Die Höfe wichen Waldland und mit Büschen bewachsenen Ebenen, und sein Schatten wurde vor ihm immer länger, aber als die Sonne schon mehr als die Hälfte des Weges zum Horizont zurückgelegt hatte, fand er, was er suchte. Direkt voraus hockte Ajimbura am nördlichen Straßenrand und spielte auf einer Schilfflöte. Bevor Karede ihn erreichte, steckte er die Flöte hinter den Gürtel, hob seinen braunen Umhang auf und verschwand zwischen den Sträuchern und Bäumen. Karede blickte über die Schulter, um sicherzugehen, dass die Straße auch in dieser Richtung leer war, dann lenkte er Aldazar an derselben Stelle in das Waldgebiet.
Der kleine Mann wartete gleich außer Sicht der Straße unter einer Baumgruppe, die irgendeine Art von Kiefer waren; der höchste Baum erreichte leicht eine Höhe von hundert Fuß. Er machte seine bekannte, schulterzuckende Verbeugung und zog sich auf den Sattel eines schlanken Fuchses mit weißen Füßen. Er beharrte darauf, dass weiße Füße an einem Pferd Glück brachten. »Hier entlang, Ehrenwerter?«, sagte er, und nach Karedes zustimmender Geste führte er sein Pferd tiefer in den Wald hinein.
Sie hatten nicht weit zu reiten, kaum mehr als eine halbe Meile, aber niemand, der auf der Straße vorbeigekommen wäre, hätte erahnt, was sie auf einer großen Lichtung erwartete. Musenge hatte hundert Totenwächter auf guten Pferden und zwanzig Ogier-Gärtner mitgebracht, alle in voller Rüstung, zusammen mit zwanzig Packpferden und Vorräten für zwei Wochen. Das Packpferd, das Ajimbura am Vortag mitgenommen hatte und auf dem sich Karedes Rüstung befand, würde sich unter ihnen befinden. Eine Gruppe Sul'dam stand neben ihren eigenen Pferden, ein paar von ihnen tätschelten die sechs angeleinten Damane. Als Musenge nach vorn geritten kam, um Karede zu begrüßen, schloss sich ihm Hartha, der Erste Gärtner, mit langen Schritten und grimmiger Miene an, die mit grünen Quasten geschmückte Axt auf der Schulter. Eine der Frauen, Melitene, die Der'sul'dam der Hochlady Tuon, stieg in den Sattel und schloss sich ihnen an.
Musenge und Hartha führten die Fäuste in Herzhöhe zur Brust, und Karede erwiderte ihren Gruß, aber seine Blicke wanderten zu den Damane. Zu einer ganz bestimmten, einer kleinen Frau, der gerade eine dunkelhäutige Sul'dam mit kantigem Gesicht das Haar streichelte. Das Gesicht einer Damane war stets irreführend — sie alterten langsam und lebten lange Zeit —, aber diese wies einen Unterschied auf, den er jenen zuzuordnen gelernt hatte, die sich Aes Sedai nannten.
»Unter welchem Vorwand habt Ihr sie alle auf einmal aus der Stadt schaffen können?«, fragte er.
»Manöver, Bannergeneral«, erwiderte Melitene mit einem trockenen Lächeln. »An Manöver glaubt jeder.« Es hieß, die Hochlady Tuon würde in Wahrheit keine Der'sul'dam brauchen, um ihren Besitz oder ihre Sul'dam auszubilden, aber Melitene, deren langes Haar mehr Grau als Schwarz war, kannte sich in mehr als nur ihrem Handwerk aus, und sie wusste, was er da verlangte. Er hatte Musenge befohlen, ein paar Damane mitzubringen, wenn er konnte. »Keiner von uns würde zurückbleiben, Bannergeneral. Nicht bei dem, worum es hier geht. Was Mylen betrifft ...« Das musste die ehemalige Aes Sedai sein. »Nachdem wir die Stadt verlassen hatten, haben wir den Damane erklärt, warum wir gegangen sind. Es ist immer besser, wenn sie wissen, was wir von ihr erwarten. Seitdem haben wir Mylen beruhigen müssen. Sie liebt die Hochlady. Das tun sie alle, aber Mylen betet sie an, als säße sie bereits auf dem Kristallthron. Wenn Mylen eine dieser Aes Sedai in die Hände bekommt ...« — sie kicherte — »... dann müssen wir schnell sein, damit diese Frau nicht zu sehr beschädigt wird, um an die Leine gelegt werden zu können.«
»Ich sehe da keinen Anlass zur Heiterkeit«, grollte Hartha. Der Ogier war mit seinem langen grauen Schnurrbart und den schwarzen Augen, die wie Steine aus seinem Helm herausblickten, noch faltiger und stärker von den Elementen gezeichnet als Musenge. Er war schon Gärtner gewesen, bevor Karedes Vater geboren wurde, vielleicht sogar schon vor seinem Großvater. »Wir haben kein Ziel. Wir wollen den Wind mit einem Netz fangen.« Melitene wurde rasch ernst, und Musenge schaute noch grimmiger drein als Hartha, falls das überhaupt möglich war.
