Tuon gab einen langen Seufzer von sich, der nicht im mindesten angetan klang. »Erinnert Ihr Euch an Falkenflügels Gesicht, Spielzeug?« Frau Anan blinzelte überrascht, und Selucia setzte sich mit einem finsteren Blick auf. Der Blick galt ihm! Wieso denn ihm? Tuon sah ihn einfach nur weiterhin an, die Hände im Schoß gefaltet, so ruhig und gesammelt wie eine Seherin am Sonntag.
Mats Lächeln fühlte sich wie erstarrt an. Beim Licht, was wusste sie? Wie konnte sie überhaupt etwas wissen? Er lag unter der brennenden Sonne, hielt sich mit bei den Händen die Seite, versuchte den Rest seines Lebens daran zu hindern, aus ihm herauszuströmen, und fragte sich, ob es überhaupt einen Grund gab, daran festzuhalten.
Nach den Anstrengungen dieses Tages war Aldeshar erle digt. Einen Augenblick lang verdeckte ein Schatten die Sonne, dann kniete ein großer Mann in einer Rüstung neben ihm nieder, den Helm un ter den Arm geklemmt, mit tiefliegenden Augen, die eine Hakennase einrahmten. »Ihr habt heute gut gegen mich gekämpft, Culain, wie schon viele Tage in der Vergangenheit«, sagte diese markante Stimme.
»Werdet Ihr mit mir in Frieden leben?« Mit seinem letz ten Atemzug lachte er Artur Falkenflügel ins Gesicht. Mat hasste es, sich an das Sterben zu erinnern. Ein Dutzend weitere Begegnungen schössen ebenfalls durch seinen Verstand, uralte Erinnerungen, die jetzt die seinen waren. Mit Artur Paendrag war auch schon schwierig auszukommen gewesen, bevor die Kriege angefangen hatten.
Er holte tief Luft und wählte seine Worte mit Sorgfalt. Das war nicht der richtige Zeitpunkt, um in der Alten Sprache zu sprechen. »Natürlich nicht!«, log er. Mit einem Mann, der nicht überzeugend lügen konnte, machten Frauen kurzen Prozess. »Beim Licht, Falkenflügel starb vor tausend Jahren! Was für eine Frage ist denn das?«
Ihr Mund öffnete sich langsam, und einen Augenblick lang war er überzeugt, sie wollte eine Frage mit einer Frage beantworten. »Eine dumme, Spielzeug«, erwiderte sie stattdessen. »Ich kann nicht sagen, warum sie mir in den Sinn kam.«
Die Anspannung in Mats Schultern ließ etwas nach.
Natürlich. Er war ta'veren. In seiner Nähe taten und sagten Leute Dinge, die sie anderswo niemals tun würden. Unsinn gehörte auch dazu. Trotzdem konnte eine Sache wie diese doch sehr unangenehm sein, wenn sie zu nahe ans Ziel traf. »Mein Name ist Mat. Mat Cauthon.« Das hätte er sich genauso gut sparen können.
»Ich kann nicht sagen, was ich nach meiner Rückkehr nach Ebou Dar tun werde, Spielzeug. Ich habe mich noch nicht entschieden. Vielleicht lasse ich Euch zu einem Da'covale machen. Ihr seid nicht hübsch genug für einen Pokalträger, aber es könnte mich trotzdem erfreuen. Aber egal, Ihr habt mir gewisse Versprechungen gemacht, also erfreut es mich jetzt, ebenfalls etwas zu versprechen. Solange Ihr Eure Versprechen haltet, werde ich weder fliehen noch Euch auf irgendeine Weise verraten, und ich werde unter Euren Anhängern auch keine Unruhe stiften. Ich glaube, das deckt alles Nötige ab.« Diesmal starrte Frau Anan sie an, und Selucia machte tief in ihrer Kehle einen Laut, aber Tuon schien keine von ihnen zu beachten. Sie sah ihn bloß erwartungsvoll an und wartete auf eine Antwort.
Auch er machte einen Laut. Es war kein Wimmern, nur ein Laut. Tuons Gesicht war so glatt wie eine Maske aus dunklem Glas. Ihre Ruhe war verrückt, aber das hier ließ das Gestammel eines Verrückten völlig normal erscheinen! Sie musste verrückt sein, wenn sie glaubte, er würde ihr dieses Angebot abnehmen. Aber er glaubte, dass sie es tatsächlich ernst meinte. Entweder das, oder sie war die beste Lügnerin, der er jemals begegnet war. Wieder beschlich ihn das unangenehme Gefühl, dass sie mehr als er wusste. Das war natürlich lächerlich, aber es war da. Er schluckte den Kloß in seinem Hals herunter. Es war ein harter Kloß.
