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Joline markierte die Stelle sorgfältig mit einem verzierten Lesezeichen und faltete die Hände auf dem Buch, bevor sie sprach. Aes Sedai beeilten sich niemals; das erwarteten sie bloß von allen anderen. Ohne ihn hätte sie vermutlich mittlerweile selbst ein A'dam getragen, aber er hatte auch nie erlebt, dass Aes Sedai viel für Dankbarkeit übrig hatten. Sie ignorierte das, was er von Tylin erzählt hatte. »Blaeric hat mir gesagt, dass der Zirkus im Aufbruch begriffen ist«, sagte sie kühl, »aber Ihr müsst ihn aufhalten. Luca hört nur auf Euch.« Bei diesen Worten spannten sich ihre Lippen leicht an. Aes Sedai waren es auch nicht gewöhnt, dass man nicht auf sie hörte, und die Grünen waren nicht gut darin, ihre Unzufriedenheit zu verbergen. »Wir müssen den Plan, nach Lugard zu gehen, für den Augenblick aufgeben. Wir müssen die Fähre über den Hafen nehmen und nach Illian reisen.«

Das war der dümmste Vorschlag, den er je von ihr gehört hatte, obwohl sie es natürlich keineswegs als Vorschlag gemeint hatte; in dieser Beziehung war sie loch schlimmer als Egeanin. Da die Hälfte oder fast die Hälfte der Zirkuswagen bereits unterwegs war, mrde man den ganzen Tag benötigen, nur um alle zur Fährstelle zu bekommen, davon abgesehen, müssten sie die Stadt betreten. Die Reise nach Lugard brachte den Zirkus so schnell wie möglich von den Seanchanern weg, während sie entlang der Grenze zu Illian und möglicherweise sogar darüber hinaus überall Soldatenlager errichtet hatten. Egeanin zögerte, ihr Wissen preiszugeben, aber Thom hatte so seine Möglichkeiten, solche Dinge in Erfahrung zu bringen. Mat machte sich gar nicht erst die Mühe, mit den Zähnen zu knirschen. Er brauchte es nicht.

»Nein«, sagte Teslyn angespannt und mit starkem illianischem Akzent. Sie lehnte sich an Edesina vorbei und sah aus, als würde sie dreimal am Tag Felsen verspeisen, so hart war ihre Miene, aber die Wochen als Damane hatten ein nervöses Flackern in ihre Augen treten lassen. »Nein, Joline. Ich habe Euch gesagt, dass wir das nicht wagen können! Wir können es nicht wagen!«

»Beim Licht!«, fauchte Joline und warf ihr Buch zu Boden. »Reißt Euch endlich zusammen, Teslyn. Nur weil Ihr eine Zeitlang eine Gefangene gewesen seid, ist das noch lange kein Grund, sich derart gehenzulassen!«

»Sich gehenzulassen? Sich gehenzulassen? Lasst Euch den Kragen um den Hals legen, dann wollen wir doch mal sehen, ob Ihr noch immer davon redet, sich gehenzulassen!« Teslyns Hand fuhr zu ihrem Hals, als würde sie das A'dam noch immer dort spüren. »Helft mir, sie zu überzeugen, Edesina. Wenn wir sie nicht aufhalten, wird sie dafür sorgen, dass man uns wieder an die Leine legt!«

Edesina drückte sich an die Wand hinter dem Bett — sie war eine schlanke hübsche Frau, deren langes schwarzes Haar bis zu ihrer Taille reichte, die immer, wenn sich die Rote und die Grüne stritten — was häufig geschah — ganz stumm wurde —, aber Joline hatte nicht einmal einen Blick für sie übrig. »Ihr bittet eine Rebellin um Hilfe, Teslyn? Wir hätten sie für die Seanchaner zurücklassen sollen! Hört mir zu. Ihr könnt es genauso fühlen wie ich. Würdet Ihr wirklich eine größere Gefahr in Kauf nehmen, um einer geringeren aus dem Weg zu gehen?«

»Geringer!«, fauchte Teslyn. »Ihr habt doch keine Ahnung ...'.«

Renna streckte die Hand mit dem Buch aus und ließ es mit einem Knall auf dem Boden landen. »Wenn mein Lord uns einen Augenblick entschuldigen würde, wir haben unsere A'dam noch, und wir können diesen Mädchen in kurzer Zeit wieder beibringen, wie man sich benimmt.« Ihr Akzent hatte etwas Melodisches, aber das Lächeln auf ihren Lippen reichte nie bis zu ihren braunen Augen. »Es funktioniert nie, wenn man bei ihnen auf diese Weise die Zügel schleifen lässt.« Seta nickte grimmig und stand auf, als wollte sie die Peitsche holen.

