so viel Blut verloren hatte, musste tot sein. Auf dem Boden lagen noch zwei weitere Männer, der eine starrte mit gebrochenem Blick an die Decke, der andere lag auf der Seite, aus seinen Rippen ragte ein Dolchgriff aus Elfenbein, dessen Klinge bestimmt sein Herz erreicht hatte. Beide waren kleingewachsene, blasshäutige Cairhiener in der Livree von Palastdienern, aber kein Diener trug lange Dolche mit Holzgriffen, wie sie neben den Leichen lagen. Ein Mann vom Haus Taborwin, der den Fuß zurückgenommen hatte, um eine der Leichen zu treten, zögerte, als er die beiden Schwestern eintreten sah, dann stieß er seinen Stiefel trotzdem hart in die Rippen des Toten. Offensichtlich dachte im Augenblick keiner an gehöriges Benehmen.
»Nehmt das Tuch weg«, befahl Sashalle den Männern an der Trage. »Samitsu, seht, ob Ihr Lord Dobraine noch helfen könnt.«
Der Instinkt hatte Samitsu auf Dobraine zueilen lassen, da spielte es keine Rolle, was sie glaubte, aber dieser Befehl — es war eindeutig ein Befehl! — ließ sie kurz zögern. Mit zusammengebissenen Zähnen kniete sie neben der Trage nieder, und zwar auf der gegenüberliegenden Seite der noch immer feuchten Lache, um die Hände auf Dobraines blutverschmierten Kopf zu legen. Es hatte sie noch nie gestört, sich die Hände mit Blut zu besudeln, aber Blutflecken waren unmöglich aus Seide herauszubekommen, es sei denn, man benutzte die Macht, und sie verspürte noch immer einen Anflug schlechten Gewissens, wenn sie sie für so alltägliche Dinge verwendete.
Die notwendigen Gewebe waren ihr so sehr zur zweiten Natur geworden, dass sie ohne nachzudenken die Quelle umarmte und den cairhienischen Lord Erforschte. Und überrascht blinzelte. Der Instinkt hatte sie handeln lassen, obwohl sie davon überzeugt gewesen war, dass in dem Raum drei Leichen lagen, aber in Dobraine flackerte noch Leben. Ein winziges, zitterndes Flämmchen, das der Schock des Heilens durchaus löschen konnte. Der Schock des Heilens, in dem sie sich auskannte.
Ihr Blick suchte nach dem blonden Asha'man. Er hockte neben einem der toten Diener und durchsuchte den Mann unbewegt, ohne sich um die entsetzten Blicke der Umstehenden zu kümmern. Eine der Frauen bemerkte plötzlich Loial, der in der Tür stehengeblieben war, und starrte ihn an, als wäre er unversehens aus der Luft erschienen. Mit seinen vor der Brust verschränkten Armen und dem grimmigen Gesichtsausdruck sah der Ogier aus, als würde er Wache halten.
»Karldin, wisst Ihr etwas über die Art des Heilens, die Damer Flinn benutzt?«, fragte Samitsu. »Die Art, bei der alle Fünf Mächte eingesetzt werden?«
Er sah sie stirnrunzelnd an und schwieg einen Moment, bevor er antwortete. »Flinn? Ich weiß nicht mal, wovon Ihr da sprecht. Außerdem ist mein Talent im Heilen nicht besonders ausgeprägt.« Er betrachtete Dobraine und fügte hinzu: »Ich kann kein Lebenszeichen erkennen, aber ich hoffe, Ihr könnt ihn retten. Er war bei den Quellen dabei.« Er beugte sich wieder über den toten Diener und durchwühlte weiter seine Taschen.
Samitsu fuhr mit der Zunge über die Lippen. In solchen Situationen erschien ihr die Aufregung, mit Saidar erfüllt zu sein, immer getrübt zu sein. Situationen, in denen alle möglichen Entscheidungen schlecht waren.
Behutsam sammelte sie die Ströme von Luft, Geist und Wasser und webte sie zu dem ganz normalen Gewebe des Heilens zusammen, das jede Schwester kannte. Soweit bekannt war, verfügte keine von ihnen über ein so ausgeprägtes Talent zum Heilen wie sie, die meisten hatten darin nur sehr eingeschränkte Fähigkeiten, einige konnten kaum mehr als blaue Flecke beseitigen. Sie konnte allein auf sich gestellt fast so gut Heilen wie ein ganzer Zirkel. Die meisten Schwestern konnten das Gewebe nicht im mindesten beeinflussen; die meisten Schwestern versuchten es nicht einmal zu lernen. Sie hatte das von Anfang an beherrscht. Oh, sie konnte nicht eine bestimmte Sache Heilen und alles andere unberührt lassen, so wie Damer es konnte; was sie tat, würde alles beeinflussen von der Stichwunde bis zu der verstopften Nase, unter der Dobraine ebenfalls litt. Das Erforschen hatte ihr alle seine körperlichen Beschwerden verraten. Aber sie konnte die schlimmsten Verletzungen beseitigen, als hätte sie es nie gegeben oder sie so Heilen, dass der behandelte Patient den Anschein erweckte, schon seit Tagen zu genesen. Das alles kostete sie dieselbe Anstrengung, aber von dem Patienten erforderte es weniger. Je kleiner die erforderliche Veränderung im Körper war, desto weniger verschlang sie von der Kraft des Körpers. Doch von dem Riss in der Kopfhaut abgesehen, gehörten Dobraines Wunden alle in die ernste Kategorie, vier tiefe Einstiche in seinen Lungen, davon hatten zwei noch das Herz verletzt. Die stärkste Heilung würde ihn töten, bevor sich seine Wunden geschlossen hatten, während die schwächste ihn lange genug beleben würde, dass er an seinem eigenen Blut erstickte. Sie musste etwas dazwischen wählen und hoffen, dass sie richtig lag.
Ich bin die Beste, die es je gegeben hat, dachte sie energisch. Ich bin die Beste! Sie veränderte das Gewebe leicht und ließ es in den reglosen Mann sinken.
Ein paar der Diener schrien auf, als Dobraines Kör — per zuckte. Er riss die tiefliegenden Augen weit auf und richtete sich lange genug ein Stück weit auf, damit etwas, das verdächtig nach einem langgezogenen Todesröcheln klang, aus seinem Mund kam. Dann rollten seine Augen nach oben, er entglitt ihrem Griff und fiel zurück auf die Trage. Schnell berichtigte sie das Gewebe und Erforschte ihn mit angehaltenem Atem erneut. Er lebte. Um Haaresbreite und so schwach, dass er noch immer sterben konnte, aber die Stichverletzungen würden ihn nicht töten, es sei denn indirekt. Durch das trocknende Blut, das sein bis zur Stirn wegrasiertes Haar verklebte, konnte sie die wulstige, rosafarbene frische Narbe sehen, die sich über seine Kopfhaut zog. Die gleichen würde er unter dem Mantel haben, und er würde bei Anstrengungen möglicherweise unter Atemnot leiden — falls er durchkam, und das war im Moment alles, was zählte. Im Moment. Da war noch immer die Frage, wer ihn tot sehen wollte und warum.