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»Jedem gefällt dann und wann die Gelegenheit, einem Adligen auf die Stiefel zu spucken«, murmelte der Einäugige und schaute in den Korb mit den Fischen. Er war fast so groß und breitschultrig wie Col, aber sein Gesicht bestand fast nur aus Falten, und er verfügte über noch weniger Zähne als Noal. Mit einem Seitenblick auf Egeanin zog er den Kopf ein und fügte hinzu: »Entschuldigt, Lady. Außerdem kommen wir auf diese Weise alle an ein paar Münzen, und von denen hat es in letzter Zeit nicht viel gebeben. Stimmt's, Col? Wenn jemand den Mund aufmacht, dann nehmen uns die Seanchaner alle mit, hängen uns vielleicht auf wie diese Leute vom Meervolk.

Oder sie lassen uns die Kanäle auf der anderen Hafenseite säubern.« Pferdeknechte erledigten im Zirkus alle anfallenden Arbeiten, vom Säubern der Tierkäfige bis zum Auf- und Abbau der Segeltuchwand, aber er erschauderte, als wäre die Vorstellung, im Rahad versandete Kanäle freizugraben, viel schlimmer, als gehängt zu werden.

»Hab ich was davon gesagt, dass einer redet?«, protestierte Col und breitete die Hände aus. »Ich hab bloß gefragt, wie lange wir hier noch rumsitzen, das ist alles. Ich hab bloß gefragt, wann wir etwas von dem Geld zu sehen bekommen.«

»Wir bleiben so lange hier, wie ich es sage.« Es war schon erstaunlich, wie hart Egeanin diesen breiten Akzent klingen lassen konnte, ohne die Stimme zu heben, es klang wie eine Klinge, die aus der Scheide glitt. »Ihr seht euer Geld, wenn wir unser Ziel erreichen. Für die, die mir treu gedient haben, wird es etwas extra geben.

Und ein kaltes Grab für jeden, der an Verrat denkt.«

Col zog seinen flickenübersäten Umhang enger und weitete die Augen gerade genug, um erstaunt oder vielleicht auch unschuldig auszusehen, aber das war nur gespielt, als würde er hoffen, dass sie so nahe an ihn herankam, dass er ihren Geldbeutel stehlen konnte.

Mat knirschte mit den Zähnen. Zum einen war es sein Gold, das sie hier so großzügig verteilte. Sie hatte selbst welches, aber bei weitem nicht genug für das hier. Aber viel wichtiger war, dass sie erneut versuchte, die Zügel in die Hand zu nehmen. Beim Licht, ohne ihn würde sie noch immer in Ebou Dar hocken und Pläne schmieden, wie sie den Suchern entwischen konnte, oder bereits der Befragung unterzogen werden. Ohne ihn wäre sie nie auf die Idee gekommen, in der Nähe von Ebou Dar zu bleiben, um die Verfolger abzuschütteln, oder hätte einen Unterschlupf bei Lucas Zirkus gefunden. Aber warum waren die Soldaten hier? Schon beim Hauch eines Verdachts, Tuon könnte sich hier befinden, hätten die Seanchaner hundert, nein, tausend Mann geschickt. Wenn sie den Verdacht hatten, dass die Aes Sedai ... Nein, Petra und Clarine wußten nicht, dass sie dabei halfen, Aes Sedai zu verstecken, aber sie hätten Sul'dam und Damane erwähnt, und die Soldaten würden ohne sie keine Schwestern jagen. Er berührte den Fuchskopf durch den Mantel. Er trug ihn Tag und Nacht, und vielleicht würde er ihm eine kleine Warnung zukommen lassen.

Es wäre ihm nicht im Traum eingefallen, den Versuch zu unternehmen, zu den Pferden zu gelangen, und das nicht nur, weil Col und ein Dutzend weitere wie er zu den Seanchanern rennen würden, noch bevor er außer Sicht war. Soweit er wusste, hatten sie zwar nichts gegen ihn oder Egeanin — selbst Rumann, der Schwertjongleur, schien sich mit einer Verrenkungskünstlerin namens Adria zusammengetan zu haben —, aber manche Leute würden der Versuchung, etwas mehr Gold zu erhalten, gewiss nicht wiederstehen. Auf jeden Fall rollten keine warnenden Würfel in seinem Kopf. Und hinter dieser Segeltuchwand befanden sich Menschen, die er nicht zurücklassen konnte.

»Wenn sie nichts suchen, dann haben wir auch nichts zu befürchten«, sagte er zuversichtlich. »Aber danke für die Warnung, Petra. Ich habe Überraschungen noch nie ausstehen können.« Der Kraftmensch machte eine kleine Geste, als wollte er sagen, dass das doch nichts Besonderes war, aber Egeanin und Clarine sahen Mat an, als wären sie überrascht, ihn dort stehen zu sehen. Sogar Col und der Einäugige schauten ihn an. Es kostete ihn wieder einige Mühe, nicht mit den Zähnen zu knirschen. »Ich gehe hinüber zu Lucas Wagen und sehe, was ich herausfinde. Leilwin, du und Noal sucht Olver und bleibt bei ihm.« Sie mochten den Jungen, das tat jeder, und das würde sie ihm vom Leib halten. Lauschen konnte er besser allein. Und falls sie die Flucht ergreifen mussten, konnten Egeanin und Noal vielleicht wenigstens den Jungen rausschaffen. Das Licht gebe, dass es nicht dazu kommen würde. Das konnte nur in einer Katastrophe enden.

