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Der Wind blies nach Westen und Norden, über den breiten blaugrünen Hafen, in dem Hunderte von Schiffen im Wellengang an ihren Ankern schaukelten. Einige davon wiesen einen breiten Bug auf und waren mit gerippten Segeln geriggt, andere wiederum hatten einen langen, scharf geschnittenen Bug, und auf ihnen waren Männer damit beschäftigt, ihre Segel und die Takelage denen der breiteren Schiffe anzupassen. Viele lagen im flachen Wasser, rußgeschwärzte Wracks, die auf die Seite gekippt waren, verbrannte Spanten, die schwarzen Skeletten gleich in dem tiefen grauen Schlamm versanken. Boote schössen unter der Kraft von Dreieckssegeln voran oder krochen von Rudern getrieben daher wie vielgliedrige Wasserkäfer; die meisten beförderten Arbeiter und Nachschub zu den Schiffen, die unversehrt waren. Andere kleine Fahrzeuge und Barken waren an etwas festgezurrt, das Ähnlichkeit mit entasteten Baumstümpfen hatte, die aus dem blaugrünen Wasser ragten; hier sprangen Männer in die Fluten, mit Steinen in den Händen, die sie schnell zu den versunkenen Schiffen in der Tiefe tragen würden, wo sie dann Seile an allem festzurrten, was man bergen konnte. Vor sechs Nächten war hier der Tod auf dem Wasser gewandelt, hatte die Eine Macht Männer und Frauen getötet, Schiffe vernichtet und die Finsternis mit silbernen Blitzen und durch die Luft rasenden Feuerbällen gespalten. Heute erschien der Hafen mit seinem unruhigen Wasser trotz der hektischen Aktivität friedlich, die aufspritzende Gischt vermischte sich mit dem Wind, der in die Flussmündung des Eldar nach Norden und Westen und ins Landesinnere wehte.

Mat saß mit untergeschlagenen Beinen auf einem moosbewachsenen Felsen am schilfgesäumten Ufer des Flusses, krümmte die Schultern gegen den Wind und fluchte stumm. Hier gab es kein Gold, keine Frauen, kein Tanz, keinen Spaß. Dafür aber großes Unbehagen. Kurz gesagt, es war der letzte Ort, den er sich normalerweise ausgesucht hätte. Der Himmel war schiefergrau, und die dicken purpurfarbenen Wolken, die vom Meer herantrieben, verkündeten Regen. Ohne Schnee schien der Winter kein richtiger Winter zu sein — bis jetzt hatte er in Ebou Dar noch keine einzige Schneeflocke gesehen, aber ein kalter, feuchter Morgenwind, der vom Wasser kam, konnte einen Mann genauso gut wie Schnee bis auf die Knochen frieren lassen. Sechs Nächte waren vergangen, seit er in einem Sturm aus der Stadt geritten war, und seine pochende Hüfte schien noch immer zu glauben, er würde sich durchnässt bis auf die Haut an seinen Sattel klammern.

Er wünschte sich, er hätte einen Umhang mitgenommen. Er wünschte sich, er wäre im Bett geblieben.

Hügel verbargen Ebou Dar, das eine Meile im Süden lag, und verbargen ihn auch vor der Stadt, aber nirgendwo war ein Baum oder auch nur mehr als ein Gebüsch in Sicht. Das offene Gelände verursachte in ihm das Gefühl, als würden Ameisen unter seiner Haut krabbeln. Aber er würde hier sicher sein. Der schlichte braune Wollmantel mit der dazugehörigen Mütze hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit der Kleidung, mit der man ihn in der Stadt gekannt hatte. Statt schwarzer Seide verbarg ein einfacher Wollschal die Narbe an seinem Hals, und der Mantelkragen war zusätzlich hochgeklappt. Kein Stück Spitze oder Stickerei. Farblos genug für einen Bauern, der Kühe molk. Keiner, dem er aus dem Weg gehen musste, würde ihn erkennen. Nicht, bevor sie nahe an ihn herangekommen waren. Trotzdem zog er die Mütze ein Stück tiefer in die Stirn.

»Wollt Ihr noch länger hier sitzen, Mat?« Noals zer — schlissener dunkelblauer Mantel hatte schon bessere Tage gesehen, aber das Gleiche ließ sich auch über ihn sagen. Der alte Bursche mit seinen gekrümmten Schultern, den weißen Haaren und der gebrochenen Nase hockte unterhalb des Felsens auf den Fersen und fischte mit einer Bambusangel im Fluss. Die meisten seiner Zähne fehlten, und manchmal tastete er mit der Zunge nach einer Lücke, so als wäre er überrascht, sie dort zu finden. »Falls Ihr es noch nicht bemerkt haben solltet, es ist kalt. Alle glauben, in Ebou Dar sei es immer warm, aber der Winter ist überall kalt, selbst an Orten, die Ebou Dar wie Schienar erscheinen lassen. Meine Knochen sehnen sich nach einem Feuer. Oder zumindest einer Wolldecke. Ein Mann kann es sich mit einer Wolldecke gemütlich machen, solange er nicht im Wind sitzt. Gedenkt Ihr, irgendetwas anderes zu tun, als flussabwärts zu starren?«

