Allein die Aes Sedai wußten, wie streng sie ihre Eide banden oder welche Spielräume sie zwischen den Worten sahen, und keine von ihnen durfte auch nur springen, ohne dass eine Weise Frau ihnen vorher sagte, wie hoch. Seonid und Masuri hatten beide gesagt, man müsse Masema wie einen tollwütigen Hund erschlagen, und die Weisen Frauen hatten ihnen zugestimmt. Zumindest hatten sie das gesagt. Bei ihnen gab es keine Drei Eide, die ihnen befahlen, die Wahrheit zu sagen, obwohl gerade dieser Eid auch von den Aes Sedai eher als Richtschnur gesehen wurde. Und Perrin glaubte sich zu erinnern, dass eine der Weisen Frauen ihm gesagt hatte, Masuri sei der Ansicht, ein tollwütiger Hund könne an die Leine gelegt werden. Nicht springen, ohne dass ihnen eine Weise Frau sagte, wie hoch. Es war wie ein schmiedeeisernes Rätselspiel, dessen Kanten geschärft worden waren. Perrin musste es lösen, aber ein Fehler, und er konnte sich bis auf den Knochen schneiden.
Aus dem Augenwinkel sah er, dass Balwer ihn mit nachdenklich geschürzten Lippen beobachtete. Wie ein Vogel, der etwas Unbekanntes musterte, ohne Furcht, ohne Hunger, einfach nur neugierig. Er hielt Trabers Zügel fester und ging so schnell weiter, dass der kleine Mann fast schon springen musste, um ihn einzuholen.
Männer von den Zwei Flüssen hatten den Lagerbereich neben den Aiel und deckten den Nordosten ab, und Perrin überlegte, ein Stück nach Norden zu den ghealdanischen Lanzenreitern oder nach Süden zu den nächsten Mayenern zu gehen, aber dann holte er tief Luft und zwang sich dazu, sein Pferd an seinen Freunden und Nachbarn aus der Heimat vorbeizuführen. Sie waren alle wach, hüllten sich in ihre Umhänge und fütterten die Lagerfeuer mit den Überresten ihrer Unterstände oder schnitten die Reste der Hasen vom Vorabend auf, um sie in den Haferbrei in den Kesseln zu mischen. Gespräche verstummten, und der Geruch von Vorsicht verdichtete sich, als Köpfe sich drehten, um ihm entgegenzusehen. Schleifsteine hielten darin inne, Stahl entlangzugleiten, und nahmen dann ihr zischendes Flüstern wieder auf. Ihre bevorzugte Waffe war der Bogen, aber jeder von ihnen trug auch einen schweren Dolch oder ein Kurzschwert, manchmal auch ein Langschwert, und sie hatten Speere und Hellebarden und andere Langwaffen mit seltsamen Klingen und Spitzen unterwegs aufgesammelt, welche die Shaido bei ihren Plünderungen als wertlos eingestuft hatten. Mit Speeren waren sie vertraut, und Hände, die daran gewöhnt waren, an den Festtagswettkämpfen Kampfstäbe zu schwingen, fanden den Umgang mit Langwaffen nicht schwer, sobald sie sich an das zusätzliche Gewicht des Metalls gewöhnt hatten. Ihre Gesichter waren hungrig, müde und in sich gekehrt.
Ein paar riefen halbherzig »Goldauge!«, aber keiner nahm den Ruf auf, eine Tatsache, die Perrin noch vor einem Monat erfreut hätte. Seit Failes Entführung hatte sich vieles verändert. Jetzt war ihr Schweigen bleiern. Der junge Kenly Maerin, dessen Wangen dort, wo er den gescheiterten Versuch eines Bartes abrasiert hatte, noch immer blass waren, mied Perrins Blick, und Jori Congar, der immer flinke Finger hatte, wenn er etwas Kleines und Wertvolles sah und sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit betrank, spuckte verächtlich aus, als Perrin an ihm vorbeiging. Ban Crawe stieß ihn deswegen hart gegen die Schulter, aber auch er schaute Perrin nicht an.
Dannil Lewin stand auf und zupfte nervös am dichten Schnurrbart, der unter seiner Hakennase so albern aussah. »Befehle, Lord Perrin?« Der dürre Mann sah tatsächlich erleichtert aus, als Perrin den Kopf schüttelte, und er setzte sich schnell wieder und starrte den nächststehenden Topf an, als würde er begierig auf den morgendlichen Haferschleim warten. Vielleicht tat er es tatsächlich; in letzter Zeit wurde keiner mehr satt, und Dannil hatte noch nie zuviel Fleisch auf den Knochen gehabt. Aram gab hinter Perrin einen angewiderten Laut von sich, der große Ähnlichkeit mit einem Knurren hatte.