»Nun, ich schätze, niemand lebt ewig«, seufzte Noal und holte seine Angel und den Korb zurück. Sollte er doch zu Asche verbrennen, aber der Bursche konnte eine Ziege mit einer Kolik fröhlich erscheinen lassen! Petras Stirnfalten vertieften sich. Verheiratete Männer schienen sich immer Sorgen zu machen, ein weiterer Grund, warum Mat es nicht mit dem Heiraten eilig hatte. Als Noal hinter der Ecke der Segeltuchwand verschwand, sah der Einäugige dem Fisch bedauernd nach. Er schien auch zu den Burschen zu gehören, die anscheinend nicht alle beisammen hatten. Vermutlich hatte er irgendwo eine Frau.

Mat zog sich die Mütze bis fast zu den Augen hinunter. Noch immer keine Würfel. Er versuchte nicht daran zu denken, wie oft ihm ohne die Würfel bei — nahe der Schädel gespalten oder die Kehle durchgeschnitten worden war. Aber sicherlich wären sie da gewesen, hätte es eine Gefahr gegeben. Natürlich wä — ren sie das.

Er hatte noch keine drei Schritte in den Eingang hinein gemacht, als Egeanin ihn auch schon einholte und ihm den Arm um die Taille legte. Er blieb stehen und starrte sie unheilvoll an. Sie wiedersetzte sich seinen Befehlen wie eine Forelle dem Angelhaken, aber das hier ging über jede Sturheit hinaus. »Was soll das werden? Was ist, wenn dieser seanchanische Offizier dich erkennt, Leilwin?« Das erschien so wahrscheinlich, als hätte Tylin persönlich den Zirkus betreten, aber alles, was sie zum Verschwinden brachte, war einen Versuch wert.

»Wie stehen die Chancen, dass dieser Bursche jemand ist, den ich kenne?«, spottete sie. »Ich habe nicht ...« — ihr Gesicht verzog sich kurz — »... hatte nicht viele Freunde auf dieser Seite des Ozeans, und in Ebou Dar überhaupt keine.« Sie berührte das Ende der langen Perücke, das über ihrem Busen hing. »Außerdem würde mich meine eigene Mutter nicht erkennen.« Am Ende wurde ihre Stimme kalt.

Er würde sich noch ein Stück von einem Zahn absplittern, wenn er weiterhin die Zähne so hart zusammenbiss. Hier herumzustehen und sich mit ihr zu streiten würde schlimmer als sinnlos sein, aber ihm war noch immer der Blick im Gedächtnis, mit dem sie die seanchanischen Soldaten angestarrt hatte. »Sieh niemanden böse an«, warnte er sie. »Sieh am besten gar keinen an.«

»Ich bin eine zurückhaltende Ebou Dari.« Sie ließ es wie eine Herausforderung klingen. »Du kannst das Reden übernehmen.« Das klang jetzt wie eine Warnung. Beim Licht! Wenn eine Frau nicht dafür sorgte, dass alles reibungslos verlief, dann machte sie die Dinge richtig ungemütlich, und Egeanin sorgte niemals dafür, dass etwas reibungslos verlief. Er schwebte eindeutig in Gefahr, einen Zahn abzusplittern.

Jenseits des Eingangs schlängelte sich der Hauptweg des Zirkus an Wagen vorbei, die denen von Kessel — flickern ähnelten, Behausungen auf Rädern, deren Achsen vor die Kutschböcke hochgeklappt waren, und Zelte, die oftmals die Größe von kleinen Häusern hatten. Die meisten Wagen waren bunt gestrichen, rot, grün, gelb oder blau in allen Schattierungen, und viele Zelte waren genauso bunt, manche sogar gestreift. Hier und dort standen Podeste am Wegrand, auf denen die Artisten ihre Vorstellungen geben konnten, ihre bunten Fähnchen fingen langsam an, vergilbt auszusehen. Der Pfad, fast dreißig Schritte breit und von Tausenden von Füßen festgetreten, war wirklich eine Straße, eine von vielen, die durch den Zirkus führten. Der Wind riss dünne graue Rauchfa hnen von den Schornsteinen auf den Wagendächern und von einigen Zelten mit sich. Die meisten Artisten waren entweder beim Frühstück oder noch im Bett. Sie standen meist spät auf — eine Regel, die Mat gut fand —, und bei dieser Kälte würde keiner draußen um ein Lagerfeuer sitzen wollen. Die einzige Person, die er sah, war Aludra, deren hellblauer Wagen an der Ecke einer kleineren Seitenstraßen stand; sie hatte die Ärmel ihres dunkelgrünen Kleids bis zu den Ellbogen hinaufgeschoben und zerstampfte etwas in dem Mörser auf dem Tisch, der sich von der Wagenseite herunterklappen ließ.