»Ich glaube, mit den Adam sind wir durch«, sagte Bethamin und ignorierte die entsetzten Blicke der anderen beiden Sul'dam, »aber es gibt andere Methoden, diese Mädchen zur Vernunft zu bringen. Darf ich vorschlagen, dass mein Lord in einer Stunde wieder kommt? Dann werden sie Euch sagen, was Ihr wissen wollt, ohne das geringste Gezänk. Sobald sie wieder sitzen können.« Sie klang, als würde sie genau das meinen, was sie da sagte. Joline starrte die drei Sul'dam in ungläubigem Zorn an, aber Edesina saß stocksteif da und hielt mit entschlossenem Gesichtsausdruck ihr Messer, während Teslyn jetzt diejenige war, die sich mit verschränkten Händen gegen die Wand drückte.

»Das wird nicht nötig sein«, sagte Mat nach einem Augenblick. So befriedigend es auch sein mochte, Joline »zur Vernunft gebracht« zu sehen, Edesina würde vielleicht das Messer zücken, und das würde die Katze auf die Hühner loslassen, ganz egal, wie der Ausgang war. »Von welcher größeren Gefahr sprecht Ihr, Joline?

Welche Gefahr ist größer als jene, die im Moment von den Seanchanern ausgeht?«

Die Grüne war zu dem Schluss gekommen, dass ihr vernichtender Blick auf Bethamin keinen Eindruck machte und richtete ihn stattdessen auf Mat. Wäre sie keine Aes Sedai gewesen, hätte er gesagt, sie würde schmollen; Joline hasste es, etwas erklären zu müssen.

»Wenn Ihr es unbedingt wissen müsst, jemand lenkt die Macht.« Teslyn und Edesina nickten, die Rote Schwester zögernd, die Gelbe mit Nachdruck.

»Im Lager?«, sagte er alarmiert. Seine rechte Hand hob sich wie von allein, um den silbernen Fuchskopf unter dem Hemd zu berühren, aber das Medaillon war nicht kalt geworden.

»Weit entfernt«, erwiderte Joline noch immer unwillig. »Im Norden.«

»Viel weiter entfernt, als eine von uns Machtlenkerinnen wahrnehmen dürfte«, sagte Edesina. In ihrer Stimme lag ein Anflug von Furcht. »Die Menge an Saidar, die dort benutzt wird, muss unvorstellbar groß sein.« Ein scharfer Blick von Joline ließ sie verstummen, die sich dann wieder Mat zuwandte und ihn ansah, als müsste sie sich entscheiden, wie viel sie ihm verraten durfte.

»Auf diese Entfernung würden wir nicht einmal spüren können, wenn jede Schwester in der Weißen Burg die Macht lenkt«, fuhr sie fort. »Es müssen die Verlorenen sein, und was auch immer sie tun, wir wollen nicht näher heran, als unbedingt notwendig ist.«

Mat schwieg einen Augenblick lang, dann sagte er schließlich: »Wenn es weit weg ist, bleiben wir bei unserem Plan.«

Joline wollte das nicht akzeptieren, aber er hörte ihr nicht weiter zu. Wann immer er an Rand oder Perrin dachte, wirbelten in seinem Kopf Farben. Vermutlich hatte das damit zu tun, dass man ein Ta'veren war. Diesmal hatte er an keinen der beiden Freunde gedacht, aber die Farben waren plötzlich dagewesen, wie ein Fächer aus tausend Regenbogen. Diesmal hatten sie fast ein Bild geformt, einen vagen Eindruck, möglicherweise einen Mann und eine Frau, die einander gegenüber auf dem Boden saßen. Es war sofort wieder verschwunden gewesen, aber er wusste es so sicher, wie er seinen Namen kannte. Nicht die Verlorenen. Rand. Und eine Frage ging ihm nicht mehr aus dem Sinn: Was hatte Rand getan, als die Würfel verstummt waren?

4

Die Geschichte einer Puppe

Furyk Karede starrte auf seinen Schreibtisch, ohne die vor ihm ausgebreiteten Papiere und Karten wahrzunehmen. Beide Öllampen waren entzündet und standen auf dem Tisch, aber er brauchte sie nicht länger. Die Sonne musste mittlerweile den Horizont berühren, aber seit er aus einem unruhigen Schlaf erwacht und der Kaiserin seine Ergebenheit bekundet hatte, mochte sie ewig leben, hatte er nur seinen Morgenmantel angezogen, den in dem dunklen kaiserlichen Grün, das manche beharrlich als Schwarz bezeichneten, sich dort hingesetzt und seitdem nicht gerührt. Er hatte sich nicht einmal rasiert. Der Regen hatte aufgehört, und er überlegte, seinem Diener Ajimbura den Befehl zu geben, ein Fenster zu öffnen, um in seinem Zimmer im Gasthof Die Wanderin frische Luft einzulassen. Frische Luft würde vielleicht seinen Verstand klären. Aber in den vergangenen fünf Tagen hatte es Unterbrechungen in dem Regen gegeben, die mit plötzlichen Schauern endeten, und sein Bett stand zwischen den Fenstern. Er hatte bereits einmal Matratze und Bettzeug in der Küche zum Trocknen aufhängen lassen müssen.