Hier gab es außer den Leuten von den Zwei Flüssen noch andere, aber sie waren keinesfalls besser. Oh, Lamgwin Dorn, ein großer Bursche mit narbigem Gesicht, riss an seiner Haarlocke und nickte. Lamgwin sah aus wie ein Wirtshausschläger, aber er war jetzt Perrins Leibdiener, wenn er einen benötigte, was nicht oft vorkam, und er wollte es sich vermutlich nicht mit seinem Arbeitgeber verderben. Aber Basel Gill, der stämmige einstige Gastwirt, den Faile als ihr Shambayan aufgenommen hatte, faltete seine Decken mit übertriebener Sorgfalt zusammen und hielt seinen kahl werdenden Kopf gesenkt, und Lini Eltring, Failes Erste Dienerin, eine hagere Frau, deren schmales Gesicht vom strengen weißen Haarknoten nur noch schmaler gemacht wurde, erhob sich mit zusammengepressten Lippen von dem Kessel, in dem sie rührte, und hob den Löffel, als wollte sie Perrin abwehren. Breane Taborwin mit ihrem blassen cairhienischen Gesicht und den funkelnden dunklen Augen schlug hart nach Lamgwins Arm und sah ihn stirnrunzelnd an. Sie war Lamgwins Gefährtin, möglicherweise auch seine Ehefrau, und die zweite von Failes drei Dienerinnen. Falls nötig würden sie den Shaido folgen, bis sie tot umfielen, und sie würden Falle um den Hals fallen, wenn sie sie fanden, aber nur Lamgwin brachte Perrin einen Funken Willkommen entgegen. Von Jur Grady hätte er vermutlich etwas mehr bekommen — die Asha'man wurden selbst von allen anderen auf Distanz gehalten, und keiner von ihnen hatte gegenüber Perrin irgendwelche Feindseligkeit gezeigt —, aber Grady lag trotz des Lärms der Leute, die über den gefrorenen Schnee stapften und fluchten, wenn sie ausrutschten, noch immer in seine Decken gehüllt und schnarchte unter einem Unterstand aus Kiefernästen. Perrin bahnte sich einen Weg an seinen Freunden und Nachbarn und Dienern vorbei und fühlte sich allein. Ein Mann konnte seine Treue nur eine gewisse Zeit lang beteuern, bevor er einfach aufgab. Das Herz seines Lebens befand sich irgendwo im Nordosten. Alles würde wieder wie früher werden, sobald er sie zurückhatte.
Das Lager wurde von einer zehn Schritte tiefen Barriere aus angespitzten Pflöcken umgeben, und Perrin ging zur Sektion der Ghealdaner, wo gewundene Pfade für Reiter freigelassen worden waren; Balwer und Aram mussten auf dem schmalen Weg hintereinander hergehen. Vor dem Abschnitt der Zwei Flüsse hätte ein Mann einen verschlungenen Weg zurücklegen müssen, um hier durchzukommen. Der Waldrand lag kaum einhundert Schritte weit entfernt, eine bequeme Bogenschussreichweite für die Männer von den Zwei Flüssen; große Bäume bildeten hoch oben ein undurchdringliches Blätterdach. Einige der Bäume waren Perrin unbekannt, aber es gab auch Kiefern und Zwerglorbeer und Ulmen, manche Stämme durchmaßen an ihrer Basis fast drei oder vier Schritte, und die Eichen waren noch größer. Bäume, die alles verdrängt hatten, was größer als ein Busch oder Unkraut war und zwischen ihnen hatte wachsen wollen; das hatte weite, offene Flächen zwischen ihnen freigelassen, aber diese Flächen waren jetzt mit Schatten gefüllt, die dunkler als die Nacht waren. Ein alter Wald, einer von der Sorte, der ganze Heere verschlingen und die Gebeine niemals freigeben würde.
Balwer folgte ihm den Weg an den Pflöcken vorbei, bevor er zu dem Schluss kam, dass er in absehbarer Zeit wohl kaum näher an seinen Herrn herankommen würde. »Die Reiter, die Masema losgeschickt hat, mein Lord«, sagte er und hielt den Umhang eng um den Körper geschlungen, während er dem hinter ihm gehenden Aram einen argwöhnischen Blick zuwarf, den dieser mit einem ausdruckslosen Starren erwiderte.
»Ich weiß«, sagte Perrin, »Ihr glaubt, sie sind zu den Weißmänteln unterwegs.« Er hatte es eilig, noch weiter von seinen Freunden wegzukommen. Er legte die Hand mit den Zügeln auf den Sattelknauf, sah aber davon ab, einen Stiefel in den Steigbügel zu schieben. Traber warf voller Ungeduld den Kopf in den Nacken. »Masema könnte genauso gut den Seanchanern Botschaften schicken.«