Als Mat ihn bloß ansah, zuckte Noal mit den Schultern und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den geteerten Holzschwimmer, der im Schilf trieb. Gelegentlich bewegte er eine der knotigen Hände, so als würden seine verkrümmten Finger die Kälte ganz besonders spüren, aber wenn dem so war, war das seine eigene Schuld. Der alte Narr war am seichten Ufer herumgewatet, um mit einem Korb Pfrillen für Köder einzufangen; der Korb stand zur Hälfte mit einem glatten Stein verankert im Wasser. Trotz seiner Klagen über das Wetter war Noal ohne Aufforderung mit zum Fluss gekommen. Nach allem, was er erzählt hatte, war jeder, der ihm etwas bedeutet hatte, schon viele Jahre tot, und ehrlich gesagt schien er verzweifelt bemüht, irgendeine Art von Gesellschaft zu haben. So verzweifelt, dass er Mats Gesellschaft wählte, wo er mittlerweile schon fünf Tage von Ebou Dar entfernt sein könnte. Ein Mann konnte in fünf Tagen eine hübsche Distanz zurücklegen, wenn er einen triftigen Grund und ein Pferd hatte. Mat hatte oft darüber nachgedacht.

Auf der anderen Seite des Eldar, halb verdeckt von einer der sumpfigen Inseln, von denen der Fluss nur so wimmelte, wurden in einem breiten Ruderboot die Ruder hochgehoben, dann stand ein Mann auf und fischte mit einem langen Bootshaken im Schilf herum.

Ein anderer Ruderer half ihm, das, was er gefunden hatte, ins Boot zu hieven. Auf diese Entfernung sah es wie ein großer Sack aus. Mat zuckte zusammen und wandte den Blick flussabwärts. Sie fanden noch immer Leichen, und er war verantwortlich. Die Unschuldigen starben an der Seite der Schuldigen. Und wenn man nichts unternahm, dann starben nur die Unschuldigen oder erlitten ein Schicksal, das fast so schlimm wie der Tod war. Oder vielleicht auch schlimmer, je nachdem, wie man es betrachtete.

Er runzelte gereizt die Stirn. Blut und Asche, er verwandelte sich in einen verfluchten Philosophen!

Die Verantwortung presste sämtliche Freude aus dem Leben und ließ einen Mann zu Staub vertrocknen. In diesem Augenblick wünschte er sich einen ordentlichen Krug Wein in einer gemütlichen Schänke voller Musik und eine üppige, hübsche Dienstmagd auf dem Schoß, irgendwo weit weg von Ebou Dar. Sehr weit weg. Doch er hatte nur Verpflichtungen, vor denen er nicht weglaufen konnte, und eine Zukunft, die ihm nicht zusagte. Es schien nicht zu helfen, wenn man Ta'veren war, nicht, wenn sich das Muster auf diese Weise formte. Wenigstens hatte er noch immer sein Glück. Er lebte und war nicht in einer Zelle angekettet. Unter diesen Urnständen durfte er sich glücklich schätzen.

Von seinem Sitz aus hatte er einen ziemlich freien Blick vorbei an den niedrigen sumpfigen Flussinseln. Vom Wind erfasste Gischt trieb Nebelbänken gleich vom Hafen heran, aber sie reichte nicht aus, um das zu verstecken, was er sehen musste. Er versuchte alles im Kopf auszurechnen, zählte die verankerten Schiffe, versuchte die Wracks zu zählen. Aber er verlor den Überblick, glaubte, manche Schiffe doppelt erfasst zu haben, und fing von vorn an. Die Leute vom Meervolk, die man wieder eingefangen hatte, schlichen sich ebenfalls in seine Gedanken. Er hatte gehört, dass an den Galgen im Rahad mehr als hundert Leichen zur Schau gestellt wurden, ihre Verbrechen auf den dazugehörigen Schildern wurden als »Mord« und »Rebellion« bezeichnet. Für gewöhnlich benutzten die Seanchaner Henkersbeil und Pfahl, während der Adel, das Blut, das Privileg der Würgeschnur erhielt, aber Besitztum musste sich damit zufrieden geben, aufgehängt zu werden.

Soll man mich doch zu Asche verbrennen, ich habe getan, was ich konnte, dachte er mürrisch. Es war sinnlos, sich Vorwürfe zu machen, nicht mehr getan zu haben. Sinnlos! Völlig sinnlos! Er musste an die Menschen denken, die entkommen waren.