In zehn Tagen hatten die Leute, die sie suchten, eine Menge Meilen hinter sich gelassen. Die Besten, die die Weiße Burg schicken konnte, würden nicht so unvorsichtig sein, um nach der List mit Jehannah nach Osten zu reisen, aber auch nicht dumm genug, um genau fast nördliche Richtung einzuschlagen, aber da blieb noch immer ein großes und immer größer werdendes Gebiet übrig, das durchsucht werden musste. »Dann müssen wir anfangen, unsere Netze ohne Verzögerung auszuwerfen«, sagte Karede, »und wir müssen sie eng spannen.«
Musenge und Hartha nickten. Für die Totenwache wurde das, was getan werden musste, einfach getan.
Und wenn sie den Wind einfangen wollten.
5
Ein Hammer wird geschmiedet
Trotz des Schnees lief er leichtfüßig durch die Nacht. Er war eins mit den Schatten, schlüpfte durch den Wald, und das Mondlicht war für seine Augen fast so hell wie die Sonne. Ein kalter Wind fuhr durch sein dickes Fell und trug plötzlich einen Geruch heran, der seine Haare sich aufrichten und sein Herz mit einem Hass pochen ließ, der den Hass für die Niegeborenen noch weit übertraf. Hass und das sichere Wissen vom herannahenden Tod. Es waren keine Entscheidungen zu treffen, jetzt nicht. Er lief schneller, dem Tod entgegen.
Perrin erwachte abrupt in der tiefen Dunkelheit vor dem Morgengrauen unter einem der Proviantkarren mit den hohen Rädern. Trotz des schweren, pelzgefütterten Umhangs und zwei Decken war die Kälte in seine Knochen gekrochen, und es wehte eine unbeständige Brise, nicht stark genug, um als leichter Wind bezeichnet zu werden, aber eiskalt. Als er sich mit seinen behandschuhten Händen das Gesicht rieb, knisterte Frost in seinem kurzen Bart. Wenigstens schien es während der Nacht nicht mehr geschneit zu haben. Viel zu oft war er trotz des schützenden Wagens wie bestäubt aufgewacht, und der Schnee erschwerte den Spähern die Arbeit. Er wünschte sich, er könnte mit Elyas auf die gleiche Weise sprechen wie mit den Wölfen. Dann würde er nicht dieses endlose Warten erdulden müssen. Müdigkeit haftete an ihm wie eine zweite Haut; er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal eine Nacht vernünftig durchgeschlafen hatte. Schlaf oder auch der Mangel daran schien ohnehin bedeutungslos zu sein. In diesen Tagen verlieh ihm nur die Hitze des Zorns die Kraft zum Weitermachen.
Er glaubte nicht, dass ihn der Traum geweckt hatte. Jeden Abend legte er sich hin und erwartete Albträume, und jede Nacht kamen sie auch. In den schlimmsten fand er Falle tot oder niemals. Diese Träume ließen ihn zitternd und schweißgebadet aufwachen. Bei allen weniger schrecklichen schlief er durch oder sein Schlaf wurde nur unruhiger, wenn Trollocs ihn für den Kochtopf lebendig in Scheiben schnitten oder ein Draghkat seine Seele fraß. Dieser Traum verblasste schnell, so wie es die Art von Träumen war, doch er erinnerte sich, ein Wolf gewesen zu sein und etwas gerochen zu haben ... Aber was? Etwas, das Wölfe noch mehr hassten als Myrddraal. Etwas, von dem ein Wolf wusste, dass es ihn umbringen konnte. Das Wissen, das er im Traum gehabt hatte, war verschwunden; geblieben waren nur noch kaum fassbare Eindrücke. Er hatte sich nicht im Wolfstraum befunden, dieser Spiegelung seiner Welt, in der tote Wölfe weiterlebten und die Lebenden sie um Rat fragen konnten. Der Wolfstraum hielt sich immer klar in seinem Bewusstsein, nachdem er ihn verlassen hatte, ob er sich nun bewusst oder unbewusst hineinbegeben hatte. Und doch schien dieser Traum real gewesen zu sein, und irgendwie dringend.