»Nun, das alles gilt für Euch«, sagte er und ver suchte Zeit zu schinden, »aber was ist mit Selucia?«
Zeit wofür? Er konnte nicht na chdenken, solange diese Würfel in seinem Schädel herumkollerten.
»Selucia folgt meinen Wünschen, Spielzeug«, sagte Tuon ungeduldig. Die blauäugige Frau richtete sich auf und starrte ihn an, als fände sie es schockierend, dass er daran gezweifelt hatte. Für eine Zofe konnte sie wild aussehen, wenn sie es versuchte.
Mat wusste nicht, was er tun oder sagen sollte. Ohne nachzudenken spuckte er in seine Hand und bot sie an, so als wollte er einen Pferdekauf besiegeln.
»Eure Bräuche sind sehr ... rustikal«, sagte Tuon trocken, aber sie spuckte in die Hand und ergriff seine.
»›So ist unser Abkommen geschrieben; so ist die Abmachung erfolgt. ‹ Was bedeutet diese Aufschrift auf Eurem Speer, Spielzeug?«
Diesmal war es ein Wimmern, und das nicht, weil sie die Inschrift in der Alten Sprache auf seinem Ashandarei gelesen hatte. Ein verdammter Stein hätte gewimmert. Die Würfel waren in dem Moment verstummt, als er ihre Hand berührt hatte. Beim Licht, was war geschehen?
Knöchel pochten an die Tür, und er stand so unter Anspannung, dass er ohne nachzudenken handelte; er fuhr herum, in jeder Hand ein Messer, dazu bereit, sie auf alles zu schleudern, was auch immer hereinkam.
»Bleibt hinter mir«, fauchte er.
Die Tür öffnete sich, und Thom steckte den Kopf herein. Die Kapuze seines Umhangs war hochgeschlagen, und Mat erkannte, dass es draußen regnete. Mit Tuon und den Würfeln waren ihm die Laute des prasselnden Regens überhaupt nicht aufgefallen. »Ich störe doch nicht, oder?« sagte Thom und strich mit den Knöcheln über seinen langen weißen Schnurrbart.
Mats Gesicht wurde heiß. Setalle war mit der Nadel ihrer Stickarbeit in der Hand erstarrt, und ihre Brauen schienen unter ihren Haaransatz kriechen zu wollen. Selucia hockte angespannt auf der anderen Bettkante und verfolgte mit beträchtlichem Interesse, wie er die Messer wieder in den Ärmeln verschwinden ließ. Er hätte sie nicht für die Art Frau gehalten, die gefährliche Männer mochte. Diese Art Frau mied man besser; sie neigten dazu zu sorgen, dass ein Mann gefährlich sein musste. Er sah Tuon nicht an. Vermutlich starrte sie ihn an, als hätte er sich benommen wie Luca. Nur weil er nicht heiraten wollte, hieß das noch lange nicht, dass seine zukünftige Frau ihn für einen Narren halten sollte.
»Was hast du herausgefunden, Thom?«, fragte er kurz angebunden. Etwas war geschehen, oder die Würfel wären nicht verstummt. Ihm kam ein Gedanke, bei dem sich seine Haare sträuben wollten. Da war das zweite Mal, dass sie in Tuons Gegenwart verstummt waren. Das dritte Mal, wenn er das Stadttor in Ebou Dar mitzählte. Drei verdammte Male, und immer hatten sie mit ihr zu tun.
Der weißhaarige Mann kam mit einem leichten Hinken herein, schob die Kapuze zurück und zog die Tür hinter sich zu. Sein Hinken kam von einer alten Verletzung, nicht von Ärger in der Stadt. Hochgewachsen und schlank, mit scharfen blauen Augen und einem schneeweißen Schnurrbart, dessen Spitzen bis unters Kinn gingen, schien er überall sofort Aufmerksamkeit zu erregen, aber er hatte Übung darin, nirgendwo aufzufallen, und sein dunkeler Mantel und der braune Wollumhang passten zu einem Mann, der über etwas Geld verfügte, wenn auch nicht viel. »Auf den Straßen wimmelt es nur so von Gerüchten über sie«, sagte er und deutete mit dem Kopf auf Tuon, »aber nichts über ihr Verschwinden. Ich habe ein paar seanchanischen Offizieren einen Becher Wein ausgegeben, und sie scheinen zu glauben, dass sie gemütlich im Palast sitzt oder auf einer Inspektionsreise ist. Ich habe keine Heuchelei gespürt, Mat. Sie haben keine Ahnung.«
»Habt Ihr öffentliche Verlautbarungen erwartet, Spielzeug?«, sagte Tuon ungläubig. »Möglicherweise denkt Suroth darüber nach, sich wegen der Schande das Leben zu nehmen. Erwartet Ihr, dass sie ein so schlechtes Omen für die Wiederkehr verbreitet?«